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Schweden, der Süden – Teil I, von Stuttgart bis Stockholm

Mit dem Wohnmobil geht es diesmal auf dem Landweg in den Süden Schwedens – sechs Wochen haben wir uns dafür Zeit genommen. Die Anreise führt über Deutschland und Dänemark, mit Stopps bei Landvergnügen-Höfen, an einem historischen Hafen und in einem außergewöhnlichen Garten, bevor es über die Öresundbrücke nach Schweden geht.

Hier geht es zum zweiten Teil des Reiseberichtes über unsere Schwedenreise.

Anreise nach Schweden durch Dänemark

Tag 1: Mühlenbrennerei Inselhof, Dietzenrode

Mit dem Wohnmobil geht es auf dem Landweg Richtung Süden Schwedens – sechs Wochen sind dafür eingeplant. Erster Stopp nach rund 350 Kilometern östlich von Kassel: die Mühlenbrennerei auf dem Inselhof in Dietzenrode, vermittelt über Landvergnügen, das Netzwerk für kostenlose Wohnmobil-Stellplätze bei Bauernhöfen, Weingütern und Brennereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz (rund 2.100 Gastgeber, über 5.000 Plätze). Der ökologisch bewirtschaftete Hof mit Mutterkühen, Obst- und Ackerbau brennt seit 2013 eigene Obstbrände, Liköre und Whisky. Der Stellplatz liegt schattig zwischen Scheune und Bach – ein hübsches Plätzchen. Hofladenbesuch, Verkostung und Brennereibesichtigung runden den Stopp ab; im Angebot: Edelbrände, Gin, Liköre, Fleisch- und Wurstwaren, Käse, Honig, Wein und mehr.

Tag 2: Rieckens Landmilch, Großbarkau

Rund 400 Kilometer weiter in Richtung Schweden legen wir bei Rieckens Landmilch in Großbarkau nahe Kiel einen weiteren Landvergnügen-Stopp ein. Der Milchviehbetrieb ist seit 2017 bio-zertifiziert; im Hofladen gibt es Milch und Milchprodukte sowie eine große Auswahl eigener Fleischwaren – von Rinderschinken über Mettwurst und Bratwurst bis zu Steaks, Braten und Wild – dazu weitere regionale Spezialitäten. Wir stehen diesmal abseits direkt an den Viehweiden, nur lässt sich das Vieh gerade nirgends blicken.

Tag 3: Middelfart, Dänemark

Da wir einen Tag früher losgefahren sind, schieben wir einen zusätzlichen Stopp ein: Middelfart, direkt an den Lillebælt-Brücken zwischen Jütland und Fünen. Wir stehen zentral am Hafen, nur 200 Meter zur Altstadt – 2023 als „Dänemarks erster maritimer Kulturhafen“ ausgezeichnet, mit historischen Holzschiffen und der traditionsreichen Lillebælt-Werft. Am Hafen liegen die terrassierten Hängenden Gärten sowie das Henner Friisers Hus von 1575, das älteste erhaltene Bürgerhaus Dänemarks. Die Altstadt besticht durch kopfsteingepflasterte Gassen mit terrassenförmig zum Wasser gestaffelten Häusern. Middelfart liegt an der schmalsten Stelle des Kleinen Belts und war jahrhundertelang für seinen Walfang bekannt; heute lebt hier eine der dichtesten Schweinswalpopulationen Europas. Über die Belt-Brücke – die 1935 erbaute Eisenbahnbrücke und die seit 1970 genutzte Autobahn-Hängebrücke – sind wir angereist.

Tag 4: Zen Garden, Stenlille (Dänemark)

Noch in Dänemark unterwegs, steuern wir den Zen Garden bei Stenlille an. Seit 35 Jahren verwandelt Jørgen das einst flache Gelände in eine Landschaft aus über 8.000 Tonnen Granitstein, mit Wasserfällen, Bächen und einem der größten Koiteiche Europas. Hunderte Rhododendronarten sowie Rosen und Lilien geben dem Garten rund um ein altes Herrenhaus einen fernöstlichen Charakter. Auf der anderen Straßenseite liegt der offenere Lakeside Garden mit breiten Kieswegen zwischen Rhododendren, stählernen Rosenbögen und einem ausgedehnten Dahlienbeet. Wer Zeit mitbringt, findet Bänke und Picknicktische – oder Kaffee und Kuchen im kleinen Gartencafé.

Tag 5: Limhamn bei Malmö

Wir sind in Schweden. Erster Stopp ist ein Aussichtspunkt mit Blick auf die gerade überquerte Öresundbrücke. Nur wenige Schritte davon entfernt liegt unser Stellplatz für die nächsten zwei Tage: die Marina Limhamns Småbåtshamn. Von dort sind es mit dem Fahrrad nur wenige Kilometer in die Malmöer Innenstadt, die wir uns für den nächsten Tag vorgenommen haben. Am Nachmittag schlendern wir vom Stellplatz zur Molenspitze und durch die Hafengegend – auch von dort hat man einen freien Blick auf den Öresund und die Brücke.

Trotz ihres Namens („kleiner Boots-Hafen“) ist die Marina die größte von rund einem halben Dutzend in Malmö und zählt zu den größten Südschwedens, mit vermutlich über 1.000 Bootsliegeplätzen. Es gibt mehrere Restaurants, eine Badestelle, ein Kaltbadehaus, Spielplatz, Grillplätze, kostenlose Leihfahrräder und eine Bushaltestelle mit Direktverbindung ins Zentrum – für uns eine Option, falls es am nächsten Tag regnen sollte.

Rund um die Marina gibt es außerdem etwa 100 Stellplätze für Wohnmobile, teils direkt an der Kaimauer; außerhalb der Saison deutlich weniger, da dann die winterfest gemachten Boote den Platz einnehmen. Die Plätze verfügen über Stromanschluss, Frischwasser sowie Grauwasser- und Chemie-WC-Entsorgung; Toiletten, Duschen, Waschmaschine und Geschirrspüler sind ebenfalls vorhanden.

Tag 6: Malmö

Mit dem Fahrrad geht es die rund sechs Kilometer in die Innenstadt von Malmö, wo wir sie tagsüber in der großen unterirdischen Fahrradgarage am Bahnhof abstellen – die Infrastruktur für Radfahrer ist hervorragend. Ganz sicher sind die Räder aber auch hier nicht: Man rät uns, die Akkus mitzunehmen, da sie selbst abgeschlossen in Sekunden gestohlen wären. Ein Fahrradladen in der Garage verwahrt sie für rund 6 Euro, bis wir zurückkommen – spart das Mitschleppen.

Nur wenige Schritte entfernt liegt der Lilla Torg, der „Kleine Platz“ mit historischen Fachwerkhäusern und dichter Restaurant- und Café-Szene. Ende des 16. Jahrhunderts als Erweiterung des Stortorget angelegt, ist er heute kein Markt mehr, sondern von Restaurantterrassen geprägt.

Weiter geht es zu Kungsparken und Slottsparken, die gemeinsam eine große Grünfläche rund um das Schloss Malmöhus bilden. Der Kungsparken, ältester Park Malmös (1869/70 auf dem Gelände der einstigen Malmöhus-Befestigung angelegt), bietet auf 34.000 m² alte Bäume, Teiche und einen gusseisernen Brunnen von 1882. Der angrenzende, jüngere Slottsparken (21 Hektar, 1897/1900) wirkt eher wie ein Volkspark mit Wald und Wiesen; beide Anlagen gehen fließend ineinander über.

Danach ein Besuch des Malmöhus Slott: 1434 als Kastell errichtet, 1537–1542 zum Renaissanceschloss ausgebaut und das älteste erhaltene seiner Art in Skandinavien. Nach dänischer Residenz und schwedischer Grenzfestung diente es ab 1828 bis 1909 als Gefängnis mit Hinrichtungen im Burghof, danach als Notunterkunft. Seit 1937 ist es Museum – heute mit Kunstmuseum, Naturhistorischem Museum, Aquarium und Stadtmuseum, die uns allerdings nicht überzeugt haben.

Kurzer Kaffeestopp in der Markthalle Malmö Saluhall, seit 2016 in einem denkmalgeschützten Lagerhaus von 1898 untergebracht, mit Street-Food-Ständen und Restaurants, die auf Handwerk statt große Speisekarten setzen.

Mit dem Fahrrad weiter zum Turning Torso: Mit 190 Metern und 54 Etagen der zweithöchste Wolkenkratzer Skandinaviens, von Santiago Calatrava nach seiner Skulptur „Twisting Torso“ entworfen, aus neun um insgesamt 90 Grad verdrehten Segmenten. Seit 2005 ist er Malmös Wahrzeichen, errichtet auf dem Gelände der ehemaligen Werft Kockums.

Nächstes Ziel: Ribersborgs Kallbadhus, 1898 an den heutigen Standort verlegt, 1902 durch einen Sturm zerstört und wieder aufgebaut, 2009 mit neuem Sonnendeck und Steg modernisiert. Die Anlage steht auf Pfeilern im Meer, verbunden über einen rund 300 Meter langen Holzsteg.

Ausklang des Tages im Limhamns Fiskrökeri nahe unserem Stellplatz – Fischräucherei mit Restaurant und Feinkostladen, wo wir bereits am Vortag geräucherten Lachs und Heringssalat gekauft hatten. Der Tagesfisch kommt morgens direkt aus dem Räucherofen, dazu dillstuvad potatis oder ein Silltallrik mit fünf Heringssorten; freitags oft Hummersuppe, heute ein Shrimps-Buffet – so viel man möchte für rund 25 Euro. Empfehlenswert bei Qualität und Preis.

Tag 7: Fotevikens, Smygehuk und Ystad

Fotevikens

Das Fotevikens Museum südlich von Malmö ist ein großes archäologisches Freilichtmuseum mit einem lebendigen Wikingerdorf: über 20 rekonstruierte Gebäude innerhalb einer halbkreisförmigen Holzpalisade, die eine typische Wikingersiedlung zwischen 950 und 1150 nachbilden. Wahrzeichen ist ein hölzerner Wachturm; am Wasser liegen Räucherstuben und Fischerhütten, im Dorf u. a. Schmiede, Bäckerei, Münzwerkstatt, Gärten sowie die Häuser von Richter und Weber und ein großes Thinghaus für Versammlungen. Außerhalb der Palisaden finden sich Hütten armer Handwerker, eine einfache Pilgerherberge, ein heidnischer heiliger Hain und ein Runenstein. Morgens waren wir noch fast allein unterwegs, erst im Laufe des Tages füllte sich das Gelände.

Im lebendigen Dorf wird Handwerk vorgeführt – Schmied, Weberin sowie der Guss von Schmuck – dazu eine kleine Wikingerschau, die Szenen aus der damaligen Zeit nachstellen.

In der Umgebung finden sich zahlreiche archäologische Fundstellen bis zurück in die frühe nordische Jungsteinzeit, acht davon aus der Wikingerzeit; die Stelle war nachweislich schon um 970 den Asen geweiht. Das Museumsleben spielt dauerhaft im Jahr 1134, dem Jahr der nahegelegenen Schlacht bei Fodevig; die rekonstruierten Gebäude gehören in die Übergangszeit von später Wikingerzeit zu frühem skandinavischem Mittelalter (etwa 950–1150).

Smygehuk

Weiter ging es zum südlichsten Punkt Schwedens und der skandinavischen Halbinsel, Smygehuk. Dort steht ein weißer, 17 Meter hoher Eisen-Leuchtturm von 1883, der 1976 stillgelegt und seit 2001 wieder als Navigationshilfe für Fischer- und Privatboote in Betrieb ist; die schmale Treppe lässt sich hinaufsteigen. Das ehemalige gelbe Leuchtturmwärterhaus daneben ist heute eine Jugendherberge. Wir waren die einzigen Besucher – in der dritten Augustwoche hat in Schweden bereits die Nachsaison begonnen.

Ein paar hundert Meter weiter ist mehr los: Das Kunsthandwerkszentrum Köpmansmagasinet in einem historischen Kaufmannslagerhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert diente der Legende nach während der Napoleonischen Kriege als Schmuggler-Umschlagplatz. Heute zeigt es Kunst- und Kunsthandwerksausstellungen lokaler Handwerker, dazu Café und Touristeninfo; im Sommer finden zudem Konzerte statt.

Ystad

Am späteren Nachmittag ging es noch zu Fuß in die Altstadt von Ystad, die mit über 300 farbigen Fachwerkhäusern aus dem 17./18. Jahrhundert, Kopfsteinpflastergassen und – zur passenden Jahreszeit – Rosen besticht. Bekannt ist sie zudem als Schauplatz von Henning Mankells Wallander-Krimis. Uns überzeugte die Stadt allerdings nicht sonderlich, zumal sie fast ausgestorben wirkte: Läden und viele Cafés hatten geschlossen, auch das sicher sehenswerte Kloster schloss bereits um 16 Uhr. Einzig die Marienkirche hatte geöffnet und lohnte sich. So beschlossen wir, bereits am Sonntag weiterzufahren, statt wie geplant zwei Nächte zu bleiben.

Tag 8: Ales Stenar und Kiviksgraven

Ales Stenar

Ales Stenar bei Kåseberga ist Schwedens berühmteste Schiffssetzung – ein rund 1.400 Jahre altes, als „Stonehenge Schwedens“ bekanntes Monument und eine der rätselhaftesten archäologischen Stätten Nordeuropas. Sie liegt auf den Klippen bei Kåseberga, etwa 32 Meter über der Ostsee, und besteht aus 59 Granit- und Sandsteinblöcken in Schiffsform: 67 Meter lang, bis zu 19 Meter breit und damit die größte erhaltene Schiffssetzung Skandinaviens. Die Steine wiegen zwischen 500 Kilogramm und fünf Tonnen, die höchsten an Bug und Heck über drei Meter.

Radiokohlenstoffdatierungen datieren das Monument auf etwa 600 n. Chr., kurz vor der Wikingerzeit. Solche Schiffssetzungen symbolisierten die Reise der Verstorbenen ins Jenseits, da das Schiff das zentrale Statussymbol der nordischen Elite war. Trotz nur weniger gefundener Knochenreste gilt Ales Stenar als Kult- oder Grabstätte, möglicherweise für einen Häuptling namens „Ale“. Zusätzlich fasziniert die präzise astronomische Ausrichtung: Zur Sommersonnenwende geht die Sonne exakt über dem Heckstein unter, zur Wintersonnenwende über dem Bugstein auf; weitere Steine korrespondieren mit Sonnenständen zu landwirtschaftlichen Terminen – das Monument diente wohl auch als Sonnenkalender.

Für Steinformation und das Fischerdorf Kåseberga sollte man 1,5 bis 2 Stunden einplanen, der Fußweg vom Parkplatz zur Klippe dauert je Strecke 10 bis 15 Minuten. Kåseberga selbst ist ein kleiner, noch aktiver Fischerhafen, dessen Boote traditionell auf Ostseehering („sill“) fischen. Rund um das Hafenbecken reihen sich mehrere traditionelle Fischräuchereien, etwa Kåseberga Fisk mit frisch geräuchertem Lachs, Hering oder Aal sowie Fischsuppe – auch wir kauften dort wieder geräucherten Lachs und ein paar Delikatessen ein. Außerhalb der Hauptsaison ist der sonst im Sommer belebte Hafen angenehm ruhig.

Kiviksgraven

Das Grab von Kivik – auch Kungagraven (Königsgrab) genannt – ist das mit Abstand monumentalste und bedeutendste bronzezeitliche Grabmonument Skandinaviens, errichtet um 1400 v. Chr. Der kreisrunde Steinhügel mit 75 Metern Durchmesser war ursprünglich eine gewaltige Landmarke direkt an der Ostseeküste. Im Inneren liegt die rekonstruierte Grabanlage: eine Steinkiste, deren zehn große Sandsteinplatten mit rituellen Felsritzungen verziert sind. Die Darstellungen zeigen bronzezeitliche Streitwagen, Schiffe, Äxte, Musiker, Prozessionen und mystische Symbole, die bis heute wertvolle Einblicke in Religion, Mythologie und die herrschende Elite der nordischen Bronzezeit geben.

Tag 9: Von Havängsdösen bis Åhus

Havängsdösen

Weiter geht es nach Havängsdösen (Großsteingrab von Haväng), eingebettet in eine einzigartige, fast steppenartige Heidelandschaft direkt an einem kilometerlangen Sandstrand. Der Dolmen zählt zu den ältesten Megalithmonumenten Skandinaviens, stammt aus der Jungsteinzeit und ist rund 5.500 Jahre alt. Die Grabkammer besteht aus fünf massiven, senkrecht aufgestellten Tragsteinen und einem riesigen, flachen Deckstein. Besonders ist die Ausrichtung: Die Kammeröffnung zeigt exakt nach Osten zum Meer, sodass die aufgehende Sonne zur Tagundnachtgleiche direkt hineinscheint. Jahrhundertelang von Sanddünen verdeckt, wurde das Monument erst 1843 durch einen schweren Herbststurm wieder freigelegt.

Am Strand finden sich zudem immer wieder Reste alter Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg – Teil der „Skånelinjen“, einer Verteidigungslinie, die Schweden zwischen 1939 und 1945 entlang der Südküste errichtete, da Skåne wegen der kurzen Distanz zu den deutsch besetzten Gebieten Dänemarks als wahrscheinlichster Landepunkt eines Angriffs galt. Manche Bunker sind frei zugänglich, andere gesperrt oder bereits verfallen.

Hallamölla Vattenfall

Nur wenige Kilometer vom Strand entfernt liegt der größte Wasserfall Schonens, der Hallamölla Vattenfall: Der Fluss Verkeån stürzt hier über mehrere Stufen insgesamt 23 Meter in die Tiefe – bei unserem Besuch mangels Wasser allerdings eher ein Rinnsal. Vor Ort steht eine historische Wassermühle, deren erste Vorgänger bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, dazu kurze Wanderwege durch dichte Buchenwälder und Picknickplätze.

Kaffestugan Alunbruket

Nahegelegen liegt die Kaffestugan Alunbruket, Schonens ältestes Kaffeehaus, untergebracht in einem idyllischen, reetgedeckten Fachwerkhaus direkt an Wanderwegen – ein lohnender Stopp für eine traditionelle Fika mit hausgemachtem Kuchen und Keksen inmitten eines zauberhaften Gartens.

Naturschutzgebiet Forsakar

Vor der Weiterfahrt nach Åhus wollten wir noch eine kürzere Wanderung im Naturschutzgebiet Forsakar machen, wo das Schmelzwasser der Eiszeit eine 40 Meter tiefe Urwald-Schlucht in die Landschaft gegraben hat; ein rund 1,6 Kilometer langer Weg führt am rauschenden Bach entlang zu zwei stufenförmigen Wasserfällen. Nach etwa einem Kilometer kehrten wir wegen einsetzenden Regens jedoch um – die Wasserfälle hätten ohnehin trotz Regens mehr Wasser gebraucht.

Ankunft in Åhus

Am Nachmittag in Åhus angekommen, unternahmen wir noch eine kurze Radtour die Küste entlang in ein Naturschutzgebiet – inzwischen schien wieder die Sonne.

Tag 10: Åhus

Åhus ist eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städtchen Schwedens, malerisch an der Mündung der Helge å in die Hanöbucht gelegen, mit reicher Geschichte, lebendiger Hafenpromenade und kilometerlangen weißen Sandstränden.

Die Besiedlung geht auf die Wikingerzeit zurück, die ältesten Stadtrechte stammen von 1326. Im Mittelalter war Åhus als Handels- und Hafenstadt unter dem Erzbischof von Lund bedeutend, verlor sie 1617 aber an das neu gegründete Kristianstad und verfiel. Bis 1658 gehörte die Region zu Dänemark, danach zu Schweden; erst 1929 erhielt Åhus wieder Stadtstatus. Der historische Kern zählt bis heute zu den besterhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren Schwedens, mit Ringmauerresten, engen Pflastergassen und Fachwerkhäusern. Wirtschaftlich prägt seit 1879 die Absolut-Vodka-Destillerie den Ort, daneben Fischerei, Aalfang-Tradition und Tourismus.

Von unserem Stellplatz liefen wir den Fluss entlang mit schönen Häusern und folgten dann in der Stadt dem Mittelalterweg. Startpunkt war das Anders Håkansgården, ein Freilichtmuseum der Heimatvereinigung Sankta Annas Gille südlich der Altstadt – leider nur donnerstags geöffnet. Der Hof stammt aus dem späten 17. Jahrhundert, ursprünglich ein Kronohemman; Wohnlänge, Scheune und Stall zeigen bäuerliches Leben des 19./20. Jahrhunderts. Direkt gegenüber liegt Malmströms Repslageri, eine überdachte, rund 70 Meter lange Seilerbahn, in der bis 1966 Fischereitauwerk hergestellt wurde – ebenfalls nur donnerstags zu besichtigen.

Von dort führt der Weg in die mittelalterliche Altstadt mit Ringmauerresten, Grabenlinie und schmalen Gassen. Mittendrin liegt der Marktplatz (Torget), heute geprägt von Eisdielen und Cafés. Gleich daneben steht die Kungstugan, ein kleines Fachwerkhaus von 1675, ursprünglich Nebengebäude des Pfarrhofs. Um sie ranken sich zwei Legenden: Der Überlieferung nach versteckte Pfarrer Rönnow König Karl XI. während der Belagerung von Kristianstad vor dänischen Soldaten im Schornstein über der Feuerstelle, öffnete den Soldaten dann selbst gelassen die Tür und behauptete, der König sei bereits abgereist – die Durchsuchung blieb erfolglos. Eine zweite, pikantere Version besagt, der König sei eigentlich wegen der Pfarrersfrau so oft zu Gast gewesen, und sie habe ihm beim Verstecken geholfen.

Wenige Schritte weiter liegt die Ruine des Sankta Annas Hospitals, 1524 gegründet, 1569 abgebrannt und 1617 nach Kristianstad verlegt; die Backsteinruine dient heute als Café-Terrasse. Von dort führt die alte Kaufmannsstraße Köpmannagatan weiter zur Burgruine Åhus Borg, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert und Schwedens erste Steinfestung – erhalten sind nur Mauerreste, im Hintergrund kontrastiert eine wenig ästhetische Fabrik.

Am Hafen lohnt eine Pause an der Eisdiele in einem umgebauten alten Fischkutter – Åhus ist landesweit für sein Speiseeis bekannt, unter anderem durch die Eismanufaktur Otto am Marktplatz. Direkt daneben liegt die Gamla Skeppsbron, die alte Hafenpromenade mit Fischrestaurants und Marina. Zum Abschluss der Blick auf die Spritkyrkan, die „Vodka-Kirche“ – das 1906 errichtete Destilleriegebäude von Absolut Vodka. Für den Abend fanden wir nahe unserem Stellplatz eine schöne Fiskrökeri, ein passender Ausklang mit gutem Fisch.

Tag 11: Ronneby und Karlskrona

Brunnspark Ronneby

Zwischenstopp in Ronneby: Der Brunnspark wurde einst als schönster Park Schwedens ausgezeichnet, umfasst rund 30 Hektar, seine erste Heilquelle wurde 1705 entdeckt. Die Glanzzeit als Kurort lag im späten 19. Jahrhundert; seine heutige Form erhielt der Park im Wesentlichen durch den dänischen Landschaftsarchitekten Henry August Flindt, der ihn Ende des 19. Jahrhunderts neu gestaltete.

Der angrenzende Brunnsskogen ist ein naturnaher Buchenwald mit kleinem See und mehreren angelegten Gartenbereichen: ein japanischer Garten mit Iris, ein Duftgarten mit rund 50 Pflanzenarten, ein Rosengarten mit ausschließlich Sorten aus der Jahrhundertwende, eine Rhododendron-Pflanzung von 1912 sowie Teiche und ein Wasserfall. Die im Park verteilten Holzvillen aus dem 18. und 19. Jahrhundert stehen unter Denkmalschutz und werden heute als Büros, Cafés, Restaurants und Ausstellungsflächen genutzt. Für einen ausführlichen Rundgang könnte man einen ganzen Tag einplanen, wir begnügen uns mit rund zwei Stunden.

Marinemuseum Karlskrona

Tagesziel ist das Marinemuseum in Karlskrona auf der Insel Stumholmen, Teil des Unesco-Welterbes „Örlogsstaden Karlskrona“. Das Museumsgebäude stammt von 1997, das Museum selbst zählt zu den ältesten Schwedens und dokumentiert rund 500 Jahre schwedische Marinegeschichte anhand von über 50.000 Objekten – Galionsfiguren, Schiffsmodelle, Waffen, Navigationsinstrumente. Zu den bekannten Bereichen gehören die Modellkammer, die Galionshalle und ein Wracktunnel mit Blick auf Schiffswracks aus dem 18. Jahrhundert.

Am Kai liegen drei Museumsschiffe: die Jarramas (Schwedens letztes Vollschiff, heute Schulschiff), der Minensucher Bremön und das Robotboot Västervik – ein kleines, schnelles Raketenschnellboot, wie es im Kalten Krieg für verdeckte Angriffe auf gegnerische Schiffe in der Ostsee gedacht war.

2014 kam die U-Boot-Halle hinzu, deren Fundament auf 270 Pfählen ruht, um das Gewicht der U-Boote zu tragen. Gezeigt werden die HMS Neptun (Baujahr 1980, knapp 50 m lang, rund 800 Tonnen, 19 Mann Besatzung) – nach der Vasa das zweitgrößte Museumsexponat Schwedens, 1981 an der Blockade des havarierten sowjetischen U-Boots U 137 beteiligt und von innen besichtigbar – sowie die Hajen von 1904, Schwedens erstes U-Boot. Die Ausstellung deckt damit gut 110 Jahre U-Boot-Geschichte ab.

Tag 12: Glasriket – Kosta Boda und Målerås

Kosta Boda

Wir sind im Glasriket, dem „Königreich des Glases“ in Småland zwischen Kalmar und Växjö, mit Orten wie Kosta, Orrefors, Boda und Målerås. Erstes Ziel ist Kosta Boda, eine der bekanntesten Glashütten Schwedens. Besonders ist die Offenheit der Werkshalle: Man geht direkt hinein und kann den Glasbläsern ohne Absperrungen bei der Arbeit zusehen, Besucher können sich sogar selbst als Glasbläser versuchen.

1742 gründeten Andreas Koskull und Georg B. Staël von Holstein die Firma, 1864 kam die Glashütte Boda hinzu, woraus der heutige Name entstand. Anderthalb Jahrhunderte lang stellte man vor allem Gebrauchsglas her, bevor ab 1898 mit Gunnar Wennerberg erstmals ein eigener Designer die Kunstglasproduktion prägte. Heute stehen Namen wie Bertil Vallien, Ulrika Hydman-Vallien oder Kjell Engman für das künstlerische Profil der Marke, ihre Ateliers liegen direkt in der Werkshütte. Im gut sortierten Fabrikverkauf kosten Vasen schon mal 500 bis 1000 Euro, einzelne Objekte mehrere Tausend. Gegenüber liegt Südschwedens größtes Bekleidungs-Outlet – wir ließen es links liegen und fuhren weiter zur nächsten Glashütte.

Målerås

Rund 30 Kilometer weiter liegt Målerås, gegründet 1890 und heute Schwedens größte Glashütte in Privatbesitz. Anders als Kosta war Målerås zunächst auf Fensterglas spezialisiert, bevor sich die Hütte unter Glaskünstler Mats Jonasson dem kunstvoll geschliffenen, gemalten und gravierten Dekorationsglas zuwandte – weltbekannt vor allem für ihre fein gearbeiteten Tierreliefs.

Bemerkenswerte Firmengeschichte: Am 29. Januar 1981 kauften 15 Handwerker – darunter Mats Jonasson – gemeinsam mit Anwohnern die Glashütte auf; von den 250 Einwohnern des Ortes investierten damals 80 in das Unternehmen. Daraus wurde die größte private Glashütte Schwedens. Auch hier lässt sich den Glasbläsern beim Schmelzen, Blasen, Gravieren und Bemalen zusehen, deutlich weniger Trubel als bei Kosta Boda. In Galerie und Shop zeigt sich das künstlerische Niveau schwedischer Glaskunst: fein ziselierte Tierfiguren und geschliffene Unikate, die Preisspanne reicht von rund 2.000 Euro für limitierte Editionen bis zu 85.000 Euro für großformatige Skulpturen.

Tag 13: Elchpark und Glasbruk Orranäs

Grönåsen Älgpark

Übernachtet haben wir auf einem Parkplatz beim Grönåsen Älgpark, rund 30 Kilometer weiter – einer der größten Elchparks Schwedens, familiengeführt. Das rund 10 Hektar große, eingezäunte Waldstück hat einen etwa 1.300 Meter langen Rundweg (gut eine halbe Stunde), mit Bänken und Beobachtungsplattformen an den von Elchen bevorzugten Stellen; zu den Fütterungszeiten sind die Tiere sicher zu sehen. Neben Elchen lebt im Park auch Dammwild.

Elche sind Wiederkäuer und verbringen viel Zeit ruhend mit der Verdauung, weshalb sich Geduld auszahlt. Die Tiere im Park haben eigene Persönlichkeiten und Namen: manche völlig angstfrei, andere verschmust oder auch mal flegelhaft, wieder andere scheu. Eine Ausstellung im Museum des Parks widmet sich den drei größten Gefahren für frei lebende Elche: Bär, Wolf und der Mensch als Jäger bzw. Straßenverkehr.

Orranäs Glasbruk

Dritte Station in Sachen Glasblasen: das Orranäs Glasbruk, ein moderner Glashüttenbetrieb mit historischen Wurzeln, der Glashandwerk und Glaskunst mit Nachhaltigkeitsanspruch verbindet und mit unabhängigen Designern zusammenarbeitet. Zum Areal gehören Glashütte, ein Museum mit Glaskunstsammlung, ein Ladengeschäft, Park sowie das angrenzende Eisenmuseum Hammarsmedjan. Besucher schauen der Glasbläserin bei der Arbeit zu und können im Café The Glassblower Café & Crêperie direkt daneben Kaffee und Kuchen genießen. Hyttmästare ist Amy Krüger, ausgebildet am Kosta Glascenter und der Königlich Dänischen Kunstakademie auf Bornholm, mit über zwanzig Jahren Erfahrung im Glasblasen.

Öland (Tag 14 bis 16)

Wir erreichen Öland, mit rund 137 km Länge Schwedens zweitgrößte Insel, seit 1972 über eine rund 6 km lange Brücke mit dem Festland verbunden. Die Insel ist überwiegend flach und karg, bekannt für die Kalksteppe Stora Alvaret (teils Unesco-Welterbe), rund 350 historische Windmühlen und zahlreiche Naturschutzgebiete.

Tag 14: Karlevi-Stein

Erster Stopp an der Westküste ist der Karlevi-Stein, um das Jahr 1000 errichtet und der älteste Runenstein Ölands. Der 130 cm hohe Block aus vulkanischem Porphyrgranit stammt nicht von der Insel, sondern vermutlich vom Festland bei Oskarshamn. Die Inschrift besteht aus drei Teilen: ein Prosatext, der den Stein dem Krieger Sibbe, Sohn des Foldar, widmet; eine Skaldenstrophe im komplexen Versmaß Dróttkvætt – die einzige bekannte runische Aufzeichnung dieser Form, die auf einen bedeutenden, wohl im Kampf gefallenen dänischen Anführer verweist; und auf der Rückseite bislang ungedeutete lateinische Buchstaben, begleitet von einem Kreuz und einem Thorshammer – ein Beleg für die religiöse Übergangszeit zwischen altem Glauben und beginnendem Christentum.

Burgruine Borgholm und Schloss Solliden

Die Burgruine Borgholm, oft als schönste Schlossruine Skandinaviens bezeichnet, thront auf offener Ebene über der Stadt. Ihre Ursprünge reichen ins 12./13. Jahrhundert zurück; bis zum Frieden von Roskilde 1658 diente sie als wichtige Verteidigungsanlage, wurde später zum Barockschloss ausgebaut und brannte schließlich aus.

Nahebei liegt Schloss Solliden, seit über hundert Jahren Sommerresidenz der schwedischen Königsfamilie. Das Schloss selbst ist nicht zu besichtigen, wohl aber der weitläufige Park mit Gärten (bei Anwesenheit der Königsfamilie können Teile gesperrt sein). Vor dem Park gibt es kleine Läden mit Souvenirs und regionalen Produkten sowie ein Café. 1938 ließ König Gustav V. dort eine Büste zum Gedenken an seine Frau, Königin Victoria, errichten.

Sandviks Kvarn

Stippvisite bei Sandviks Kvarn: Die achtstöckige Holländerwindmühle ist mit 26 m Höhe und 24 m Flügelspannweite die größte Windmühle Nordeuropas. Ursprünglich 1856 in Vimmerby errichtet, wurde sie nach einem Sturmschaden 1885 komplett demontiert, nach Sandvik transportiert und dort auf einem Sockel aus öländischem Kalkstein wieder aufgebaut. Anders als die kleineren Bockwindmühlen der Insel war sie eine Lohnmühle mit hoher Kapazität, bis in die 1950er-Jahre in Betrieb, seit 1980 als Byggnadsminne geschützt. Heute ist sie als Museum zugänglich, über mehrere Stockwerke bis zu den alten Mahlsteinen; im Sockelgebäude betreibt der Heimatverein Restaurant, Café und Kiosk.

Byrums Raukar

Rund 20 km weiter liegt Byrums Raukar, ein seit 1935 geschütztes Naturreservat mit Ölands berühmtester Raukenformation: etwa 120 bizarre Kalksteinsäulen entlang 600 Metern Küste, im Süden bis zu vier Meter hoch. Der Kalkstein entstand vor rund 490 Millionen Jahren aus einem Korallenriff; als sich das Meer zurückzog, trug die Brandung die weicheren Gesteinspartien ab und ließ die härteren Kerne als freistehende Säulen zurück. Besonders im Süden finden sich Fossilien wie Orthoceren und Trilobiten. Auf Öland kommen solche Rauken ausschließlich hier vor.

Leuchtturm Långe Erik

Ganz im Norden Ölands steht der Leuchtturm Långe Erik auf der kleinen Insel Stora Grundet, seit 1965 per Brücke angebunden. Erbaut 1845 aus Kalkstein, ist er mit 32 Metern rund 10 Meter niedriger und knapp 60 Jahre jünger als sein südliches Gegenstück Långe Jan. Nach Rüböl- und Petroleumlampe erhielt er 1906 ein rotierendes Linsensystem, 1947 wurde das Uhrwerk elektrifiziert, 1976 der Betrieb automatisiert; seit 1991 leuchtet ein kleineres Feuer mit 26 km Reichweite. Nur im Sommer geöffnet, führen 138 Stufen zum Umlauf in 28 Metern Höhe mit Blick über Ölands Nordspitze.

Nabbelund Hamn

Stellplatz für die Nacht: Nabbelund Hamn, südlich des Leuchtturms, früher ein wichtiger Verladehafen für Holz. Der alte Fährhafen ist außer Betrieb, das Fährterminal dient heute als Sanitärgebäude. Der Ort funktioniert als kleiner Gasthafen (30 Bootsliegeplätze) mit rund 30 Wohnmobil-Stellplätzen, mit Wasser, Duschen und Toiletten.

Tag 15: Freilichtmuseum, Fornborg und Leuchtturm

Erstes Ziel des Tages ist das Freilichtmuseum Himmelsberga, das am besten erhaltene zweizeilige Straßendorf Ölands – kaum restauriert, weitgehend im Zustand, in dem es ausgemustert wurde. Beiderseits der schmalen Dorfstraße stehen Vierseitenhöfe aus dem 18./19. Jahrhundert an ihrem Originalstandort, mit Originalmöbeln in den Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Geräten in Ställen und Scheunen. Auf den Weiden grasen alte Haustierrassen wie Ölandpferde. Ergänzt wird das Museum durch eine Kunsthalle, einen Dorfladen und ein Café. Grundstein war 1959 die Eröffnung des Hofs Norrgården als erstes Museumsgebäude.

Eketorps Borg

Eketorps borg im Süden Ölands ist Schwedens einzige vollständig ausgegrabene und originalgetreu wiederaufgebaute Fornborg, mitten im Weltnaturerbe Stora Alvaret. Ausgrabungen zwischen 1964 und 1973 förderten rund 26.000 Fundstücke zutage und zeigten drei Siedlungsphasen: Eketorp I (ca. 300–400 n. Chr.), Eketorp II (ca. 400–650 n. Chr., verstärkte Befestigung, 15 Gehöfte mit 53 Häusern für 150–200 Menschen) und Eketorp III (1170–1240 n. Chr., Wehr- und Viehburg mit berittener Truppe, über 100 Häuser). Der Ringwall ist fünf Meter hoch und sechs Meter breit; ein Brunnen aus der ältesten Bauphase versorgt die Anlage bis heute mit Wasser und wurde schon 1741 vom Naturforscher Carl von Linné erwähnt. Nach heutigem schwedischen Recht dürfen archäologische Stätten nicht mehr verändert werden – eine Rekonstruktion wie in Eketorp wäre unter geltendem Recht kaum mehr möglich.

Leuchtturm Långe Jan

An der Südspitze Ölands im Naturschutzgebiet Ottenby steht Långe Jan, mit 41,6 Metern der höchste Leuchtturm Schwedens. Errichtet 1784/85, vermutlich mit Hilfe russischer Kriegsgefangener, aus Steinen der abgerissenen Sankt-Johannes-Kapelle, deren Kurzform ihm den Namen gab. 1845 erhielt er seinen charakteristischen weißen Anstrich mit schwarzem Ring, 1907 ein rotierendes Linsensystem, 1948 elektrisches Licht. Heute ferngesteuert und von BirdLife Sverige verwaltet, kommen die Eintrittsgelder der benachbarten Vogelstation Ottenby zugute. Im Sommer führen 197 Stufen zur Aussichtsplattform – wir verzichteten wegen einsetzenden Regens darauf.

Tag 16: Gettlinge und Kalmar

Gräberfeld von Gettlinge

Wir starten mit dem Gräberfeld von Gettlinge an der Westküste Südölands, direkt am Rand des Weltnaturerbes Stora Alvaret – mit fast zwei Kilometern Ausdehnung eines der größten Gräberfelder der Insel. Genutzt rund 2000 Jahre lang (ca. 1000 v. Chr. bis 1050 n. Chr.), ursprünglich rund 250 Gräber, davon über 200 bis heute erhalten: Hügel, Steinsetzungen, Richterringe und mehrere Schiffssetzungen. Zentraler Blickfang ist eine rund 30 Meter lange Schiffssetzung aus 23 Granitblöcken mit rund zwanzig bronzezeitlichen Schälchensteinen. Ausgrabungen um 1900 untersuchten 15 – ausschließlich – Männergräber, meist geplündert; die am besten erhaltene Bestattung enthielt einen Hund, zwei Speere, einen Schild und Sporen. Schon 1634 beschrieb der Historiker Johannes Haquini Rhezelius die Anlage, 1741 untersuchte Carl von Linné eines der Gräber.

Schloss Kalmar

Zurück auf dem Festland: Schloss Kalmar. Um 1180 ließ König Knut Eriksson auf einer Halbinsel am Kalmarsund einen Verteidigungsturm errichten – die Gründung der heutigen Burganlage. Ende des 13. Jahrhunderts erweiterte König Magnus Ladulås sie zur Burg mit Ringmauer; da die dänische Grenze unmittelbar südlich verlief, wurde Kalmar zur wichtigsten Festung Schwedens ausgebaut, als „Schlüssel zum Reich“ bezeichnet. 1397 wurde hier unter Königin Margarethe die Kalmarer Union geschlossen, der fast 150 Jahre bestehende Zusammenschluss Schwedens, Dänemarks und Norwegens.

Unter den Wasa-Königen wurde die mittelalterliche Burg in einen Renaissancepalast verwandelt, mit Sälen wie dem Goldenen Saal (vergoldete Kassettendecke von 1576) und Erik XIV.s Schlafgemach. Seit 1592 blieb die Bausubstanz im Kern unverändert; das Schloss gilt als bestererhaltenes Renaissanceschloss Nordeuropas, ist seit 1935 Byggnadsminne und beherbergt seit 1870 das Kalmar Museum. Eindrücklich auch die Zahlen zum höfischen Alltag: Der private Monatsbedarf Johans III. umfasste u. a. 63 Ochsen, 298 Schafe, 980 Hühner und 858 Lachse und Hechte – „königliche Majestät war lustig und es sollte an nichts gespart werden“, wie eine zeitgenössische Randnotiz vermerkt.

Kalmar selbst zählt rund 40.000 Einwohner, ist drittgrößte Stadt Smålands und war im Mittelalter Hansestandort für den Export von Öland-Kalkstein, Teer, Holz, Eisen und Butter. 1986 erhielt die Stadt den Europa-Nostra-Preis für die Erhaltung ihres historischen Stadtbilds. Zentral am Marktplatz Stortorget steht der 1660–1703 errichtete, streng klassizistische Dom mit vier Türmen, von 1602 bis 1915 Bischofssitz.

Tag 17: Kalmar Läns Museum, Pataholm und Umgebung

Kalmar Läns Museum – Das Kriegsschiff Kronan

Am Vormittag zu Fuß zum Kalmar Läns Museum, das die Überreste der Kronan zeigt, neben der Vasa eines der größten schwedischen Kriegsschiffe des 17. Jahrhunderts. Am 1. Juni 1676 kenterte, explodierte und sank das Schiff vor der Südspitze Ölands – vermutlich weil die Segel bei starkem Wind nicht rechtzeitig gerefft wurden. Von rund 800 bis 850 Mann Besatzung überlebten nur etwa 40; der Untergang gilt als eine der größten Katastrophen der schwedischen Seefahrtsgeschichte.

Noch im 18. Jahrhundert wurden mit einer primitiven Taucherglocke wertvolle Bronzekanonen geborgen, danach geriet das Wrack für rund 300 Jahre in Vergessenheit. Erst 1980 wurde es von Anders Franzén – der zuvor bereits die Vasa entdeckt hatte – in 26 bis 27 Metern Tiefe wiedergefunden. Rund 95 % des Rumpfbereichs sind inzwischen untersucht. Zu den bedeutendsten Funden zählen zwei Goldmünzschätze, zwei der größten in Schweden geborgenen Silbermünzschätze, mehr als 40 bronzene Kanonen, ein Kabinettschrank mit 54 Einzelobjekten sowie 1999 gefundene menschliche Überreste, deren Gesicht später forensisch rekonstruiert werden konnte – insgesamt wurden bislang rund 35.000 Objekte geborgen.

Pataholm

Wenige Kilometer weiter liegt Pataholm, Schwedens kleinste historische Marktstadt. Bereits im 16./17. Jahrhundert ein bedeutender Handelsplatz mit Status einer Minderstadt (köping), getragen von Holzexport, einer Werft und regem Handel; im 19. Jahrhundert erlebte der Schiffbau hier noch einmal eine Blüte. Bis heute zeugen gut erhaltene Holzhäuser um den alten Marktplatz davon; nur noch wenige Menschen leben fest im Ort. Zwei historische Höfe wurden zu Heimatmuseen, in einem auch ein kleines Fotomuseum sowie ein Kunsthandwerksladen; im Café Förlig Wind werden im Sommer Kaffee und Gebäck serviert. Bei unserem Besuch in der Nachsaison war davon nichts zu spüren – Café und Läden geschlossen, der Marktplatz menschenleer, der Ort wirkte wie ausgestorben.

Klosterruine Kronobäck

Unterwegs ein Stopp an der Klosterruine Kronobäck, von der nur noch wenige Mauerreste stehen. Um 1292 zunächst als Hospital für Leprakranke gegründet, wandelte der Johanniterorden die Anlage 1479/1480 in ein Mönchskloster um; die Klosterkirche galt als größte Hospitalkirche Schwedens. Unter Gustav Wasa im 16. Jahrhundert aufgelöst, verfiel das Gebäude danach. Ab den 1940er-Jahren freigelegt, dient die Ruine heute als Ausflugsziel und Schauplatz eines jährlichen Mittelalterfests im Juli.

Steinmetzmuseum Våneviks Stenhuggarmuseum

Am Nachmittag das Freilicht-Steinmetzmuseum Våneviks Stenhuggarmuseum in einem stillgelegten Steinbruch – ganzjährig zugänglich, auch wenn die kleinen Gebäude geschlossen waren. Ein kurzer Spaziergang führt vorbei an einer alten Schmiede, Gleisen und Steinmetzhütten, wo einst der berühmte rote Vånevik-Granit abgebaut wurde. Übernachtet haben wir auf dem First Camp Gunnarsö-Oskarshamn, einem schön gelegenen Platz auf einer Schärenhalbinsel direkt am Meer mit großzügigen, ebenen Stellflächen.

Tag 18: Stensjö By und Västervik

Stensjö By

Stensjö By ist ein gut erhaltenes, bewohntes Kleinbauerndorf aus dem 19. Jahrhundert in Småland, heute Freilichtmuseum – original erhaltene Gehöfte und Gärten vermitteln einen authentischen Eindruck vom bäuerlichen Leben. Bekannt wurde der Ort als Drehort für Astrid-Lindgren-Verfilmungen: Hier entstanden Szenen für „Die Kinder von Bullerbü“ und „Michel aus Lönneberga“ – wer die Filme kennt, erkennt einzelne Gebäude und Wege wieder. In der Nachsaison wirkte das Dorf fast ausgestorben, das Café war geschlossen. Zum Abschluss führte ein ruhiger Rundweg durch den angrenzenden Wald, der als Viehweide dient.

Västervik

Västervik, oft „Perle der Ostküste“ genannt, liegt inmitten des Schärengartens von Tjust. Wahrzeichen ist die Burgruine Stegeholm auf einer kleinen Insel am Zentrum, um 1370 im Auftrag von Albrecht II. von Mecklenburg zur Sicherung der Wasserwege errichtet, mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, bis sie 1677 bei einem dänischen Angriff endgültig niederbrannte.

Die Innenstadt ist geprägt von alten Holzhäusern und einem lebendigen Zentrum. Markant ist die neugotische St.-Petri-Kirche (1903–1905) mit roter Backsteinfassade, die die ältere St.-Gertrud-Kirche als Hauptkirche ablöste; bemerkenswert sind gleich drei Orgeln im Innenraum sowie ein Heiligenbild aus recycelten Militärplanen des Künstlers Mats Hermansson. Auf der Weiterfahrt zum Astrid-Lindgren-Museum in Vimmerby ließen wir nach einem Regenschauer kurz die Drohne steigen, um den Regenbogen aus der Luft zu sehen.

Tag 19: Auf den Spuren von Astrid Lindgren und Gränna

Astrid Lindgrens Näs

Der Tag steht im Zeichen von Astrid Lindgren, der wohl bekanntesten Kinderbuchautorin weltweit – Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter. Erster Stopp ist Näs bei Vimmerby, ihr Geburtshaus, mit Nebengebäuden, Pfarrhaus, Garten und einem sehr sehenswerten Besucherzentrum. Das Geburtshaus selbst ist nur im Rahmen begrenzter Führungen zu besichtigen, die trotz Nebensaison ausgebucht waren.

Astrid Anna Emilia Ericsson wurde 1907 auf dem Pachthof Näs geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einer als frei und unbeschwert beschriebenen Umgebung auf – diese Kindheit bildet später den atmosphärischen Kern vieler ihrer Bücher. Mit 17 Jahren wurde sie ungewollt schwanger, ging nach Stockholm und musste ihren 1926 geborenen Sohn Lars zunächst zu einer Pflegefamilie in Dänemark geben. 1931 heiratete sie Sture Lindgren; ihre schriftstellerische Laufbahn begann 1944, als sie – bettlägerig nach einer Fußverstauchung – die zuvor ihrer Tochter erzählten Pippi-Langstrumpf-Geschichten aufschrieb. 1945 erschien das erste Pippi-Buch. Sie engagierte sich zeitlebens politisch, unter anderem gegen Gewalt an Kindern – direkt zurückgeführt wird darauf Schwedens Verbot körperlicher Kindeserziehung von 1979 – und für Tierschutz. Ihre Steuersatire „Pomperipossa in Monismanien“ von 1976 löste eine landesweite Debatte aus und gilt als einer der Gründe für die Abwahl der Sozialdemokraten im selben Jahr. Astrid Lindgren starb 2002 im Alter von 94 Jahren in Stockholm; von ihr wurden weltweit rund 200 Millionen Bücher verkauft, seit 2002 verleiht die schwedische Regierung ihr zu Ehren jährlich den mit rund 560.000 Euro höchstdotierten Kinder- und Jugendliteraturpreis der Welt.

Filmbyn Småland

20 Kilometer weiter liegt Filmbyn Småland mit Original-Kulissen der Astrid-Lindgren-Verfilmungen – Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter, Ferien auf Saltkråkan, Nils Karlsson Däumling, Die Kinder aus Bullerbü, Pippi Langstrumpf. Man läuft durch die originalen Schauplätze wie Pippis Küche oder Emils Werkzeugkammer, sieht Originalkostüme und Requisiten und erfährt, wie die Filme entstanden. Anders als in Näs geht es hier nicht um Astrid Lindgrens Leben, sondern um die Verfilmung ihrer Werke.

Katthult

Acht Kilometer weiter liegt Katthult, eigentlich Gibberyds Gård, seit 2000 offiziell umbenannt – der Bauernhof, auf dem in den 1970er-Jahren die Michel-aus-Lönneberga-Filme entstanden. Ein echter smaländischer Hof aus dem 19. Jahrhundert, seit 1898 von derselben Familie bewohnt, äußerlich seit den Dreharbeiten kaum verändert. Gedreht wurde vor Ort in Gesindehaus, Scheune und der eigens errichteten Michels Werkstatt; Innenaufnahmen des Haupthauses entstanden dagegen im Studio. Das Haupthaus ist bis heute bewohnt und nicht zugänglich, der Rest des Hofs frei begehbar – inklusive Michels Holzschuppen mit geschnitzten Figuren und Fahnenmast.

Gränna

Über dichte Wälder und Schotterpisten geht es nach Gränna, wo wir übernachten – bekannt für den Polkagris, die rot-weißen Zuckerstangen. Erfunden hat sie Amalia Eriksson: Als Kind verlor sie durch eine Choleraepidemie Eltern und Geschwister, arbeitete als Dienstmagd, wurde mit 35 Jahren mittellose Witwe und begann zuhause Süßigkeiten zu kochen, um sich und ihre Tochter Ida zu ernähren. 1859 erhielt sie vom Magistrat die Erlaubnis für eine eigene Bäckerei – für eine Frau damals keine Selbstverständlichkeit – und gilt als erste Polkagris-Herstellerin Schwedens: roter, mit Pfefferminzöl aromatisierter Teig, verdreht mit hellem Teig, bis heute das typische Muster.

Ida führte das Geschäft bis 1945 weiter; Amalia starb 99-jährig als eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Frauen Grännas, seit 1997 erinnert eine Bronzestatue an sie. Heute stellen rund ein Dutzend Betriebe in Gränna Polkagris her, der Ort zieht dafür jährlich über eine Million Touristen an – am Abend unseres Besuchs allerdings hatten fast alle Läden bereits geschlossen.

Tag 20: Vadstena und der Göta Kanal

Schloss Vadstena

Stopp am Schloss Vadstena, einer 1545 bis 1620 im Auftrag Gustav Wasas erbauten Renaissance-Festung am Vättern zur Grenzsicherung gegen Dänemark, umgeben von einem wassergefüllten Wallgraben. Unter Johan III. prunkvoll als königliche Residenz eingerichtet, fiel die Einrichtung 1598 einem Brand zum Opfer; Anfang des 18. Jahrhunderts als königliche Burg aufgegeben, diente sie zeitweise als Kornlager. Zusammen mit Gripsholm und Kalmar gilt Vadstena als eine der besterhaltenen Wasa-Burgen und als die eigentliche Renaissanceburg Schwedens, seit 1935 Byggnadsminne, seit 1899 zudem Sitz eines Landesarchivs.

Auffällig sind die großzügigen Raumgrößen, ein Erbe der einstigen Nutzung für höfisches Zeremoniell. Der Bröllopssalen (Hochzeitssaal) bietet dank seiner Größe und Akustik bis heute Raum für eine Opernbühne samt Publikum, obwohl er nie als Theater geplant war – seit 1964 bespielen die Vadstena-Akademien hier im Sommer neue und wiederentdeckte Opern, oft mit jungen Sängern und Musikern am Anfang ihrer Karriere.

Bergs Slussar und der Göta Kanal

Die Carl-Johans-Schleusentreppe bei Berg ist mit sieben direkt hintereinander verbundenen Kammern die längste ihrer Art am gesamten Göta Kanal, erbaut 1815 bis 1818 und nach König Carl XIV Johan benannt, der während der Bauzeit persönlich zwei Grundsteine legte. Zwischen dem See Roxen und dem oberen Hafenbecken überwinden Boote hier rund 18,9 Höhenmeter; mit zwei weiteren Doppelschleusen umfasst Berg insgesamt elf Schleusen und knapp 29 Höhenmeter. Eine Schleusung dauert 7 bis 10 Minuten, die komplette Treppe oft eine gute Stunde.

Der Göta Kanal selbst entstand zwischen 1810 und 1832 und verbindet die Ostsee bei Mem mit dem Vänern bei Sjötorp – zusammen mit dem Trollhätte-Kanal die durchgehende Wasserverbindung zwischen Stockholm und Göteborg. Mit 190 Kilometern und 58 Schleusen gilt er als eines der größten je in Schweden errichteten Bauwerke und wurde landesweit zum „Bauwerk des Jahrtausends“ gewählt. Von Mai bis September betreuen rund 100 überwiegend studentische Schleusenwärter die Strecke; in der Nachsaison unseres Besuchs war davon nur noch wenig zu spüren.

Tag 21: Werkstattstopp und Naturreservat Stendörren

Nach dem Reiseabbruch in der Toskana wegen Motor- und Getriebeproblemen und dem Transport des Wohnmobils zurück nach Deutschland leuchtete nach der aufwendigen Garantiereparatur und rund 2.800 gefahrenen Kilometern erneut die Motorkontrollleuchte auf. In Norrköping fand sich am Samstagmorgen eine offene Werkstatt, die den Fehlerspeicher auslas, mit der deutschen Fiat-Werkstatt telefonierte und den Partikelfilter reinigte. Die Fehlermeldungen deuten auf eine defekte AdBlue-Einspritzung oder defekte NOx-Sensoren hin – Entwarnung: Die Reparatur kann bis zur Rückkehr nach Deutschland warten, der Motor läuft einwandfrei, nur der AdBlue-Verbrauch ist deutlich erhöht und lässt sich nachfüllen.

Naturreservat Stendörren

Kürzere Wanderung im Naturreservat Stendörren: seit 1972 geschützt, 923 Hektar groß (davon 738 Hektar offenes Wasser), Teil des europäischen Natura-2000-Netzwerks. Hängebrücken und Stege führen ganz ohne Boot vom Festland auf die vorgelagerten Schäreninseln Äspskär und Stora Krokholmen. Am Eingangsbereich bei Aspnäset liegen das (nur im Sommer geöffnete) Naturum mit Ausstellung zu Ostsee und Kulturgeschichte, ein Aussichtsturm mit Panoramablick über den Sörmland-Schärengarten, mehrere Wanderwege, Grillplätze und einfache Ferienhütten auf der Insel Ekholmen sowie Naturhäfen und eine Kanuanlegestelle.

Tag 22: Schlössertour – Tullgarn, Gripsholm und Taxinge

Schloss Tullgarn

Erster Halt: Tullgarns slott, königliches Sommerschloss an einer Ostseebucht bei Vagnhärad, seit 1975 König Carl XVI Gustaf zur Verfügung gestellt. Erbaut in den 1720er-Jahren, geprägt von Rokoko, gustavianischem Stil und einer viktorianischen Umgestaltung durch das Kronprinzenpaar Gustaf (V) und Victoria – die Innenräume gelten als eine der schönsten Ausstattungen Schwedens. Zu dieser Jahreszeit war eine Innenbesichtigung nicht möglich, das Schloss ist nur im Sommer geöffnet. Die ganzjährig zugängliche englische Parkanlage lohnt trotzdem: angelegt ab Ende des 18. Jahrhunderts, mit Kanalsystem, kleinen Brücken und rund 22 Hektar Fläche – vom barocken Sternenwäldchen nahe dem Schloss bis zur weitläufigen englischen Parklandschaft, mit einem reizvollen Weg entlang der Bucht Tullgarnsviken.

Schloss Gripsholm

Deutlich mehr Betrieb herrschte in Gripsholm – anders als Tullgarn bis 15. September täglich geöffnet, direkt am charmanten Städtchen Mariefred gelegen und eines der bekannteren königlichen Schlösser. 1537 von Gustav Wasa auf einer Insel im Mälarsee gegründet, mit charakteristischen runden Ecktürmen. Es beherbergt die Svenska statens porträttsamling, die älteste nationale Porträtgalerie der Welt: Allein im Schloss sind 800 Gemälde ausgestellt, die Gesamtsammlung umfasst deutlich über 5000 Porträts bedeutender Schweden, darunter Greta Garbo und August Strindberg; sie geht auf Gustav Wasas Kunstsammlung im 16. Jahrhundert zurück und wurde 1822 offiziell gegründet.

In der Rustkammer wartet ein ausgestopfter Löwe neben Rüstungen aus der Zeit Gustavs III., dazu Gustavs III. eigenes kleines Schlosstheater: 1781 beauftragte der als „Theaterkönig“ bekannte Monarch den Architekten Erik Palmstedt, eine kleinere Bühne zu einer vollwertigen Hoftheater-Anlage umzubauen. Palmstedt nutzte die runde Turmform geschickt für Bühne und Zuschauerraum für rund 60 Gäste inklusive Majestätsloge; nicht-adliges Personal durfte auf königliche Anweisung vom Kuppelgewölbe aus zuschauen.

Taxinge Slott

Letzte Station der Schlössertour: Taxinge Slott, ein ehemaliges Rittergut auf einer Landzunge in der Gripsholmsbucht am Mälarsee. Erste Erwähnung des Gutshofs Näsby bereits 1281, das heutige gelbe Hauptgebäude stammt von 1806 bis 1813. Berühmt ist das Schloss aber vor allem als „Kakslottet“ – das Kuchenschloss: Das Slottscafé bietet Nordeuropas größtes Kuchenbuffet mit garantiert mindestens 65 hausgebackenen Sorten, bezahlt wird nur, was tatsächlich auf dem Teller landet. Genossen wird das Ganze in der historischen Bibliothek oder – bei schönem Wetter – im Schlosspark am Wasser; kein Wunder, dass hier auch die schwedische Version von „Das große Backen“ gedreht wird. Die Warteschlange vor dem Kuchentisch gehört an diesem Wochenende praktisch zum Erlebnis dazu – der Kuchen war es wert.

Tag 23: Stockholm – Gamla Stan und Kungliga Slottet

Stockholm verteilt sich auf 14 Inseln, verbunden über rund 50 Brücken. Gegründet 1252 an der strategisch wichtigen Engstelle, wo der Mälarsee in die Ostsee mündet, wurde die Stadt offiziell erst 1634 Hauptstadt, war aber schon 1289 als bevölkerungsreichste Stadt des Königreichs dokumentiert. Heute leben knapp eine Million Menschen in der Stadtgemeinde, in der gesamten Metropolregion fast 2,5 Millionen – rund ein Viertel der schwedischen Bevölkerung.

Über den rund 500 Meter langen Panoramaweg Monteliusvägen mit Aussicht auf Stadshuset, Gamla Stan, Riddarholmen und Kungsholmen erreichen wir die Gamla Stan, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Altstädte Europas auf der Insel Stadsholmen. Enge Kopfsteingassen, bunte Giebelhäuser und der Stortorget als ältester Platz der Stadt prägen das Bild; sehenswert sind zudem die Storkyrkan (Dom und Krönungskirche), die mit knapp 90 cm schmalste Gasse Stockholms, Mårten Trotzigs Gränd, sowie die Riddarholmskyrkan, die mittelalterliche Grabkirche der schwedischen Könige.

Nach einer Kaffeepause geht es ins Kungliga Slottet, die offizielle Residenz des Königs – tatsächlich bewohnt wird allerdings Schloss Drottningholm außerhalb der Stadt, weshalb sich das Schloss unkompliziert besichtigen lässt. Der Barockbau entstand 1697 bis 1770 auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Burg, die im selben Jahr abbrannte. Mit 230 mal 125 Metern und über 600 Räumen zählt es zu den größten noch genutzten Schlössern Europas; öffentlich zugänglich sind die Prunkräume, die Schatzkammer mit den Kronjuwelen, das Tre-Kronor-Museum und die Schlosskirche.

Tag 24: Vasa-Museum und Museum of Wrecks

Vasa-Museum

Hauptgrund für den längeren Stopp in Stockholm ist das Vasa-Museum. Es zeigt ein fast vollständig erhaltenes Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert, das am 10. August 1628 auf seiner Jungfernfahrt nach nur rund 20 Minuten und 1.300 Metern im Hafen sank. Ursache war eine gravierende Fehlkonstruktion: Auf Drängen König Gustavs II. Adolf war nachträglich ein zweites Kanonendeck eingebaut worden, wodurch das Schiff kopflastig und zu schmal wurde. Ein Stabilitätstest Wochen zuvor hatte bereits bedrohliches Schwanken gezeigt, wurde aber aus Angst vor dem königlichen Zorn abgebrochen. Als das Schiff die schützenden Felsen des Hafens verließ, brachten zwei Windböen es in Schräglage, Wasser drang durch die wegen der Salutschüsse offenen Kanonenluken ein – das Schiff sank binnen kurzer Zeit und riss zwischen 30 und 50 Menschen mit in den Tod.

Nach 333 Jahren im sauerstoffarmen Ostseewasser wurde das Wrack 1961 geborgen: Marinetaucher spülten unterhalb des im Schlamm feststeckenden Rumpfes unter Lebensgefahr sechs Tunnel frei, durch die Stahlkabel gezogen wurden, mit deren Hilfe das Schiff schrittweise angehoben wurde. 1988 folgte der Transport in ein Trockendock, um das herum das heutige Museumsgebäude entstand. Aktuell läuft ein Projekt für rund 18 Millionen Euro, um den Rumpf dauerhaft gegen Absacken zu stabilisieren. Das Vasa-Museum ist mit rund 1,5 Millionen Besuchern jährlich das meistbesuchte Museum Schwedens. Bei den Ausgrabungen wurden über 40.000 Objekte geborgen, darunter Skelette von mindestens 15 Personen, gut erhaltene Alltagskleidung, Schuhe und Werkzeuge sowie rund 4.000 Kupfermünzen als Matrosensold.

Museum of Wrecks

Anschließend das nahe gelegene Museum of Wrecks, das dem gesamten Wrackerbe der Ostsee gewidmet ist – nirgendwo sonst haben sich so viele hölzerne Schiffswracks so gut erhalten, dank kaltem, salzarmem und schiffswurmfreiem Wasser. Die Wracks selbst bleiben am Meeresgrund, wo sie am besten konserviert sind; gezeigt werden sie über 3D-Rekonstruktionen, Hologramme, VR-Brillen und immersive Rauminstallationen, unter anderem rund um das 1660 gesunkene Schiff „Resande Man“. Für 2026 wurde das Museum von Schwedens Museumsverband und ICOM zum „Museum of the Year“ gekürt. Den Tag beendet ein längerer Bummel durch die Altstadt – öffentliche Verkehrsmittel kosten rund 3,40 Euro für 75 Minuten beliebigen Umsteigens, egal ob Bus, U-Bahn oder Fähre, bezahlt per Handy an der Schranke.

 

Hier geht es zum zweiten Teil des Reiseberichtes über unsere Schwedenreise.

 

Schweden, der Süden – Teil II, von Uppsala über die Westküste zurück

Hier geht es zum ersten Teil der Schweden-Reise von Malmö die Süd- und Ostküste entlang bis Stockholm.

Tag 25: Sigtuna und Uppsala

Sigtuna – Schwedens älteste Stadt

Unser erster heutiger Stopp findet in Sigtuna statt. Ein Bummel durch die alte zentrale Gasse, Museumsbesuch und das kleinste Rathaus Schwedens stehen auf dem Programm. Sigtuna wurde um das Jahr 970 von König Erik Segersäll gegründet und gilt damit – neben Lund – als älteste noch bestehende Stadt Schwedens. Bereits um das Jahr 1000 lebten hier etwa 1.000 Menschen – zu jener Zeit eine beachtliche Größe, denn Sigtuna war damals ein bedeutendes Handels-, Kirchen- und Reichszentrum.

Das Rückgrat der Altstadt bildet die Stora Gatan, die zentrale Fußgängergasse, gesäumt von bunt bemalten Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, kleinen Läden, Galerien und Cafés. Archäologisch spannend: Unter der heutigen Straße liegen mehrere frühere Straßenschichten übereinander, ein Beleg dafür, dass Sigtuna schon in seiner Gründungszeit nach einem geregelten Plan angelegt wurde. Am Stora Torget, dem großen Platz entlang der Straße, steht das kleinste Rathaus Schwedens – ein gelb gestrichenes Holzgebäude mit spitzem Türmchen aus dem Jahr 1744, das einst als Gerichtsgebäude diente.

Wer mehr über die Geschichte der Stadt erfahren möchte, findet im Sigtuna-Museum mittelalterliche Fundstücke, unter anderem aus der Wikingerzeit. Sehenswert sind zudem die Kirchenruinen von St. Per, St. Lars und St. Olof sowie zahlreiche Runensteine in der Stadt und Umgebung. Eine Pause bietet sich im Café Tant Bruns Kaffestuga an, in einem historischen, roten Holzhaus aus dem 17. Jahrhundert, bekannt für seine Smörgåsar.

Der Dom zu Uppsala

Der Dom zu Uppsala, die größte und höchste Kirche Skandinaviens, beeindruckt bereits von außen durch seine markanten, fast 120 Meter hohen gotischen Türme, die die Silhouette der geschichtsträchtigen Universitätsstadt dominieren. Doch das wahre Herzstück dieses monumentalen Backsteinbaus aus dem 13. Jahrhundert offenbart sich im Inneren, direkt hinter dem Hauptaltar. Am östlichen Ende des Chors der Wasa-Kapelle stößt man auf eines der bedeutendsten historischen Monumente Schwedens: den königlichen Prunksarkophag von König Gustav I. Wasa (1496 bis 1560). Der Begründer der Wasa-Dynastie und Einiger des modernen schwedischen Reiches ruht dort in einem monumentalen Grabmal aus rotem Marmor und weißen Alabaster, das vom Renaissance-Künstler Willem Boy entworfen wurde. Auf dem Sarkophag thronen die lebensechten Liegefiguren des Königs und seiner ersten beiden Ehefrauen, Katharina von Sachsen-Lauenburg und Margareta Leijonhufvud, während seine dritte Gemahlin, Katharina Stenbock, in der Gruft direkt darunter beigesetzt ist.

Dieses Areal im hinteren Teil des Doms gleicht einer schwedischen Herrschergalerie. Nur wenige Schritte entfernt, in der ehemaligen Sakristei, zieht das Grabmonument seines Sohnes König Johann III. und dessen polnischer Gattin Katharina Jagiellonica die Blicke auf sich. Unweit davon ruht in einem vergoldeten Schrein der Schutzpatron Schwedens, König Erik der Heilige (Erik IX). Die Legende besagt, dass Erik von Feinden brutal angegriffen und schließlich enthauptet wurde. Die Forscher fanden an den Beinknochen Spuren von heftigen Hieben und – als finalen Beweis – einen tiefen Schnitt am Halswirbel, der die Enthauptung zweifelsfrei belegt.

Neben den königlichen Ruhestätten birgt der Dom, der über Jahrhunderte hinweg die traditionelle Krönungs- und Grabkirche der schwedischen Monarchen war, noch weitere historische Schätze. So findet man nahe dem Haupteingang die schlichte Grabplatte des weltberühmten Botanikers Carl von Linné und in den barocken Seitenkapellen die Gräber des Universalgelehrten Olof Rudbeck sowie des Friedensnobelpreisträgers Dag Hammarskjöld. Ein Rundgang durch dieses ehrwürdige Gemäuer verbindet auf faszinierende Weise die mittelalterliche Sakralarchitektur mit den prägenden Epochen der schwedischen Nationalgeschichte.

Gamla Uppsala – Grabhügel der Sveakönige

Gamla Uppsala war einst religiöses und machtpolitisches Zentrum Schwedens – von hier aus regierten die ersten schwedischen Könige. Nach der Christianisierung wurde der Ort 1164 sogar Erzbischofssitz, bis nach einem Kirchenbrand 1273 der Bischofssitz ins heutige Uppsala verlegt wurde. Wahrzeichen sind die drei großen Königshügel (Kungshögarna) aus dem 6. Jahrhundert, Brandgräber der Vendelzeit. Bis heute ist nicht geklärt, wer darin bestattet wurde – sicher ist nur, dass es sich um hochrangige Persönlichkeiten handelte. Im Osthügel fanden sich Reste eines Helms und goldene Fragmente, im Westhügel die Überreste eines Habichts, vermutlich eines Jagdvogels der damaligen Elite. Die Hügel liegen inmitten eines weitläufigen Gräberfelds mit rund 3.000 Gräbern. Der Sage nach – überliefert in der isländischen Ynglingasaga – sollen hier die legendären Sveakönige Aun, Egil und Adils bestattet sein, eine Zuordnung, die auf eine Theorie des Archäologen Birger Nerman aus dem Jahr 1913 zurückgeht. Neuere Untersuchungen datierten die Hügel jedoch rund 100 Jahre jünger als die Regierungszeit dieser Könige – die Verbindung bleibt damit wohl eine Legende.

Wir unternahmen eine kurze Wanderung rund um die Grabhügel, die auch an der kleinen Steinkirche vorbeiführte – einst erste Kathedrale Schwedens, vermutet an der Stelle des sagenumwobenen heidnischen Tempels, den Adam von Bremen beschrieb – sowie zum Freilichtmuseum Disagården. Das 1931 gegründete Museum zeigt rund 26 Holzgebäude aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die aus verschiedenen Teilen Upplands hierher versetzt wurden, und vermittelt einen Eindruck vom bäuerlichen Leben der Region im 19. Jahrhundert – mit Wohnhäusern, Höfen und frei laufenden Tieren.

Tag 26: Sala Silvergruva, Anundshög und Schloss Strömsholm

Sala Silvergruva – Schwedens Schatzkammer

Schwedens Schatzkammer – Sala Silvergruva, im Volksmund einst „Sveariket skattkammare“ (Schatzkammer des Svea-Reiches) genannt, war über Jahrhunderte die wichtigste Silberquelle Schwedens. Die erste königliche Bergbaukonzession stammt aus dem Jahr 1512, entdeckt wurden die Silberadern aber schon im 15. Jahrhundert und mit Hilfe deutscher Bergleute ausgebeutet. Der Höhepunkt lag in den 1530er- und 1540er-Jahren unter König Gustav Wasa; das gewonnene Silber floss direkt in die schwedische Krone – verarbeitet zu Münzen und kostbarem Hausrat, das bis heute in ganz Europa zu finden ist. Bis zur endgültigen Schließung 1908 war Sala durchgehend in Betrieb, mit einer letzten kurzen Wiederaufnahme 1950/51. Insgesamt wurden rund 450 Tonnen Silber gefördert. Das Grubenareal gilt heute als eines der besterhaltenen und sichersten Bergwerksmilieus der Welt und beherbergt sogar das tiefste Hotelzimmer der Welt, 155 Meter unter Tage.

Das weitläufige Gelände umfasst 48 historische Gebäude aus dem 17. bis 19. Jahrhundert – wir waren schon um 10 Uhr morgens unterwegs und sind bei Stille über das Areal gewandert, bis auf das Tropfen des Regens. Hatten heute den ersten Regentag erwischt. Hörte aber immer wieder auf, und am Nachmittag kam dann wieder die Sonne zum Vorschein. Wäre nicht kurz eine Schulklasse aufgetaucht, wir wären die einzigen Besucher gewesen. Für eine Führung unter Tage reichte die Zeit leider nicht: Die erste des Tages wäre erst um 14 Uhr gewesen, für uns zu spät, da wir an diesem Tag noch weiterfahren wollten.

Zum Ausklang kehrten wir im Antikladen Silvergruvans Antik & Kuriosa direkt am Gelände ein – rund 600 m² voller Möbel, Porzellan, Glas und Kuriositäten, dazu ein kleines Café mit Fika. Läden, wie ich sie liebe. Bei einem Kaffee kamen wir mit den Inhabern ins Gespräch und ergatterten schließlich noch einen Mörser mit Stößel aus dem 19. Jahrhundert als Souvenir.

Anundshög – Grabfeld der Wikingerzeit

Anundshög, ein Grabfeld der Wikingerzeit bei Västerås war unser nächster Halt, etwa 40 Kilometer entfernt. Wenig los war auch hier: Da es noch leicht regnete, ging es erst mal wieder ins Café. Nachdem der Regen nachgelassen hat, ging es dann zu den Hügelgräbern und Schiffssetzungen. Anundshög gilt als eines der bedeutendsten Gräberfelder der Wikingerzeit in Schweden – genutzt von der Völkerwanderungs- bis in die Wikingerzeit, etwa 500 bis 1050 n. Chr. Namensgebend ist der mächtige Anundshög selbst: mit rund 68 Metern Durchmesser und 9 Metern Höhe der größte Grabhügel Schwedens. Der Name wird mit dem legendären König Bröt-Anund aus der Ynglingasaga in Verbindung gebracht, geht aber wohl eher auf einen Runenstein aus dem 11. Jahrhundert am Fuß des Hügels zurück, der einen Anund erwähnt.

Wer darin bestattet wurde, ist bis heute unbekannt. 1788 versuchten Brennerei-Knechte aus Västerås, den Hügel zu plündern, gruben sich aber nicht bis zum Grab durch. Eine echte archäologische Untersuchung fand erst 1998 statt – allerdings nur in Form von Probebohrungen und einzelnen Suchschnitten am Rand, keine vollständige Ausgrabung. Dabei zeigte sich immerhin, dass der Hügel über einer älteren Siedlungsstelle errichtet wurde. Direkt daneben liegen mehrere Schiffssetzungen: zwei große, 54 und 51 Meter lange Steinreihen in Schiffsform, ausgerichtet auf den Anundshög, dazu drei kleinere. Kein anderer Fundort in Schweden vereint so viele große Schiffssetzungen an einem Platz. Die Findlinge waren bereits Mitte des 17. Jahrhunderts umgestürzt – vermutlich wurden die Monumente mit fortschreitender Christianisierung als heidnisch angesehen und bewusst zu Fall gebracht. Erst 1932 wurden vier der fünf Schiffssetzungen wieder aufgerichtet und die Fundstellen dabei zugleich untersucht.

Das Areal diente bis ins 13. Jahrhundert zusätzlich als Thingplatz, also als Versammlungsort für Rechtsprechung und politische Entscheidungen – ein weiterer Beleg dafür, dass Anundshög über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht und Gemeinschaft war.

Schloss Strömsholm – Das Pferdeschloss

Ganz allein unterwegs waren wir dann beim Schloss Strömsholm, etwa 30 Kilometer weiter. Die Ursprünge der Anlage reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als König Gustav Wasa hier zunächst eine Befestigung errichten ließ. Das heutige barocke Schloss entstand ab 1669 im Auftrag der Königswitwe Hedvig Eleonora, die den alten Bau abreißen und nach Plänen des berühmten Architekten Nicodemus Tessin d. Ä. neu errichten ließ – fertiggestellt in den 1670er/80er Jahren. Erbaut wurde es auf einer Insel im Fluss Kolbäcksån in der Provinz Västmanland. König Adolf Friedrich und Königin Luise Ulrike erhielten das Schloss später als Hochzeitsgeschenk, woraufhin die Innenräume im prächtigen gustavianischen Stil umgestaltet wurden – dieser Zustand prägt die Räume bis heute, darunter ein „chinesischer Saal“ mit entsprechenden Wandmalereien und eine reiche Gemäldesammlung. Nur zu dieser Jahreszeit ist das Schloss natürlich geschlossen, wussten wir aber schon vorher.

Seine besondere Bedeutung verdankt Strömsholm jedoch dem Pferd: Bereits im 17. Jahrhundert wurde hier eine königliche Pferdezucht zur Versorgung der schwedischen Armee aufgebaut. Von 1868 bis 1968 war die Reit- und Fahrschule der schwedischen Armee im Schloss untergebracht, und bis heute ist Strömsholm mit der Ridskolan Strömsholm das Zentrum der schwedischen Reitausbildung, des Pferdesports und der Zucht – ausgerichtet werden hier weiterhin Reitturniere und Pferderennen, allen voran jährlich im Juni die Strömsholmsveckan.

Tag 27: Engelsberg Bruk und Nora

Eine Eisenhüttensiedlung wird zum Weltkulturerbe

Engelsberg Bruk ist die am besten erhaltene Eisenhüttensiedlung des 17./18. Jahrhunderts weltweit, 1993 als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen. Die Unesco begründet die Aufnahme damit, dass Schweden in dieser Zeit durch die Produktion hochwertigen Eisens zur führenden Nation dieses Feldes wurde und Engelsberg das vollständigste und am besten erhaltene Beispiel eines solchen Järnbruk (Hüttenguts) darstellt. Gegründet 1681, entwickelte sich Engelsberg rasch zu einer der modernsten Eisenhütten des Landes und blieb bis zur Stilllegung 1919 in Betrieb. Kern des Ensembles ist das Prinzip des Järnbruk: eine autarke, patriarchalisch geführte Werkssiedlung, in der der Gutsherr (Brukspatron) neben der Fabrik auch Wohnhäuser, Schule, Gasthäuser und Landwirtschaft für die Arbeiter unterhielt. Einzigartig ist, dass sowohl die komplette technische Anlage (Hochofen, Schmiede, Erzdarrofen, Wasserräder) als auch die herrschaftlichen Gebäude (barockes Herrenhaus, Parkanlagen) und die Arbeiterkaten im Original erhalten sind – am Fluss Amänningen eingebettet in eine parkähnliche Landschaft, mit dem charakteristischen Kontrast aus tiefrot gestrichenen Holzfassaden (Falu rödfärg) und den aus glasartigen Schlackensteinen gemauerten Wirtschaftsgebäuden.

So viel zur Theorie – die Praxis sah bei unserem Besuch im September anders aus. Wer sich ein offenes Freilichtmuseum mit Infotafeln und frei zugänglichen Gebäuden vorstellt, wird enttäuscht: Das gesamte Areal ist in Privatbesitz und wird teils als private Forschungs- und Tagungsstätte genutzt. Der Zutritt ist massiv eingeschränkt, überall weisen Schilder auf Privatgelände hin, begehbar sind nur einige wenige Außenwege. Das Herrenhaus ist kaum einsehbar, Gebäude wie die Schmiede sind verriegelt, Informationstafeln zur eigenständigen Erkundung fehlen praktisch komplett – das Konzept setzt konsequent auf geführte Touren. Genau die aber enden mit der regulären Guidesaison im Sommer: Spontane Führungen gibt es im September nicht mehr, außerhalb der Saison werden Touren nur für Gruppen auf Voranmeldung und gegen hohe Pauschalgebühr angeboten – für Individualreisende ein echtes Dilemma.

Historisch zweifellos bedeutend, als Reiseziel im Herbst für Spontanbesucher ohne gebuchte Führung aber eine Enttäuschung. Wer im September in der Region unterwegs ist, sollte Engelsberg Bruk nur dann kurz besuchen, wenn das Wetter passt – das war in unserem Fall so, und es liegt quasi auf der Strecke. Einen schönen Spaziergang ist es allemal wert.

Nora – Trästadt mit Ecken und Kanten

Nora bildet zusammen mit Eksjö und Hjo die „Tre Trästäder“ und wurde mehrfach mit der Europa-Nostra-Medaille für die Erhaltung seiner historischen Holzbebauung ausgezeichnet. Vom Eisenbergbau der Region geprägt, erhielt die Stadt 1643 ihre Stadtrechte; ein Großbrand vernichtete sie 1731 fast vollständig, nur die – dabei beschädigte – Kirche blieb stehen. Der Wiederaufbau in den folgenden Jahrzehnten schuf das bis heute erhaltene, geschlossene Stadtbild aus Holzhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts.

Ehrlich gesagt waren wir etwas enttäuscht, denn nach allem, was man über die Trästäder liest, hatten wir uns mehr vorgestellt. Statt einer ruhigen Altstadt zum Schlendern fährt überall Verkehr durch die Gassen, eine Fußgängerzone gibt es nicht, und auch das Ladenangebot ist überschaubar, mit kaum Kunsthandwerk und wenig, das zum Bummeln einlädt. Was bleibt, ist vor allem Ambiente: pastellfarbene Holzhäuser mit begrünten Innenhöfen rund um einen Marktplatz, den die neugotische Backsteinkirche von 1880 als Kontrastpunkt dominiert.

Am alten Bahnhof warten die Züge und Wagen der Nora Bergslags Veteranjärnväg – die Strecke Nora–Ervalla von 1856 gilt als Schwedens erste normalspurige Eisenbahn für den öffentlichen Verkehr. Das Eisenbahnmuseum selbst hat im September geschlossen, doch das ist kein Beinbruch: Auf dem Freigelände stehen alte Loks und Waggons unrestauriert genau so herum, wie sie eben abgestellt wurden – für alle, die rostiges, unpoliertes altes Eisen einer aufgehübschten Museumsversion vorziehen, ein eigener kleiner Reiz.

Einen schönen Tagesausklang bietet Nora Glass: Seit 1923 wird hier täglich frisches Speiseeis nach Familienrezept hergestellt, ein reines Naturprodukt ohne Konservierungsstoffe, immer in drei Sorten – Vanille und Haselnuss fest, dazu eine täglich wechselnde dritte. Erhältlich am Kiosk auf dem Glasstorget sowie im Café Strandstugan an der Uferpromenade. Nur war alles leider schon geschlossen. Krimi-Fans finden in Nora zudem die Heimat von Maria Lang, bürgerlich Dagmar Lange, die ihre fiktive Stadt Skoga in über 40 Kriminalromanen eins zu eins nach Nora modellierte.

Tag 28: Örebro, Karlsborg und Forsvik

Örebro Slott und das Haus Bernadotte

Örebro, die Geburtsstunde des Hauses Bernadotte. Wir sind am Schloss Örebro angekommen, einer mächtigen Renaissance-Wasserburg mit vier markanten Rundtürmen, mitten im Zentrum der Stadt auf einer Insel im Fluss Svartån gelegen. Der Ursprung reicht ins 14. Jahrhundert zurück: ein schlichter Verteidigungsturm zur Kontrolle der strategisch wichtigen Flussfurt und Handelswege, im Lauf der Jahrhunderte durch Belagerungen mehrfach beschädigt. Ab 1573 ließ Herzog Karl – später König Karl IX. – die mittelalterliche Wehrburg zu einem prachtvollen Renaissanceschloss nach französischem Vorbild umbauen, ein Projekt, das sein Sohn Gustav II. Adolf bis in die 1620er Jahre fortführte. Nach einem Verfall im 17./18. Jahrhundert – zeitweise diente das Schloss als Gefängnis und Waffenlager – wurde es Mitte des 18. Jahrhunderts klassizistisch umgebaut. Sein heutiges, romantisch-historisierendes Erscheinungsbild mit den charakteristischen Turmhauben erhielt das Schloss erst bei einer Restaurierung Ende des 19. Jahrhunderts.

Die bedeutendste Rolle spielte Örebro 1810: Beim Reichstag in der Stadt wählten die Stände den französischen Marschall Jean-Baptiste Bernadotte zum schwedischen Thronfolger. König Karl XIII. residierte während dieser Zeit im Schloss und erhielt dort die Nachricht von der Wahl. Als König Karl XIV. Johann begründete Bernadotte das Haus Bernadotte – bis heute das regierende Königshaus Schwedens.

Ein Rundgang lohnt sich für den Innenhof mit seinen massiven Steinmauern und für den Spaziergang um den Wassergraben, in dem sich Türme und helle Fassaden im ruhigen Flusswasser spiegeln. Innen lassen sich historische Säle und königliche Gemächer besichtigen; große Teile dienen jedoch bis heute als Sitz der Provinzverwaltung und sind nicht öffentlich zugänglich.

Besonders sehenswert war die Sonderausstellung „Wonderland“ der britischen Künstlerin Kirsty Mitchell im Schloss – rund 40 großformatige Fotografien mit aufwendig von Hand gefertigten Kostümen und Kulissen, fotografiert in englischen Wäldern. Die über fünf Jahre entstandene Serie verarbeitet den Tod von Mitchells Mutter zu einer opulenten Bildwelt voller Märchenmotive.

Die Feste zu Karlsborg – ein Monument seiner Zeit

Eines der monumentalsten Militärbauprojekte Europas und ein eindrucksvolles Zeugnis schwedischer Verteidigungsstrategie des 19. Jahrhunderts. Nachdem Schweden 1809 Finnland an Russland verloren hatte, war Stockholm den russischen Flotten schutzlos ausgesetzt. König Karl XIV. Johann beschloss daher 1819, auf Vorschlag des Göta-Kanal-Baumeisters Baltzar von Platen, ein radikales Konzept: Im Invasionsfall sollten Königsfamilie, Regierung, Reichstag sowie Goldreserve und Kronjuwelen der Reichsbank ins unzugängliche Landesinnere verlegt werden. Karlsborg, am Zusammentreffen von Göta-Kanal und Vättersee gelegen, sollte als autarke Reserve-Hauptstadt einer wochenlangen Belagerung standhalten. Der Bau begann 1819 und dauerte statt der geplanten zehn ganze 90 Jahre – als die Festung 1909 fertig war, hatten gezogene Artilleriegeschütze die dicken Kalksteinmauern längst veraltet gemacht. 1925 gab der Reichstag Karlsborg als Kriegsfestung auf; als Garnisons- und Ausbildungsstandort blieb sie in Betrieb, und im Zweiten Weltkrieg lagerte hier noch einmal die komplette Goldreserve der Reichsbank.

Die militärische Nutzung ist bis heute spürbar: Die Streitkräfte belegen weiterhin Teile des Geländes, mehrere Bereiche sind abgesperrt und mit Warnschildern als Schutzobjekt gekennzeichnet. Bei unserem Besuch wirkte dennoch alles wie ausgestorben – nur die Schilder erinnerten daran, dass hier kein reines Freilichtmuseum ist. Die zugänglichen Bereiche lassen sich frei erkunden, für die Innenräume, etwa das Slutvärn mit den früheren Tresorräumen der Reichsbank, werden geführte Touren angeboten.

Im Slutvärn, dem 678 Meter langen Hauptverteidigungsbau, sitzt zudem das Fästningsmuseum mit der Geschichte von Reserve-Hauptstadt, Festungsbau und stationierten Truppenteilen. Ein Kirchgewölbe führt mitten durchs Museum hinauf zur Garnisonskyrkan im Obergeschoss, geweiht 1869: eine neugotische Kirche, die im Kriegsfall zugleich als Plenarsaal für Reichstag und Regierung dienen sollte, mit Platz für 700 Personen. Auffälligstes Detail ist der halbe Tonnen schwere Kronleuchter aus 276 Bajonetten – Krone, Bajonette und Ketten verweisen auf Königsmacht, Militär und die einstigen Strafgefangenen, die am Bau mitarbeiteten.

Ein Spaziergang auf dem Festungswall lohnt sich für den Blick über den Vättersee; das Gelände ist rund um die Uhr frei zugänglich. Nur an noch militärisch genutzten Stellen ist der Weg versperrt, mit Schildern zum Fotografierverbot als Schutzobjekt.

Forsvik – Schleuse und Industriedenkmal am Göta-Kanal

Der Göta-Kanal verbindet seit seiner Fertigstellung 1832 über Seen und Kanalabschnitte die Ostsee mit dem Kattegat und war beim Bau eines der größten Infrastrukturprojekte Schwedens im 19. Jahrhundert – Chefingenieur war derselbe Baltzar von Platen, der auch die Festung Karlsborg initiierte. In Forsvik liegt die 1813 eröffnete älteste Schleuse des Kanals, mit 3,5 Metern Fallhöhe zugleich die höchste Einzelschleuse der gesamten Strecke; direkt daneben steht eine der ältesten gusseisernen Brücken Schwedens aus demselben Jahr, die bis 1956 in Betrieb war. Der Ort selbst blickt auf eine noch viel ältere Industriegeschichte zurück: Bereits 1410 wird eine Mühle in Forsvik urkundlich erwähnt, geschenkt an das Kloster Vadstena – der Beginn von rund 600 Jahren durchgehender industrieller Nutzung der Wasserkraft an der Stelle, wo der Fluss Viken in den Bottensjön mündet. Über die Jahrhunderte wurden hier unter anderem Eisen verarbeitet, Kanonen gegossen, Eisenbahnwagen gebaut und in einem Holzschliff Papierzellstoff hergestellt; Ende der 1970er-Jahre wurde der Betrieb schließlich eingestellt. Seit 1987 bewahrt die Stiftelsen Forsviks Industriminnen das Gelände als Industriemuseum. Zu besichtigen sind unter anderem die alte Kleinschmiede, das Metallgießerei-Gebäude, der Holzschliff sowie eine werkseigene Schmalspurbahn. In einer ehemaligen Blechwerkstatt von 1895 entstand zwischen 1995 und 2011 zudem der Nachbau des Raddampfers Eric Nordevall II – das Original war 1856 im Vättersee gesunken und liegt dort bis heute in 45 Metern Tiefe.

Tag 29: Hjo

Die schwedische Holzstadt Hjo verzaubert mit ihrem gemütlichen Hafen und den prachtvollen Holzvillen im Schweizer Stil aus dem 19. Jahrhundert. Nach der Ankunft am späteren Vormittag lässt sich der Ort komplett zu Fuß erkunden: ein Spaziergang durch den historischen Stadtpark und dem Wasser entlang, ein Blick auf die alten Holzhäuser, ein Eis am Hafen und ein Bummel durchs Stadtzentrum. Die Stadt überzeugt uns schon eher als Nora, auch wenn heute am Sonntag in der Nachsaison vieles geschlossen ist und recht wenig los.

Zusammen mit Eksjö und Nora gehört Hjo ja zu den „Tre Trästäder“, den drei Holzstädten, die für den Erhalt ihrer historischen Holzarchitektur ausgezeichnet wurden – passend zum liebevollen Stadtmotto „I love Hjo“. Die Geschichte der Stadt ist eng mit dem Vätternsee verknüpft: Bereits im Mittelalter war Hjo ein bedeutender Hafen- und Handelsplatz zwischen Västergötland und Östergötland. Im Gegensatz zu vielen anderen schwedischen Städten blieb Hjo über die Jahrhunderte weitgehend von Großbränden verschont – nur 1794 brannten die Kirche und einige Nachbarhäuser nieder. Dadurch hat sich das geschlossene Stadtbild aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis heute weitgehend erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zudem zu einem mondänen Kurbad, dem sie ihren herrschaftlichen Glanz verdankt.

Der historische Stadtpark am Seeufer ist das Prunkstück der Stadt: prachtvolle Holzvillen im Schweizer Stil um 1870 mit kunstvoll verzierten Holzveranden, einst für die Kurgäste errichtet. In der Altstadt rund um den Stora Torget führen enge, kopfsteingepflasterte Gassen wie die Brahegatan vorbei an pastellfarbenen Holzhäusern mit bepflanzten Innenhöfen, die tagsüber oft offen stehen. Wer Lust auf Natur hat, findet im Flusstal Hjoåns Dalgång einen flachen, einfach rund 4 Kilometer langen Spazierweg entlang des Flusses vorbei an alten Wassermühlen.

Am Hafen lohnt der gelbe Holzpavillon Gula Paviljongen einen Stopp, in dem lokal produziertes Bio-Eis verkauft wird – in der Nachsaison im September allerdings nur noch bei schönem Wetter spontan geöffnet. Heute war er offen, die Entscheidung fiel auf belgische Waffeln mit Blaubeeren und Sahne.

Tag 30: Varnhem, Läckö und Spiken

Die Klosterkirche von Varnhem und Kata Gård

Die Klosterkirche von Varnhem zählt zu den bedeutendsten historischen Stätten Schwedens und gilt als eine der Wiegen des schwedischen Königreichs. Das Kloster wurde 1150 von Zisterziensermönchen aus dem Kloster Alvastra gegründet, die fortschrittliche Steinmetzkunst und Landwirtschaftstechniken in die Region brachten. Nach einem Brand 1234 wurde die Kirche im gotischen Stil wiederaufgebaut – maßgeblich vorangetrieben von Birger Jarl, der später als Reichsjarl faktisch Schweden regierte.

Die Kirche ist Ruhestätte von vier schwedischen Königen: Knut Eriksson, Erik Knutsson und Erik Eriksson aus dem Geschlecht der Eriker sowie Inge der Ältere aus der älteren Stenkil-Dynastie. Ihre Grabmäler mit Königskronen stehen im Kapellkranz hinter dem Chor, auch wenn es sich dabei um Kenotaphe aus dem 17. Jahrhundert handelt – die echten Gebeine ruhen tief im Erdboden der Kirche. Das historisch bedeutendste Grab ist das von Birger Jarl (†1266), dem verbürgten Gründer Stockholms; seine Grabplatte liegt vor dem Altar des Heiligen Kreuzes.

Wenige Schritte hinter der Kirche liegen die Ausgrabungen von Kata Gård, einem Gutshof aus der Wikingerzeit mit eigener Gutsherrenkirche. Auf eine hölzerne folgte um das Jahr 1000 eine steinerne Kirche – nach heutigem Kenntnisstand eine der ältesten Steinkirchen Schwedens außerhalb Schonens. Rund 3000 christliche Gräber rund um die Kirche reichen bis in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts zurück, rund hundert Jahre vor der offiziellen Christianisierung Schwedens.

Benannt ist der Ort nach Kata, die den Hof am Ende der Wikingerzeit führte; eine Runeninschrift erinnert bis heute an sie. Ihr Grab liegt unter einer modernen Holzkonstruktion mit Glasboden und kann von oben besichtigt werden. Die Funde von Kata Gård haben gezeigt, dass Västergötland deutlich früher christianisiert wurde als der Rest Schwedens.

Läckö, das Märchenschloss

Schloss Läckö gilt als eines der schönsten und romantischsten Barockschlösser Schwedens und wird oft als Märchenschloss bezeichnet. Es thront auf einer felsigen Landzunge der Insel Kållandsö am Ufer des riesigen Vänernsees. Gegründet wurde es 1298 vom Bischof von Skara als stark befestigte, eher düstere mittelalterliche Wehrburg und diente als kirchlicher Außenposten. Nach der Reformation fiel die Burg 1527 an die schwedische Krone.

Seine heutige, prachtvolle Barockgestalt erhielt das Schloss unter Graf Magnus Gabriel De la Gardie, einem der reichsten Männer Schwedens und späteren Reichskanzler. Ab 1654 ließ er die Burg komplett umbauen: Der markante weiße Putz, die eleganten Zwiebeltürme auf den Ecken und üppige Stuckaturen und Deckenmalereien im Inneren stammen aus dieser Zeit.

Unser Besuch fiel nach dem offiziellen Ende der schwedischen Schloss-Saison, sodass das Innere geschlossen war – nach so vielen besichtigten Schlössern auf dieser Reise keine große Enttäuschung. Wichtiger war, dass das Café im nahegelegenen Naturum Vänerskärgården geöffnet hatte, das über den Vänern und den angrenzenden Nationalpark Djurö informiert. Ein Stopp lohnt sich dennoch: Die spektakuläre Kulisse ist das eigentliche Highlight, und durch das große Haupttor lassen sich zumindest die inneren Schlosshöfe besichtigen.

Spikens Fiskeläge

Am äußersten Zipfel der Insel Kållandsö, nur wenige Kilometer von Schloss Läckö entfernt, liegt Spiken, einer der größten Binnenfischereihäfen Europas. Der Name geht vermutlich auf die Landzunge selbst zurück, die bereits auf Karten des 18. Jahrhunderts als Spikudden erscheint. Spiken blickt auf eine jahrhundertealte Tradition als Fischerdorf zurück; Anfang der 1980er-Jahre wurde der Hafen zu einer modernen, bis heute von Berufsfischern selbst betriebenen Anlage ausgebaut.

In der Sommersaison zwischen Mai und August herrscht hier reges Treiben: Räuchereien laufen auf Hochtouren, an den Sjöbodar (Fischerhütten) werden frisch geräucherter Fisch und das begehrte Vänerlöjrom verkauft – der Rogen der Kleinen Maräne, oft als Gold des Vänernsees bezeichnet. Außerhalb der Saison ist davon wenig zu spüren: Räuchereien, Läden und Lokale sind geschlossen, nur ein Restaurant hat von 11 bis 16 Uhr geöffnet, und statt Besuchern begegnet man vor allem Anwohnern bei Renovierungsarbeiten an Häusern und Booten.

Von den rund 60 verbliebenen Berufsfischern am gesamten Vänernsee ist etwa ein Viertel in Spiken aktiv, gefangen werden vor allem Zander, Hecht, Barsch, Lachs, Forelle und die Kleine Maräne. Auch Freizeitangler dürfen auf dem Vänern kostenlos mit der Handangel fischen, allerdings gelten feste Regeln zu Mindestmaßen, Schonzeiten und einer Fangbegrenzung von maximal drei Lachsen oder Forellen pro Tag. Für den bedrohten Gullspångslachs, den weltweit größten Süßwasserlachs mit über 20 kg Gewicht, gilt seit 2021 ein ganzjähriges Fangverbot.

Tag 31: Mariestad und Sjötorp

Mariestad

Mariestad wurde 1583 von Herzog Karl, dem späteren König Karl IX., gegründet und nach seiner ersten Frau Maria von Pfalz benannt. Wahrzeichen der Stadt ist der Dom, dessen Bau 1593 im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Karl und seinem katholisch gesinnten Bruder um Krone und Konfession begann – die Kirche gilt als Symbol der Reformation in Schweden. Der spätgotische Backsteinbau war 1619 im Wesentlichen fertig, geweiht wurde er 1625; sein 82,5 Meter hoher Turm macht ihn zur zehnthöchsten Kirche Schwedens.

Trotz des Namens war der Dom nie regulärer Bischofssitz: Mariestad war zwischen 1580 und 1646 lediglich Sitz eines Superintendenten, eines bischofsähnlichen Amtes der frühen Reformationszeit – der Ehrentitel „Dom“ blieb seither erhalten. Das heutige Erscheinungsbild mit unverputzten Natursteinfassaden geht auf eine Restaurierung von 1905 zurück.

Anschließend bummelten wir durch die Altstadt, die als eine der besterhaltenen Schwedens gilt, da sie von Stadtbränden verschont blieb – kopfsteingepflasterte Gassen mit pastellfarbenen Holzhäusern. Inhaltlich bietet sie aber recht wenig: Ein kurzer Bummel plus ein Café reichen völlig aus, extra einplanen muss man Mariestad nicht.

Sjötorp – Das Tor zum Göta-Kanal

Sjötorp liegt dort, wo der Göta-Kanal auf den Vänern trifft, und ist bis heute vom jahrhundertelangen Schiffbau geprägt. Bereits in den 1740er-Jahren gab es hier eine kleine Schiffswerft, die eigentliche Sjötorps Varv entstand aber erst in den 1820er-Jahren durch die Göta-Kanal-Gesellschaft, die auch ein Trockendock anlegen ließ. Mit rund 480 gebauten Schiffen war sie die größte Werft am Vänern; „Sjötorps-Bauten“ genossen einen Ruf für hohe Qualität. Zunächst entstanden Prahme und kleinere Segelschiffe, ab 1852 auch Dampfschiffe. Unter der Familie Groth, die das Werftgelände fast 100 Jahre lang gepachtet hatte, wurde bis 1960 der letzte hölzerne Fischkutter gebaut; ab den 1960er-Jahren stellte man auf Stahl um und fertigte bis 1968 Lotsenboote. 1979 übernahm die Kanalgesellschaft die Werft zurück, seit 1991 werden keine Schiffe mehr neu gebaut – das Trockendock existiert aber bis heute und dient der Winterlagerung von Freizeitbooten. Der Göta-Kanal selbst, 1810 begonnen und 1832 eröffnet, verbindet auf 190 km Ostsee und Kattegat und beginnt beziehungsweise endet hier in Sjötorp mit seinen ersten acht Schleusen.

Wer hier übernachtet, steht praktisch mit den Füßen im Kanal: Die Plätze liegen nahe am Wasser, mit Blick auf die Schleusentreppe, vorbeiziehende Boote und die alte Werftkulisse – ein Panorama, das man sich kaum authentischer wünschen kann. Von den bisher besuchten Plätzen in Schweden gehören die in Sjötorp, ähnlich wie die in den Fischerdörfern, zu den landschaftlich schönsten überhaupt: angenehm überschaubar, nie überlaufen wirkend, mit durchweg sauber gepflegten sanitären Anlagen, auch wenn nicht an jedem Platz der volle Serviceumfang vorhanden ist. Der Preis von 350 SEK pro Nacht ist für Lage und Qualität angemessen – in der Hauptsaison dürfte es allerdings schwierig werden, ohne Reservierung einen Platz zu bekommen. Unser Fazit: uneingeschränkt empfehlenswert.

Tag 32: Södra Råda, Kristinehamn und Nysäter

Södra Råda gamla kyrka

Die 1302 bis 1309 errichtete Holzkirche von Södra Råda galt als eine der bedeutendsten mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten Schwedens – wegen ihrer vollständig bemalten Innenräume. Die ältesten Malereien im Chor stammten von 1323 und zählten zu den besterhaltenen Beispielen französisch-gotisch beeinflusster Kirchenmalerei Skandinaviens an ihrem Originalstandort; die jüngeren Malereien im Langhaus schuf 1494 der bedeutende Kirchenmaler Meister Amund. Die Kirche stand bereits auf der Vorschlagsliste für das Weltkulturerbe.

So sah die Kirche innen vor dem Brand aus

In der Nacht zum 12. November 2001 legte ein damals 21-jähriger Täter Feuer – ohne Sprinkleranlage brannte die Kirche vollständig nieder, Bauwerk und Malereien waren unwiederbringlich verloren. Fast zwei Jahre blieb die Tat ungeklärt. Am 11. September 2003 kam es zur tragischen Eskalation: Derselbe Mann, inzwischen in psychiatrischer Behandlung, erstach nach der Nachricht vom Mord an Außenministerin Anna Lindh auf dem Hof einer Kindertagesstätte die fünfjährige Sabina und verletzte ein weiteres Kind schwer. Bei den Vernehmungen gestand er auch die Brandstiftung von 2001 und wurde wegen Mordes und schwerer Brandstiftung zu unbefristeter rechtspsychiatrischer Versorgung verurteilt.

Rund 20 Jahre nach dem Brand wurde eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche eingeweiht – errichtet mit mittelalterlichen Werkzeugen und Techniken, nachdem Handwerker mangels aussagekräftiger Fotos die Konstruktionsdetails an vergleichbaren Bauten derselben Epoche rekonstruieren mussten. Die einzigartigen Malereien selbst bleiben für immer verloren.

Das Picasso-Denkmal bei Kristinehamn

An der Vänern-Bucht Vålösundet bei Kristinehamn steht mit 15 Metern Höhe die größte Skulptur nach einem Entwurf Pablo Picassos weltweit – sie zeigt den Kopf seiner zweiten Ehefrau Jacqueline Roque und wurde 1965 eingeweiht.

Möglich wurde das Werk durch eine Begegnung des Kristinehamner Künstlers Bengt Olson mit dem norwegischen Künstler Carl Nesjar in Frankreich Anfang der 1960er-Jahre. Nesjar hatte mit Picasso an Betonreliefs gearbeitet und dessen Technik des „Béton gravé“ (Ritzung in Naturbeton) mitentwickelt. Als Nesjar erzählte, Picasso sei bereit, ein Projekt zu verschenken, brachte Olson die Idee nach Kristinehamn – 1964 kam Picassos Zusage per Fotomontage mit dem handschriftlichen Vermerk „Oui, Picasso“. Die rund acht Tonnen schwere Betonskulptur wurde unter Nesjars Leitung vor Ort errichtet; Picasso selbst hat sie nie persönlich gesehen.

Die Skulptur steht frei zugänglich im Picassoparken, mit Café und einer kleinen Ausstellung zur Entstehungsgeschichte nebenan.

Nysäters Gästhamn

Nysäter, ein kleiner Ort in der Gemeinde Säffle in Värmland, liegt am Fluss Byälven, der hier den Übergang zwischen Vänern und Glafsfjorden bildet – Teil der historischen Wasserstraße Vikingaleden, auf der schon Wikinger und mittelalterliche Pilger unterwegs waren. Die Gästhamn bietet Stellplätze, Strom, Wasser, Dusche und WC sowie Nähe zu Laden, Badestelle und Sommercafés.

Mitte September ist hier alles sehr ruhig: Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, außer uns steht nur ein einziges Wohnmobil auf dem Platz – die perfekte Gelegenheit, endlich mal wieder die Drohne steigen zu lassen und ein paar schöne Luftaufnahmen vom Fluss und der Umgebung zu machen.

 

Hier geht es zum ersten Teil der Schweden-Reise von Malmö die Süd- und Ostküste entlang bis Stockholm.

Tag 33: Värmlands Vikingacenter, Fengersfors Bruk und Håverud

Värmlands Vikingacenter

Das Wikingerdorf Gladhem am Värmlands Vikingacenter in Nysäter wirkte auf uns eher wie ein Erlebnispark und Bildungsangebot für Schulklassen und Jugendgruppen als wie eine streng wissenschaftliche Rekonstruktion – das ist aber nichts Schlechtes, im Gegenteil: Die Mischung aus den nachgebauten Gebäuden aus dem 11. Jahrhundert, Bootswerkstatt und Angeboten für Kindergeburtstage, Schulklassen und Junggesellinnenabschiede macht den Ort lebendig, natürlich nur in der Saison. Heute wäre eigentlich alles geschlossen gewesen, wir wollten nur einen kurzen Spaziergang über das Gelände machen. Da aber einige Jugendliche vor Ort waren, standen einige Gebäude offen, sodass wir sie besichtigen konnten. Das Museum selbst blieb jedoch geschlossen.

Direkt beim Dorf liegt der Nachbau des Wikingerschiffs Glad av Gillberga, ein rund 17,5 Meter langes Kriegsschiff mit 13 Ruderpaaren und einem 48 Quadratmeter großen Segel. Vorbild war ein Wrackfund aus dem Roskilde-Fjord in Dänemark, gebaut wurde es zwischen 1995 und 1998. Seither hat das Schiff unter anderem Fahrten nach Kanada, Norwegen und Dänemark unternommen und dabei über 15 Knoten erreicht.

Der Fluss Byälven bei Nysäter war zu Zeiten der Wikinger die wichtigste Verkehrsader der Region, vergleichbar mit einer heutigen Fernstraße. Wer mit dem Boot vorbeikam, sah schon von Weitem den Kungshögen, einen echten Grabhügel aus der Wikingerzeit mit rund 40 Metern Durchmesser, der bis heute unweit des Vikingacenters erhalten ist. Die Größe des Hügels deutet auf eine Person von hohem Rang hin; eine Legende verbindet ihn mit dem sagenhaften König Olof Trätälja, auch wenn dieser dort nachweislich nicht bestattet liegt.

Fengersfors Bruk

Fengersfors Bruk war unser nächster Halt. Leider ist die Saison am 13. September zu Ende gegangen – Läden, Café und alle weiteren Einrichtungen hatten bereits geschlossen. Dennoch lohnte sich ein kurzer Bummel bei Sonnenschein durch das Gelände der alten Fabrik, allein schon der mit Ranken bewachsenen alten Industriebauten wegen, die zu dieser Zeit schön rot und grün leuchteten.

Ursprünglich 1796 als Eisenwerk gegründet, stellte man hier ab 1901 unter dem neuen Eigentümer Johan Fenger-Krog Papier her, ab 1913 vor allem das wetterfeste Oceanpapier für den Außeneinsatz. 1968 ging das Unternehmen in Konkurs, 1978 wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Seit den frühen 2000er-Jahren hat sich in den alten Fabrikhallen das Künstlerkollektiv Not Quite angesiedelt: Über 70 Kunstschaffende nutzen die Gebäude heute als Ateliers, Werkstätten und Galerien, teils noch zwischen der historischen Maschinerie. Das wäre sicherlich interessant zu sehen gewesen.

Offen hatte einzig die Bäckerei Brukets Godaste auf dem Gelände, hier kommen auch Menschen aus der Umgebung her. Obwohl weit und breit kein größerer Ort liegt. Sie boten zudem auch hochwertige regionale Lebensmittel wie Säfte, Marmelade, Gebäck, Mehl und vieles mehr in dem kleinen Laden und ganz frisches Brot – ideal, um unsere Vorräte aufzufüllen. Zudem konnte man direkt zuschauen, wie die Brote gebacken wurden. Fotografieren war auf Nachfrage gar kein Problem.

Håverud

Die Schleusentreppe von Håverud ist das technische Herzstück des Dalsland-Kanals und einer der meistbesuchten Orte in ganz Dalsland. Der Kanal selbst wurde zwischen 1865 und 1868 nach den Plänen des schwedischen Ingenieurs Nils Ericson gebaut, um Eisenhütten und Papiermühlen im Landesinneren an die Schifffahrt anzubinden; heute dient er fast nur noch dem Tourismus. Auf seiner insgesamt rund 250 Kilometer langen Strecke, wovon nur etwa 12 Kilometer künstlich angelegt sind, überwindet er einen Höhenunterschied von 66 Metern über 31 Schleusen an 17 Stationen. Allein die Schleusentreppe in Håverud gleicht davon knapp 10 Meter aus.

Besonders sehenswert ist die Akvedukt, eine 33,5 Meter lange, freischwebende Rinne aus genietetem Stahlblech, durch die die Boote über einen tosenden Wasserfall hinweggeführt werden – gehalten von rund 33.000 Nieten, von denen bis heute keine einzige ausgetauscht werden musste. 1868 galt Ericsons Idee, Boote auf diese Weise über den steilen, geologisch instabilen Fels zu führen, als geradezu verwegen, hat sich aber bewährt; seit 2013 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Nur wenige Meter darüber und darunter kreuzen eine Eisenbahnbrücke von 1925 und eine Straßenbrücke von 1987 dieselbe Stelle – Kanal, Schiene und Straße auf drei Ebenen an einem einzigen Punkt.

Im ehemaligen Fabrikgebäude, einer alten Papier- und Zellstofffabrik direkt am Kanal, ist heute das Dalsland Center untergebracht: ein schönes Café und ein großer Laden mit echtem Ambiente, Kunsthandwerk und Souvenirs. Angegliedert ist eine Galerie mit sehenswerten Bildern, darunter großformatige Fotografien von Andreas Lundberg, einem Stockholmer Fotografen, Jahrgang 1973. Zusammen mit seiner Frau Annie Vesterdahl Lundberg arbeitet er am Projekt Silent Stories: erfundene, aber lebensnahe Schicksale, die die beiden in ruhige, filmisch beleuchtete Bilder übersetzen. Das Werk mit der Frau vor dem Fenster trägt den Titel Betty und erzählt von einer Frau, die konservativ aufwuchs, einen Schönheitswettbewerb gewann, sich in einen Piloten verliebte, den sie nie bekam, und sich am Ende für ein Leben allein entschied – nachzulesen in einem kurzen Begleittext, der zu jedem Bild der Serie gehört. Die kleinere Edition (70 × 100 cm) kostet 48.000 schwedische Kronen, umgerechnet gut 4.250 Euro; die größere (100 × 140 cm, nur 11 Exemplare) mit rund 80.000 Kronen, etwa 7.100 Euro, ist inzwischen ausverkauft.

Tag 34: Vitlycke und Fjällbacka

Vitlycke – Felsritzungen als Weltkulturerbe

Wenig los war am Morgen beim Vitlycke Museum, dabei hatten Museum, Café und Laden bereits geöffnet, und wir haben die Umgebung ausgiebig zu Fuß erkundet. Das Museum ist der Besucherpunkt für das Weltkulturerbe der Felsritzungen von Tanum, ein Gebiet von rund 41 Quadratkilometern mit etwa 600 bekannten Fundstellen. Entstanden sind die Bilder über einen enorm langen Zeitraum der Bronzezeit, etwa 1800 bis 500 vor Christus. Ein genaues Alter lässt sich für einzelne Ritzungen kaum bestimmen, da die gängigen naturwissenschaftlichen Methoden wie die C14-Datierung hier nicht greifen, Archäologen behelfen sich deshalb mit den dargestellten Waffentypen, die eine grobe zeitliche Einordnung erlauben.

Was die Figuren tatsächlich bedeuten, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Auffällig ist, dass Alltagsszenen komplett fehlen, keine Häuser, keine Kinder, keine Arbeitsszenen, stattdessen wiederkehrende Motive wie Schiffe, Stiere, Wagen und menschenähnliche Figuren. Das spricht eher für eine bewusste, wahrscheinlich religiös-kultische Bildsprache als für zufällige Kritzeleien. Und wenn man bedenkt, dass jedes Motiv mühsam mit einem härteren Stein wie Quarz aus dem Granit herausgeschlagen wurde, bekommt man eine Ahnung davon, wie viel handwerkliches Können und Zeit unsere bronzezeitlichen Vorfahren dafür aufgebracht haben müssen.

Direkt neben dem Museum liegt der Bronzezeithof, zwei rekonstruierte Langhäuser und eine Werkstatt, die genau das zeigen, wovon die Felsbilder selbst merkwürdigerweise schweigen: den Alltag. Wer möchte, kann sich im Sommer sogar an alten Handwerkstechniken versuchen, etwa Pfeilspitzen aus Feuerstein schlagen oder mit Pfeil und Bogen schießen. Für uns war es vor allem ein guter Kontrast zu den stummen, rätselhaften Bildern nebenan, hier bekam die Bronzezeit auf einmal ein Gesicht.

Von Vitlycke aus sind wir weiter nach Aspeberget gefahren, dem heiligen Berg mit rund zwanzig Bildtafeln, der größten Ansammlung der Region. Das Hauptmotiv dort ist eine Stierprozession, darüber eine Sonnenscheibe, gehalten von zwei weiblichen Figuren, vermutlich als Fruchtbarkeits- oder Sonnensymbol gedacht. Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns eine Reihe von elf Personen, zehn Männer und eine Frau, die als Tanzszene gedeutet wird.

Gut zwei Kilometer entfernt und deutlich stiller gelegen, von Bäumen umgeben statt direkt an der Straße, liegen die Felsritzungen von Litsleby. Dort dominiert eine 2,3 Meter große speertragende Männerfigur die Tafel, eine der größten bekannten menschlichen Darstellungen auf einer bronzezeitlichen Felsritzung Nordeuropas. Man vermutet in ihr eine Vorläuferfigur eines Kriegsgottes wie Odin, weshalb der Ort auch Speergott-Fels genannt wird.

Die kräftige rote Farbe, die die bekanntesten Tafeln heute zieren, ist übrigens nicht original, sie wird erst seit dem 20. Jahrhundert von den Museen aufgetragen und regelmäßig erneuert, einzig zur besseren Sichtbarkeit für Besucher. Ausgemalt wird dabei ohnehin nur ein kleiner Teil, der Rest bleibt naturbelassen und zeigt sich am schönsten im flachen Licht des frühen Morgens oder späten Nachmittags.

Postkartenidylle in Fjällbacka

Fjällbacka war unser nächster Halt, ein kleines Fischerdorf unterhalb des Vetteberget, das seinen Namen genau diesem Hausberg verdankt. An der Hafenpromenade war kaum etwas los, nur ein Restaurant hatte geöffnet, Fischer waren nirgends zu sehen. Das hat einen einfachen Grund: Die Hummerpremiere, der eigentliche Saisonstart, fällt immer auf den ersten Montag nach dem 20. September, zu diesem Zeitpunkt lagen die Boote also noch still im Hafen. Dabei ist der Hummerfang für den Ort weit mehr als ein Fischereizweig, in Bohuslän wird die Premiere mit einer Feierlichkeit begangen, die man sonst eher von Weihnachten kennt.

Dass Fjällbacka überhaupt existiert, verdankt es den Heringsschwärmen früherer Jahrhunderte. Um 1850 galt es als das belebteste Fischerdorf der ganzen Provinz, mit Salzereien, Tranküchen und Handel bis nach Paris, wohin Heringsöl als Brennstoff für die Straßenlaternen verschifft wurde. In der örtlichen Konservenfabrik entstand außerdem das, was wir heute als Anchovis kennen, hier wurde sie erstmals in Schweden hergestellt. Vom früheren Trubel war bei unserem Besuch nichts zu spüren, eher das Gegenteil: ein paar Leute an der Promenade, ansonsten Ruhe.

Berühmt wurde der Ort später auf ganz andere Weise. Ingrid Bergman verbrachte über zwanzig Sommer auf der vorgelagerten Insel Dannholmen, die zu ihrem liebsten Zuhause der Welt wurde, Camilla Läckberg lässt hier ihre Krimis spielen, und in der Felsschlucht Kungsklyftan wurde eine Szene der Verfilmung von Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter gedreht. Für Krimifans gibt es inzwischen sogar geführte Mordwanderungen auf Läckbergs Spuren durch die Gassen.

Tag 35: Fröken Trulls, Hälleviksstrand und Pilane

Fröken Trulls – Café, Restaurant und Antiquitätenladen in einem

Kurz nach der Abfahrt fiel uns am Straßenrand ein Schild mit Antik & Kaffee auf, also kurzerhand umgedreht. Fröken Trulls in Morlanda by auf Orust ist eines der schönsten Cafés, die wir je besucht haben – Café, Restaurant und Antiquitätenladen in einem. Eingerichtet ist alles ausschließlich mit Antiquitäten, von der kleinen Vase bis zu Tischen, Stühlen und Sofas, und wer mag, kann den Stuhl kaufen, auf dem er gerade sitzt, oder das Bild von der Wand. Die Möbel stammen aus ganz Schweden, verteilt auf mehrere gemütliche Räume und, an Tagen mit passendem Wetter, zwei Terrassen. Gekocht wird alles von Grund auf, Kuchen und Gebäck werden vor Ort gebacken, die Karte orientiert sich an der Küche der Bohuslän-Küste und an saisonalen, lokalen Zutaten.

Das Café steht nicht allein, sondern in einem kleinen Ensemble: nebenan liegen die Handelsgärtnerei Orust Handelsträdgård und der Gemischtwarenladen Qvist & Löf, der Besuchern zufolge nach Teer duftet. Betrieben wird Fröken Trulls seit Juni 2022 von Andres und Marina Päärt, die zuvor lange Jahre Café und Restaurant unter anderem auf Sundsby Säteri auf Tjörn geführt hatten. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn dafür ein kleiner Umweg nötig ist.

Hälleviksstrands kyrka auf Orust

In Hälleviksstrand auf Orust steht eine Kirche, wie man sie in Schweden nicht oft sieht: direkt am Ende einer Meeresbucht, unmittelbar vor einer Felswand. Die Einheimischen nennen ihren Ort kurz Strana. Gebaut wurde die Kirche 1904 nach Plänen von Adrian Crispin Peterson, geweiht wurde sie am 20. Oktober 1904 durch Bischof Edvard Rodhe. Es ist die einzige Holzkirche unter den mehr als dreißig Kirchenbauten Petersons, und man sieht ihr an, dass er hier etwas gewagt hat: Der Grundriss bildet ein griechisches Kreuz, der Turm im Westen trägt einen achteckigen Spitzhelm, und die Formen mischen altnordische Vorbilder mit neuromanischen und neugotischen Elementen. Heute ist die Kirche kräftig falunrot gestrichen. Einer Ortslegende zufolge soll kurz nach der Einweihung ein ungewöhnlich starkes Erdbeben Orust erschüttert haben, dem der Neubau sein leicht schiefes Fenster verdankt.

Zu unserer Reisezeit war die Kirche nur von außen zu besichtigen, sie wird derzeit umfassend restauriert; im ersten Bauabschnitt wurden bereits Holzschäden und Dacharbeiten angegangen. Also nutzten wir die Zeit anders und ließen die Drohne steigen. Ein paar schöne Aufnahmen der Kirche aus der Vogelperspektive und der Küstenlandschaft um Strana gelangen uns noch, bevor Regen einsetzte und wir den Flug abbrechen mussten.

Pilane – Gräberfeld und Skulpturenpark auf Tjörn

Pilane liegt im Nordwesten von Tjörn und ist ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf ungewöhnliche Weise begegnen. Der Boden gehört zu einem der bekanntesten Gräberfelder Bohusläns aus der Eisenzeit: Rund 80 bis 90 Steinsetzungen, Grabhügel, Steinkreise und aufrechte Steine verteilen sich über Höhen und Senken, die ältesten von ihnen bis zu 2000 Jahre alt, bestattet wurde hier über mehrere Jahrhunderte hinweg. Namen tragen die Steine nicht, wer hier ruht, weiß heute niemand mehr. Schafe halten die Wiesen kurz, der Blick reicht weit über das Meer nach Westen.

Mitten in diesem Gelände zeigt Skulptur i Pilane seit 2007 jeden Sommer Werke von Künstlern aus aller Welt. Der Guardian zählte die Ausstellung 2016 zu den zehn besten Skulpturenparks Europas. In diesem Sommer und Herbst sind es elf Skulpturen des britisch-deutschen Bildhauers Tony Cragg. Dazu kommen einige Werke anderer Künstler aus früheren Ausstellungen.

Besonders beeindruckend ist Anna von Jaume Plensa, ein 14 Meter hoher weißer Frauenkopf. Er steht seit 2016 auf der höchsten Kuppe des Geländes und ist mittlerweile fest mit Pilane verbunden. Je nachdem, aus welcher Richtung man auf ihn blickt, wirkt er jedes Mal anders. Ein schönes Motiv folgt auf das nächste, und selbst das trübe Wetter hatte hier etwas Mystisches – das graue Licht passte zu einem Ort, an dem man zwischen Gräbern und Kunst wandert.

Tag 36: Sundsby Säteri und Marstrand

Sundsby Säteri und Sundsbyleden auf Tjörn

Sundsby Säteri war unser nächster Halt. Der Gutshof auf der Insel Mjörn liegt im Naturreservat Stigfjorden und wird schon 1388 erstmals erwähnt. Bekannt ist er vor allem durch Margareta Huitfeldt, die im 17. Jahrhundert hier lebte, zu den reichsten Frauen Bohusläns zählte und 1683 starb. Mit einer großen Stiftung legte sie den Grundstein für das Hvitfeldtska-Gymnasium in Göteborg. Über 300 Jahre gehörte der Hof dieser Stiftung, seit 2003 gehört er der Gemeinde Tjörn.

Hier war tatsächlich mehr los, als wir bei dem Wetter erwartet hatten. Viele Schweden nutzen das Wochenende für Ausflüge und Wanderungen, und das Ziel scheint sich zu lohnen: Café, Kunstläden und sogar eine Landbäckerei hatten geöffnet und boten frisch gebackene Waren an. Was für ein Unterschied zu Deutschland! In Schweden öffnen die Läden, wenn die Leute kommen. Bei uns hätte bis auf das Café und die Bäckerei alles geschlossen bleiben müssen, dafür darf unter der Woche geöffnet werden, wenn kaum jemand da ist. Dabei ist das Wochenende, selbst bei Regen, genau die Zeit für Ausflüge. Warum ist das bei uns nicht möglich, was in fast ganz Europa selbstverständlich ist? Haben Bürokratie, Kirchen und Gewerkschaften zu viel mitzureden? Wir jedenfalls genossen die Offenheit in Schweden.

Auf die längere Wanderung, die wir eigentlich vorhatten, verzichteten wir dennoch. Die Sundsbyleden ist gut vier Kilometer lang, man rechnet etwa anderthalb Stunden. Bis auf den ersten Kilometer und den Karpstigen zurück zum Gutshof führt sie über unbefestigte Wald- und Bergpfade, die bei Regen lehmig, rutschig, steil und stellenweise ausgesetzt waren. Ziel der Runde ist der Solklinten, rund 107 Meter über dem Meer, mit weitem Blick über den Stigfjord und die Schären. Nur sieht man bei dem Wetter davon nichts. Kaum waren wir zurück beim Wohnmobil, kam die Sonne heraus.

Marstrand und die Festung Carlsten

Durch den Verzicht auf die Wanderung machten wir auf der Fahrt Richtung Göteborg einen rund 40 Kilometer langen Umweg, der sich wirklich lohnte. Die Straße war wunderbar: durch Wiesen und Wälder, über Brücken und oft an der Küste entlang. Allein das war den Weg schon wert.

Ziel war Marstrand. Autos müssen auf Koön bleiben, für die Überfahrt nach Marstrandsön nimmt man die Fähre, die nur zwei Minuten braucht. Der Ort hat eine bewegte Geschichte. Erst mit dem Frieden von Roskilde 1658 kam er zu Schweden, und von 1775 bis 1794 war er ein Freihafen mit Religionsfreiheit und freier Zuwanderung. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs liefen rund zwanzig amerikanische Schiffe den Hafen an. Im 19. Jahrhundert wurde Marstrand zu einem beliebten Badeort, heute ist es ein bekanntes Segelrevier.

Über den Holzhäusern thront die Festung Carlsten, benannt nach König Karl X. Gustav und seit über 300 Jahren Wächterin des Ortes. Als fertig ausgebaut galt sie erst 1860. Ihr berühmtester Gefangener war der Dieb Lasse-Maja, der sich gern in Frauenkleider hüllte. Ab 1813 saß er hier 26 Jahre ein und arbeitete als Koch der Festung. Leider war sie geschlossen, sodass uns nur der Blick von außen blieb und eine kurze Wanderung durch die Außenanlage und um die Burg.

Dazu blies ein kräftiger Wind. Laut Wetterportal lag der Tageshöchstwert bei 15 Metern pro Sekunde, das sind knapp 55 km/h, in Böen vermutlich bis rund 75 km/h. Dennoch wagte ich einen kurzen Flug mit der Drohne, die zwar permanent meckerte, sich manuell aber gut steuern ließ. Zu weit aufs Meer hinaus steuerte ich sie aber nicht.

Tag 37: Göteborg – von der Haga über die Saluhallen bis zur Domkyrka

Göteborg – Handel, Hafen und Weltoffenheit

Den heutigen Tag haben wir ganz der Stadt Göteborg gewidmet. Sie steht für Handel, Hafen und Weltoffenheit. 1621 bekam sie unter König Gustav II. Adolf das Stadtrecht und war damals Schwedens Zugang zur Nordsee, an der Mündung des Göta älv gelegen. Beim Bau holte der König niederländische Experten für das Bauen auf Marschboden. Sie prägten die Stadt mit Kanälen, von denen im Bereich des ehemaligen Wallgrabens noch einige erhalten sind. Auch Deutsche und Schotten siedelten sich an, und die Stadt hat bis heute den Ruf, offen für Fremde zu sein. Der Hafen bestimmt den Charakter Göteborgs bis heute, von der Zeit der schwedischen Ostindienkompanie über die Werften bis zum modernen Containerhafen. Er gilt als der größte Hafen der nordischen Länder. Auch Volvo wurde hier 1927 gegründet. Mit gut 600.000 Einwohnern ist Göteborg nach Stockholm die zweitgrößte Stadt Schwedens.

Haga – Göteborgs erste Vorstadt

Von der Haltestelle Töpelsgatan machten wir uns auf ins Stadtzentrum. Mit der Straßenbahn brauchten wir etwa 20 Minuten, einmal mussten wir umsteigen, bis zu unserem ersten Ziel, der Haga Kyrka. Sie war an diesem Tag leider geschlossen, also warfen wir nur einen kurzen Blick auf sie und gingen weiter in das Altstadtviertel Haga.

Der Stadtteil wurde Mitte des 17. Jahrhunderts auf Anordnung von Königin Kristina als Göteborgs erste Vorstadt angelegt. Typisch sind die Landshövdingehäuser mit gemauertem Erdgeschoss und Obergeschossen aus Holz. In den 1970er-Jahren sollte das Viertel abgerissen werden, der Einsatz der Bewohner rettete zumindest einen Teil davon. Heute reihen sich entlang der Haga Nygata über Kopfsteinpflaster kleine Läden mit handwerklichen Produkten, zwei Antikläden, Restaurants und Cafés aneinander.

Im Café Husaren machten wir Pause. In der Auslage stapelten sich die Zimtschnecken, denn hier ist die Hagabulle zu Hause, eine Zimtschnecke in Tellergröße. Für uns beide war sie jedoch zu groß.

Stora Saluhallen und Trädgårdsföreningen

Zurück ging es mit der Straßenbahn in wenigen Minuten zum Brunnsparken. Von dort war es nur ein kurzer Fußweg zur Stora Saluhallen am Kungstorget, der Markthalle mit wunderbaren Lebensmittelgeschäften und zahlreichen Essensmöglichkeiten. Die Markthalle entstand 1888 bis 1889 nach Plänen von Hans Hedlund, gebaut aus Stein, Eisen und Glas. Das Glasdach ruht auf gewölbten Eisenbögen, seit 1985 steht die Halle unter Denkmalschutz. Rund vierzig Läden, Bars und Restaurants haben hier ihren Platz.

Weiter ging es zum Trädgårdsföreningen. Der Stadtpark wurde 1842 gegründet und gilt als einer der am besten erhaltenen Parks des 19. Jahrhunderts in Europa. Der Eintritt ist frei, ebenso im Palmhuset von 1878. Das Gewächshaus aus Gusseisen und Glas hat knapp 1.000 Quadratmeter und fünf Abteilungen: in der Mitte die Palmen, seitlich Tropen-, Wasser-, Mittelmeer- und Kamelienhaus. Dort stehen zwischendurch Sitzgelegenheiten, was uns sehr gelegen kam. Besichtigen kann man derzeit aber nur einen Teil, der Rest wird gerade restauriert.

Antikhallarna und Gustavi domkyrka

Anschließend ging es die Västra Hamngatan entlang zu den Antikhallarna, einem Antikcenter. Leider waren von den acht Antikläden fünf geschlossen.

Dafür fanden wir darin ein sehr schönes Café, was fast wichtiger war. Das Haus war ursprünglich ein Bankpalast im Stil der Neorenaissance mit römischen Vorbildern. Die Bank zog 1885 ein, ganz fertig wurde das Gebäude erst 1905.

Zum nahegelegenen Dom waren es dann nur wenige Schritte. Die Gustavi domkyrka ist die dritte Kirche an dieser Stelle, ihre beiden Vorgänger brannten 1721 und 1802 nieder. Eingeweiht wurde sie 1815, entworfen hat sie Carl Wilhelm Carlberg im klassizistischen Stil. Rund um die Kirche lag lange ein Friedhof, auf dem schätzungsweise 20.000 Menschen bestattet wurden. Nach dem Brand von 1802 verlegte man ihn nach Stampen. Innen wurde die Kirche 2014/15 zum 200-jährigen Jubiläum hell renoviert, wirkt recht modern. Vom Dom gingen wir kurz zum Brunnsparken zurück und fuhren von dort in etwa 15 Minuten mit der Straßenbahn nach Skatås, wo unser Wohnmobil stand. Insgesamt legten wir an diesem Tag 5,7 Kilometer in der Stadt zu Fuß zurück.

Tag 38: Tjolöholms slott, Grimeton und Malmö

Tjolöholms slott

Tjolöholms slott war unser nächster Halt, rund 40 Kilometer südlich von Göteborg auf einer Halbinsel im Kungsbackafjord gelegen. Das Herrenhaus zählt zu den ungewöhnlichsten Bauwerken Schwedens: ein Bau im englischen Tudor- und Arts-and-Crafts-Stil, weit entfernt vom sonst so schwedisch geprägten Baustil ringsum. Errichtet wurde es zwischen 1898 und 1904 für das wohlhabende, britisch-schwedische Ehepaar James Fredrik und Blanche Dickson, nach Plänen des Architekten Lars Israel Wahlman.

James Fredrik Dickson erlebte die Fertigstellung nicht. Kurz nach Baubeginn schnitt er sich bei einem Fest in den Finger und wickelte sich die Folie einer Weinflasche darum, um die Blutung zu stillen. Er starb wenig später an einer Blutvergiftung. Blanche Dickson führte den Bau allein zu Ende, überwachte jedes Detail und ließ die Innenräume unter anderem beim Londoner Kaufhaus Liberty einrichten. Nur zwei Jahre nach der Fertigstellung starb auch sie, auf der Rückreise von einem Besuch bei ihren Brüdern auf Ceylon.

Schon um 1900 verfügte das Schloss über Zentralheizung, Elektrizität und für die Zeit außergewöhnliche Bäder. Eine der ersten Staubsaugeranlagen Schwedens wurde mit Pferdewagen ums Haus gezogen, während lange Schläuche durch die Fenster in die Zimmer führten. Zum Anwesen gehört ein Arbeiterdorf im schwedischen Nationalstil mit dem Restaurant Storstugan, umgeben von einer Parklandschaft Wahlmans direkt am Meer. Bekannt wurde Tjolöholm auch als Drehort für Lars von Triers Film Melancholia von 2011.

Wir schlenderten durch den weitläufigen Park mit Blick auf den Fjord, vorbei an Sonnenuhr und Rasenflächen, auf denen ein Mähroboter seine Bahnen zog, ein kleiner Kontrast zur historischen Kulisse. Von der Vorderfront mit ihren Treppenstufen bis zur verwinkelten Rückseite mit den charakteristischen Schornsteinen lohnt ein Rundgang um das ganze Gebäude.

Radiostation Grimeton

Weiter ging es zur Radiostation Grimeton, Rufzeichen SAQ, rund 10 Kilometer östlich von Varberg in Halland. Sie gehört seit 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe und ist weltweit die einzige noch voll funktionsfähige Längstwellenstation, die mit rein elektromechanischer Technik arbeitet, ganz ohne moderne Elektronik. Erbaut wurde die Anlage zwischen 1922 und 1924, um nach dem Ersten Weltkrieg drahtlose Morsetelegramme über den Atlantik bis nach New York zu übertragen. Herzstück ist ein 200-Kilowatt-Wechselstromgenerator, der sogenannte Alexanderson-Alternator, der die Funkwellen rein mechanisch erzeugt. Im Zweiten Weltkrieg war Grimeton Schwedens wichtigste Verbindung zur freien Welt, nachdem die Seekabel gekappt worden waren.

Die weithin sichtbare Antennenanlage besteht aus sechs 127 Meter hohen Stahlmasten, die sich über eine Länge von rund zwei Kilometern durch die Landschaft ziehen. Obwohl die Technik über hundert Jahre alt ist, wird der historische Sender traditionell zweimal im Jahr für ein kurzes Testtelegramm hochgefahren: um die Mittsommerzeit, am sogenannten Alexanderson Day, und am Morgen des Heiligabends. Funkamateure weltweit versuchen dann, das Signal auf der extrem niedrigen Frequenz von 17,2 Kilohertz zu empfangen.

Wie langsam diese Technik im Vergleich zu heute war, verdeutlicht eine Tafel in der Ausstellung: Für die Übertragung eines Gigabits an Daten benötigte die Anlage rund drei Jahre. Ein modernes MacBook Pro schafft dieselbe Datenmenge über WLAN in etwa einer Sekunde. Bemerkenswert war auch, wie der Besuch organisiert ist: Man kann sich online ein Ticket besorgen und die Museumstüren per QR-Code selbst öffnen, um allein durch die Gebäude zu schlendern. Allein waren wir am Ende aber nicht, zwei Männer arbeiteten gerade an der Anlage. An ihnen sah man, wie alt diese Technik inzwischen ist, beide dürften um die 80 Jahre gewesen sein. Das Wissen, ein solches System am Laufen zu halten, dürften nur noch sehr wenige Menschen besitzen. Wenn es keine Jüngeren mehr gibt, die das lernen, wird es schwer werden, den Sender auf Dauer zu erhalten.

Die letzte Nacht in Malmö

Weiter ging es dann bis nach Malmö. Wir beschlossen, noch einmal am Hafen zu übernachten, an dem wir schon zwei Nächte verbracht hatten, bevor es am nächsten Tag über die Öresundbrücke zurück nach Dänemark Richtung Deutschland gehen sollte. Zumal dort auch die wunderbare Fischräucherei liegt, bei der wir noch einmal einen kleinen Vorrat einkaufen und anschließend essen gehen wollten.

Das mit dem Einkaufen klappte, nur von den zahlreichen Stellplätzen an der Marina waren jetzt nur noch neun übrig, die Boote, die für den Winter aus dem Wasser geholt werden, belegten den Rest. Und ausgerechnet diese neun Plätze waren schon alle vergeben. Also zurück zur Fischräucherei, ein gutes Stück Fisch gegönnt und ein Glas Wein dazu, dann weiter in den anderen Jachthafen Malmös. Dort gab es noch ein paar freie Plätze.

So verbrachten wir die letzte Nacht in Schweden bei einem schönen Sonnenuntergang mit Blick auf die Öresundbrücke.

Das Fazit

Sechs Wochen, von Stuttgart über Malmö und Stockholm bis wieder zurück über Dalsland und Bohuslän, das ist am Ende weit mehr geworden als eine Rundreise durch Südschweden, es war eine Reise durch drei Jahrtausende. Kaum ein anderes Land lässt einen so unmittelbar zwischen den Zeiten wandern: am Vormittag zwischen den Grabhügeln und Schiffssetzungen der Wikinger in Anundshög oder auf den Spuren der Christianisierung in Varnhem und Kata Gård, am Nachmittag schon im rekonstruierten Wikingerdorf Fotevikens oder zwischen den rätselhaften bronzezeitlichen Felsritzungen von Tanum, deren Bedeutung bis heute nicht restlos geklärt ist. Genauso dicht folgten die Schlösser aufeinander, von der Wasserburg Malmöhus über das Märchenschloss Läckö und das mächtige Renaissanceschloss Kalmar bis zu Gripsholm mit seiner einzigartigen Porträtsammlung, jedes mit einer eigenen Geschichte von Königen, Bränden und Wiederaufbauten, und dazwischen immer wieder die stillen, roten Fischerdörfer an der Küste, die Holzstädte Hjo und Nora, das gläserne Handwerk im Glasriket oder die Schleusentreppen am Göta- und am Dalsland-Kanal.

Wer selbst mit dem Wohnmobil aufbrechen möchte, sollte sich vor allem eines mitnehmen: Zeit statt eines vollen Plans. Gerade die Nachsaison, in der wir unterwegs waren, hat uns ruhige, fast menschenleere Orte beschert, an denen wir Wikingergräber, Burgruinen und Fischerhäfen praktisch für uns allein hatten, das hat einen ganz eigenen Reiz, auch wenn dafür an manchem Ort Café oder Museum schon geschlossen hatten. Empfehlenswert ist Südschweden für alle, die Geschichte nicht nur besichtigen, sondern zwischen echten Steinen und Ruinen erspüren wollen, verbunden mit den einfachen, guten Dingen unterwegs: frisch geräuchertem Lachs direkt am Hafen, einer Fika im historischen Café und einem Stellplatz mit Blick aufs Wasser.

Islands Westfjorde und der Nordost-Grönland-Nationalpark: Film als BluRay erhältlich

Der Film über die Reise auf die Westfjorde Islands und in den Nordost-Grönland-Nationalpark ist nun als BluRay in meinem Shop erhältlich. Der 65-minütige Film beinhaltet eigentlich zwei Reisen:

Teil I: Islandreisende lassen die Westfjorde häufig aus. Ein Fehler. So finden sich einige Sehenswürdigkeiten, die dem Rest der Insel in Nichts nachstehen. Der Reiseführer Lonely´s Planet stuft diese Region sogar als eines der Top-Ten-Ziele ein, die man einmal im Leben bereist haben sollte. Besucht wurden unter anderen Isafjördur, der kilometerlange rote Sandstrand Raudasandur, das 1981 gestrandete Schiffswrack Garðar B64 oder ein Naturschauspiel, den Wasserfall Dynjandi. Hier geht es zum Reisebericht Westfjorde.

Im zweiten Teil des Filmes geht es hoch in die Fjordlandschaft des Norost-Grönland-Nationalparkes. Mit einer Fläche von 972.000 Quadratkilometern ist es der größte Nationalpark weltweit, zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland. Nur wenige Hundert Menschen sollen ihn pro Jahr besuchen, man braucht dazu eine Genehmigung. Wir halten uns vorwiegend in Bereich des Soresby-Sund bis zum Kaiser Franz Josef Fjord auf. Unterwegs sind wir mit dem Expeditionsschiff MS Sea Spirit. Die Reise in den hohen Norden offenbart die Schönheit und Einmaligkeit dieser Landschaften, aber auch deren Fragilität. Vermutlich wird schon die übernächste Generation es so nicht mehr erleben können. Der komplette Reisebericht mit zahlreichen Fotos findet sich hier unter diesem Link. 

 

Unterwegs im Osten Grönlands, einer selten bereisten Region

Der Bericht zu unsere Reise in den Osten Grönlands ist nun fertig und online gestellt. Neben der Reisereportage finden sich zahlreiche Bilder, die einen Eindruck von derRegion um den Nordost-Grönland-Nationalpark geben. Besucht wird er nur von etwa 1000 Menschen pro Jahr und bietet fantastische Landschaften, Gletscher- und Eiswelten, eine überraschend üppige Fauna und ist zugleich ein Paradies für geologisch Interessierte.

Reisereportage Island, die Westfjorde ist online

Etwa eine Woche waren wir auf den Westfjorden Islands unterwegs, bevor es weiter nach Ostgrönland ging. Diese Region hatten wir bei unserer letzten Islandreise ausgelassen (hier geht es zur damaligen Reise).  Der Reisebericht ist nun online, mit zahlreichen Bildern. Und wer es genauer wissen will, der geht auf meinen Blog in FindPenguin mit einer Art Tagebuch. Viel Spaß beim Lesen.

Die Westfjorde Islands 2023

Die Westfjorde- eine selten bereiste Region Islands

Als wir 2016 Island erstmals bereisten, ließen wir die Westfjorde aus (hier geht es zur Reisereportage Island und das Hochland). Nun ergab sich die Gelegenheit aufgrund einer Grönlandreise – sie startet von Reykjavik aus – dies nachzuholen. So nehmen wir uns eine Woche Zeit für die selten bereiste Region, bevor es in den hohen Norden und die Arktis geht. Die Halbinsel ist durch eine etwa zehn Kilometer breite Felsenbrücke mit dem Rest des Landes verbunden. Zahlreiche tief ins Land reichende Fjorde zeichnen die nahezu baumlose Gegend aus, die Küstenlänge macht mit 2000 Kilometer Länge etwa ein Drittel der Küstenlänge ganz Islands aus, obwohl die Fläche der Westfjorde gerade mal ein Zwölftel der Insel beträgt. Das merk man schnell beim Fahren. Von unserem Domizil in Heydalur beträgt die Entfernung nach Isafjördur, dem größten Ort der Westfjorde gerade mal 20 Kilometer Luftlinie, die Fahrtstrecke aber 140 km. Wir sind im Heydalur Country Hotel untergebracht, ein im Nirgendwo liegender Reiterhof. Müssen entsprechend mehr Zeit für Fahrten einkalkulieren, zumal viele Fotostopps die Fahrzeit beträchtlich verlängern. Aber durch diese Landschaft zu touren, auch das ist schon ein Erlebnis.

Mit 2000 km macht die Küstenlänge der Westfjorde ein Drittel der Küsten ganz Island aus

Hier geht es zu einem ausführlichen Reisebericht auf meinem Blog auf FindPenguin mit den täglichen Berichten – hier, auf meiner Website findet sich eine kürzere Zusammenfassung.

Auf den Westfjordend leben 7000 Menschen. Davon 3000 in Isafjördur. Verlassene Gehöfte sind nicht selten. Dafür begegnen einem allerorten Schafe. Man lebt von der Landwirtschaft, dem Fischfang und in der kurzen Saison etwas vom Tourismus. Keine andere Region des Landes ist so von Abwanderung betroffen, aufgrund extremer Klimabedingungen. Das macht aber auch den Reiz für einen Besuch dieser Landschaft aus. Dabei ist die Region ein hervorragendes Ziel für Wanderer, Radfahrer oder Natur- und Vogelliebhaber. In den Fjorden finden sich heiße Quellen, Angelstellen, Wanderpfade und unzählige Fotomotive bei einem Licht, wie man es aus unseren Breiten nicht kennt. Auch Menschen begegnet man recht selten, schaffen es doch nur etwa zehn Prozent der Islandreisenden in diese Region

Der Dynjandi, ein gern besuchtes Naturschauspiel

Auf dem Weg in die Fjorde via Djúpavik

Wir sind nach unserer Landung in Keflavik schnurstracks in Richtung der Westfjorde gefahren, am ersten Tag bis nach Drangsnes für eine Zwischenübernachtung. Von hier aus ging es am Folgetag über eine gute Piste erst mal nordwärts nach Djúpavík und ein Stück darüber hinaus. In dem Ort leben heute ganzjährig noch drei Menschen, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts waren es noch 300. 1934 entstand hier eine der damals fortschrittlichsten Heringsfariken weltweit und das mit 6000 m2 größte Betongebäude Islands. Nur blieb ab 1948 der Hering aus, was das Ende der Fabrik besiegelte. Pläne das Gebäude anderweitig zu nutzen scheiterten, so verfiel alles. 1982 war keiner mehr hier. Zwei Jahre später kam ein Ehepaar, renovierte das ehemalige Arbeiterinnenhaus und eröffnete ein Hotel. Sie unternehmen große Anstrengungen, um den weiteren Verfall der Fabrik zu verhindern. Machen im Sommer Kunstsaustellungen und nutzen es für kulturelle Veranstaltungen. Heute sind sieben Gebäude im Ort renoviert und bewohnbar, einige Menschen nutzen sie im Sommer.

Noch ein Stück die Piste weiter die Landschaft genossen, dann fahren wir wieder zurück, fast bis an unseren Ausgangspunkt heute Morgen, den wir vor etwas mehr als vier Stunden verlassen hatten. Weiter geht es zu unserem Domizil für die nächsten sechs Tage, vom Hof Heydalur aus wollen wir verschiedene Tagesausflüge machen oder einfach die warmen Quellen genießen.

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Isafjördur, das Zentrum der Region

Wir machen uns auf dem Weg in das 140 Kilometer entfernte Isafjördur, dem Zentrum der Westfjorde. Nach einigen Kilometern entdecken wir einige Seehunde, die sich nahe dem Ufer auf Steinen im Wasser faul räkeln. Gut für einige schöne Bilder und eine halbstündige Pause.

Nach insgesamt zwei Stunden erreichen wir Isafjördur. Wer hier eine größere Stadt erwartet, liegt falsch. Auch wenn der Ort mit den etwa 3000 Einwohnern fast ein städtisches Flair verbreitet. Hier konzentrieren sich Handel, Verwaltung und Dienstleistungen der Westfjorde, alljährlich finden die Europameisterschaften im Schlammfußball statt. Passt zum derzeitigen Wetter. Es ist trüb und regnet immer wieder. Schon um 920 sollen Menschen an dem Ort gelebt haben, schützt eine Sandbank doch einen der besten natürlichen Häfen der Insel. Wir machen einen Stadtspaziergang, es ist derzeit recht wenig los, obwohl zwei Kreuzfahrtschiffe angelegt haben. Die haben diesen Ort auch entdeckt. Dennoch, man lebt vom Fischfang und dessen Verarbeitung, nur wenig vom Tourismus. So finden sich gerade mal fünf kleine Geschäfte mit Handwerkswaren für die Besucher, die zudem noch Artikel für den täglichen Bedarf für die Einwohner führen. Dafür finden sich mehrere große Supermärkte, Schule, Krankenhaus und einige Museen.

Ein paar Kilometer weiter liegt die ehemalige Fischereistation Ósvör, heute ein kleines Museum. Zu besichtigen ist eine originalgetreu wieder aufgebaute Fischerhütte – sie entspricht dem Stand von 1890, ein Salzhaus für den Klippfisch, die Trockenhütte und ein Platz, auf dem die Fische getrocknet wurden. Das Ruderboot mit dem sechs Männer auch auf Walfang gingen, liegt am Strand. Ständig bewohnt war dieser Ort nur von 1905 bis 1925.

Alles in den Gebäuden ist original, als wären die Männer gerade auf Fang. In einem dieser Häuser wohnten sechs Männer, sie teilten sich drei Betten sowie eine Frau. Sie bekochte die Männer, erhielt dafür zwei Prozent des Fangpreises als Lohn. Für die Saison von Januar bis Ende Juni mussten die Männer eine Truhe Lebensmittel mitbringen. Durch die Anlage führt ein alter Fischer in original mit Fischöl imprägnierter Fischerkleidung aus Schafhaut.

Das Polarfuchszentrum in Sudavik

Auf dem Rückweg besuchen wir noch das Polarfuchszentrum in Sudavik. Thema ist das einzige in Island wild vorkommende Landsäugetier, eben der Polarfuchs. Schätzungsweise 7000 davon leben auf der Insel, davon der größte Teil auf den Westfjorden, werden immer noch gejagt. 1930 entsprach der Preis für ein Fell einem Jahresgehalt. Besonders wertvoll war der seltene Blaufuchs. In dem Zentrum zieht man auch allein aufgefundene Jungtiere auf – derzeit zwei, deren Eltern der Jagd zum Opfer fielen. Die einen schießen, die anderen päppeln sie auf. Nur in dem nördlichsten, unzugänglichen Zipfel, in Hornstrandir, sind sie geschützt. Noch heute halten die meisten Bezirksverwaltungen Fuchsjäger. Es gibt sogar eine Belohnung für erlegte Füchse und der Staat bezahlt eine Abschussprämie für jeden Fuchs.

Ruhetag in Heydalur

Wir haben heute einen Ruhetag eingelegt. Zumal der Wetterbericht nicht Gutes versprach. So kommt es auch. Es regnet immer wieder, ist windig und kühl. Gehört zu Island dazu.

Der Besitzer unseres Domizils, dem Hof Heydalur, ist aus Reykjavik zugereist und kümmert sich um die Aufforstung dieser Gegend. Für den eigenen Gemüseanbau nutzt er die natürliche Erdwärme. Den großen Stall hat er umgebaut und zu einem Gästehaus umfunktioniert. Insgesamt gibt es 19 Zimmer und drei Hütten. Eine davon haben wir in Beschlag genommen. Am Fluss gibt es zudem einen Zeltplatz. Warme Quellen sowie ein Pool im ehemaligen Gewächshaus sorgen für Entspannung. Gegessen wird im alten Heuschober, das meiste kommt aus eigenem Anbau, auch das Brot wird selbst gebacken. Besonders schmackhaft sind die selbst gezüchteten Forellen, das eigene Lamm und die Fischsuppe. Von hier aus lassen sich mehrere Wanderungen unternehmen oder auch kürzere oder längere Ausritte auf einem der hier lebenden Islandpferde. Die gehören zum Land wie Vulkane, Wasserfälle und Regen und nahezu jeder kann auch reiten. Alles in allem eine gute Wahl, auch wenn der Standort für die Besuche der Attraktionen der Westfjorde nicht optimal ist. Das kompensieren aber der Hof, das Essen und die Natur.

Einmal rund um die Fjorde

Es steht eine größere Rundfahrt auf dem Programm, zu drei Sehenswürdigkeiten in dieser Region: einem kilometerlangen roten Sandstrand im Süden, einem 1981 gestrandeten Schiffswrack und einem Naturschauspiel, den Wasserfall Dynjandi. Den Vogelfelsen mit den Papageientauchern lassen wir aus, ziehen die meisten Vögel doch Anfang August hinaus aufs Meer. Für den eventuellen Rest ist der Weg dann doch zu weit. Auch so haben wir eine Strecke von deutlich über 500 Kilometern und reine Fahrzeit von sieben bis acht Stunden vor uns. Etwa ein Drittel davon auf unbefestigten Straßen. 

Schon die Fahrt über eine Hochebene auf einer guten Piste lohnt der Landschaft wegen. Natürlich kommt die Drohne zum Einsatz. Nach gut dreieinhalb Stunde erreichen wir unser erstes Ziel, Raudasandur, den roten Sandstand.

Je nach Lichteinfall erscheint er mal intensiv rot, orange, gelb oder beige. Er würde jedem Strand in der Karibik zur Ehre gereichen, wären da nicht die Temperaturen im Wasser wie an Land und die fehlenden Palmen. Zehn Kilometer lang und nicht der einzige schöne Sandstrand in dieser Gegend. 

Die rote Farbe des Sandes kommt von der Schale der isländischen Kammmuschel und rund um Breiðafjörður am weit verbreitet ist. Bei guten Bedingungen leben über 100 Muscheln auf einem Quadratmeter. Sterben sie, zerbröseln die Wellen die Schalen und spülen die Reste an Land. So gesehen ist der Sandstrand eher ein Muschelstrand.

Nahe gelegen an der Küste von Patreksfjörður findet sich das Wrack der Garðar B64. Gebaut 1912 in Norwegen, kam es 1950 nach Island und strandete 1981 hier an der Küste, rostet seitdem still vor sich hin. Früher diente es zum Walfang. Nachdem dieser eingeschränkt wurde, hat man es für den Fang von Heringen umgebaut. 1982 schließlich lief die Zeit für das Schiff ab, es war nicht mehr seetüchtig und wurde auf dem flachem Kiesstrand auf Grund gelaufen. Heute dient es als Touristenattraktion und Fotomotiv und nicht mehr dem Walfang.

Nach einer Essenspause geht es weiter nördlich, nach knapp einer Stunde haben wir den schönsten Wasserfall der Westfjorde erreicht, den Dynjandi. Er stürzt über mehrere Stufen rund 100 m in die Tiefe. Der Name bedeutet Dröhner, des lauten Geräusches des fallenden Wassers wegen. Im oberen Bereich scheint der Fall wie ein breiter und zugleich filigraner Vorhang zu Tal zu fallen. Der Dynjandi ist aber nur einer von mehreren Wasserfällen hier, oberhalb finden sich im Verlauf des Flusses eine ganze Reihe kleinere Fälle wie auch unterhalb. Es ist eine regelrechte Wasserfall-Inszenierung entlang des Flusses, wie sie es auf Island so nicht mehr gibt. Und Island strotzt vor fantastischen Wasserfällen.

Nach unserem Aufenthalt geht es dann rund 3 ½ Stunden zurück, ohne weitere Stopps. Morgen ist wieder ein Ruhetag angesagt.

Relaxen und Rückfahrt via Hólmavik

Wir halten uns nun zwei Tage auf dem Hof Heydalur auf, genießen die warmen Quellen, das Essen, die Ruhe. Machen kürzere Wanderungen. Morgen am Dienstag ist wieder ein Fahrtag angesagt, es geht zurück nach Reykjavik bevor wir nach Grönland aufbrechen.

Es geht zurück nach Reykjavik. Auf dem Weg machen wir zwei Stopps in und nahe Hólmavik. Wir besichtigen ein Museum der Zauberei und Magie, das sich mit der Hexenverfolgung auf Island befasst. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit Schwerpunkt zwischen 1654 und 1680 beherrschten Hexereiprozesse die Gerichtsversammlungen. In Island fanden dabei 21 Menschen den Tod auf dem Scheiterhaufen, darunter eine Frau. Hexerei war wohl eher Männersache. Der Besitz oder Gebrauch von magischen Runen und Symbolen reichte schon für ein Todesurteil aus. 

Die Leichenhose

Etwas gruselig ist ein altes, originales Exponat eines nabrok, einer Leichenhose. Ich zitiere etwas gekürzt den alten Originaltext: „Zunächst muss der Zauberer mit einem noch lebenden Menschen einen Pakt schließen und die Erlaubnis bekommen, nach dessen Tod den Leichnam auszugraben und ihn von der Taille an abwärts zu häuten… Der Zauberer steigt in die Haut, die sofort eins mit seiner eigenen wird, und stiehlt sodann eine Münze von einer alten Witwe…. und bewahrt sie im Hodensack auf. Die Münze wird dann Geld von lebenden Personen einziehen, und der Hodensack wird niemals leer sein. Allerdings ist des Zauberers Seelenheil gefährdet, falls er sich nicht der Leichenhose entledigt, bevor er stirbt; denn dann wird er direkt nach seinem Tod von Läusen befallen werden. Der Zauberer muss deshalb jemanden finden, der bereit ist, sein Bein in das rechte Hosenbein zu stecken, bevor er selbst aus dem linken Hosenbein fährt. Die Leichenhose wird so weiterhin Generationen von Besitzern Geld einbringen.“

Etwa zehn Fahrminuten entfernt lässt sich ein weiteres Museum besuchen, dass sich mit Schafen auf Island auseinandersetzt. Sie waren jahrhundertelang für das Überleben der Menschen hier existenziell. Schon die ersten Siedler brachten Schafe mit, und nur dank ihres Fleisches und der Wolle konnten die Menschen überleben. In Island gibt es mehr Schafe als Menschen, die meisten streifen den ganzen Sommer lang frei herum. Meist sieht man drei Tiere, ein Mutterschaf mit zwei Lämmern. Wie es heißt, sind der größte Feind der Schafe – nach dem Metzger – schlechte Autofahrer. Vom Fuchs gerissen wird ein Lamm nur sehr selten. Dennoch Jagd man ihn zum Schutz der Schafe. Eher nur ein Vorwand wie der Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken.

Leitschafe sind eine Besonderheit, die es nur auf Island geben soll. Sie gelten als außergewöhnlich klug und entschlossen, lotsen auch mal eine Herde über Stock und Stein, sollen zudem besonders wetterfühlig. So können sie bei einem Sturm eine große Gruppe von Schafen durch ständiges Umkreisen zusammenhalten. Einige Leitschafe genießen hier eine große Berühmtheit, da sie beim Schafabtrieb im Unwetter eine große Anzahl Schafe und etliche Treiber aus Lebensgefahr gerettet haben sollen.
Weiter ging es dann nach Reykjavik, hier verbringen wir noch eine Nacht im Grand Hotel bevor es morgen Nachmittag auf die MS Sea Spirit geht, unser Expeditionsschiff für die Tour in den Osten Grönlands.

Fazit

Der Besuch der Westfjorde ist ein etwas anderes Island, zugleich sind sie der älteste Teil der Insel, entstanden vor etwa 16 Millionen Jahren. Die Berge und Fjorde wurden durch Eiszeiten und Gletscher geformt, anders als in den vulkanisch noch aktiven Zonen Islands. Das unterscheidet diese Region landschaftlich vom Rest der Insel. Ein großer Teil der Region ist der Natur überlassen, wie generell in Island. Ist das Land doch dünn besiedelt. Lange Fahrstrecken sind vorprogrammiert, ohne eigenes Fahrzeug geht es kaum. Oder aber mit dem Fahrrad und Zelt, auch das ist möglich. Man sollte zudem schon mit unbefestigten Straßen vertraut sein, will man die Hauptachse verlassen. Der Reiseführer von Lonely Planet hat die Westfjorde auf die Liste der zehn besten Regionen gesetzt, die man auf der Welt besuchen sollte, zudem erhielten sie die Auszeichnung als „European Destination of Excellence“. Mehr muss man nicht sagen.

Hier geht es zu dem Reisebericht über den Nord-Ost-Grönland-Nationalpark.

Quellen: eigene Erfahrungen, Internetrecherche, Bilder Werner Götz

Sizilien und Süditalien 2023

Fünf Wochen im Süden Italiens

Wir sind unterwegs, in Richtung Sizilien. Mit dem Auto geht es nach Genua, mit der Fähre weiter nach Palermo. Unser erstes Ziel ist ein Bed & Breakfast in Monreal nahe derHauptstadt Palermo, in dem wir eine Nacht bleiben. Es herrscht Berufsverkehr, für sechs Kilometer durch Palermo benötigen wir 90 Minuten. Die Verkehrsverhältnisse sind chaotisch – aus unserer Sicht. Also schnell anpassen und mitschwimmen. Drei bis vier Autoreihen auf zwei Spuren, dazwischen unzählige Roller und Mopeds links und rechts durch die Lücken, ab und zu mal auf der Gegenspur gefahren (rein wollte ja am Abend kaum einer), Kreuzungen spielen keine Rolle und werden immer blockiert.

Hier geht es zu einem ausführlichen Reisebericht auf meinem Blog auf FindPenguin mit täglichen Berichten – auf meiner Website findet sich eine kürzere Zusammenfassung.

Monreale, unser erster Besuch auf Sizilien ist mithin das wichtigste Kirchenbauwerk aus normannischer Zeit. Die Mosaiken in den Gebäuden sollen zu den bedeutendsten Kunstschätzen ganz Italiens gehören. Erbaut wurde die Anlage von Wilhelm II, für die Mosaiken beschäftigte er die besten griechischen Mosaizisten und Geld spielte keine Rolle.

Direkt neben den Dom liegt das Benediktinerkloster. Besonders prächtig ist der Kreuzgang mit seinen 228 Säulenpaaren, keines gleicht dem anderen. Zeit bleibt auch noch für den Besuch des Dommuseums und für den Aufstieg die 180 Stufen hoch auf das Dach des Doms. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick über Palermo.

Der Inselwesten

Wir fahren westlich nach Trapani. Unterwegs bleibt Zeit für einen längeren Stopp bei Segesta. Auf einem Hügel mitten im Grünen findet sich ein weniger besuchtes Ausgrabungsgelände mit den Resten eines gut erhaltenen dorischen Tempels und einem Theater einer einst mächtigen griechischen Stadt.

Kurz darauf erreichen wir unser Domizil nahe den Salinen von Trapania, wieder ein B&B, diesmal bleiben wir zwei Tage. Die Salinen liegen nahe unserer Unterkunft. Schon seit 3000 Jahren wird hier Meersalzgewonnen, im Mittelalter war es die wichtigste Einnahmequelle des westlichen Siziliens. Dabei hat sich der Abbau die letzten Jahrhunderte über kaum geändert, man gewinnt es in einzelnen Becken, in denen Meerwasser verdunstet.

Rund 18 km weiter liegt Enrice, hoch oben auf einem Kalkfelsen in 750 m Höhe nahe dem Meer. Steil fallen die Felsen zum Meer und Trapani hin ab. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, schöne Innenhöfe, grüne Parks, zahlreiche Kirchen und sogar eine Kathedrale zeichnen den Ort aus, auch zwei alte Burgruinen finden sich. Die sind aber derzeit wegen Renovierung geschlossen. Enrice soll einer der schönsten Orte der Insel sein.

Das Tal der Tempel

Am Samstag geht es rund 200 Kilometer südöstlich nach Agrigento zum berühmten Tal der Tempel. Auf dem Weg findet sich die archäologische Stätte Selinunte, die Reste einer griechischen Siedlung mit Blick auf das Meer. Es muss einst eine sehr wohlhabende und größerer Stadt gewesen sein, um 650 v. Chr. von griechischen Kolonisten gegründet. Davon zeugen etwa die Überreste dreier Tempel im östlichen Bereich und eine Akropolis sowie eines Markplatzes. Vieles liegt noch unter der Erde. Restauriert hat man im östlichen Bereich um 1950 den Tempel der Hera, ein beeindruckendes Bauwerk.

Für das Tal der Tempel in Agrigento nehmen wir uns einen ganzen Tag Zeit. Der Concordia-Tempel zählt zu den am besten erhaltenen Tempeln der griechischen Antike,weihte  man ihn im 6. Jahrhundert doch in eine Kirche um. Das schützte vor weiteren Verfall, zudem diente er fortan nicht mehr als Steinbruch. Deswegen ist das Tal seit 1997 auch Weltkulturerbe der Unesco. Insgesamt finden sich neun monumentale Tempel. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts gehörten die archäologischen Stätten von Agrigent für viele zu einem festen Bestandteil einer Bildungsreise nach Süditalien. Auch Johann Wolfgang von Goethe schildert in seinem Werk Italienische Reise seinen Besuch hier.

Mitten im Park findet sich in einer Schlucht mit einem Bach zwischen Schilf der Giardio della Kolymbethra, ein fünf Hektar großes Gartenareal zwischen steilen Tuffwänden. Die Ursprünge des Gartens gehen auf die Zeit der Griechen zurück. Heute wird der Zitrushain von einer gemeinnützigen Organisation erhalten und gepflegt, hier wachsen Zitronen, Orangen, Mandarinen, Klementinen, Pampelmusen und Bitterorangen aber auch Oliven, Mandeln, Pistazien, Feigen und vieles mehr.

Piazza Armerina und Enna

Richtung Nordosten liegt Piazza Amerina, 120 km entfernt. Auf dem Weg liegt in der Mitte Siziliens die Stadt Enna, hier stehen die Überreste des einst größten normannischen Kastells Siziliens, dem Castello di Lombardi, auf etwa 1000 m Höhe gelegen.  Von der Burg sind noch Mauern vorhanden, einige Gebäude und sechs der ursprünglich 20 Türme. Den Bau schreiben Historiker Friedrich II im 12. Jahrhundert zu, auf den Ruinen einer ehemals arabischen Festung.

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40 Km weiter findet sich unser Tagesziel, auch hier bleiben wir zwei Tage. Hierher kommt man wegen der Villa Romana del Casale, entstanden wohl im 3. und 4. Jahrhundert. Berühmt ist das Gebäude wegen den wunderbar erhaltenen Bodenmosaiken, die wirklich einmalig sind. Auf über 3500 Quadratmetern Fläche erzählen sie Geschichten aus damaligen Zeiten, quasi ein Mikrokosmos des Lebens der Reichen. Sie sollen zu den schönsten Mosaiken der römischen Antike gehören. Dass sie so gut erhalten sind, dafür sorgte ein Erdrutsch, der Decken und Wände einstürzen ließ und die Mosaiken unter Schutt begrub und so konservierte.

Im Osten der Insel

Wir sind in Avola, 150 km weiter östlich. Übernachtet wird für fünf Tage im Chiuso Di Carlo Agritourismo. Agritourismo bedeutet, dass landwirtschaftliche Betriebe Zimmer und Ferienhäuser vermieten, als Nebenerwerb. Der Ort ist Ausgangspunkt für einige Rundtouren in die Berge sowie Besuche der nahegelegenen Städte Syracusa und Noto.

Auf dem Weg dorthin machten wir einen Halt in Caltagirone, der Keramikhauptstadt Siziliens. Rund um die Stadt findet sich hochwertiger Ton, mit dem die Gefäße hergestellt werden. Vieles ist auch heute noch Handarbeit, es findet sich dazwischen aber auch industriell hergestellte Ware. Keramiken begleiten einen durch die ganze Stadt, seien es Straßenschilder, Fresken im Mauerwerk, Straßenlaternen, ein Keramikmuseum, Bänke und natürlich unzählige Geschäfte, die Keramiken anbieten.

Zuerst machen wir uns von unserem Domizil in Avola auf nach Syrakus. Genauer gesagt, in die Altstadt Ortygia, auf einer durch zwei Brücken mit dem Land verbundenen Insel von etwa einem Kilometer Länge und 500 m Breite gelegen sowie zum archäologische Park der Stadt Syrakus. In der Altstadt herrscht quirliges buntes Treiben, natürlich chaotischer Verkehr, wunderbar restaurierte barocke Gebäude wetteifern mit verfallenen Bauwerken und viel Patina, zu finden sind zudem natürlich ein Dom, ein Kastell, zahlreiche Läden mit Kunst und Krempel und viele Restaurants und Cafés.

Besichtigt man den Dom, sieht man auch hier Reste der Antike. Er ist auf dem Fundament des Athena-Tempels erbaut, die dorischen Säulen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. hat man gleich mit in die Kathedrale integriert.

Nach dem Erdbeben von 1693 wurde die Stadt im Stil des Barocks wieder aufgebaut, zahlreiche prunkvolle Gebäude erinnern daran. Abseits der größeren Plätze herrscht sizilianische Enge. Schmale, dunkle Gassen trennen die mehrstöckigen Gebäude.

Am Inselende lohnt noch ein Besuch des von Friedrich II um 1239 erbaute Castello Maniace.

Später am Nachmittag sind wir zum etwa zwei Kilometer entfernten archäologischen Park der Neapolis gefahren. Hier findet sich das Teatro Greco von Syrakus aus dem 5. Jh. vor Christus, mit einem Durchmesser von knapp 140 m einst eines der größten griechischen Theater. Derzeit arbeiten gerade Bühnenarbeiter, die steinernen Sitzflächen sind durch Holzkonstruktionen abgedeckt, auch heutzutage wird das Theater wie einst noch genutzt.

Besonders beeindruckend sind zudem die Latomia del Paradiso, der Steinbruch, aus dem man den Kalkstein für den Bau des griechischen Theaters gewann. Dazu grub man riesige Höhlen, um den Kalkstein herauszuschneiden. Eine davon, die ist das Ohr des Dionysios, etwa 65 m lang und 23 m hoch.

Am Folgetag machen wir uns ins Landesinnere auf, abseits der touristischen Routen. Wollten einige kleinere Museen wie ein Puppenmuseum, eines zum Thema Volkskunde oder traditionelle Artefakte besuchen. Vorab, war ein Flop. Alle geschlossen, eines wurde zudem gerade renoviert. Einen kurzen Stopp und Bummel haben wir dennoch in Palazzo Acreide gemacht, einer leicht baufällige Barockstadt. Hier an diesem Ort entstand die erste Kolonie des antiken Syrakus im Binnenland. Deren Reste lassen sich in der archäologischen Zone nahe der Stadt besichtigen. Nur, vorläufig geschlossen.

Also weiter durch eine schöne hügelige Landschaft mit vielen Oliven und Zitrushainen über kurvenreiche und enge Straßen, nach Pantalica, eine Nekropole aus der Bronzezeit in der Schlucht des Anapo, mithin Siziliens größte Totenstadt aus dem 13. bis 10. Jhr. v. Chr. In die steilen Kalksteinwände haben die Menschen von über 3000 Jahren kleinere und größere Kammern geschlagen, in denen sie ihre Verblichenen beerdigten. In vielen der Kammern fanden sich Siedlungsreste und Grabbeigaben wie Waffen, Keramik und Haushaltsgegenstände sowie die Skelette der prägriechischen Sikuler, die von etwa 1250 v. Chr. bis zum 8. Jahrhundert v. Chr. hier lebten. Insgesamt sollen sich in der Schlucht 5000 Kammergräber finden.

Am 12. Tag unserer Reise sind wir in die nahegelegene Barockstadt Noto gefahren. Sie soll, so sagt man, mithin die schönste Barockstadt Siziliens sein. Das Erdbeben 1693 zerstörte das alte Noto komplett. Also plante man die Stadt neu und baute sie 14 km vom ursprünglichen Standort entfernt wieder auf.  Bevor das Val de Noto 2002 als Weltkulturerbe der Unseco geadelt wurde, war es weitestgehend unbekannt. Aber auch heute ist die Stadt nicht überlaufen. Um die Mittagszeit war sie eher wie ausgestorben, erst am späteren Nachmittag erwachte sie zu Leben.

Rund um den Ätna

Die nächsten vier Tage verbringen wir in etwa 1600 m Höhe in unserem Hotel, an der Flanke des Ätna, Europas größten und nach dem Stromboli zweitaktivsten Vulkan Europas. Hier oben liegt in geschützten Stellen noch Schnee, die Temperatur sinkt Abends auf etwas über Null Grad. Der Vulkan ist 3357 m hoch (Stand 2021), ändert seine Höhe aber stetig durch neue Ausbrüche. Die letzten fanden 2022 statt. Für die Griechen war der Vulkan Sitz ihres Feuergottes Hephaistos. Die Ausbrüche waren nicht mehr oder weniger als das sichtbare Zeichen seiner Schmiede, in der er, in Rauch und Funken gehüllt, Waffen für die Götter schmiedete. Seine Gehilfen, das waren die einäugigen Zyklopen.

Der Ätna gilt als gutmütiger Vulkan, da seine Ausbrüche üblicherweise keine Todesopfer fordern – so erzählt man es uns. Er gilt als gutmütiger Vulkan, kündigt seine Ausbrüche rechtzeitig an, so dass die Menschen aus der Gefahrenzone entkommen. Dennoch, ganz richtig ist das nicht. Gab es bei Ausbrüchen doch schon Todesopfer. Der Ätna gilt als der am besten überwachte und untersuchte Vulkan weltweit.

Am zweiten Tag hier haben wir uns einer geführten Jeeptour angeschlossen. Wir besuchen eine Lavahöhle, in der man in früheren Zeiten gepresstes Eis produziert hat, das bis nach Malta exportiert wurde. Und sehen uns verschiedene Lavaströme an, machen auch eine etwa 1 ½ Stunden lange Wanderung einen Seitenkrater hinauf. Hier bläst der Wind recht stark, die Böen sollen manchmal bis zu 100 km/h erreichen. Das entspricht Windstärke 10.

Abend schaffen wir es dann, einen Helikopterflug über den Ätna zu chartern. Wir steigen auf 3500 m hoch, umrunden die vier schneebedeckten Hauptkrater des Ätna mehrere Male, es ist einfach fantastisch. Einer der vier Schlunde dampft kräftig. Lava sieht man keine, die findet sich nur bei einer aktiven Eruption. Es ist einfach traumhaft, den Berg aus dieser Perspektive zu sehen.

Tag 16, wir machen uns auf nach Taormina. Wer nach Sizilien reist und in der Gegend ist, kommt an diesem Ort nicht vorbei. Es ist sicherlich bisher die schönste Stadt auf unserer Tour. Eine malerische Landschaft, schöne weite Plätze, enge Gassen, das alte römische Theater, Odeon und zahlreiche Geschäfte, von touristischer Massenware über regionale Lebensmittel, Kleider, Schuhe, Handwerk und was es sonst noch so gibt. Was hier in der Saison los ist, will man besser nicht erleben. Die Stadt liegt auf einem Hügel 200 m über dem Meer, eine Seilbahn führt hinunter zum Strand.

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Das Preisniveau hier in Taormina ist Übrigens deutlich höher, als was wir bisher erlebt haben. Egal um was es sich handelt. Mit mindestens 50 Prozent Aufschlag muss man rechnen.

Wir sind noch mal auf den Ätna hoch, diesmal mit der Seilbahn und weiter mit Geländebussen. Die Seilbahn führt von etwa 2000 m auf eine Höhe von 2500 m, weiter darf man nur mit Guides und den Bussen. Sie erreichen etwa 2750 m, dort kann man dann eine kleine Wanderung mit den Guides machen. Alternativ lassen sich Trekkingtouren buchen, dann kommt man etwas höher, dem Krater aber immer noch nicht nahe. Wir sind am höchsten Punkt immer noch um die 600 m unterhalb des Kraterrandes.

Im Norden der Insel

Am Freitag geht es rund 200 km nordwestlich für drei Tage nach Cefalù. Das Küstenstädtchen mit seinen etwas über 14.000 Einwohnern liegt am Fuß des 270 m hohen Rocca di Cefalù, zeichnet sich durch eine schöne Altstadt und seinen Sandstrand aus. Zudem finden sich hier diverse Kirchen, eine Kathedrale, archäologisches Museum und viele alte interessante und weniger interessante Gemäuer. Gegründet hatten die Stadt, wie so vieles auf Sizilien, die Griechen als Kephaloidion, die Römer machten später Chephaloedium daraus. Hier lebt man vor allem vom Tourismus und Dienstleistungen. Eine Rolle spielen zudem Landwirtschaft und die Fischerei. In der Altstadt finden sich zahlreiche Restaurants, Bars, die unvermeidbaren Souvenirshops mit den immer gleichen Waren aber auch nicht wenige Läden mit schöner, italienischer Handarbeit. Nahe Cefalù liegt auch Siziliens zweitgrößtes Naturschutzgebiet, die Region lockt mit hohen Bergen, urtümlichen Dörfern und einer malerischen Natur.

Es lohnt eine Wanderung auf den Rocca di Cefalù, finden sich oben auf dem Berg doch die Reste einer alten Burg, und auf halber Höhe die Reste eines megalithischen Baus – volkstümlich Tempel der Diana genannt. Hat aber nichts mit der römischen Göttin Diana zu tun. Denn der etwa 12 auf 7 m große Bau dürfte aus dem 9. bis 8. Jhr. vor Christi stammen, ist viel zu alt.

Der Grund hier hochzukommen, sind aber nicht unbedingt die alten Gemäuer, sondern vor allem die wunderbare Landschaft und insbesondere die immer wieder faszinierenden Ausblicke auf die Stadt Cefalù.

Es bleibt auch Zeit für eine Tour ins Hinterland von Cefalù. Unser Ziel ist der Ort Castelbuono und die gleichnamige Wehrburg der sizilianischen Adelsfamilie der Ventimiglia. Heute finden sich in ihr das Stadtmuseum mit Werken der modernen und zeitgenössischen Kunst, eine Abteilung mit sakralen Artefakten sowie eine schöne Kapelle.

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Einen Besuch lohnt zudem die Altstadt mit schönen Geschäften und sehenswerten Gemäuern. Heute am Sonntag ist richtig was los. Man macht sich schick, ist mit Kind und Kegel in der Stadt, auch viele Läden – vor allem mit süßen Sachen – haben geöffnet. Es herrscht ein richtiger Trubel, Kinder toben umher, die Sizilianer unterhalten sich lautstark und gestenreich. So wie ihre Mentalität eben ist. Schön zu beobachten. Übrigens ist hier in der Stadt die Stadtreinigung mit Eseln als Tragtiere unterwegs, einmalig.

Weiter geht es in die Bergwelt auf bald 1800 m auf kurvenreichen und immer schlechter werdenden Straßen durch ein paar heute fast ausgestorbene Ortschaften wie Petralia Sottana oder Petralia Soprana. Die Leute scheinen fast alle in Castelbuono zu sein. Die Straße ist irgendwann übersäht von 10 bis 20 Zentimeter tiefen Schlaglöchern. Die schöne Gegend entschädigt aber für die Fahrt.

Auf den Liparischen Inseln

Von Milazzo aus setzen wir mit der Fähre über nach , das Auto bleibt für die fünf Tage am Hafen stehen. Wir übernachten in der Inselhauptstadt Lipari. Hier lohnen der Burgberg mit der Kathedrale San Bartolomeo, im Süden die Bucht Marina Corta und im Norden Marina Lunga einen Besuch. Kann man alles problemlos zu Fuß machen. Der Fels mit der Burg ragt imposant über die Häuser der Stadt empor. Die massive und beeindruckende Festungsmauer ist umgeben von einen bunten Gassengewirr mit Läden, Restaurants, Wohnungen, die Wäsche flattert über die Köpfe hinweg. Überall stehen Blumentöpfe dekorativ in den gepflegten und sauberen Sträßchen. Alles strahlt eine wunderbare südländische Atmosphäre aus. Man ist derzeit unter sich, in der Saison natürlich erst am Abend. Dann haben die Tagestouristen die Insel wieder verlassen.

Eine Seefahrt, die ist lustig. Heute geht zur Insel Stromboli, mithin der aktivste Vulkan Europas. Nach einem Zwischenstopp auf der Insel Panarea und dem Besuch der Stadt San Vincenco auf der Vulkaninsel wollen wir am Nordhang des etwa 926 m über den Meeresspiegel herausragenden Vulkans shippern, bei Nacht, um die feuerroten Lavaströme zu beobachten.

Doch es kommt anders. Schon die etwa 45-minütige Überfahrt nach Panarea ist Anfangs in Küstennähe recht ruhig, wird dann aber etwas holprig, das offene Meer ist uns nicht gnädig gestimmt. Nach dem Landgang und einer 30-minütigen Fahrt Richtung Stromboli dreht der Kapitän dann um, bei diesem Wellengang wäre ein Aufenthalt an der Nordflanke absehbar nicht möglich gewesen. Hätte der Kapitän eigentlich schon am ersten Zwischenstopp feststellen müssen.

Am Folgetag fahren wir dann mit einem kleinen Boot auf die benachbarte Insel Vulcano. Der Tripp bei ruhigerem Wellengang dauert weniger als eine halbe Stunde. Für organisierte Ausflüge ist es noch zu früh, außerhalb der Saison.. Das Boot holte uns am späteren Nachmittag auch pünktlich gegen 17 Uhr wieder ab, quasi ein Taxi übers Meer.

Als wir ankommen ist nur wenig auf Vulcano los, auf der gesamten Insel leben nur etwa 550 Menschen. Zurzeit ist nahezu alles noch geschlossen, an vielen Stellen wird gebaut und renoviert für die kommende Saison. Generell sind die Liparischen Inseln vom Massentourismus verschont, gibt es doch auf keiner der sieben größeren Inseln einen Flughafen.

Warum wir herkommen, kann man schon beim Anlanden riechen, wie überall auf der Insel. Es riecht steilweise recht streng nach Schwefelwasserstoff, also faulen Eiern. Auch bei kräftigerem Wind. Der Grund dafür sind zahlreiche Fumarole, aus denen eben diese Gase aufsteigt. Ist Vulcano doch – wie der Name schon sagt – ein aktiver Vulkan.

Auf Vulcano gibt es Übrigens weder Quellen noch Bäche. Man sammelt Regenwasser, dass jedoch über den Sommer für die Touristen nicht ausreicht. Also bringt man das Trinkwasser mit dem Schiff.

 

An der Stiefelspitze unterwegs

Tag 25, Freitag: Mit der Fähre geht es zurück nach Milazzo, nach einer kurzen Fahrt haben wir Messina erreicht und mit einer Autofähre aufs Festland übergesetzt. Sprich, wir sind jetzt im südlichsten Zipfel des italienischen Stiefels unterwegs.

Den Nachmittag und Abend verbringen wir in Scilla, berühmt aus der Saga des Odysee. Die kalabrische Stadt liegt an der Meerenge von Messina mit Blick auf Sizilien und zeichnet sich vor  allen durch den 600 m langen Sandstrand , das auf einem großen Felsen liegende Castello Ruffo sowie dem alten Fischerviertel aus. Hier stehen die Häuser direkt am Wasser, sodass die Fischer ihre Boote quasi am Haus festmachen können.

Zwei Tage bleiben wir anschließend in Matera, rund 360 km entfernt. Parken müssen wir außerhalb der Altstadt, dazu geben wir Auto mit Schlüssel bei einem Parkunternehmen ab.  Unser B&B Al Vico, das ist schon etwas Besonderes, für hier aber fast normal. Es ist in der Altstadt mit Blick über das alte Zentrum in einer alten Grotte gelegen. Hier in unserer Höhle lebten die Menschen schon vor zig Hunderten wenn nicht tausenden Jahren. Nur nicht ganz so komfortabel.

Die meisten Grotten in den Felswänden sind nicht natürlich, sondern wurden in den relativ weichen Sand- und Tuffstein gehauen. Bald grub man ganze Wohnungen in den Berg und nutzte das gewonnene Material für den Bau der Fassaden und Häuser. So entstand im Laufe der Jahrtausende eine Höhlenstadt auf vielen Ebenen mit verschachtelten Höhlenwohnungen, engen Gassen und kleinen Plätzen, dazwischen zahlreiche Felsenkirchen – mithin über 150 in der Altstadt. 1270 kam in der, ich nenne es einfach Oberstadt für die Besseren, eine Kathedrale hinzu. Alles zusammen ein architektonisches Kunstwerk, das von der Unesco als Weltkulturerbe geadelt wurde. Jedoch nicht nur der Gebäude und Grotten, sondern der uralten, durchdachten Wasserversorgung mit Kanälen und Zisternen wegen.

Der historische Teil besteht aus zwei Stadtvierteln Sasso Barisano und Sasso Caveoso. Die Höhlensiedlungen hier sind ein außergewöhnliches Beispiel im mediterranen Raum. Besiedelt ist das Gebiet bereits seit der Jungsteinzeit, Matera gilt als einer der ältesten besiedelten Orte der Welt.

Es ist Ostersonntag, dennoch ist einiges hier los. Viele Läden haben geöffnet, etwas anders als in Deutschland. Hier entscheiden die Menschen selbst, wann sie ihre Läden öffnen oder nicht und nicht ein paar Bürokraten. Geöffnet wird dann, wenn etwas los ist, also auch am Ostersonntag.

In einer Grotte hausten früher – muss man so sagen, meist um die 15 bis 20 Menschen, bei Finsternis, Fenster gab es meist keine, die Tür war recht klein und mit Holzlatten verschlossen. Für Wasser sorgten offene Zisternen im Höhlenboden, die sich über Kanäle mit Regenwasser füllten. Kühl, feucht und stickig war es, die Wände isolierte man mit den Exkrementen der Tiere. Für etwas Wärme sorgte das Vieh, das mit in den Höhlen bei den Menschen lebte. So sah es sogar noch in den 50- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts hier aus. Abluftkamine oder Abzüge gab es kaum, darüber lagen ja andere Höhlen und darüber die Häuser der Reicheren. Sozialen Halt gab den Armen einzig die Nachbarschaft…

Mehr zu der einmaligen Geschichte der Stadt in meinem FindPenguin-Blog.

Wir sind 180 km weiter südlich, in Lecce. Die Stadt ist wieder eine ganz andere Welt, ein barockes Juwel im Landesteil Apulien gelegen. Obwohl es Ostermontag ist, sind die Museen, Kirchen und vieles mehr auch spät am Abend geöffnet. Die Menschen drängeln sich durch die Gassen, es herrscht ein südländisches Treiben. Welch Unterschied zu einem Feiertag in Deutschland.

Die Altstadt ist von einer Ringmauer mit vier Toren umgeben. In ihr finden sich zahlreiche barocke Gebäude, bestehend aus dem im Umland abgebauten sogenannten Kalkarenit, einem weichen Sandstein. Wegen des der Stadt eigenen barocco leccese wurde Lecce auch das Florenz des Rokokko genannt. An Sehenswürdigkeiten findet sich hier im Zentrum viel: Etwa das Kastell Karls V. aus dem 16. Jahrhundert – bereits seit Jahren wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, oder die wegen ihrer Fassade berühmte Basilika Santa Croce, viele wunderschöne Kirchen und ein großer Dom – was mussten die Menschen damals für diese kirchliche Pacht bluten, weiter lohnen mehrere Museen, zahlreiche Piazzas, ein römisches Amphitheater mitten in der Altstadt und vieles mehr einen Besuch.

Von Lecce aus machen wir nun einen Besuch in Gallipoli, etwa 40 km entfernt. Gegründet wurde die Stadt von den Griechen auf einer Insel 265 v. Chr. als Kallipolis, was Schöne Stadt bedeutet. Wir schlendern gemütlich durch die überschaubare Altstadt, die mit einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Brücke mit der Neustadt verbunden ist. Die ganze Altstadt ist umgeben von einer Stadtmauer und gegen Piraten und Invasoren geschützt von der mächtigen Bastion. Dieser Bereich ist touristisch geprägt, dennoch lohnend.

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Richtung Süden erreichten wir dann weitere 40 km später den südlichsten Punkt des italienischen Festlandes, den 47 m hohen Leuchtturm Faro di Leuca in Santa Maria di Leuca. Man kann auch hoch, aber angesichts der Warteschlange und deren Geschwindigkeit habe ich hochgerechnet, dass wir wohl bis zu zwei Stunden Wartezeit hätten. Also dankend verzichtet. Nahe gelegen lohnt der Besuch des Scalinate Monumentale, einer schönen Treppenanlage mit rund 280 Stufen.

Es ist Tag 30 der Reise, es geht wieder nordwärts. der erste Halt ist Polignano a Mare, wunderschön an der Küste gelegen. Die Stadt ist mithin einer der meistbesuchten Orte an der apulischen Küste, die Altstadt liegt spektakulär auf einer Klippe. Das historische Zentrum ist meist wunderbar restauriert, ein Gewirr von engen Gassen mit Läden, Restaurants und Kirchen laden zum Bummeln ein.

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Am Nachmittag erreichen wir Alberobello, hier übernachten wir zwei Tage in einem typischen Trullo. Das Gebäude ist etwa 400 Jahre alt, wurde vor vier Jahren modernisiert und zu einem B&B ausgebaut. Trulli, der Plural, sind weiß getünchte Gewölbebauten aus Trockenmauerwerk mit schuppenartigen dunklen Bruchsteindächer.

Ursprünglich standen sie in den Feldern und nicht in einem Ort, bieten durch die Bauweise aus massivem Naturstein mit dicken Wänden und kleinen Fenstern guten Schutz gegen die Sommerhitze. Einst lange Zeit dem Verfall überlassen erleben die ‚Arme-Leute-Häuser‘ eine Renaissance und Alberobello ist insofern einmalig, weil hier ein größeres geschlossenes Viertel mit derartigen Gebäuden erhalten blieb. Seit 1996 zählt es zum Weltkulturerbe der Unseco…

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Auch hier mehr in meinem FindPenguin-Blog.

Castel del Monte

Auf dem Weg zurück nach Deutschland machen wir einen Tag Stopp beim Castel del Monte, ein ´schwäbisches´ Wahrzeichen Italiens, stammt es doch vom Stauferkaiser Friedrich II, erbaut von 1240 bis 1250. Berühmt ist es durch seine Bauform. Es ist vom Grundriss her achteckig und an jeder der Ecken steht ein ebenfalls achteckiger Turm. Über die Funktion der Burg rätselt man noch heute. Es könnte einst ein Jagdschloss gewesen sein, ein astronomisches Zentrum oder es diente zur Aufbewahrung des Staatsschatzes. Auch die Deutung als steinerne Krone Apuliens, mit der der Kaiser seine Macht demonstrieren wollte, hat Anhänger. Gern bezeichnet man es auch als Wehrbau und Lieblingssitz Friedrich II. Nichts genaues weiß man nicht und wer etwas mehr wissen will, klickt hier auf dem Link zu meinem Blog.

Republik San Marino

Bevor es nach 34 Tagen heim Richtung Deutschland geht, machen wir noch drei Tage Stopp in San Marino. Es soll sich bei dem Zwergstaat, einer von sechs in Europa, um die vermutlich älteste Republik der Welt handeln. So gehe die Gründung auf das Jahr 301 zurück, durch den heiligen Marinus. San Marino ist vollständig von Italien umgeben. Hier leben rund 30.000 Einwohnern, mit einer Fläche von 60 Quadratkilometern ist es der fünftkleinste international anerkannte Staat der Welt. San Marino gehört nicht der Europäischen Union an, ist aber Mitglied im Europarat. Aber auch hier gilt der Euro. Das Land zählt zu den reichsten Ländern der Erde, soll keine Staatschulden haben.

Das historische Zentrum ist seit 2008 Weltkulturerbe der Unesco. Die abgelegene Lage auf einem Felsmassiv bewahrt der Stadt ihre Mittelalterliche Prägung. Der Stadtkern ist heute noch von drei Seiten her mit den Stadtmauern aus dem 11. bis 14. Jahrhundert umgeben. Auf engem Raum finden sich zahlreiche Sehenswürdigkeiten, denen wir uns die nächste Zeit widmen. Zu Fuß, denn gebucht habe ich ein kleines Hotel im Stadtkern. Hin mit dem Auto kommen wir durch eine Fußgängerzone mit Genehmigung der Behörden, die ich mir vorher besorgt habe.  Und logischerweise findet sich viel mehr über die Republik und die Reise in Form von Tagesberichten in meinem Blog. Deswegen endet hier die etwas über fünfwöchige Reise.

Norwegen, Spitzbergen und die Arktis: Film als BluRay erhältlich

Der Film über die Reise ins südliche Norwegen und in die Arktis nach Spitzbergen ist nun als BluRay in meinem Shop erhältlich. Der 127-minütige Film beinhaltet eigentlich zwei komplette Reisen: Unterwegs im südlichen Teil von Norwegen geht der erste Teil von Olso aus nördlich über den Sognefjells und Lom bis zum weltbekannten Geirangerfjord. Wieder Richtung Süden machen wie uns auf nach Bergen, Norwegens zweitgrößte Stadt.

Im zweiten Teil des Filmes geht es hoch in den Norden, nach Spitzbergen. Hier erkunden wir die Region rund um die Siedlung bis wir uns mit dem Expeditionsschiff auf eine Tour in die arktische See rund um die Insel machen, mit wunderbaren Aufnahmen von Seevögeln, Walrossen und Eisbären.
 

Route Norwegen: Oslo, Skien, Telemark-Kanal, Heddal, Gaustatoppen, Rjukan-Bahnhof, Uvdal, Borgund, Sognefjells, Leirvassbu, Lom, Geiranger, Dalsnibba, Gamle Strynefjellsvegen, Trollhaugen, Bergen

Route Spitzbergen: Longyearbyen, Ny-Ålesund, St. Johnsfjorden, Smeerenburg, Virgohammna, Texas-Bar, Packeisgrenze, Phippsøya, Kræmerpynten, Andreeneset, Torrelneset, Alkefjellet, Kap Waldburg, Kap Lee, Gnålodden, Bamsebu, Kajaktouren im Eismeer

Hier gibt es einen kurzenTrailer auf YouTube mit Ausschnitten vom Film. Auf meinem Kanal finden sich weitere längere Filme mit deutschen Kommentaren.