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Schweden, der Süden – Teil I, von Stuttgart bis Stockholm

Mit dem Wohnmobil geht es diesmal auf dem Landweg in den Süden Schwedens – sechs Wochen haben wir uns dafür Zeit genommen. Die Anreise führt über Deutschland und Dänemark, mit Stopps bei Landvergnügen-Höfen, an einem historischen Hafen und in einem außergewöhnlichen Garten, bevor es über die Öresundbrücke nach Schweden geht.

Hier geht es zum zweiten Teil des Reiseberichtes über unsere Schwedenreise.

Anreise nach Schweden durch Dänemark

Tag 1: Mühlenbrennerei Inselhof, Dietzenrode

Mit dem Wohnmobil geht es auf dem Landweg Richtung Süden Schwedens – sechs Wochen sind dafür eingeplant. Erster Stopp nach rund 350 Kilometern östlich von Kassel: die Mühlenbrennerei auf dem Inselhof in Dietzenrode, vermittelt über Landvergnügen, das Netzwerk für kostenlose Wohnmobil-Stellplätze bei Bauernhöfen, Weingütern und Brennereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz (rund 2.100 Gastgeber, über 5.000 Plätze). Der ökologisch bewirtschaftete Hof mit Mutterkühen, Obst- und Ackerbau brennt seit 2013 eigene Obstbrände, Liköre und Whisky. Der Stellplatz liegt schattig zwischen Scheune und Bach – ein hübsches Plätzchen. Hofladenbesuch, Verkostung und Brennereibesichtigung runden den Stopp ab; im Angebot: Edelbrände, Gin, Liköre, Fleisch- und Wurstwaren, Käse, Honig, Wein und mehr.

Tag 2: Rieckens Landmilch, Großbarkau

Rund 400 Kilometer weiter in Richtung Schweden legen wir bei Rieckens Landmilch in Großbarkau nahe Kiel einen weiteren Landvergnügen-Stopp ein. Der Milchviehbetrieb ist seit 2017 bio-zertifiziert; im Hofladen gibt es Milch und Milchprodukte sowie eine große Auswahl eigener Fleischwaren – von Rinderschinken über Mettwurst und Bratwurst bis zu Steaks, Braten und Wild – dazu weitere regionale Spezialitäten. Wir stehen diesmal abseits direkt an den Viehweiden, nur lässt sich das Vieh gerade nirgends blicken.

Tag 3: Middelfart, Dänemark

Da wir einen Tag früher losgefahren sind, schieben wir einen zusätzlichen Stopp ein: Middelfart, direkt an den Lillebælt-Brücken zwischen Jütland und Fünen. Wir stehen zentral am Hafen, nur 200 Meter zur Altstadt – 2023 als „Dänemarks erster maritimer Kulturhafen“ ausgezeichnet, mit historischen Holzschiffen und der traditionsreichen Lillebælt-Werft. Am Hafen liegen die terrassierten Hängenden Gärten sowie das Henner Friisers Hus von 1575, das älteste erhaltene Bürgerhaus Dänemarks. Die Altstadt besticht durch kopfsteingepflasterte Gassen mit terrassenförmig zum Wasser gestaffelten Häusern. Middelfart liegt an der schmalsten Stelle des Kleinen Belts und war jahrhundertelang für seinen Walfang bekannt; heute lebt hier eine der dichtesten Schweinswalpopulationen Europas. Über die Belt-Brücke – die 1935 erbaute Eisenbahnbrücke und die seit 1970 genutzte Autobahn-Hängebrücke – sind wir angereist.

Tag 4: Zen Garden, Stenlille (Dänemark)

Noch in Dänemark unterwegs, steuern wir den Zen Garden bei Stenlille an. Seit 35 Jahren verwandelt Jørgen das einst flache Gelände in eine Landschaft aus über 8.000 Tonnen Granitstein, mit Wasserfällen, Bächen und einem der größten Koiteiche Europas. Hunderte Rhododendronarten sowie Rosen und Lilien geben dem Garten rund um ein altes Herrenhaus einen fernöstlichen Charakter. Auf der anderen Straßenseite liegt der offenere Lakeside Garden mit breiten Kieswegen zwischen Rhododendren, stählernen Rosenbögen und einem ausgedehnten Dahlienbeet. Wer Zeit mitbringt, findet Bänke und Picknicktische – oder Kaffee und Kuchen im kleinen Gartencafé.

Tag 5: Limhamn bei Malmö

Wir sind in Schweden. Erster Stopp ist ein Aussichtspunkt mit Blick auf die gerade überquerte Öresundbrücke. Nur wenige Schritte davon entfernt liegt unser Stellplatz für die nächsten zwei Tage: die Marina Limhamns Småbåtshamn. Von dort sind es mit dem Fahrrad nur wenige Kilometer in die Malmöer Innenstadt, die wir uns für den nächsten Tag vorgenommen haben. Am Nachmittag schlendern wir vom Stellplatz zur Molenspitze und durch die Hafengegend – auch von dort hat man einen freien Blick auf den Öresund und die Brücke.

Trotz ihres Namens („kleiner Boots-Hafen“) ist die Marina die größte von rund einem halben Dutzend in Malmö und zählt zu den größten Südschwedens, mit vermutlich über 1.000 Bootsliegeplätzen. Es gibt mehrere Restaurants, eine Badestelle, ein Kaltbadehaus, Spielplatz, Grillplätze, kostenlose Leihfahrräder und eine Bushaltestelle mit Direktverbindung ins Zentrum – für uns eine Option, falls es am nächsten Tag regnen sollte.

Rund um die Marina gibt es außerdem etwa 100 Stellplätze für Wohnmobile, teils direkt an der Kaimauer; außerhalb der Saison deutlich weniger, da dann die winterfest gemachten Boote den Platz einnehmen. Die Plätze verfügen über Stromanschluss, Frischwasser sowie Grauwasser- und Chemie-WC-Entsorgung; Toiletten, Duschen, Waschmaschine und Geschirrspüler sind ebenfalls vorhanden.

Tag 6: Malmö

Mit dem Fahrrad geht es die rund sechs Kilometer in die Innenstadt von Malmö, wo wir sie tagsüber in der großen unterirdischen Fahrradgarage am Bahnhof abstellen – die Infrastruktur für Radfahrer ist hervorragend. Ganz sicher sind die Räder aber auch hier nicht: Man rät uns, die Akkus mitzunehmen, da sie selbst abgeschlossen in Sekunden gestohlen wären. Ein Fahrradladen in der Garage verwahrt sie für rund 6 Euro, bis wir zurückkommen – spart das Mitschleppen.

Nur wenige Schritte entfernt liegt der Lilla Torg, der „Kleine Platz“ mit historischen Fachwerkhäusern und dichter Restaurant- und Café-Szene. Ende des 16. Jahrhunderts als Erweiterung des Stortorget angelegt, ist er heute kein Markt mehr, sondern von Restaurantterrassen geprägt.

Weiter geht es zu Kungsparken und Slottsparken, die gemeinsam eine große Grünfläche rund um das Schloss Malmöhus bilden. Der Kungsparken, ältester Park Malmös (1869/70 auf dem Gelände der einstigen Malmöhus-Befestigung angelegt), bietet auf 34.000 m² alte Bäume, Teiche und einen gusseisernen Brunnen von 1882. Der angrenzende, jüngere Slottsparken (21 Hektar, 1897/1900) wirkt eher wie ein Volkspark mit Wald und Wiesen; beide Anlagen gehen fließend ineinander über.

Danach ein Besuch des Malmöhus Slott: 1434 als Kastell errichtet, 1537–1542 zum Renaissanceschloss ausgebaut und das älteste erhaltene seiner Art in Skandinavien. Nach dänischer Residenz und schwedischer Grenzfestung diente es ab 1828 bis 1909 als Gefängnis mit Hinrichtungen im Burghof, danach als Notunterkunft. Seit 1937 ist es Museum – heute mit Kunstmuseum, Naturhistorischem Museum, Aquarium und Stadtmuseum, die uns allerdings nicht überzeugt haben.

Kurzer Kaffeestopp in der Markthalle Malmö Saluhall, seit 2016 in einem denkmalgeschützten Lagerhaus von 1898 untergebracht, mit Street-Food-Ständen und Restaurants, die auf Handwerk statt große Speisekarten setzen.

Mit dem Fahrrad weiter zum Turning Torso: Mit 190 Metern und 54 Etagen der zweithöchste Wolkenkratzer Skandinaviens, von Santiago Calatrava nach seiner Skulptur „Twisting Torso“ entworfen, aus neun um insgesamt 90 Grad verdrehten Segmenten. Seit 2005 ist er Malmös Wahrzeichen, errichtet auf dem Gelände der ehemaligen Werft Kockums.

Nächstes Ziel: Ribersborgs Kallbadhus, 1898 an den heutigen Standort verlegt, 1902 durch einen Sturm zerstört und wieder aufgebaut, 2009 mit neuem Sonnendeck und Steg modernisiert. Die Anlage steht auf Pfeilern im Meer, verbunden über einen rund 300 Meter langen Holzsteg.

Ausklang des Tages im Limhamns Fiskrökeri nahe unserem Stellplatz – Fischräucherei mit Restaurant und Feinkostladen, wo wir bereits am Vortag geräucherten Lachs und Heringssalat gekauft hatten. Der Tagesfisch kommt morgens direkt aus dem Räucherofen, dazu dillstuvad potatis oder ein Silltallrik mit fünf Heringssorten; freitags oft Hummersuppe, heute ein Shrimps-Buffet – so viel man möchte für rund 25 Euro. Empfehlenswert bei Qualität und Preis.

Tag 7: Fotevikens, Smygehuk und Ystad

Fotevikens

Das Fotevikens Museum südlich von Malmö ist ein großes archäologisches Freilichtmuseum mit einem lebendigen Wikingerdorf: über 20 rekonstruierte Gebäude innerhalb einer halbkreisförmigen Holzpalisade, die eine typische Wikingersiedlung zwischen 950 und 1150 nachbilden. Wahrzeichen ist ein hölzerner Wachturm; am Wasser liegen Räucherstuben und Fischerhütten, im Dorf u. a. Schmiede, Bäckerei, Münzwerkstatt, Gärten sowie die Häuser von Richter und Weber und ein großes Thinghaus für Versammlungen. Außerhalb der Palisaden finden sich Hütten armer Handwerker, eine einfache Pilgerherberge, ein heidnischer heiliger Hain und ein Runenstein. Morgens waren wir noch fast allein unterwegs, erst im Laufe des Tages füllte sich das Gelände.

Im lebendigen Dorf wird Handwerk vorgeführt – Schmied, Weberin sowie der Guss von Schmuck – dazu eine kleine Wikingerschau, die Szenen aus der damaligen Zeit nachstellen.

In der Umgebung finden sich zahlreiche archäologische Fundstellen bis zurück in die frühe nordische Jungsteinzeit, acht davon aus der Wikingerzeit; die Stelle war nachweislich schon um 970 den Asen geweiht. Das Museumsleben spielt dauerhaft im Jahr 1134, dem Jahr der nahegelegenen Schlacht bei Fodevig; die rekonstruierten Gebäude gehören in die Übergangszeit von später Wikingerzeit zu frühem skandinavischem Mittelalter (etwa 950–1150).

Smygehuk

Weiter ging es zum südlichsten Punkt Schwedens und der skandinavischen Halbinsel, Smygehuk. Dort steht ein weißer, 17 Meter hoher Eisen-Leuchtturm von 1883, der 1976 stillgelegt und seit 2001 wieder als Navigationshilfe für Fischer- und Privatboote in Betrieb ist; die schmale Treppe lässt sich hinaufsteigen. Das ehemalige gelbe Leuchtturmwärterhaus daneben ist heute eine Jugendherberge. Wir waren die einzigen Besucher – in der dritten Augustwoche hat in Schweden bereits die Nachsaison begonnen.

Ein paar hundert Meter weiter ist mehr los: Das Kunsthandwerkszentrum Köpmansmagasinet in einem historischen Kaufmannslagerhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert diente der Legende nach während der Napoleonischen Kriege als Schmuggler-Umschlagplatz. Heute zeigt es Kunst- und Kunsthandwerksausstellungen lokaler Handwerker, dazu Café und Touristeninfo; im Sommer finden zudem Konzerte statt.

Ystad

Am späteren Nachmittag ging es noch zu Fuß in die Altstadt von Ystad, die mit über 300 farbigen Fachwerkhäusern aus dem 17./18. Jahrhundert, Kopfsteinpflastergassen und – zur passenden Jahreszeit – Rosen besticht. Bekannt ist sie zudem als Schauplatz von Henning Mankells Wallander-Krimis. Uns überzeugte die Stadt allerdings nicht sonderlich, zumal sie fast ausgestorben wirkte: Läden und viele Cafés hatten geschlossen, auch das sicher sehenswerte Kloster schloss bereits um 16 Uhr. Einzig die Marienkirche hatte geöffnet und lohnte sich. So beschlossen wir, bereits am Sonntag weiterzufahren, statt wie geplant zwei Nächte zu bleiben.

Tag 8: Ales Stenar und Kiviksgraven

Ales Stenar

Ales Stenar bei Kåseberga ist Schwedens berühmteste Schiffssetzung – ein rund 1.400 Jahre altes, als „Stonehenge Schwedens“ bekanntes Monument und eine der rätselhaftesten archäologischen Stätten Nordeuropas. Sie liegt auf den Klippen bei Kåseberga, etwa 32 Meter über der Ostsee, und besteht aus 59 Granit- und Sandsteinblöcken in Schiffsform: 67 Meter lang, bis zu 19 Meter breit und damit die größte erhaltene Schiffssetzung Skandinaviens. Die Steine wiegen zwischen 500 Kilogramm und fünf Tonnen, die höchsten an Bug und Heck über drei Meter.

Radiokohlenstoffdatierungen datieren das Monument auf etwa 600 n. Chr., kurz vor der Wikingerzeit. Solche Schiffssetzungen symbolisierten die Reise der Verstorbenen ins Jenseits, da das Schiff das zentrale Statussymbol der nordischen Elite war. Trotz nur weniger gefundener Knochenreste gilt Ales Stenar als Kult- oder Grabstätte, möglicherweise für einen Häuptling namens „Ale“. Zusätzlich fasziniert die präzise astronomische Ausrichtung: Zur Sommersonnenwende geht die Sonne exakt über dem Heckstein unter, zur Wintersonnenwende über dem Bugstein auf; weitere Steine korrespondieren mit Sonnenständen zu landwirtschaftlichen Terminen – das Monument diente wohl auch als Sonnenkalender.

Für Steinformation und das Fischerdorf Kåseberga sollte man 1,5 bis 2 Stunden einplanen, der Fußweg vom Parkplatz zur Klippe dauert je Strecke 10 bis 15 Minuten. Kåseberga selbst ist ein kleiner, noch aktiver Fischerhafen, dessen Boote traditionell auf Ostseehering („sill“) fischen. Rund um das Hafenbecken reihen sich mehrere traditionelle Fischräuchereien, etwa Kåseberga Fisk mit frisch geräuchertem Lachs, Hering oder Aal sowie Fischsuppe – auch wir kauften dort wieder geräucherten Lachs und ein paar Delikatessen ein. Außerhalb der Hauptsaison ist der sonst im Sommer belebte Hafen angenehm ruhig.

Kiviksgraven

Das Grab von Kivik – auch Kungagraven (Königsgrab) genannt – ist das mit Abstand monumentalste und bedeutendste bronzezeitliche Grabmonument Skandinaviens, errichtet um 1400 v. Chr. Der kreisrunde Steinhügel mit 75 Metern Durchmesser war ursprünglich eine gewaltige Landmarke direkt an der Ostseeküste. Im Inneren liegt die rekonstruierte Grabanlage: eine Steinkiste, deren zehn große Sandsteinplatten mit rituellen Felsritzungen verziert sind. Die Darstellungen zeigen bronzezeitliche Streitwagen, Schiffe, Äxte, Musiker, Prozessionen und mystische Symbole, die bis heute wertvolle Einblicke in Religion, Mythologie und die herrschende Elite der nordischen Bronzezeit geben.

Tag 9: Von Havängsdösen bis Åhus

Havängsdösen

Weiter geht es nach Havängsdösen (Großsteingrab von Haväng), eingebettet in eine einzigartige, fast steppenartige Heidelandschaft direkt an einem kilometerlangen Sandstrand. Der Dolmen zählt zu den ältesten Megalithmonumenten Skandinaviens, stammt aus der Jungsteinzeit und ist rund 5.500 Jahre alt. Die Grabkammer besteht aus fünf massiven, senkrecht aufgestellten Tragsteinen und einem riesigen, flachen Deckstein. Besonders ist die Ausrichtung: Die Kammeröffnung zeigt exakt nach Osten zum Meer, sodass die aufgehende Sonne zur Tagundnachtgleiche direkt hineinscheint. Jahrhundertelang von Sanddünen verdeckt, wurde das Monument erst 1843 durch einen schweren Herbststurm wieder freigelegt.

Am Strand finden sich zudem immer wieder Reste alter Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg – Teil der „Skånelinjen“, einer Verteidigungslinie, die Schweden zwischen 1939 und 1945 entlang der Südküste errichtete, da Skåne wegen der kurzen Distanz zu den deutsch besetzten Gebieten Dänemarks als wahrscheinlichster Landepunkt eines Angriffs galt. Manche Bunker sind frei zugänglich, andere gesperrt oder bereits verfallen.

Hallamölla Vattenfall

Nur wenige Kilometer vom Strand entfernt liegt der größte Wasserfall Schonens, der Hallamölla Vattenfall: Der Fluss Verkeån stürzt hier über mehrere Stufen insgesamt 23 Meter in die Tiefe – bei unserem Besuch mangels Wasser allerdings eher ein Rinnsal. Vor Ort steht eine historische Wassermühle, deren erste Vorgänger bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, dazu kurze Wanderwege durch dichte Buchenwälder und Picknickplätze.

Kaffestugan Alunbruket

Nahegelegen liegt die Kaffestugan Alunbruket, Schonens ältestes Kaffeehaus, untergebracht in einem idyllischen, reetgedeckten Fachwerkhaus direkt an Wanderwegen – ein lohnender Stopp für eine traditionelle Fika mit hausgemachtem Kuchen und Keksen inmitten eines zauberhaften Gartens.

Naturschutzgebiet Forsakar

Vor der Weiterfahrt nach Åhus wollten wir noch eine kürzere Wanderung im Naturschutzgebiet Forsakar machen, wo das Schmelzwasser der Eiszeit eine 40 Meter tiefe Urwald-Schlucht in die Landschaft gegraben hat; ein rund 1,6 Kilometer langer Weg führt am rauschenden Bach entlang zu zwei stufenförmigen Wasserfällen. Nach etwa einem Kilometer kehrten wir wegen einsetzenden Regens jedoch um – die Wasserfälle hätten ohnehin trotz Regens mehr Wasser gebraucht.

Ankunft in Åhus

Am Nachmittag in Åhus angekommen, unternahmen wir noch eine kurze Radtour die Küste entlang in ein Naturschutzgebiet – inzwischen schien wieder die Sonne.

Tag 10: Åhus

Åhus ist eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städtchen Schwedens, malerisch an der Mündung der Helge å in die Hanöbucht gelegen, mit reicher Geschichte, lebendiger Hafenpromenade und kilometerlangen weißen Sandstränden.

Die Besiedlung geht auf die Wikingerzeit zurück, die ältesten Stadtrechte stammen von 1326. Im Mittelalter war Åhus als Handels- und Hafenstadt unter dem Erzbischof von Lund bedeutend, verlor sie 1617 aber an das neu gegründete Kristianstad und verfiel. Bis 1658 gehörte die Region zu Dänemark, danach zu Schweden; erst 1929 erhielt Åhus wieder Stadtstatus. Der historische Kern zählt bis heute zu den besterhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren Schwedens, mit Ringmauerresten, engen Pflastergassen und Fachwerkhäusern. Wirtschaftlich prägt seit 1879 die Absolut-Vodka-Destillerie den Ort, daneben Fischerei, Aalfang-Tradition und Tourismus.

Von unserem Stellplatz liefen wir den Fluss entlang mit schönen Häusern und folgten dann in der Stadt dem Mittelalterweg. Startpunkt war das Anders Håkansgården, ein Freilichtmuseum der Heimatvereinigung Sankta Annas Gille südlich der Altstadt – leider nur donnerstags geöffnet. Der Hof stammt aus dem späten 17. Jahrhundert, ursprünglich ein Kronohemman; Wohnlänge, Scheune und Stall zeigen bäuerliches Leben des 19./20. Jahrhunderts. Direkt gegenüber liegt Malmströms Repslageri, eine überdachte, rund 70 Meter lange Seilerbahn, in der bis 1966 Fischereitauwerk hergestellt wurde – ebenfalls nur donnerstags zu besichtigen.

Von dort führt der Weg in die mittelalterliche Altstadt mit Ringmauerresten, Grabenlinie und schmalen Gassen. Mittendrin liegt der Marktplatz (Torget), heute geprägt von Eisdielen und Cafés. Gleich daneben steht die Kungstugan, ein kleines Fachwerkhaus von 1675, ursprünglich Nebengebäude des Pfarrhofs. Um sie ranken sich zwei Legenden: Der Überlieferung nach versteckte Pfarrer Rönnow König Karl XI. während der Belagerung von Kristianstad vor dänischen Soldaten im Schornstein über der Feuerstelle, öffnete den Soldaten dann selbst gelassen die Tür und behauptete, der König sei bereits abgereist – die Durchsuchung blieb erfolglos. Eine zweite, pikantere Version besagt, der König sei eigentlich wegen der Pfarrersfrau so oft zu Gast gewesen, und sie habe ihm beim Verstecken geholfen.

Wenige Schritte weiter liegt die Ruine des Sankta Annas Hospitals, 1524 gegründet, 1569 abgebrannt und 1617 nach Kristianstad verlegt; die Backsteinruine dient heute als Café-Terrasse. Von dort führt die alte Kaufmannsstraße Köpmannagatan weiter zur Burgruine Åhus Borg, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert und Schwedens erste Steinfestung – erhalten sind nur Mauerreste, im Hintergrund kontrastiert eine wenig ästhetische Fabrik.

Am Hafen lohnt eine Pause an der Eisdiele in einem umgebauten alten Fischkutter – Åhus ist landesweit für sein Speiseeis bekannt, unter anderem durch die Eismanufaktur Otto am Marktplatz. Direkt daneben liegt die Gamla Skeppsbron, die alte Hafenpromenade mit Fischrestaurants und Marina. Zum Abschluss der Blick auf die Spritkyrkan, die „Vodka-Kirche“ – das 1906 errichtete Destilleriegebäude von Absolut Vodka. Für den Abend fanden wir nahe unserem Stellplatz eine schöne Fiskrökeri, ein passender Ausklang mit gutem Fisch.

Tag 11: Ronneby und Karlskrona

Brunnspark Ronneby

Zwischenstopp in Ronneby: Der Brunnspark wurde einst als schönster Park Schwedens ausgezeichnet, umfasst rund 30 Hektar, seine erste Heilquelle wurde 1705 entdeckt. Die Glanzzeit als Kurort lag im späten 19. Jahrhundert; seine heutige Form erhielt der Park im Wesentlichen durch den dänischen Landschaftsarchitekten Henry August Flindt, der ihn Ende des 19. Jahrhunderts neu gestaltete.

Der angrenzende Brunnsskogen ist ein naturnaher Buchenwald mit kleinem See und mehreren angelegten Gartenbereichen: ein japanischer Garten mit Iris, ein Duftgarten mit rund 50 Pflanzenarten, ein Rosengarten mit ausschließlich Sorten aus der Jahrhundertwende, eine Rhododendron-Pflanzung von 1912 sowie Teiche und ein Wasserfall. Die im Park verteilten Holzvillen aus dem 18. und 19. Jahrhundert stehen unter Denkmalschutz und werden heute als Büros, Cafés, Restaurants und Ausstellungsflächen genutzt. Für einen ausführlichen Rundgang könnte man einen ganzen Tag einplanen, wir begnügen uns mit rund zwei Stunden.

Marinemuseum Karlskrona

Tagesziel ist das Marinemuseum in Karlskrona auf der Insel Stumholmen, Teil des Unesco-Welterbes „Örlogsstaden Karlskrona“. Das Museumsgebäude stammt von 1997, das Museum selbst zählt zu den ältesten Schwedens und dokumentiert rund 500 Jahre schwedische Marinegeschichte anhand von über 50.000 Objekten – Galionsfiguren, Schiffsmodelle, Waffen, Navigationsinstrumente. Zu den bekannten Bereichen gehören die Modellkammer, die Galionshalle und ein Wracktunnel mit Blick auf Schiffswracks aus dem 18. Jahrhundert.

Am Kai liegen drei Museumsschiffe: die Jarramas (Schwedens letztes Vollschiff, heute Schulschiff), der Minensucher Bremön und das Robotboot Västervik – ein kleines, schnelles Raketenschnellboot, wie es im Kalten Krieg für verdeckte Angriffe auf gegnerische Schiffe in der Ostsee gedacht war.

2014 kam die U-Boot-Halle hinzu, deren Fundament auf 270 Pfählen ruht, um das Gewicht der U-Boote zu tragen. Gezeigt werden die HMS Neptun (Baujahr 1980, knapp 50 m lang, rund 800 Tonnen, 19 Mann Besatzung) – nach der Vasa das zweitgrößte Museumsexponat Schwedens, 1981 an der Blockade des havarierten sowjetischen U-Boots U 137 beteiligt und von innen besichtigbar – sowie die Hajen von 1904, Schwedens erstes U-Boot. Die Ausstellung deckt damit gut 110 Jahre U-Boot-Geschichte ab.

Tag 12: Glasriket – Kosta Boda und Målerås

Kosta Boda

Wir sind im Glasriket, dem „Königreich des Glases“ in Småland zwischen Kalmar und Växjö, mit Orten wie Kosta, Orrefors, Boda und Målerås. Erstes Ziel ist Kosta Boda, eine der bekanntesten Glashütten Schwedens. Besonders ist die Offenheit der Werkshalle: Man geht direkt hinein und kann den Glasbläsern ohne Absperrungen bei der Arbeit zusehen, Besucher können sich sogar selbst als Glasbläser versuchen.

1742 gründeten Andreas Koskull und Georg B. Staël von Holstein die Firma, 1864 kam die Glashütte Boda hinzu, woraus der heutige Name entstand. Anderthalb Jahrhunderte lang stellte man vor allem Gebrauchsglas her, bevor ab 1898 mit Gunnar Wennerberg erstmals ein eigener Designer die Kunstglasproduktion prägte. Heute stehen Namen wie Bertil Vallien, Ulrika Hydman-Vallien oder Kjell Engman für das künstlerische Profil der Marke, ihre Ateliers liegen direkt in der Werkshütte. Im gut sortierten Fabrikverkauf kosten Vasen schon mal 500 bis 1000 Euro, einzelne Objekte mehrere Tausend. Gegenüber liegt Südschwedens größtes Bekleidungs-Outlet – wir ließen es links liegen und fuhren weiter zur nächsten Glashütte.

Målerås

Rund 30 Kilometer weiter liegt Målerås, gegründet 1890 und heute Schwedens größte Glashütte in Privatbesitz. Anders als Kosta war Målerås zunächst auf Fensterglas spezialisiert, bevor sich die Hütte unter Glaskünstler Mats Jonasson dem kunstvoll geschliffenen, gemalten und gravierten Dekorationsglas zuwandte – weltbekannt vor allem für ihre fein gearbeiteten Tierreliefs.

Bemerkenswerte Firmengeschichte: Am 29. Januar 1981 kauften 15 Handwerker – darunter Mats Jonasson – gemeinsam mit Anwohnern die Glashütte auf; von den 250 Einwohnern des Ortes investierten damals 80 in das Unternehmen. Daraus wurde die größte private Glashütte Schwedens. Auch hier lässt sich den Glasbläsern beim Schmelzen, Blasen, Gravieren und Bemalen zusehen, deutlich weniger Trubel als bei Kosta Boda. In Galerie und Shop zeigt sich das künstlerische Niveau schwedischer Glaskunst: fein ziselierte Tierfiguren und geschliffene Unikate, die Preisspanne reicht von rund 2.000 Euro für limitierte Editionen bis zu 85.000 Euro für großformatige Skulpturen.

Tag 13: Elchpark und Glasbruk Orranäs

Grönåsen Älgpark

Übernachtet haben wir auf einem Parkplatz beim Grönåsen Älgpark, rund 30 Kilometer weiter – einer der größten Elchparks Schwedens, familiengeführt. Das rund 10 Hektar große, eingezäunte Waldstück hat einen etwa 1.300 Meter langen Rundweg (gut eine halbe Stunde), mit Bänken und Beobachtungsplattformen an den von Elchen bevorzugten Stellen; zu den Fütterungszeiten sind die Tiere sicher zu sehen. Neben Elchen lebt im Park auch Dammwild.

Elche sind Wiederkäuer und verbringen viel Zeit ruhend mit der Verdauung, weshalb sich Geduld auszahlt. Die Tiere im Park haben eigene Persönlichkeiten und Namen: manche völlig angstfrei, andere verschmust oder auch mal flegelhaft, wieder andere scheu. Eine Ausstellung im Museum des Parks widmet sich den drei größten Gefahren für frei lebende Elche: Bär, Wolf und der Mensch als Jäger bzw. Straßenverkehr.

Orranäs Glasbruk

Dritte Station in Sachen Glasblasen: das Orranäs Glasbruk, ein moderner Glashüttenbetrieb mit historischen Wurzeln, der Glashandwerk und Glaskunst mit Nachhaltigkeitsanspruch verbindet und mit unabhängigen Designern zusammenarbeitet. Zum Areal gehören Glashütte, ein Museum mit Glaskunstsammlung, ein Ladengeschäft, Park sowie das angrenzende Eisenmuseum Hammarsmedjan. Besucher schauen der Glasbläserin bei der Arbeit zu und können im Café The Glassblower Café & Crêperie direkt daneben Kaffee und Kuchen genießen. Hyttmästare ist Amy Krüger, ausgebildet am Kosta Glascenter und der Königlich Dänischen Kunstakademie auf Bornholm, mit über zwanzig Jahren Erfahrung im Glasblasen.

Öland (Tag 14 bis 16)

Wir erreichen Öland, mit rund 137 km Länge Schwedens zweitgrößte Insel, seit 1972 über eine rund 6 km lange Brücke mit dem Festland verbunden. Die Insel ist überwiegend flach und karg, bekannt für die Kalksteppe Stora Alvaret (teils Unesco-Welterbe), rund 350 historische Windmühlen und zahlreiche Naturschutzgebiete.

Tag 14: Karlevi-Stein

Erster Stopp an der Westküste ist der Karlevi-Stein, um das Jahr 1000 errichtet und der älteste Runenstein Ölands. Der 130 cm hohe Block aus vulkanischem Porphyrgranit stammt nicht von der Insel, sondern vermutlich vom Festland bei Oskarshamn. Die Inschrift besteht aus drei Teilen: ein Prosatext, der den Stein dem Krieger Sibbe, Sohn des Foldar, widmet; eine Skaldenstrophe im komplexen Versmaß Dróttkvætt – die einzige bekannte runische Aufzeichnung dieser Form, die auf einen bedeutenden, wohl im Kampf gefallenen dänischen Anführer verweist; und auf der Rückseite bislang ungedeutete lateinische Buchstaben, begleitet von einem Kreuz und einem Thorshammer – ein Beleg für die religiöse Übergangszeit zwischen altem Glauben und beginnendem Christentum.

Burgruine Borgholm und Schloss Solliden

Die Burgruine Borgholm, oft als schönste Schlossruine Skandinaviens bezeichnet, thront auf offener Ebene über der Stadt. Ihre Ursprünge reichen ins 12./13. Jahrhundert zurück; bis zum Frieden von Roskilde 1658 diente sie als wichtige Verteidigungsanlage, wurde später zum Barockschloss ausgebaut und brannte schließlich aus.

Nahebei liegt Schloss Solliden, seit über hundert Jahren Sommerresidenz der schwedischen Königsfamilie. Das Schloss selbst ist nicht zu besichtigen, wohl aber der weitläufige Park mit Gärten (bei Anwesenheit der Königsfamilie können Teile gesperrt sein). Vor dem Park gibt es kleine Läden mit Souvenirs und regionalen Produkten sowie ein Café. 1938 ließ König Gustav V. dort eine Büste zum Gedenken an seine Frau, Königin Victoria, errichten.

Sandviks Kvarn

Stippvisite bei Sandviks Kvarn: Die achtstöckige Holländerwindmühle ist mit 26 m Höhe und 24 m Flügelspannweite die größte Windmühle Nordeuropas. Ursprünglich 1856 in Vimmerby errichtet, wurde sie nach einem Sturmschaden 1885 komplett demontiert, nach Sandvik transportiert und dort auf einem Sockel aus öländischem Kalkstein wieder aufgebaut. Anders als die kleineren Bockwindmühlen der Insel war sie eine Lohnmühle mit hoher Kapazität, bis in die 1950er-Jahre in Betrieb, seit 1980 als Byggnadsminne geschützt. Heute ist sie als Museum zugänglich, über mehrere Stockwerke bis zu den alten Mahlsteinen; im Sockelgebäude betreibt der Heimatverein Restaurant, Café und Kiosk.

Byrums Raukar

Rund 20 km weiter liegt Byrums Raukar, ein seit 1935 geschütztes Naturreservat mit Ölands berühmtester Raukenformation: etwa 120 bizarre Kalksteinsäulen entlang 600 Metern Küste, im Süden bis zu vier Meter hoch. Der Kalkstein entstand vor rund 490 Millionen Jahren aus einem Korallenriff; als sich das Meer zurückzog, trug die Brandung die weicheren Gesteinspartien ab und ließ die härteren Kerne als freistehende Säulen zurück. Besonders im Süden finden sich Fossilien wie Orthoceren und Trilobiten. Auf Öland kommen solche Rauken ausschließlich hier vor.

Leuchtturm Långe Erik

Ganz im Norden Ölands steht der Leuchtturm Långe Erik auf der kleinen Insel Stora Grundet, seit 1965 per Brücke angebunden. Erbaut 1845 aus Kalkstein, ist er mit 32 Metern rund 10 Meter niedriger und knapp 60 Jahre jünger als sein südliches Gegenstück Långe Jan. Nach Rüböl- und Petroleumlampe erhielt er 1906 ein rotierendes Linsensystem, 1947 wurde das Uhrwerk elektrifiziert, 1976 der Betrieb automatisiert; seit 1991 leuchtet ein kleineres Feuer mit 26 km Reichweite. Nur im Sommer geöffnet, führen 138 Stufen zum Umlauf in 28 Metern Höhe mit Blick über Ölands Nordspitze.

Nabbelund Hamn

Stellplatz für die Nacht: Nabbelund Hamn, südlich des Leuchtturms, früher ein wichtiger Verladehafen für Holz. Der alte Fährhafen ist außer Betrieb, das Fährterminal dient heute als Sanitärgebäude. Der Ort funktioniert als kleiner Gasthafen (30 Bootsliegeplätze) mit rund 30 Wohnmobil-Stellplätzen, mit Wasser, Duschen und Toiletten.

Tag 15: Freilichtmuseum, Fornborg und Leuchtturm

Erstes Ziel des Tages ist das Freilichtmuseum Himmelsberga, das am besten erhaltene zweizeilige Straßendorf Ölands – kaum restauriert, weitgehend im Zustand, in dem es ausgemustert wurde. Beiderseits der schmalen Dorfstraße stehen Vierseitenhöfe aus dem 18./19. Jahrhundert an ihrem Originalstandort, mit Originalmöbeln in den Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Geräten in Ställen und Scheunen. Auf den Weiden grasen alte Haustierrassen wie Ölandpferde. Ergänzt wird das Museum durch eine Kunsthalle, einen Dorfladen und ein Café. Grundstein war 1959 die Eröffnung des Hofs Norrgården als erstes Museumsgebäude.

Eketorps Borg

Eketorps borg im Süden Ölands ist Schwedens einzige vollständig ausgegrabene und originalgetreu wiederaufgebaute Fornborg, mitten im Weltnaturerbe Stora Alvaret. Ausgrabungen zwischen 1964 und 1973 förderten rund 26.000 Fundstücke zutage und zeigten drei Siedlungsphasen: Eketorp I (ca. 300–400 n. Chr.), Eketorp II (ca. 400–650 n. Chr., verstärkte Befestigung, 15 Gehöfte mit 53 Häusern für 150–200 Menschen) und Eketorp III (1170–1240 n. Chr., Wehr- und Viehburg mit berittener Truppe, über 100 Häuser). Der Ringwall ist fünf Meter hoch und sechs Meter breit; ein Brunnen aus der ältesten Bauphase versorgt die Anlage bis heute mit Wasser und wurde schon 1741 vom Naturforscher Carl von Linné erwähnt. Nach heutigem schwedischen Recht dürfen archäologische Stätten nicht mehr verändert werden – eine Rekonstruktion wie in Eketorp wäre unter geltendem Recht kaum mehr möglich.

Leuchtturm Långe Jan

An der Südspitze Ölands im Naturschutzgebiet Ottenby steht Långe Jan, mit 41,6 Metern der höchste Leuchtturm Schwedens. Errichtet 1784/85, vermutlich mit Hilfe russischer Kriegsgefangener, aus Steinen der abgerissenen Sankt-Johannes-Kapelle, deren Kurzform ihm den Namen gab. 1845 erhielt er seinen charakteristischen weißen Anstrich mit schwarzem Ring, 1907 ein rotierendes Linsensystem, 1948 elektrisches Licht. Heute ferngesteuert und von BirdLife Sverige verwaltet, kommen die Eintrittsgelder der benachbarten Vogelstation Ottenby zugute. Im Sommer führen 197 Stufen zur Aussichtsplattform – wir verzichteten wegen einsetzenden Regens darauf.

Tag 16: Gettlinge und Kalmar

Gräberfeld von Gettlinge

Wir starten mit dem Gräberfeld von Gettlinge an der Westküste Südölands, direkt am Rand des Weltnaturerbes Stora Alvaret – mit fast zwei Kilometern Ausdehnung eines der größten Gräberfelder der Insel. Genutzt rund 2000 Jahre lang (ca. 1000 v. Chr. bis 1050 n. Chr.), ursprünglich rund 250 Gräber, davon über 200 bis heute erhalten: Hügel, Steinsetzungen, Richterringe und mehrere Schiffssetzungen. Zentraler Blickfang ist eine rund 30 Meter lange Schiffssetzung aus 23 Granitblöcken mit rund zwanzig bronzezeitlichen Schälchensteinen. Ausgrabungen um 1900 untersuchten 15 – ausschließlich – Männergräber, meist geplündert; die am besten erhaltene Bestattung enthielt einen Hund, zwei Speere, einen Schild und Sporen. Schon 1634 beschrieb der Historiker Johannes Haquini Rhezelius die Anlage, 1741 untersuchte Carl von Linné eines der Gräber.

Schloss Kalmar

Zurück auf dem Festland: Schloss Kalmar. Um 1180 ließ König Knut Eriksson auf einer Halbinsel am Kalmarsund einen Verteidigungsturm errichten – die Gründung der heutigen Burganlage. Ende des 13. Jahrhunderts erweiterte König Magnus Ladulås sie zur Burg mit Ringmauer; da die dänische Grenze unmittelbar südlich verlief, wurde Kalmar zur wichtigsten Festung Schwedens ausgebaut, als „Schlüssel zum Reich“ bezeichnet. 1397 wurde hier unter Königin Margarethe die Kalmarer Union geschlossen, der fast 150 Jahre bestehende Zusammenschluss Schwedens, Dänemarks und Norwegens.

Unter den Wasa-Königen wurde die mittelalterliche Burg in einen Renaissancepalast verwandelt, mit Sälen wie dem Goldenen Saal (vergoldete Kassettendecke von 1576) und Erik XIV.s Schlafgemach. Seit 1592 blieb die Bausubstanz im Kern unverändert; das Schloss gilt als bestererhaltenes Renaissanceschloss Nordeuropas, ist seit 1935 Byggnadsminne und beherbergt seit 1870 das Kalmar Museum. Eindrücklich auch die Zahlen zum höfischen Alltag: Der private Monatsbedarf Johans III. umfasste u. a. 63 Ochsen, 298 Schafe, 980 Hühner und 858 Lachse und Hechte – „königliche Majestät war lustig und es sollte an nichts gespart werden“, wie eine zeitgenössische Randnotiz vermerkt.

Kalmar selbst zählt rund 40.000 Einwohner, ist drittgrößte Stadt Smålands und war im Mittelalter Hansestandort für den Export von Öland-Kalkstein, Teer, Holz, Eisen und Butter. 1986 erhielt die Stadt den Europa-Nostra-Preis für die Erhaltung ihres historischen Stadtbilds. Zentral am Marktplatz Stortorget steht der 1660–1703 errichtete, streng klassizistische Dom mit vier Türmen, von 1602 bis 1915 Bischofssitz.

Tag 17: Kalmar Läns Museum, Pataholm und Umgebung

Kalmar Läns Museum – Das Kriegsschiff Kronan

Am Vormittag zu Fuß zum Kalmar Läns Museum, das die Überreste der Kronan zeigt, neben der Vasa eines der größten schwedischen Kriegsschiffe des 17. Jahrhunderts. Am 1. Juni 1676 kenterte, explodierte und sank das Schiff vor der Südspitze Ölands – vermutlich weil die Segel bei starkem Wind nicht rechtzeitig gerefft wurden. Von rund 800 bis 850 Mann Besatzung überlebten nur etwa 40; der Untergang gilt als eine der größten Katastrophen der schwedischen Seefahrtsgeschichte.

Noch im 18. Jahrhundert wurden mit einer primitiven Taucherglocke wertvolle Bronzekanonen geborgen, danach geriet das Wrack für rund 300 Jahre in Vergessenheit. Erst 1980 wurde es von Anders Franzén – der zuvor bereits die Vasa entdeckt hatte – in 26 bis 27 Metern Tiefe wiedergefunden. Rund 95 % des Rumpfbereichs sind inzwischen untersucht. Zu den bedeutendsten Funden zählen zwei Goldmünzschätze, zwei der größten in Schweden geborgenen Silbermünzschätze, mehr als 40 bronzene Kanonen, ein Kabinettschrank mit 54 Einzelobjekten sowie 1999 gefundene menschliche Überreste, deren Gesicht später forensisch rekonstruiert werden konnte – insgesamt wurden bislang rund 35.000 Objekte geborgen.

Pataholm

Wenige Kilometer weiter liegt Pataholm, Schwedens kleinste historische Marktstadt. Bereits im 16./17. Jahrhundert ein bedeutender Handelsplatz mit Status einer Minderstadt (köping), getragen von Holzexport, einer Werft und regem Handel; im 19. Jahrhundert erlebte der Schiffbau hier noch einmal eine Blüte. Bis heute zeugen gut erhaltene Holzhäuser um den alten Marktplatz davon; nur noch wenige Menschen leben fest im Ort. Zwei historische Höfe wurden zu Heimatmuseen, in einem auch ein kleines Fotomuseum sowie ein Kunsthandwerksladen; im Café Förlig Wind werden im Sommer Kaffee und Gebäck serviert. Bei unserem Besuch in der Nachsaison war davon nichts zu spüren – Café und Läden geschlossen, der Marktplatz menschenleer, der Ort wirkte wie ausgestorben.

Klosterruine Kronobäck

Unterwegs ein Stopp an der Klosterruine Kronobäck, von der nur noch wenige Mauerreste stehen. Um 1292 zunächst als Hospital für Leprakranke gegründet, wandelte der Johanniterorden die Anlage 1479/1480 in ein Mönchskloster um; die Klosterkirche galt als größte Hospitalkirche Schwedens. Unter Gustav Wasa im 16. Jahrhundert aufgelöst, verfiel das Gebäude danach. Ab den 1940er-Jahren freigelegt, dient die Ruine heute als Ausflugsziel und Schauplatz eines jährlichen Mittelalterfests im Juli.

Steinmetzmuseum Våneviks Stenhuggarmuseum

Am Nachmittag das Freilicht-Steinmetzmuseum Våneviks Stenhuggarmuseum in einem stillgelegten Steinbruch – ganzjährig zugänglich, auch wenn die kleinen Gebäude geschlossen waren. Ein kurzer Spaziergang führt vorbei an einer alten Schmiede, Gleisen und Steinmetzhütten, wo einst der berühmte rote Vånevik-Granit abgebaut wurde. Übernachtet haben wir auf dem First Camp Gunnarsö-Oskarshamn, einem schön gelegenen Platz auf einer Schärenhalbinsel direkt am Meer mit großzügigen, ebenen Stellflächen.

Tag 18: Stensjö By und Västervik

Stensjö By

Stensjö By ist ein gut erhaltenes, bewohntes Kleinbauerndorf aus dem 19. Jahrhundert in Småland, heute Freilichtmuseum – original erhaltene Gehöfte und Gärten vermitteln einen authentischen Eindruck vom bäuerlichen Leben. Bekannt wurde der Ort als Drehort für Astrid-Lindgren-Verfilmungen: Hier entstanden Szenen für „Die Kinder von Bullerbü“ und „Michel aus Lönneberga“ – wer die Filme kennt, erkennt einzelne Gebäude und Wege wieder. In der Nachsaison wirkte das Dorf fast ausgestorben, das Café war geschlossen. Zum Abschluss führte ein ruhiger Rundweg durch den angrenzenden Wald, der als Viehweide dient.

Västervik

Västervik, oft „Perle der Ostküste“ genannt, liegt inmitten des Schärengartens von Tjust. Wahrzeichen ist die Burgruine Stegeholm auf einer kleinen Insel am Zentrum, um 1370 im Auftrag von Albrecht II. von Mecklenburg zur Sicherung der Wasserwege errichtet, mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, bis sie 1677 bei einem dänischen Angriff endgültig niederbrannte.

Die Innenstadt ist geprägt von alten Holzhäusern und einem lebendigen Zentrum. Markant ist die neugotische St.-Petri-Kirche (1903–1905) mit roter Backsteinfassade, die die ältere St.-Gertrud-Kirche als Hauptkirche ablöste; bemerkenswert sind gleich drei Orgeln im Innenraum sowie ein Heiligenbild aus recycelten Militärplanen des Künstlers Mats Hermansson. Auf der Weiterfahrt zum Astrid-Lindgren-Museum in Vimmerby ließen wir nach einem Regenschauer kurz die Drohne steigen, um den Regenbogen aus der Luft zu sehen.

Tag 19: Auf den Spuren von Astrid Lindgren und Gränna

Astrid Lindgrens Näs

Der Tag steht im Zeichen von Astrid Lindgren, der wohl bekanntesten Kinderbuchautorin weltweit – Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter. Erster Stopp ist Näs bei Vimmerby, ihr Geburtshaus, mit Nebengebäuden, Pfarrhaus, Garten und einem sehr sehenswerten Besucherzentrum. Das Geburtshaus selbst ist nur im Rahmen begrenzter Führungen zu besichtigen, die trotz Nebensaison ausgebucht waren.

Astrid Anna Emilia Ericsson wurde 1907 auf dem Pachthof Näs geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einer als frei und unbeschwert beschriebenen Umgebung auf – diese Kindheit bildet später den atmosphärischen Kern vieler ihrer Bücher. Mit 17 Jahren wurde sie ungewollt schwanger, ging nach Stockholm und musste ihren 1926 geborenen Sohn Lars zunächst zu einer Pflegefamilie in Dänemark geben. 1931 heiratete sie Sture Lindgren; ihre schriftstellerische Laufbahn begann 1944, als sie – bettlägerig nach einer Fußverstauchung – die zuvor ihrer Tochter erzählten Pippi-Langstrumpf-Geschichten aufschrieb. 1945 erschien das erste Pippi-Buch. Sie engagierte sich zeitlebens politisch, unter anderem gegen Gewalt an Kindern – direkt zurückgeführt wird darauf Schwedens Verbot körperlicher Kindeserziehung von 1979 – und für Tierschutz. Ihre Steuersatire „Pomperipossa in Monismanien“ von 1976 löste eine landesweite Debatte aus und gilt als einer der Gründe für die Abwahl der Sozialdemokraten im selben Jahr. Astrid Lindgren starb 2002 im Alter von 94 Jahren in Stockholm; von ihr wurden weltweit rund 200 Millionen Bücher verkauft, seit 2002 verleiht die schwedische Regierung ihr zu Ehren jährlich den mit rund 560.000 Euro höchstdotierten Kinder- und Jugendliteraturpreis der Welt.

Filmbyn Småland

20 Kilometer weiter liegt Filmbyn Småland mit Original-Kulissen der Astrid-Lindgren-Verfilmungen – Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter, Ferien auf Saltkråkan, Nils Karlsson Däumling, Die Kinder aus Bullerbü, Pippi Langstrumpf. Man läuft durch die originalen Schauplätze wie Pippis Küche oder Emils Werkzeugkammer, sieht Originalkostüme und Requisiten und erfährt, wie die Filme entstanden. Anders als in Näs geht es hier nicht um Astrid Lindgrens Leben, sondern um die Verfilmung ihrer Werke.

Katthult

Acht Kilometer weiter liegt Katthult, eigentlich Gibberyds Gård, seit 2000 offiziell umbenannt – der Bauernhof, auf dem in den 1970er-Jahren die Michel-aus-Lönneberga-Filme entstanden. Ein echter smaländischer Hof aus dem 19. Jahrhundert, seit 1898 von derselben Familie bewohnt, äußerlich seit den Dreharbeiten kaum verändert. Gedreht wurde vor Ort in Gesindehaus, Scheune und der eigens errichteten Michels Werkstatt; Innenaufnahmen des Haupthauses entstanden dagegen im Studio. Das Haupthaus ist bis heute bewohnt und nicht zugänglich, der Rest des Hofs frei begehbar – inklusive Michels Holzschuppen mit geschnitzten Figuren und Fahnenmast.

Gränna

Über dichte Wälder und Schotterpisten geht es nach Gränna, wo wir übernachten – bekannt für den Polkagris, die rot-weißen Zuckerstangen. Erfunden hat sie Amalia Eriksson: Als Kind verlor sie durch eine Choleraepidemie Eltern und Geschwister, arbeitete als Dienstmagd, wurde mit 35 Jahren mittellose Witwe und begann zuhause Süßigkeiten zu kochen, um sich und ihre Tochter Ida zu ernähren. 1859 erhielt sie vom Magistrat die Erlaubnis für eine eigene Bäckerei – für eine Frau damals keine Selbstverständlichkeit – und gilt als erste Polkagris-Herstellerin Schwedens: roter, mit Pfefferminzöl aromatisierter Teig, verdreht mit hellem Teig, bis heute das typische Muster.

Ida führte das Geschäft bis 1945 weiter; Amalia starb 99-jährig als eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Frauen Grännas, seit 1997 erinnert eine Bronzestatue an sie. Heute stellen rund ein Dutzend Betriebe in Gränna Polkagris her, der Ort zieht dafür jährlich über eine Million Touristen an – am Abend unseres Besuchs allerdings hatten fast alle Läden bereits geschlossen.

Tag 20: Vadstena und der Göta Kanal

Schloss Vadstena

Stopp am Schloss Vadstena, einer 1545 bis 1620 im Auftrag Gustav Wasas erbauten Renaissance-Festung am Vättern zur Grenzsicherung gegen Dänemark, umgeben von einem wassergefüllten Wallgraben. Unter Johan III. prunkvoll als königliche Residenz eingerichtet, fiel die Einrichtung 1598 einem Brand zum Opfer; Anfang des 18. Jahrhunderts als königliche Burg aufgegeben, diente sie zeitweise als Kornlager. Zusammen mit Gripsholm und Kalmar gilt Vadstena als eine der besterhaltenen Wasa-Burgen und als die eigentliche Renaissanceburg Schwedens, seit 1935 Byggnadsminne, seit 1899 zudem Sitz eines Landesarchivs.

Auffällig sind die großzügigen Raumgrößen, ein Erbe der einstigen Nutzung für höfisches Zeremoniell. Der Bröllopssalen (Hochzeitssaal) bietet dank seiner Größe und Akustik bis heute Raum für eine Opernbühne samt Publikum, obwohl er nie als Theater geplant war – seit 1964 bespielen die Vadstena-Akademien hier im Sommer neue und wiederentdeckte Opern, oft mit jungen Sängern und Musikern am Anfang ihrer Karriere.

Bergs Slussar und der Göta Kanal

Die Carl-Johans-Schleusentreppe bei Berg ist mit sieben direkt hintereinander verbundenen Kammern die längste ihrer Art am gesamten Göta Kanal, erbaut 1815 bis 1818 und nach König Carl XIV Johan benannt, der während der Bauzeit persönlich zwei Grundsteine legte. Zwischen dem See Roxen und dem oberen Hafenbecken überwinden Boote hier rund 18,9 Höhenmeter; mit zwei weiteren Doppelschleusen umfasst Berg insgesamt elf Schleusen und knapp 29 Höhenmeter. Eine Schleusung dauert 7 bis 10 Minuten, die komplette Treppe oft eine gute Stunde.

Der Göta Kanal selbst entstand zwischen 1810 und 1832 und verbindet die Ostsee bei Mem mit dem Vänern bei Sjötorp – zusammen mit dem Trollhätte-Kanal die durchgehende Wasserverbindung zwischen Stockholm und Göteborg. Mit 190 Kilometern und 58 Schleusen gilt er als eines der größten je in Schweden errichteten Bauwerke und wurde landesweit zum „Bauwerk des Jahrtausends“ gewählt. Von Mai bis September betreuen rund 100 überwiegend studentische Schleusenwärter die Strecke; in der Nachsaison unseres Besuchs war davon nur noch wenig zu spüren.

Tag 21: Werkstattstopp und Naturreservat Stendörren

Nach dem Reiseabbruch in der Toskana wegen Motor- und Getriebeproblemen und dem Transport des Wohnmobils zurück nach Deutschland leuchtete nach der aufwendigen Garantiereparatur und rund 2.800 gefahrenen Kilometern erneut die Motorkontrollleuchte auf. In Norrköping fand sich am Samstagmorgen eine offene Werkstatt, die den Fehlerspeicher auslas, mit der deutschen Fiat-Werkstatt telefonierte und den Partikelfilter reinigte. Die Fehlermeldungen deuten auf eine defekte AdBlue-Einspritzung oder defekte NOx-Sensoren hin – Entwarnung: Die Reparatur kann bis zur Rückkehr nach Deutschland warten, der Motor läuft einwandfrei, nur der AdBlue-Verbrauch ist deutlich erhöht und lässt sich nachfüllen.

Naturreservat Stendörren

Kürzere Wanderung im Naturreservat Stendörren: seit 1972 geschützt, 923 Hektar groß (davon 738 Hektar offenes Wasser), Teil des europäischen Natura-2000-Netzwerks. Hängebrücken und Stege führen ganz ohne Boot vom Festland auf die vorgelagerten Schäreninseln Äspskär und Stora Krokholmen. Am Eingangsbereich bei Aspnäset liegen das (nur im Sommer geöffnete) Naturum mit Ausstellung zu Ostsee und Kulturgeschichte, ein Aussichtsturm mit Panoramablick über den Sörmland-Schärengarten, mehrere Wanderwege, Grillplätze und einfache Ferienhütten auf der Insel Ekholmen sowie Naturhäfen und eine Kanuanlegestelle.

Tag 22: Schlössertour – Tullgarn, Gripsholm und Taxinge

Schloss Tullgarn

Erster Halt: Tullgarns slott, königliches Sommerschloss an einer Ostseebucht bei Vagnhärad, seit 1975 König Carl XVI Gustaf zur Verfügung gestellt. Erbaut in den 1720er-Jahren, geprägt von Rokoko, gustavianischem Stil und einer viktorianischen Umgestaltung durch das Kronprinzenpaar Gustaf (V) und Victoria – die Innenräume gelten als eine der schönsten Ausstattungen Schwedens. Zu dieser Jahreszeit war eine Innenbesichtigung nicht möglich, das Schloss ist nur im Sommer geöffnet. Die ganzjährig zugängliche englische Parkanlage lohnt trotzdem: angelegt ab Ende des 18. Jahrhunderts, mit Kanalsystem, kleinen Brücken und rund 22 Hektar Fläche – vom barocken Sternenwäldchen nahe dem Schloss bis zur weitläufigen englischen Parklandschaft, mit einem reizvollen Weg entlang der Bucht Tullgarnsviken.

Schloss Gripsholm

Deutlich mehr Betrieb herrschte in Gripsholm – anders als Tullgarn bis 15. September täglich geöffnet, direkt am charmanten Städtchen Mariefred gelegen und eines der bekannteren königlichen Schlösser. 1537 von Gustav Wasa auf einer Insel im Mälarsee gegründet, mit charakteristischen runden Ecktürmen. Es beherbergt die Svenska statens porträttsamling, die älteste nationale Porträtgalerie der Welt: Allein im Schloss sind 800 Gemälde ausgestellt, die Gesamtsammlung umfasst deutlich über 5000 Porträts bedeutender Schweden, darunter Greta Garbo und August Strindberg; sie geht auf Gustav Wasas Kunstsammlung im 16. Jahrhundert zurück und wurde 1822 offiziell gegründet.

In der Rustkammer wartet ein ausgestopfter Löwe neben Rüstungen aus der Zeit Gustavs III., dazu Gustavs III. eigenes kleines Schlosstheater: 1781 beauftragte der als „Theaterkönig“ bekannte Monarch den Architekten Erik Palmstedt, eine kleinere Bühne zu einer vollwertigen Hoftheater-Anlage umzubauen. Palmstedt nutzte die runde Turmform geschickt für Bühne und Zuschauerraum für rund 60 Gäste inklusive Majestätsloge; nicht-adliges Personal durfte auf königliche Anweisung vom Kuppelgewölbe aus zuschauen.

Taxinge Slott

Letzte Station der Schlössertour: Taxinge Slott, ein ehemaliges Rittergut auf einer Landzunge in der Gripsholmsbucht am Mälarsee. Erste Erwähnung des Gutshofs Näsby bereits 1281, das heutige gelbe Hauptgebäude stammt von 1806 bis 1813. Berühmt ist das Schloss aber vor allem als „Kakslottet“ – das Kuchenschloss: Das Slottscafé bietet Nordeuropas größtes Kuchenbuffet mit garantiert mindestens 65 hausgebackenen Sorten, bezahlt wird nur, was tatsächlich auf dem Teller landet. Genossen wird das Ganze in der historischen Bibliothek oder – bei schönem Wetter – im Schlosspark am Wasser; kein Wunder, dass hier auch die schwedische Version von „Das große Backen“ gedreht wird. Die Warteschlange vor dem Kuchentisch gehört an diesem Wochenende praktisch zum Erlebnis dazu – der Kuchen war es wert.

Tag 23: Stockholm – Gamla Stan und Kungliga Slottet

Stockholm verteilt sich auf 14 Inseln, verbunden über rund 50 Brücken. Gegründet 1252 an der strategisch wichtigen Engstelle, wo der Mälarsee in die Ostsee mündet, wurde die Stadt offiziell erst 1634 Hauptstadt, war aber schon 1289 als bevölkerungsreichste Stadt des Königreichs dokumentiert. Heute leben knapp eine Million Menschen in der Stadtgemeinde, in der gesamten Metropolregion fast 2,5 Millionen – rund ein Viertel der schwedischen Bevölkerung.

Über den rund 500 Meter langen Panoramaweg Monteliusvägen mit Aussicht auf Stadshuset, Gamla Stan, Riddarholmen und Kungsholmen erreichen wir die Gamla Stan, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Altstädte Europas auf der Insel Stadsholmen. Enge Kopfsteingassen, bunte Giebelhäuser und der Stortorget als ältester Platz der Stadt prägen das Bild; sehenswert sind zudem die Storkyrkan (Dom und Krönungskirche), die mit knapp 90 cm schmalste Gasse Stockholms, Mårten Trotzigs Gränd, sowie die Riddarholmskyrkan, die mittelalterliche Grabkirche der schwedischen Könige.

Nach einer Kaffeepause geht es ins Kungliga Slottet, die offizielle Residenz des Königs – tatsächlich bewohnt wird allerdings Schloss Drottningholm außerhalb der Stadt, weshalb sich das Schloss unkompliziert besichtigen lässt. Der Barockbau entstand 1697 bis 1770 auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Burg, die im selben Jahr abbrannte. Mit 230 mal 125 Metern und über 600 Räumen zählt es zu den größten noch genutzten Schlössern Europas; öffentlich zugänglich sind die Prunkräume, die Schatzkammer mit den Kronjuwelen, das Tre-Kronor-Museum und die Schlosskirche.

Tag 24: Vasa-Museum und Museum of Wrecks

Vasa-Museum

Hauptgrund für den längeren Stopp in Stockholm ist das Vasa-Museum. Es zeigt ein fast vollständig erhaltenes Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert, das am 10. August 1628 auf seiner Jungfernfahrt nach nur rund 20 Minuten und 1.300 Metern im Hafen sank. Ursache war eine gravierende Fehlkonstruktion: Auf Drängen König Gustavs II. Adolf war nachträglich ein zweites Kanonendeck eingebaut worden, wodurch das Schiff kopflastig und zu schmal wurde. Ein Stabilitätstest Wochen zuvor hatte bereits bedrohliches Schwanken gezeigt, wurde aber aus Angst vor dem königlichen Zorn abgebrochen. Als das Schiff die schützenden Felsen des Hafens verließ, brachten zwei Windböen es in Schräglage, Wasser drang durch die wegen der Salutschüsse offenen Kanonenluken ein – das Schiff sank binnen kurzer Zeit und riss zwischen 30 und 50 Menschen mit in den Tod.

Nach 333 Jahren im sauerstoffarmen Ostseewasser wurde das Wrack 1961 geborgen: Marinetaucher spülten unterhalb des im Schlamm feststeckenden Rumpfes unter Lebensgefahr sechs Tunnel frei, durch die Stahlkabel gezogen wurden, mit deren Hilfe das Schiff schrittweise angehoben wurde. 1988 folgte der Transport in ein Trockendock, um das herum das heutige Museumsgebäude entstand. Aktuell läuft ein Projekt für rund 18 Millionen Euro, um den Rumpf dauerhaft gegen Absacken zu stabilisieren. Das Vasa-Museum ist mit rund 1,5 Millionen Besuchern jährlich das meistbesuchte Museum Schwedens. Bei den Ausgrabungen wurden über 40.000 Objekte geborgen, darunter Skelette von mindestens 15 Personen, gut erhaltene Alltagskleidung, Schuhe und Werkzeuge sowie rund 4.000 Kupfermünzen als Matrosensold.

Museum of Wrecks

Anschließend das nahe gelegene Museum of Wrecks, das dem gesamten Wrackerbe der Ostsee gewidmet ist – nirgendwo sonst haben sich so viele hölzerne Schiffswracks so gut erhalten, dank kaltem, salzarmem und schiffswurmfreiem Wasser. Die Wracks selbst bleiben am Meeresgrund, wo sie am besten konserviert sind; gezeigt werden sie über 3D-Rekonstruktionen, Hologramme, VR-Brillen und immersive Rauminstallationen, unter anderem rund um das 1660 gesunkene Schiff „Resande Man“. Für 2026 wurde das Museum von Schwedens Museumsverband und ICOM zum „Museum of the Year“ gekürt. Den Tag beendet ein längerer Bummel durch die Altstadt – öffentliche Verkehrsmittel kosten rund 3,40 Euro für 75 Minuten beliebigen Umsteigens, egal ob Bus, U-Bahn oder Fähre, bezahlt per Handy an der Schranke.

 

Hier geht es zum zweiten Teil des Reiseberichtes über unsere Schwedenreise.

 

Schweden, der Süden – Teil II, von Uppsala über die Westküste zurück

Hier geht es zum ersten Teil der Schweden-Reise von Malmö die Süd- und Ostküste entlang bis Stockholm.

Tag 25: Sigtuna und Uppsala

Sigtuna – Schwedens älteste Stadt

Unser erster heutiger Stopp findet in Sigtuna statt. Ein Bummel durch die alte zentrale Gasse, Museumsbesuch und das kleinste Rathaus Schwedens stehen auf dem Programm. Sigtuna wurde um das Jahr 970 von König Erik Segersäll gegründet und gilt damit – neben Lund – als älteste noch bestehende Stadt Schwedens. Bereits um das Jahr 1000 lebten hier etwa 1.000 Menschen – zu jener Zeit eine beachtliche Größe, denn Sigtuna war damals ein bedeutendes Handels-, Kirchen- und Reichszentrum.

Das Rückgrat der Altstadt bildet die Stora Gatan, die zentrale Fußgängergasse, gesäumt von bunt bemalten Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, kleinen Läden, Galerien und Cafés. Archäologisch spannend: Unter der heutigen Straße liegen mehrere frühere Straßenschichten übereinander, ein Beleg dafür, dass Sigtuna schon in seiner Gründungszeit nach einem geregelten Plan angelegt wurde. Am Stora Torget, dem großen Platz entlang der Straße, steht das kleinste Rathaus Schwedens – ein gelb gestrichenes Holzgebäude mit spitzem Türmchen aus dem Jahr 1744, das einst als Gerichtsgebäude diente.

Wer mehr über die Geschichte der Stadt erfahren möchte, findet im Sigtuna-Museum mittelalterliche Fundstücke, unter anderem aus der Wikingerzeit. Sehenswert sind zudem die Kirchenruinen von St. Per, St. Lars und St. Olof sowie zahlreiche Runensteine in der Stadt und Umgebung. Eine Pause bietet sich im Café Tant Bruns Kaffestuga an, in einem historischen, roten Holzhaus aus dem 17. Jahrhundert, bekannt für seine Smörgåsar.

Der Dom zu Uppsala

Der Dom zu Uppsala, die größte und höchste Kirche Skandinaviens, beeindruckt bereits von außen durch seine markanten, fast 120 Meter hohen gotischen Türme, die die Silhouette der geschichtsträchtigen Universitätsstadt dominieren. Doch das wahre Herzstück dieses monumentalen Backsteinbaus aus dem 13. Jahrhundert offenbart sich im Inneren, direkt hinter dem Hauptaltar. Am östlichen Ende des Chors der Wasa-Kapelle stößt man auf eines der bedeutendsten historischen Monumente Schwedens: den königlichen Prunksarkophag von König Gustav I. Wasa (1496 bis 1560). Der Begründer der Wasa-Dynastie und Einiger des modernen schwedischen Reiches ruht dort in einem monumentalen Grabmal aus rotem Marmor und weißen Alabaster, das vom Renaissance-Künstler Willem Boy entworfen wurde. Auf dem Sarkophag thronen die lebensechten Liegefiguren des Königs und seiner ersten beiden Ehefrauen, Katharina von Sachsen-Lauenburg und Margareta Leijonhufvud, während seine dritte Gemahlin, Katharina Stenbock, in der Gruft direkt darunter beigesetzt ist.

Dieses Areal im hinteren Teil des Doms gleicht einer schwedischen Herrschergalerie. Nur wenige Schritte entfernt, in der ehemaligen Sakristei, zieht das Grabmonument seines Sohnes König Johann III. und dessen polnischer Gattin Katharina Jagiellonica die Blicke auf sich. Unweit davon ruht in einem vergoldeten Schrein der Schutzpatron Schwedens, König Erik der Heilige (Erik IX). Die Legende besagt, dass Erik von Feinden brutal angegriffen und schließlich enthauptet wurde. Die Forscher fanden an den Beinknochen Spuren von heftigen Hieben und – als finalen Beweis – einen tiefen Schnitt am Halswirbel, der die Enthauptung zweifelsfrei belegt.

Neben den königlichen Ruhestätten birgt der Dom, der über Jahrhunderte hinweg die traditionelle Krönungs- und Grabkirche der schwedischen Monarchen war, noch weitere historische Schätze. So findet man nahe dem Haupteingang die schlichte Grabplatte des weltberühmten Botanikers Carl von Linné und in den barocken Seitenkapellen die Gräber des Universalgelehrten Olof Rudbeck sowie des Friedensnobelpreisträgers Dag Hammarskjöld. Ein Rundgang durch dieses ehrwürdige Gemäuer verbindet auf faszinierende Weise die mittelalterliche Sakralarchitektur mit den prägenden Epochen der schwedischen Nationalgeschichte.

Gamla Uppsala – Grabhügel der Sveakönige

Gamla Uppsala war einst religiöses und machtpolitisches Zentrum Schwedens – von hier aus regierten die ersten schwedischen Könige. Nach der Christianisierung wurde der Ort 1164 sogar Erzbischofssitz, bis nach einem Kirchenbrand 1273 der Bischofssitz ins heutige Uppsala verlegt wurde. Wahrzeichen sind die drei großen Königshügel (Kungshögarna) aus dem 6. Jahrhundert, Brandgräber der Vendelzeit. Bis heute ist nicht geklärt, wer darin bestattet wurde – sicher ist nur, dass es sich um hochrangige Persönlichkeiten handelte. Im Osthügel fanden sich Reste eines Helms und goldene Fragmente, im Westhügel die Überreste eines Habichts, vermutlich eines Jagdvogels der damaligen Elite. Die Hügel liegen inmitten eines weitläufigen Gräberfelds mit rund 3.000 Gräbern. Der Sage nach – überliefert in der isländischen Ynglingasaga – sollen hier die legendären Sveakönige Aun, Egil und Adils bestattet sein, eine Zuordnung, die auf eine Theorie des Archäologen Birger Nerman aus dem Jahr 1913 zurückgeht. Neuere Untersuchungen datierten die Hügel jedoch rund 100 Jahre jünger als die Regierungszeit dieser Könige – die Verbindung bleibt damit wohl eine Legende.

Wir unternahmen eine kurze Wanderung rund um die Grabhügel, die auch an der kleinen Steinkirche vorbeiführte – einst erste Kathedrale Schwedens, vermutet an der Stelle des sagenumwobenen heidnischen Tempels, den Adam von Bremen beschrieb – sowie zum Freilichtmuseum Disagården. Das 1931 gegründete Museum zeigt rund 26 Holzgebäude aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die aus verschiedenen Teilen Upplands hierher versetzt wurden, und vermittelt einen Eindruck vom bäuerlichen Leben der Region im 19. Jahrhundert – mit Wohnhäusern, Höfen und frei laufenden Tieren.

Tag 26: Sala Silvergruva, Anundshög und Schloss Strömsholm

Sala Silvergruva – Schwedens Schatzkammer

Schwedens Schatzkammer – Sala Silvergruva, im Volksmund einst „Sveariket skattkammare“ (Schatzkammer des Svea-Reiches) genannt, war über Jahrhunderte die wichtigste Silberquelle Schwedens. Die erste königliche Bergbaukonzession stammt aus dem Jahr 1512, entdeckt wurden die Silberadern aber schon im 15. Jahrhundert und mit Hilfe deutscher Bergleute ausgebeutet. Der Höhepunkt lag in den 1530er- und 1540er-Jahren unter König Gustav Wasa; das gewonnene Silber floss direkt in die schwedische Krone – verarbeitet zu Münzen und kostbarem Hausrat, das bis heute in ganz Europa zu finden ist. Bis zur endgültigen Schließung 1908 war Sala durchgehend in Betrieb, mit einer letzten kurzen Wiederaufnahme 1950/51. Insgesamt wurden rund 450 Tonnen Silber gefördert. Das Grubenareal gilt heute als eines der besterhaltenen und sichersten Bergwerksmilieus der Welt und beherbergt sogar das tiefste Hotelzimmer der Welt, 155 Meter unter Tage.

Das weitläufige Gelände umfasst 48 historische Gebäude aus dem 17. bis 19. Jahrhundert – wir waren schon um 10 Uhr morgens unterwegs und sind bei Stille über das Areal gewandert, bis auf das Tropfen des Regens. Hatten heute den ersten Regentag erwischt. Hörte aber immer wieder auf, und am Nachmittag kam dann wieder die Sonne zum Vorschein. Wäre nicht kurz eine Schulklasse aufgetaucht, wir wären die einzigen Besucher gewesen. Für eine Führung unter Tage reichte die Zeit leider nicht: Die erste des Tages wäre erst um 14 Uhr gewesen, für uns zu spät, da wir an diesem Tag noch weiterfahren wollten.

Zum Ausklang kehrten wir im Antikladen Silvergruvans Antik & Kuriosa direkt am Gelände ein – rund 600 m² voller Möbel, Porzellan, Glas und Kuriositäten, dazu ein kleines Café mit Fika. Läden, wie ich sie liebe. Bei einem Kaffee kamen wir mit den Inhabern ins Gespräch und ergatterten schließlich noch einen Mörser mit Stößel aus dem 19. Jahrhundert als Souvenir.

Anundshög – Grabfeld der Wikingerzeit

Anundshög, ein Grabfeld der Wikingerzeit bei Västerås war unser nächster Halt, etwa 40 Kilometer entfernt. Wenig los war auch hier: Da es noch leicht regnete, ging es erst mal wieder ins Café. Nachdem der Regen nachgelassen hat, ging es dann zu den Hügelgräbern und Schiffssetzungen. Anundshög gilt als eines der bedeutendsten Gräberfelder der Wikingerzeit in Schweden – genutzt von der Völkerwanderungs- bis in die Wikingerzeit, etwa 500 bis 1050 n. Chr. Namensgebend ist der mächtige Anundshög selbst: mit rund 68 Metern Durchmesser und 9 Metern Höhe der größte Grabhügel Schwedens. Der Name wird mit dem legendären König Bröt-Anund aus der Ynglingasaga in Verbindung gebracht, geht aber wohl eher auf einen Runenstein aus dem 11. Jahrhundert am Fuß des Hügels zurück, der einen Anund erwähnt.

Wer darin bestattet wurde, ist bis heute unbekannt. 1788 versuchten Brennerei-Knechte aus Västerås, den Hügel zu plündern, gruben sich aber nicht bis zum Grab durch. Eine echte archäologische Untersuchung fand erst 1998 statt – allerdings nur in Form von Probebohrungen und einzelnen Suchschnitten am Rand, keine vollständige Ausgrabung. Dabei zeigte sich immerhin, dass der Hügel über einer älteren Siedlungsstelle errichtet wurde. Direkt daneben liegen mehrere Schiffssetzungen: zwei große, 54 und 51 Meter lange Steinreihen in Schiffsform, ausgerichtet auf den Anundshög, dazu drei kleinere. Kein anderer Fundort in Schweden vereint so viele große Schiffssetzungen an einem Platz. Die Findlinge waren bereits Mitte des 17. Jahrhunderts umgestürzt – vermutlich wurden die Monumente mit fortschreitender Christianisierung als heidnisch angesehen und bewusst zu Fall gebracht. Erst 1932 wurden vier der fünf Schiffssetzungen wieder aufgerichtet und die Fundstellen dabei zugleich untersucht.

Das Areal diente bis ins 13. Jahrhundert zusätzlich als Thingplatz, also als Versammlungsort für Rechtsprechung und politische Entscheidungen – ein weiterer Beleg dafür, dass Anundshög über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht und Gemeinschaft war.

Schloss Strömsholm – Das Pferdeschloss

Ganz allein unterwegs waren wir dann beim Schloss Strömsholm, etwa 30 Kilometer weiter. Die Ursprünge der Anlage reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als König Gustav Wasa hier zunächst eine Befestigung errichten ließ. Das heutige barocke Schloss entstand ab 1669 im Auftrag der Königswitwe Hedvig Eleonora, die den alten Bau abreißen und nach Plänen des berühmten Architekten Nicodemus Tessin d. Ä. neu errichten ließ – fertiggestellt in den 1670er/80er Jahren. Erbaut wurde es auf einer Insel im Fluss Kolbäcksån in der Provinz Västmanland. König Adolf Friedrich und Königin Luise Ulrike erhielten das Schloss später als Hochzeitsgeschenk, woraufhin die Innenräume im prächtigen gustavianischen Stil umgestaltet wurden – dieser Zustand prägt die Räume bis heute, darunter ein „chinesischer Saal“ mit entsprechenden Wandmalereien und eine reiche Gemäldesammlung. Nur zu dieser Jahreszeit ist das Schloss natürlich geschlossen, wussten wir aber schon vorher.

Seine besondere Bedeutung verdankt Strömsholm jedoch dem Pferd: Bereits im 17. Jahrhundert wurde hier eine königliche Pferdezucht zur Versorgung der schwedischen Armee aufgebaut. Von 1868 bis 1968 war die Reit- und Fahrschule der schwedischen Armee im Schloss untergebracht, und bis heute ist Strömsholm mit der Ridskolan Strömsholm das Zentrum der schwedischen Reitausbildung, des Pferdesports und der Zucht – ausgerichtet werden hier weiterhin Reitturniere und Pferderennen, allen voran jährlich im Juni die Strömsholmsveckan.

Tag 27: Engelsberg Bruk und Nora

Eine Eisenhüttensiedlung wird zum Weltkulturerbe

Engelsberg Bruk ist die am besten erhaltene Eisenhüttensiedlung des 17./18. Jahrhunderts weltweit, 1993 als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen. Die Unesco begründet die Aufnahme damit, dass Schweden in dieser Zeit durch die Produktion hochwertigen Eisens zur führenden Nation dieses Feldes wurde und Engelsberg das vollständigste und am besten erhaltene Beispiel eines solchen Järnbruk (Hüttenguts) darstellt. Gegründet 1681, entwickelte sich Engelsberg rasch zu einer der modernsten Eisenhütten des Landes und blieb bis zur Stilllegung 1919 in Betrieb. Kern des Ensembles ist das Prinzip des Järnbruk: eine autarke, patriarchalisch geführte Werkssiedlung, in der der Gutsherr (Brukspatron) neben der Fabrik auch Wohnhäuser, Schule, Gasthäuser und Landwirtschaft für die Arbeiter unterhielt. Einzigartig ist, dass sowohl die komplette technische Anlage (Hochofen, Schmiede, Erzdarrofen, Wasserräder) als auch die herrschaftlichen Gebäude (barockes Herrenhaus, Parkanlagen) und die Arbeiterkaten im Original erhalten sind – am Fluss Amänningen eingebettet in eine parkähnliche Landschaft, mit dem charakteristischen Kontrast aus tiefrot gestrichenen Holzfassaden (Falu rödfärg) und den aus glasartigen Schlackensteinen gemauerten Wirtschaftsgebäuden.

So viel zur Theorie – die Praxis sah bei unserem Besuch im September anders aus. Wer sich ein offenes Freilichtmuseum mit Infotafeln und frei zugänglichen Gebäuden vorstellt, wird enttäuscht: Das gesamte Areal ist in Privatbesitz und wird teils als private Forschungs- und Tagungsstätte genutzt. Der Zutritt ist massiv eingeschränkt, überall weisen Schilder auf Privatgelände hin, begehbar sind nur einige wenige Außenwege. Das Herrenhaus ist kaum einsehbar, Gebäude wie die Schmiede sind verriegelt, Informationstafeln zur eigenständigen Erkundung fehlen praktisch komplett – das Konzept setzt konsequent auf geführte Touren. Genau die aber enden mit der regulären Guidesaison im Sommer: Spontane Führungen gibt es im September nicht mehr, außerhalb der Saison werden Touren nur für Gruppen auf Voranmeldung und gegen hohe Pauschalgebühr angeboten – für Individualreisende ein echtes Dilemma.

Historisch zweifellos bedeutend, als Reiseziel im Herbst für Spontanbesucher ohne gebuchte Führung aber eine Enttäuschung. Wer im September in der Region unterwegs ist, sollte Engelsberg Bruk nur dann kurz besuchen, wenn das Wetter passt – das war in unserem Fall so, und es liegt quasi auf der Strecke. Einen schönen Spaziergang ist es allemal wert.

Nora – Trästadt mit Ecken und Kanten

Nora bildet zusammen mit Eksjö und Hjo die „Tre Trästäder“ und wurde mehrfach mit der Europa-Nostra-Medaille für die Erhaltung seiner historischen Holzbebauung ausgezeichnet. Vom Eisenbergbau der Region geprägt, erhielt die Stadt 1643 ihre Stadtrechte; ein Großbrand vernichtete sie 1731 fast vollständig, nur die – dabei beschädigte – Kirche blieb stehen. Der Wiederaufbau in den folgenden Jahrzehnten schuf das bis heute erhaltene, geschlossene Stadtbild aus Holzhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts.

Ehrlich gesagt waren wir etwas enttäuscht, denn nach allem, was man über die Trästäder liest, hatten wir uns mehr vorgestellt. Statt einer ruhigen Altstadt zum Schlendern fährt überall Verkehr durch die Gassen, eine Fußgängerzone gibt es nicht, und auch das Ladenangebot ist überschaubar, mit kaum Kunsthandwerk und wenig, das zum Bummeln einlädt. Was bleibt, ist vor allem Ambiente: pastellfarbene Holzhäuser mit begrünten Innenhöfen rund um einen Marktplatz, den die neugotische Backsteinkirche von 1880 als Kontrastpunkt dominiert.

Am alten Bahnhof warten die Züge und Wagen der Nora Bergslags Veteranjärnväg – die Strecke Nora–Ervalla von 1856 gilt als Schwedens erste normalspurige Eisenbahn für den öffentlichen Verkehr. Das Eisenbahnmuseum selbst hat im September geschlossen, doch das ist kein Beinbruch: Auf dem Freigelände stehen alte Loks und Waggons unrestauriert genau so herum, wie sie eben abgestellt wurden – für alle, die rostiges, unpoliertes altes Eisen einer aufgehübschten Museumsversion vorziehen, ein eigener kleiner Reiz.

Einen schönen Tagesausklang bietet Nora Glass: Seit 1923 wird hier täglich frisches Speiseeis nach Familienrezept hergestellt, ein reines Naturprodukt ohne Konservierungsstoffe, immer in drei Sorten – Vanille und Haselnuss fest, dazu eine täglich wechselnde dritte. Erhältlich am Kiosk auf dem Glasstorget sowie im Café Strandstugan an der Uferpromenade. Nur war alles leider schon geschlossen. Krimi-Fans finden in Nora zudem die Heimat von Maria Lang, bürgerlich Dagmar Lange, die ihre fiktive Stadt Skoga in über 40 Kriminalromanen eins zu eins nach Nora modellierte.

Tag 28: Örebro, Karlsborg und Forsvik

Örebro Slott und das Haus Bernadotte

Örebro, die Geburtsstunde des Hauses Bernadotte. Wir sind am Schloss Örebro angekommen, einer mächtigen Renaissance-Wasserburg mit vier markanten Rundtürmen, mitten im Zentrum der Stadt auf einer Insel im Fluss Svartån gelegen. Der Ursprung reicht ins 14. Jahrhundert zurück: ein schlichter Verteidigungsturm zur Kontrolle der strategisch wichtigen Flussfurt und Handelswege, im Lauf der Jahrhunderte durch Belagerungen mehrfach beschädigt. Ab 1573 ließ Herzog Karl – später König Karl IX. – die mittelalterliche Wehrburg zu einem prachtvollen Renaissanceschloss nach französischem Vorbild umbauen, ein Projekt, das sein Sohn Gustav II. Adolf bis in die 1620er Jahre fortführte. Nach einem Verfall im 17./18. Jahrhundert – zeitweise diente das Schloss als Gefängnis und Waffenlager – wurde es Mitte des 18. Jahrhunderts klassizistisch umgebaut. Sein heutiges, romantisch-historisierendes Erscheinungsbild mit den charakteristischen Turmhauben erhielt das Schloss erst bei einer Restaurierung Ende des 19. Jahrhunderts.

Die bedeutendste Rolle spielte Örebro 1810: Beim Reichstag in der Stadt wählten die Stände den französischen Marschall Jean-Baptiste Bernadotte zum schwedischen Thronfolger. König Karl XIII. residierte während dieser Zeit im Schloss und erhielt dort die Nachricht von der Wahl. Als König Karl XIV. Johann begründete Bernadotte das Haus Bernadotte – bis heute das regierende Königshaus Schwedens.

Ein Rundgang lohnt sich für den Innenhof mit seinen massiven Steinmauern und für den Spaziergang um den Wassergraben, in dem sich Türme und helle Fassaden im ruhigen Flusswasser spiegeln. Innen lassen sich historische Säle und königliche Gemächer besichtigen; große Teile dienen jedoch bis heute als Sitz der Provinzverwaltung und sind nicht öffentlich zugänglich.

Besonders sehenswert war die Sonderausstellung „Wonderland“ der britischen Künstlerin Kirsty Mitchell im Schloss – rund 40 großformatige Fotografien mit aufwendig von Hand gefertigten Kostümen und Kulissen, fotografiert in englischen Wäldern. Die über fünf Jahre entstandene Serie verarbeitet den Tod von Mitchells Mutter zu einer opulenten Bildwelt voller Märchenmotive.

Die Feste zu Karlsborg – ein Monument seiner Zeit

Eines der monumentalsten Militärbauprojekte Europas und ein eindrucksvolles Zeugnis schwedischer Verteidigungsstrategie des 19. Jahrhunderts. Nachdem Schweden 1809 Finnland an Russland verloren hatte, war Stockholm den russischen Flotten schutzlos ausgesetzt. König Karl XIV. Johann beschloss daher 1819, auf Vorschlag des Göta-Kanal-Baumeisters Baltzar von Platen, ein radikales Konzept: Im Invasionsfall sollten Königsfamilie, Regierung, Reichstag sowie Goldreserve und Kronjuwelen der Reichsbank ins unzugängliche Landesinnere verlegt werden. Karlsborg, am Zusammentreffen von Göta-Kanal und Vättersee gelegen, sollte als autarke Reserve-Hauptstadt einer wochenlangen Belagerung standhalten. Der Bau begann 1819 und dauerte statt der geplanten zehn ganze 90 Jahre – als die Festung 1909 fertig war, hatten gezogene Artilleriegeschütze die dicken Kalksteinmauern längst veraltet gemacht. 1925 gab der Reichstag Karlsborg als Kriegsfestung auf; als Garnisons- und Ausbildungsstandort blieb sie in Betrieb, und im Zweiten Weltkrieg lagerte hier noch einmal die komplette Goldreserve der Reichsbank.

Die militärische Nutzung ist bis heute spürbar: Die Streitkräfte belegen weiterhin Teile des Geländes, mehrere Bereiche sind abgesperrt und mit Warnschildern als Schutzobjekt gekennzeichnet. Bei unserem Besuch wirkte dennoch alles wie ausgestorben – nur die Schilder erinnerten daran, dass hier kein reines Freilichtmuseum ist. Die zugänglichen Bereiche lassen sich frei erkunden, für die Innenräume, etwa das Slutvärn mit den früheren Tresorräumen der Reichsbank, werden geführte Touren angeboten.

Im Slutvärn, dem 678 Meter langen Hauptverteidigungsbau, sitzt zudem das Fästningsmuseum mit der Geschichte von Reserve-Hauptstadt, Festungsbau und stationierten Truppenteilen. Ein Kirchgewölbe führt mitten durchs Museum hinauf zur Garnisonskyrkan im Obergeschoss, geweiht 1869: eine neugotische Kirche, die im Kriegsfall zugleich als Plenarsaal für Reichstag und Regierung dienen sollte, mit Platz für 700 Personen. Auffälligstes Detail ist der halbe Tonnen schwere Kronleuchter aus 276 Bajonetten – Krone, Bajonette und Ketten verweisen auf Königsmacht, Militär und die einstigen Strafgefangenen, die am Bau mitarbeiteten.

Ein Spaziergang auf dem Festungswall lohnt sich für den Blick über den Vättersee; das Gelände ist rund um die Uhr frei zugänglich. Nur an noch militärisch genutzten Stellen ist der Weg versperrt, mit Schildern zum Fotografierverbot als Schutzobjekt.

Forsvik – Schleuse und Industriedenkmal am Göta-Kanal

Der Göta-Kanal verbindet seit seiner Fertigstellung 1832 über Seen und Kanalabschnitte die Ostsee mit dem Kattegat und war beim Bau eines der größten Infrastrukturprojekte Schwedens im 19. Jahrhundert – Chefingenieur war derselbe Baltzar von Platen, der auch die Festung Karlsborg initiierte. In Forsvik liegt die 1813 eröffnete älteste Schleuse des Kanals, mit 3,5 Metern Fallhöhe zugleich die höchste Einzelschleuse der gesamten Strecke; direkt daneben steht eine der ältesten gusseisernen Brücken Schwedens aus demselben Jahr, die bis 1956 in Betrieb war. Der Ort selbst blickt auf eine noch viel ältere Industriegeschichte zurück: Bereits 1410 wird eine Mühle in Forsvik urkundlich erwähnt, geschenkt an das Kloster Vadstena – der Beginn von rund 600 Jahren durchgehender industrieller Nutzung der Wasserkraft an der Stelle, wo der Fluss Viken in den Bottensjön mündet. Über die Jahrhunderte wurden hier unter anderem Eisen verarbeitet, Kanonen gegossen, Eisenbahnwagen gebaut und in einem Holzschliff Papierzellstoff hergestellt; Ende der 1970er-Jahre wurde der Betrieb schließlich eingestellt. Seit 1987 bewahrt die Stiftelsen Forsviks Industriminnen das Gelände als Industriemuseum. Zu besichtigen sind unter anderem die alte Kleinschmiede, das Metallgießerei-Gebäude, der Holzschliff sowie eine werkseigene Schmalspurbahn. In einer ehemaligen Blechwerkstatt von 1895 entstand zwischen 1995 und 2011 zudem der Nachbau des Raddampfers Eric Nordevall II – das Original war 1856 im Vättersee gesunken und liegt dort bis heute in 45 Metern Tiefe.

Tag 29: Hjo

Die schwedische Holzstadt Hjo verzaubert mit ihrem gemütlichen Hafen und den prachtvollen Holzvillen im Schweizer Stil aus dem 19. Jahrhundert. Nach der Ankunft am späteren Vormittag lässt sich der Ort komplett zu Fuß erkunden: ein Spaziergang durch den historischen Stadtpark und dem Wasser entlang, ein Blick auf die alten Holzhäuser, ein Eis am Hafen und ein Bummel durchs Stadtzentrum. Die Stadt überzeugt uns schon eher als Nora, auch wenn heute am Sonntag in der Nachsaison vieles geschlossen ist und recht wenig los.

Zusammen mit Eksjö und Nora gehört Hjo ja zu den „Tre Trästäder“, den drei Holzstädten, die für den Erhalt ihrer historischen Holzarchitektur ausgezeichnet wurden – passend zum liebevollen Stadtmotto „I love Hjo“. Die Geschichte der Stadt ist eng mit dem Vätternsee verknüpft: Bereits im Mittelalter war Hjo ein bedeutender Hafen- und Handelsplatz zwischen Västergötland und Östergötland. Im Gegensatz zu vielen anderen schwedischen Städten blieb Hjo über die Jahrhunderte weitgehend von Großbränden verschont – nur 1794 brannten die Kirche und einige Nachbarhäuser nieder. Dadurch hat sich das geschlossene Stadtbild aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis heute weitgehend erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zudem zu einem mondänen Kurbad, dem sie ihren herrschaftlichen Glanz verdankt.

Der historische Stadtpark am Seeufer ist das Prunkstück der Stadt: prachtvolle Holzvillen im Schweizer Stil um 1870 mit kunstvoll verzierten Holzveranden, einst für die Kurgäste errichtet. In der Altstadt rund um den Stora Torget führen enge, kopfsteingepflasterte Gassen wie die Brahegatan vorbei an pastellfarbenen Holzhäusern mit bepflanzten Innenhöfen, die tagsüber oft offen stehen. Wer Lust auf Natur hat, findet im Flusstal Hjoåns Dalgång einen flachen, einfach rund 4 Kilometer langen Spazierweg entlang des Flusses vorbei an alten Wassermühlen.

Am Hafen lohnt der gelbe Holzpavillon Gula Paviljongen einen Stopp, in dem lokal produziertes Bio-Eis verkauft wird – in der Nachsaison im September allerdings nur noch bei schönem Wetter spontan geöffnet. Heute war er offen, die Entscheidung fiel auf belgische Waffeln mit Blaubeeren und Sahne.

Tag 30: Varnhem, Läckö und Spiken

Die Klosterkirche von Varnhem und Kata Gård

Die Klosterkirche von Varnhem zählt zu den bedeutendsten historischen Stätten Schwedens und gilt als eine der Wiegen des schwedischen Königreichs. Das Kloster wurde 1150 von Zisterziensermönchen aus dem Kloster Alvastra gegründet, die fortschrittliche Steinmetzkunst und Landwirtschaftstechniken in die Region brachten. Nach einem Brand 1234 wurde die Kirche im gotischen Stil wiederaufgebaut – maßgeblich vorangetrieben von Birger Jarl, der später als Reichsjarl faktisch Schweden regierte.

Die Kirche ist Ruhestätte von vier schwedischen Königen: Knut Eriksson, Erik Knutsson und Erik Eriksson aus dem Geschlecht der Eriker sowie Inge der Ältere aus der älteren Stenkil-Dynastie. Ihre Grabmäler mit Königskronen stehen im Kapellkranz hinter dem Chor, auch wenn es sich dabei um Kenotaphe aus dem 17. Jahrhundert handelt – die echten Gebeine ruhen tief im Erdboden der Kirche. Das historisch bedeutendste Grab ist das von Birger Jarl (†1266), dem verbürgten Gründer Stockholms; seine Grabplatte liegt vor dem Altar des Heiligen Kreuzes.

Wenige Schritte hinter der Kirche liegen die Ausgrabungen von Kata Gård, einem Gutshof aus der Wikingerzeit mit eigener Gutsherrenkirche. Auf eine hölzerne folgte um das Jahr 1000 eine steinerne Kirche – nach heutigem Kenntnisstand eine der ältesten Steinkirchen Schwedens außerhalb Schonens. Rund 3000 christliche Gräber rund um die Kirche reichen bis in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts zurück, rund hundert Jahre vor der offiziellen Christianisierung Schwedens.

Benannt ist der Ort nach Kata, die den Hof am Ende der Wikingerzeit führte; eine Runeninschrift erinnert bis heute an sie. Ihr Grab liegt unter einer modernen Holzkonstruktion mit Glasboden und kann von oben besichtigt werden. Die Funde von Kata Gård haben gezeigt, dass Västergötland deutlich früher christianisiert wurde als der Rest Schwedens.

Läckö, das Märchenschloss

Schloss Läckö gilt als eines der schönsten und romantischsten Barockschlösser Schwedens und wird oft als Märchenschloss bezeichnet. Es thront auf einer felsigen Landzunge der Insel Kållandsö am Ufer des riesigen Vänernsees. Gegründet wurde es 1298 vom Bischof von Skara als stark befestigte, eher düstere mittelalterliche Wehrburg und diente als kirchlicher Außenposten. Nach der Reformation fiel die Burg 1527 an die schwedische Krone.

Seine heutige, prachtvolle Barockgestalt erhielt das Schloss unter Graf Magnus Gabriel De la Gardie, einem der reichsten Männer Schwedens und späteren Reichskanzler. Ab 1654 ließ er die Burg komplett umbauen: Der markante weiße Putz, die eleganten Zwiebeltürme auf den Ecken und üppige Stuckaturen und Deckenmalereien im Inneren stammen aus dieser Zeit.

Unser Besuch fiel nach dem offiziellen Ende der schwedischen Schloss-Saison, sodass das Innere geschlossen war – nach so vielen besichtigten Schlössern auf dieser Reise keine große Enttäuschung. Wichtiger war, dass das Café im nahegelegenen Naturum Vänerskärgården geöffnet hatte, das über den Vänern und den angrenzenden Nationalpark Djurö informiert. Ein Stopp lohnt sich dennoch: Die spektakuläre Kulisse ist das eigentliche Highlight, und durch das große Haupttor lassen sich zumindest die inneren Schlosshöfe besichtigen.

Spikens Fiskeläge

Am äußersten Zipfel der Insel Kållandsö, nur wenige Kilometer von Schloss Läckö entfernt, liegt Spiken, einer der größten Binnenfischereihäfen Europas. Der Name geht vermutlich auf die Landzunge selbst zurück, die bereits auf Karten des 18. Jahrhunderts als Spikudden erscheint. Spiken blickt auf eine jahrhundertealte Tradition als Fischerdorf zurück; Anfang der 1980er-Jahre wurde der Hafen zu einer modernen, bis heute von Berufsfischern selbst betriebenen Anlage ausgebaut.

In der Sommersaison zwischen Mai und August herrscht hier reges Treiben: Räuchereien laufen auf Hochtouren, an den Sjöbodar (Fischerhütten) werden frisch geräucherter Fisch und das begehrte Vänerlöjrom verkauft – der Rogen der Kleinen Maräne, oft als Gold des Vänernsees bezeichnet. Außerhalb der Saison ist davon wenig zu spüren: Räuchereien, Läden und Lokale sind geschlossen, nur ein Restaurant hat von 11 bis 16 Uhr geöffnet, und statt Besuchern begegnet man vor allem Anwohnern bei Renovierungsarbeiten an Häusern und Booten.

Von den rund 60 verbliebenen Berufsfischern am gesamten Vänernsee ist etwa ein Viertel in Spiken aktiv, gefangen werden vor allem Zander, Hecht, Barsch, Lachs, Forelle und die Kleine Maräne. Auch Freizeitangler dürfen auf dem Vänern kostenlos mit der Handangel fischen, allerdings gelten feste Regeln zu Mindestmaßen, Schonzeiten und einer Fangbegrenzung von maximal drei Lachsen oder Forellen pro Tag. Für den bedrohten Gullspångslachs, den weltweit größten Süßwasserlachs mit über 20 kg Gewicht, gilt seit 2021 ein ganzjähriges Fangverbot.

Tag 31: Mariestad und Sjötorp

Mariestad

Mariestad wurde 1583 von Herzog Karl, dem späteren König Karl IX., gegründet und nach seiner ersten Frau Maria von Pfalz benannt. Wahrzeichen der Stadt ist der Dom, dessen Bau 1593 im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Karl und seinem katholisch gesinnten Bruder um Krone und Konfession begann – die Kirche gilt als Symbol der Reformation in Schweden. Der spätgotische Backsteinbau war 1619 im Wesentlichen fertig, geweiht wurde er 1625; sein 82,5 Meter hoher Turm macht ihn zur zehnthöchsten Kirche Schwedens.

Trotz des Namens war der Dom nie regulärer Bischofssitz: Mariestad war zwischen 1580 und 1646 lediglich Sitz eines Superintendenten, eines bischofsähnlichen Amtes der frühen Reformationszeit – der Ehrentitel „Dom“ blieb seither erhalten. Das heutige Erscheinungsbild mit unverputzten Natursteinfassaden geht auf eine Restaurierung von 1905 zurück.

Anschließend bummelten wir durch die Altstadt, die als eine der besterhaltenen Schwedens gilt, da sie von Stadtbränden verschont blieb – kopfsteingepflasterte Gassen mit pastellfarbenen Holzhäusern. Inhaltlich bietet sie aber recht wenig: Ein kurzer Bummel plus ein Café reichen völlig aus, extra einplanen muss man Mariestad nicht.

Sjötorp – Das Tor zum Göta-Kanal

Sjötorp liegt dort, wo der Göta-Kanal auf den Vänern trifft, und ist bis heute vom jahrhundertelangen Schiffbau geprägt. Bereits in den 1740er-Jahren gab es hier eine kleine Schiffswerft, die eigentliche Sjötorps Varv entstand aber erst in den 1820er-Jahren durch die Göta-Kanal-Gesellschaft, die auch ein Trockendock anlegen ließ. Mit rund 480 gebauten Schiffen war sie die größte Werft am Vänern; „Sjötorps-Bauten“ genossen einen Ruf für hohe Qualität. Zunächst entstanden Prahme und kleinere Segelschiffe, ab 1852 auch Dampfschiffe. Unter der Familie Groth, die das Werftgelände fast 100 Jahre lang gepachtet hatte, wurde bis 1960 der letzte hölzerne Fischkutter gebaut; ab den 1960er-Jahren stellte man auf Stahl um und fertigte bis 1968 Lotsenboote. 1979 übernahm die Kanalgesellschaft die Werft zurück, seit 1991 werden keine Schiffe mehr neu gebaut – das Trockendock existiert aber bis heute und dient der Winterlagerung von Freizeitbooten. Der Göta-Kanal selbst, 1810 begonnen und 1832 eröffnet, verbindet auf 190 km Ostsee und Kattegat und beginnt beziehungsweise endet hier in Sjötorp mit seinen ersten acht Schleusen.

Wer hier übernachtet, steht praktisch mit den Füßen im Kanal: Die Plätze liegen nahe am Wasser, mit Blick auf die Schleusentreppe, vorbeiziehende Boote und die alte Werftkulisse – ein Panorama, das man sich kaum authentischer wünschen kann. Von den bisher besuchten Plätzen in Schweden gehören die in Sjötorp, ähnlich wie die in den Fischerdörfern, zu den landschaftlich schönsten überhaupt: angenehm überschaubar, nie überlaufen wirkend, mit durchweg sauber gepflegten sanitären Anlagen, auch wenn nicht an jedem Platz der volle Serviceumfang vorhanden ist. Der Preis von 350 SEK pro Nacht ist für Lage und Qualität angemessen – in der Hauptsaison dürfte es allerdings schwierig werden, ohne Reservierung einen Platz zu bekommen. Unser Fazit: uneingeschränkt empfehlenswert.

Tag 32: Södra Råda, Kristinehamn und Nysäter

Södra Råda gamla kyrka

Die 1302 bis 1309 errichtete Holzkirche von Södra Råda galt als eine der bedeutendsten mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten Schwedens – wegen ihrer vollständig bemalten Innenräume. Die ältesten Malereien im Chor stammten von 1323 und zählten zu den besterhaltenen Beispielen französisch-gotisch beeinflusster Kirchenmalerei Skandinaviens an ihrem Originalstandort; die jüngeren Malereien im Langhaus schuf 1494 der bedeutende Kirchenmaler Meister Amund. Die Kirche stand bereits auf der Vorschlagsliste für das Weltkulturerbe.

So sah die Kirche innen vor dem Brand aus

In der Nacht zum 12. November 2001 legte ein damals 21-jähriger Täter Feuer – ohne Sprinkleranlage brannte die Kirche vollständig nieder, Bauwerk und Malereien waren unwiederbringlich verloren. Fast zwei Jahre blieb die Tat ungeklärt. Am 11. September 2003 kam es zur tragischen Eskalation: Derselbe Mann, inzwischen in psychiatrischer Behandlung, erstach nach der Nachricht vom Mord an Außenministerin Anna Lindh auf dem Hof einer Kindertagesstätte die fünfjährige Sabina und verletzte ein weiteres Kind schwer. Bei den Vernehmungen gestand er auch die Brandstiftung von 2001 und wurde wegen Mordes und schwerer Brandstiftung zu unbefristeter rechtspsychiatrischer Versorgung verurteilt.

Rund 20 Jahre nach dem Brand wurde eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche eingeweiht – errichtet mit mittelalterlichen Werkzeugen und Techniken, nachdem Handwerker mangels aussagekräftiger Fotos die Konstruktionsdetails an vergleichbaren Bauten derselben Epoche rekonstruieren mussten. Die einzigartigen Malereien selbst bleiben für immer verloren.

Das Picasso-Denkmal bei Kristinehamn

An der Vänern-Bucht Vålösundet bei Kristinehamn steht mit 15 Metern Höhe die größte Skulptur nach einem Entwurf Pablo Picassos weltweit – sie zeigt den Kopf seiner zweiten Ehefrau Jacqueline Roque und wurde 1965 eingeweiht.

Möglich wurde das Werk durch eine Begegnung des Kristinehamner Künstlers Bengt Olson mit dem norwegischen Künstler Carl Nesjar in Frankreich Anfang der 1960er-Jahre. Nesjar hatte mit Picasso an Betonreliefs gearbeitet und dessen Technik des „Béton gravé“ (Ritzung in Naturbeton) mitentwickelt. Als Nesjar erzählte, Picasso sei bereit, ein Projekt zu verschenken, brachte Olson die Idee nach Kristinehamn – 1964 kam Picassos Zusage per Fotomontage mit dem handschriftlichen Vermerk „Oui, Picasso“. Die rund acht Tonnen schwere Betonskulptur wurde unter Nesjars Leitung vor Ort errichtet; Picasso selbst hat sie nie persönlich gesehen.

Die Skulptur steht frei zugänglich im Picassoparken, mit Café und einer kleinen Ausstellung zur Entstehungsgeschichte nebenan.

Nysäters Gästhamn

Nysäter, ein kleiner Ort in der Gemeinde Säffle in Värmland, liegt am Fluss Byälven, der hier den Übergang zwischen Vänern und Glafsfjorden bildet – Teil der historischen Wasserstraße Vikingaleden, auf der schon Wikinger und mittelalterliche Pilger unterwegs waren. Die Gästhamn bietet Stellplätze, Strom, Wasser, Dusche und WC sowie Nähe zu Laden, Badestelle und Sommercafés.

Mitte September ist hier alles sehr ruhig: Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, außer uns steht nur ein einziges Wohnmobil auf dem Platz – die perfekte Gelegenheit, endlich mal wieder die Drohne steigen zu lassen und ein paar schöne Luftaufnahmen vom Fluss und der Umgebung zu machen.

 

Hier geht es zum ersten Teil der Schweden-Reise von Malmö die Süd- und Ostküste entlang bis Stockholm.

Tag 33: Värmlands Vikingacenter, Fengersfors Bruk und Håverud

Värmlands Vikingacenter

Das Wikingerdorf Gladhem am Värmlands Vikingacenter in Nysäter wirkte auf uns eher wie ein Erlebnispark und Bildungsangebot für Schulklassen und Jugendgruppen als wie eine streng wissenschaftliche Rekonstruktion – das ist aber nichts Schlechtes, im Gegenteil: Die Mischung aus den nachgebauten Gebäuden aus dem 11. Jahrhundert, Bootswerkstatt und Angeboten für Kindergeburtstage, Schulklassen und Junggesellinnenabschiede macht den Ort lebendig, natürlich nur in der Saison. Heute wäre eigentlich alles geschlossen gewesen, wir wollten nur einen kurzen Spaziergang über das Gelände machen. Da aber einige Jugendliche vor Ort waren, standen einige Gebäude offen, sodass wir sie besichtigen konnten. Das Museum selbst blieb jedoch geschlossen.

Direkt beim Dorf liegt der Nachbau des Wikingerschiffs Glad av Gillberga, ein rund 17,5 Meter langes Kriegsschiff mit 13 Ruderpaaren und einem 48 Quadratmeter großen Segel. Vorbild war ein Wrackfund aus dem Roskilde-Fjord in Dänemark, gebaut wurde es zwischen 1995 und 1998. Seither hat das Schiff unter anderem Fahrten nach Kanada, Norwegen und Dänemark unternommen und dabei über 15 Knoten erreicht.

Der Fluss Byälven bei Nysäter war zu Zeiten der Wikinger die wichtigste Verkehrsader der Region, vergleichbar mit einer heutigen Fernstraße. Wer mit dem Boot vorbeikam, sah schon von Weitem den Kungshögen, einen echten Grabhügel aus der Wikingerzeit mit rund 40 Metern Durchmesser, der bis heute unweit des Vikingacenters erhalten ist. Die Größe des Hügels deutet auf eine Person von hohem Rang hin; eine Legende verbindet ihn mit dem sagenhaften König Olof Trätälja, auch wenn dieser dort nachweislich nicht bestattet liegt.

Fengersfors Bruk

Fengersfors Bruk war unser nächster Halt. Leider ist die Saison am 13. September zu Ende gegangen – Läden, Café und alle weiteren Einrichtungen hatten bereits geschlossen. Dennoch lohnte sich ein kurzer Bummel bei Sonnenschein durch das Gelände der alten Fabrik, allein schon der mit Ranken bewachsenen alten Industriebauten wegen, die zu dieser Zeit schön rot und grün leuchteten.

Ursprünglich 1796 als Eisenwerk gegründet, stellte man hier ab 1901 unter dem neuen Eigentümer Johan Fenger-Krog Papier her, ab 1913 vor allem das wetterfeste Oceanpapier für den Außeneinsatz. 1968 ging das Unternehmen in Konkurs, 1978 wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Seit den frühen 2000er-Jahren hat sich in den alten Fabrikhallen das Künstlerkollektiv Not Quite angesiedelt: Über 70 Kunstschaffende nutzen die Gebäude heute als Ateliers, Werkstätten und Galerien, teils noch zwischen der historischen Maschinerie. Das wäre sicherlich interessant zu sehen gewesen.

Offen hatte einzig die Bäckerei Brukets Godaste auf dem Gelände, hier kommen auch Menschen aus der Umgebung her. Obwohl weit und breit kein größerer Ort liegt. Sie boten zudem auch hochwertige regionale Lebensmittel wie Säfte, Marmelade, Gebäck, Mehl und vieles mehr in dem kleinen Laden und ganz frisches Brot – ideal, um unsere Vorräte aufzufüllen. Zudem konnte man direkt zuschauen, wie die Brote gebacken wurden. Fotografieren war auf Nachfrage gar kein Problem.

Håverud

Die Schleusentreppe von Håverud ist das technische Herzstück des Dalsland-Kanals und einer der meistbesuchten Orte in ganz Dalsland. Der Kanal selbst wurde zwischen 1865 und 1868 nach den Plänen des schwedischen Ingenieurs Nils Ericson gebaut, um Eisenhütten und Papiermühlen im Landesinneren an die Schifffahrt anzubinden; heute dient er fast nur noch dem Tourismus. Auf seiner insgesamt rund 250 Kilometer langen Strecke, wovon nur etwa 12 Kilometer künstlich angelegt sind, überwindet er einen Höhenunterschied von 66 Metern über 31 Schleusen an 17 Stationen. Allein die Schleusentreppe in Håverud gleicht davon knapp 10 Meter aus.

Besonders sehenswert ist die Akvedukt, eine 33,5 Meter lange, freischwebende Rinne aus genietetem Stahlblech, durch die die Boote über einen tosenden Wasserfall hinweggeführt werden – gehalten von rund 33.000 Nieten, von denen bis heute keine einzige ausgetauscht werden musste. 1868 galt Ericsons Idee, Boote auf diese Weise über den steilen, geologisch instabilen Fels zu führen, als geradezu verwegen, hat sich aber bewährt; seit 2013 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Nur wenige Meter darüber und darunter kreuzen eine Eisenbahnbrücke von 1925 und eine Straßenbrücke von 1987 dieselbe Stelle – Kanal, Schiene und Straße auf drei Ebenen an einem einzigen Punkt.

Im ehemaligen Fabrikgebäude, einer alten Papier- und Zellstofffabrik direkt am Kanal, ist heute das Dalsland Center untergebracht: ein schönes Café und ein großer Laden mit echtem Ambiente, Kunsthandwerk und Souvenirs. Angegliedert ist eine Galerie mit sehenswerten Bildern, darunter großformatige Fotografien von Andreas Lundberg, einem Stockholmer Fotografen, Jahrgang 1973. Zusammen mit seiner Frau Annie Vesterdahl Lundberg arbeitet er am Projekt Silent Stories: erfundene, aber lebensnahe Schicksale, die die beiden in ruhige, filmisch beleuchtete Bilder übersetzen. Das Werk mit der Frau vor dem Fenster trägt den Titel Betty und erzählt von einer Frau, die konservativ aufwuchs, einen Schönheitswettbewerb gewann, sich in einen Piloten verliebte, den sie nie bekam, und sich am Ende für ein Leben allein entschied – nachzulesen in einem kurzen Begleittext, der zu jedem Bild der Serie gehört. Die kleinere Edition (70 × 100 cm) kostet 48.000 schwedische Kronen, umgerechnet gut 4.250 Euro; die größere (100 × 140 cm, nur 11 Exemplare) mit rund 80.000 Kronen, etwa 7.100 Euro, ist inzwischen ausverkauft.

Tag 34: Vitlycke und Fjällbacka

Vitlycke – Felsritzungen als Weltkulturerbe

Wenig los war am Morgen beim Vitlycke Museum, dabei hatten Museum, Café und Laden bereits geöffnet, und wir haben die Umgebung ausgiebig zu Fuß erkundet. Das Museum ist der Besucherpunkt für das Weltkulturerbe der Felsritzungen von Tanum, ein Gebiet von rund 41 Quadratkilometern mit etwa 600 bekannten Fundstellen. Entstanden sind die Bilder über einen enorm langen Zeitraum der Bronzezeit, etwa 1800 bis 500 vor Christus. Ein genaues Alter lässt sich für einzelne Ritzungen kaum bestimmen, da die gängigen naturwissenschaftlichen Methoden wie die C14-Datierung hier nicht greifen, Archäologen behelfen sich deshalb mit den dargestellten Waffentypen, die eine grobe zeitliche Einordnung erlauben.

Was die Figuren tatsächlich bedeuten, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Auffällig ist, dass Alltagsszenen komplett fehlen, keine Häuser, keine Kinder, keine Arbeitsszenen, stattdessen wiederkehrende Motive wie Schiffe, Stiere, Wagen und menschenähnliche Figuren. Das spricht eher für eine bewusste, wahrscheinlich religiös-kultische Bildsprache als für zufällige Kritzeleien. Und wenn man bedenkt, dass jedes Motiv mühsam mit einem härteren Stein wie Quarz aus dem Granit herausgeschlagen wurde, bekommt man eine Ahnung davon, wie viel handwerkliches Können und Zeit unsere bronzezeitlichen Vorfahren dafür aufgebracht haben müssen.

Direkt neben dem Museum liegt der Bronzezeithof, zwei rekonstruierte Langhäuser und eine Werkstatt, die genau das zeigen, wovon die Felsbilder selbst merkwürdigerweise schweigen: den Alltag. Wer möchte, kann sich im Sommer sogar an alten Handwerkstechniken versuchen, etwa Pfeilspitzen aus Feuerstein schlagen oder mit Pfeil und Bogen schießen. Für uns war es vor allem ein guter Kontrast zu den stummen, rätselhaften Bildern nebenan, hier bekam die Bronzezeit auf einmal ein Gesicht.

Von Vitlycke aus sind wir weiter nach Aspeberget gefahren, dem heiligen Berg mit rund zwanzig Bildtafeln, der größten Ansammlung der Region. Das Hauptmotiv dort ist eine Stierprozession, darüber eine Sonnenscheibe, gehalten von zwei weiblichen Figuren, vermutlich als Fruchtbarkeits- oder Sonnensymbol gedacht. Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns eine Reihe von elf Personen, zehn Männer und eine Frau, die als Tanzszene gedeutet wird.

Gut zwei Kilometer entfernt und deutlich stiller gelegen, von Bäumen umgeben statt direkt an der Straße, liegen die Felsritzungen von Litsleby. Dort dominiert eine 2,3 Meter große speertragende Männerfigur die Tafel, eine der größten bekannten menschlichen Darstellungen auf einer bronzezeitlichen Felsritzung Nordeuropas. Man vermutet in ihr eine Vorläuferfigur eines Kriegsgottes wie Odin, weshalb der Ort auch Speergott-Fels genannt wird.

Die kräftige rote Farbe, die die bekanntesten Tafeln heute zieren, ist übrigens nicht original, sie wird erst seit dem 20. Jahrhundert von den Museen aufgetragen und regelmäßig erneuert, einzig zur besseren Sichtbarkeit für Besucher. Ausgemalt wird dabei ohnehin nur ein kleiner Teil, der Rest bleibt naturbelassen und zeigt sich am schönsten im flachen Licht des frühen Morgens oder späten Nachmittags.

Postkartenidylle in Fjällbacka

Fjällbacka war unser nächster Halt, ein kleines Fischerdorf unterhalb des Vetteberget, das seinen Namen genau diesem Hausberg verdankt. An der Hafenpromenade war kaum etwas los, nur ein Restaurant hatte geöffnet, Fischer waren nirgends zu sehen. Das hat einen einfachen Grund: Die Hummerpremiere, der eigentliche Saisonstart, fällt immer auf den ersten Montag nach dem 20. September, zu diesem Zeitpunkt lagen die Boote also noch still im Hafen. Dabei ist der Hummerfang für den Ort weit mehr als ein Fischereizweig, in Bohuslän wird die Premiere mit einer Feierlichkeit begangen, die man sonst eher von Weihnachten kennt.

Dass Fjällbacka überhaupt existiert, verdankt es den Heringsschwärmen früherer Jahrhunderte. Um 1850 galt es als das belebteste Fischerdorf der ganzen Provinz, mit Salzereien, Tranküchen und Handel bis nach Paris, wohin Heringsöl als Brennstoff für die Straßenlaternen verschifft wurde. In der örtlichen Konservenfabrik entstand außerdem das, was wir heute als Anchovis kennen, hier wurde sie erstmals in Schweden hergestellt. Vom früheren Trubel war bei unserem Besuch nichts zu spüren, eher das Gegenteil: ein paar Leute an der Promenade, ansonsten Ruhe.

Berühmt wurde der Ort später auf ganz andere Weise. Ingrid Bergman verbrachte über zwanzig Sommer auf der vorgelagerten Insel Dannholmen, die zu ihrem liebsten Zuhause der Welt wurde, Camilla Läckberg lässt hier ihre Krimis spielen, und in der Felsschlucht Kungsklyftan wurde eine Szene der Verfilmung von Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter gedreht. Für Krimifans gibt es inzwischen sogar geführte Mordwanderungen auf Läckbergs Spuren durch die Gassen.

Tag 35: Fröken Trulls, Hälleviksstrand und Pilane

Fröken Trulls – Café, Restaurant und Antiquitätenladen in einem

Kurz nach der Abfahrt fiel uns am Straßenrand ein Schild mit Antik & Kaffee auf, also kurzerhand umgedreht. Fröken Trulls in Morlanda by auf Orust ist eines der schönsten Cafés, die wir je besucht haben – Café, Restaurant und Antiquitätenladen in einem. Eingerichtet ist alles ausschließlich mit Antiquitäten, von der kleinen Vase bis zu Tischen, Stühlen und Sofas, und wer mag, kann den Stuhl kaufen, auf dem er gerade sitzt, oder das Bild von der Wand. Die Möbel stammen aus ganz Schweden, verteilt auf mehrere gemütliche Räume und, an Tagen mit passendem Wetter, zwei Terrassen. Gekocht wird alles von Grund auf, Kuchen und Gebäck werden vor Ort gebacken, die Karte orientiert sich an der Küche der Bohuslän-Küste und an saisonalen, lokalen Zutaten.

Das Café steht nicht allein, sondern in einem kleinen Ensemble: nebenan liegen die Handelsgärtnerei Orust Handelsträdgård und der Gemischtwarenladen Qvist & Löf, der Besuchern zufolge nach Teer duftet. Betrieben wird Fröken Trulls seit Juni 2022 von Andres und Marina Päärt, die zuvor lange Jahre Café und Restaurant unter anderem auf Sundsby Säteri auf Tjörn geführt hatten. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn dafür ein kleiner Umweg nötig ist.

Hälleviksstrands kyrka auf Orust

In Hälleviksstrand auf Orust steht eine Kirche, wie man sie in Schweden nicht oft sieht: direkt am Ende einer Meeresbucht, unmittelbar vor einer Felswand. Die Einheimischen nennen ihren Ort kurz Strana. Gebaut wurde die Kirche 1904 nach Plänen von Adrian Crispin Peterson, geweiht wurde sie am 20. Oktober 1904 durch Bischof Edvard Rodhe. Es ist die einzige Holzkirche unter den mehr als dreißig Kirchenbauten Petersons, und man sieht ihr an, dass er hier etwas gewagt hat: Der Grundriss bildet ein griechisches Kreuz, der Turm im Westen trägt einen achteckigen Spitzhelm, und die Formen mischen altnordische Vorbilder mit neuromanischen und neugotischen Elementen. Heute ist die Kirche kräftig falunrot gestrichen. Einer Ortslegende zufolge soll kurz nach der Einweihung ein ungewöhnlich starkes Erdbeben Orust erschüttert haben, dem der Neubau sein leicht schiefes Fenster verdankt.

Zu unserer Reisezeit war die Kirche nur von außen zu besichtigen, sie wird derzeit umfassend restauriert; im ersten Bauabschnitt wurden bereits Holzschäden und Dacharbeiten angegangen. Also nutzten wir die Zeit anders und ließen die Drohne steigen. Ein paar schöne Aufnahmen der Kirche aus der Vogelperspektive und der Küstenlandschaft um Strana gelangen uns noch, bevor Regen einsetzte und wir den Flug abbrechen mussten.

Pilane – Gräberfeld und Skulpturenpark auf Tjörn

Pilane liegt im Nordwesten von Tjörn und ist ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf ungewöhnliche Weise begegnen. Der Boden gehört zu einem der bekanntesten Gräberfelder Bohusläns aus der Eisenzeit: Rund 80 bis 90 Steinsetzungen, Grabhügel, Steinkreise und aufrechte Steine verteilen sich über Höhen und Senken, die ältesten von ihnen bis zu 2000 Jahre alt, bestattet wurde hier über mehrere Jahrhunderte hinweg. Namen tragen die Steine nicht, wer hier ruht, weiß heute niemand mehr. Schafe halten die Wiesen kurz, der Blick reicht weit über das Meer nach Westen.

Mitten in diesem Gelände zeigt Skulptur i Pilane seit 2007 jeden Sommer Werke von Künstlern aus aller Welt. Der Guardian zählte die Ausstellung 2016 zu den zehn besten Skulpturenparks Europas. In diesem Sommer und Herbst sind es elf Skulpturen des britisch-deutschen Bildhauers Tony Cragg. Dazu kommen einige Werke anderer Künstler aus früheren Ausstellungen.

Besonders beeindruckend ist Anna von Jaume Plensa, ein 14 Meter hoher weißer Frauenkopf. Er steht seit 2016 auf der höchsten Kuppe des Geländes und ist mittlerweile fest mit Pilane verbunden. Je nachdem, aus welcher Richtung man auf ihn blickt, wirkt er jedes Mal anders. Ein schönes Motiv folgt auf das nächste, und selbst das trübe Wetter hatte hier etwas Mystisches – das graue Licht passte zu einem Ort, an dem man zwischen Gräbern und Kunst wandert.

Tag 36: Sundsby Säteri und Marstrand

Sundsby Säteri und Sundsbyleden auf Tjörn

Sundsby Säteri war unser nächster Halt. Der Gutshof auf der Insel Mjörn liegt im Naturreservat Stigfjorden und wird schon 1388 erstmals erwähnt. Bekannt ist er vor allem durch Margareta Huitfeldt, die im 17. Jahrhundert hier lebte, zu den reichsten Frauen Bohusläns zählte und 1683 starb. Mit einer großen Stiftung legte sie den Grundstein für das Hvitfeldtska-Gymnasium in Göteborg. Über 300 Jahre gehörte der Hof dieser Stiftung, seit 2003 gehört er der Gemeinde Tjörn.

Hier war tatsächlich mehr los, als wir bei dem Wetter erwartet hatten. Viele Schweden nutzen das Wochenende für Ausflüge und Wanderungen, und das Ziel scheint sich zu lohnen: Café, Kunstläden und sogar eine Landbäckerei hatten geöffnet und boten frisch gebackene Waren an. Was für ein Unterschied zu Deutschland! In Schweden öffnen die Läden, wenn die Leute kommen. Bei uns hätte bis auf das Café und die Bäckerei alles geschlossen bleiben müssen, dafür darf unter der Woche geöffnet werden, wenn kaum jemand da ist. Dabei ist das Wochenende, selbst bei Regen, genau die Zeit für Ausflüge. Warum ist das bei uns nicht möglich, was in fast ganz Europa selbstverständlich ist? Haben Bürokratie, Kirchen und Gewerkschaften zu viel mitzureden? Wir jedenfalls genossen die Offenheit in Schweden.

Auf die längere Wanderung, die wir eigentlich vorhatten, verzichteten wir dennoch. Die Sundsbyleden ist gut vier Kilometer lang, man rechnet etwa anderthalb Stunden. Bis auf den ersten Kilometer und den Karpstigen zurück zum Gutshof führt sie über unbefestigte Wald- und Bergpfade, die bei Regen lehmig, rutschig, steil und stellenweise ausgesetzt waren. Ziel der Runde ist der Solklinten, rund 107 Meter über dem Meer, mit weitem Blick über den Stigfjord und die Schären. Nur sieht man bei dem Wetter davon nichts. Kaum waren wir zurück beim Wohnmobil, kam die Sonne heraus.

Marstrand und die Festung Carlsten

Durch den Verzicht auf die Wanderung machten wir auf der Fahrt Richtung Göteborg einen rund 40 Kilometer langen Umweg, der sich wirklich lohnte. Die Straße war wunderbar: durch Wiesen und Wälder, über Brücken und oft an der Küste entlang. Allein das war den Weg schon wert.

Ziel war Marstrand. Autos müssen auf Koön bleiben, für die Überfahrt nach Marstrandsön nimmt man die Fähre, die nur zwei Minuten braucht. Der Ort hat eine bewegte Geschichte. Erst mit dem Frieden von Roskilde 1658 kam er zu Schweden, und von 1775 bis 1794 war er ein Freihafen mit Religionsfreiheit und freier Zuwanderung. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs liefen rund zwanzig amerikanische Schiffe den Hafen an. Im 19. Jahrhundert wurde Marstrand zu einem beliebten Badeort, heute ist es ein bekanntes Segelrevier.

Über den Holzhäusern thront die Festung Carlsten, benannt nach König Karl X. Gustav und seit über 300 Jahren Wächterin des Ortes. Als fertig ausgebaut galt sie erst 1860. Ihr berühmtester Gefangener war der Dieb Lasse-Maja, der sich gern in Frauenkleider hüllte. Ab 1813 saß er hier 26 Jahre ein und arbeitete als Koch der Festung. Leider war sie geschlossen, sodass uns nur der Blick von außen blieb und eine kurze Wanderung durch die Außenanlage und um die Burg.

Dazu blies ein kräftiger Wind. Laut Wetterportal lag der Tageshöchstwert bei 15 Metern pro Sekunde, das sind knapp 55 km/h, in Böen vermutlich bis rund 75 km/h. Dennoch wagte ich einen kurzen Flug mit der Drohne, die zwar permanent meckerte, sich manuell aber gut steuern ließ. Zu weit aufs Meer hinaus steuerte ich sie aber nicht.

Tag 37: Göteborg – von der Haga über die Saluhallen bis zur Domkyrka

Göteborg – Handel, Hafen und Weltoffenheit

Den heutigen Tag haben wir ganz der Stadt Göteborg gewidmet. Sie steht für Handel, Hafen und Weltoffenheit. 1621 bekam sie unter König Gustav II. Adolf das Stadtrecht und war damals Schwedens Zugang zur Nordsee, an der Mündung des Göta älv gelegen. Beim Bau holte der König niederländische Experten für das Bauen auf Marschboden. Sie prägten die Stadt mit Kanälen, von denen im Bereich des ehemaligen Wallgrabens noch einige erhalten sind. Auch Deutsche und Schotten siedelten sich an, und die Stadt hat bis heute den Ruf, offen für Fremde zu sein. Der Hafen bestimmt den Charakter Göteborgs bis heute, von der Zeit der schwedischen Ostindienkompanie über die Werften bis zum modernen Containerhafen. Er gilt als der größte Hafen der nordischen Länder. Auch Volvo wurde hier 1927 gegründet. Mit gut 600.000 Einwohnern ist Göteborg nach Stockholm die zweitgrößte Stadt Schwedens.

Haga – Göteborgs erste Vorstadt

Von der Haltestelle Töpelsgatan machten wir uns auf ins Stadtzentrum. Mit der Straßenbahn brauchten wir etwa 20 Minuten, einmal mussten wir umsteigen, bis zu unserem ersten Ziel, der Haga Kyrka. Sie war an diesem Tag leider geschlossen, also warfen wir nur einen kurzen Blick auf sie und gingen weiter in das Altstadtviertel Haga.

Der Stadtteil wurde Mitte des 17. Jahrhunderts auf Anordnung von Königin Kristina als Göteborgs erste Vorstadt angelegt. Typisch sind die Landshövdingehäuser mit gemauertem Erdgeschoss und Obergeschossen aus Holz. In den 1970er-Jahren sollte das Viertel abgerissen werden, der Einsatz der Bewohner rettete zumindest einen Teil davon. Heute reihen sich entlang der Haga Nygata über Kopfsteinpflaster kleine Läden mit handwerklichen Produkten, zwei Antikläden, Restaurants und Cafés aneinander.

Im Café Husaren machten wir Pause. In der Auslage stapelten sich die Zimtschnecken, denn hier ist die Hagabulle zu Hause, eine Zimtschnecke in Tellergröße. Für uns beide war sie jedoch zu groß.

Stora Saluhallen und Trädgårdsföreningen

Zurück ging es mit der Straßenbahn in wenigen Minuten zum Brunnsparken. Von dort war es nur ein kurzer Fußweg zur Stora Saluhallen am Kungstorget, der Markthalle mit wunderbaren Lebensmittelgeschäften und zahlreichen Essensmöglichkeiten. Die Markthalle entstand 1888 bis 1889 nach Plänen von Hans Hedlund, gebaut aus Stein, Eisen und Glas. Das Glasdach ruht auf gewölbten Eisenbögen, seit 1985 steht die Halle unter Denkmalschutz. Rund vierzig Läden, Bars und Restaurants haben hier ihren Platz.

Weiter ging es zum Trädgårdsföreningen. Der Stadtpark wurde 1842 gegründet und gilt als einer der am besten erhaltenen Parks des 19. Jahrhunderts in Europa. Der Eintritt ist frei, ebenso im Palmhuset von 1878. Das Gewächshaus aus Gusseisen und Glas hat knapp 1.000 Quadratmeter und fünf Abteilungen: in der Mitte die Palmen, seitlich Tropen-, Wasser-, Mittelmeer- und Kamelienhaus. Dort stehen zwischendurch Sitzgelegenheiten, was uns sehr gelegen kam. Besichtigen kann man derzeit aber nur einen Teil, der Rest wird gerade restauriert.

Antikhallarna und Gustavi domkyrka

Anschließend ging es die Västra Hamngatan entlang zu den Antikhallarna, einem Antikcenter. Leider waren von den acht Antikläden fünf geschlossen.

Dafür fanden wir darin ein sehr schönes Café, was fast wichtiger war. Das Haus war ursprünglich ein Bankpalast im Stil der Neorenaissance mit römischen Vorbildern. Die Bank zog 1885 ein, ganz fertig wurde das Gebäude erst 1905.

Zum nahegelegenen Dom waren es dann nur wenige Schritte. Die Gustavi domkyrka ist die dritte Kirche an dieser Stelle, ihre beiden Vorgänger brannten 1721 und 1802 nieder. Eingeweiht wurde sie 1815, entworfen hat sie Carl Wilhelm Carlberg im klassizistischen Stil. Rund um die Kirche lag lange ein Friedhof, auf dem schätzungsweise 20.000 Menschen bestattet wurden. Nach dem Brand von 1802 verlegte man ihn nach Stampen. Innen wurde die Kirche 2014/15 zum 200-jährigen Jubiläum hell renoviert, wirkt recht modern. Vom Dom gingen wir kurz zum Brunnsparken zurück und fuhren von dort in etwa 15 Minuten mit der Straßenbahn nach Skatås, wo unser Wohnmobil stand. Insgesamt legten wir an diesem Tag 5,7 Kilometer in der Stadt zu Fuß zurück.

Tag 38: Tjolöholms slott, Grimeton und Malmö

Tjolöholms slott

Tjolöholms slott war unser nächster Halt, rund 40 Kilometer südlich von Göteborg auf einer Halbinsel im Kungsbackafjord gelegen. Das Herrenhaus zählt zu den ungewöhnlichsten Bauwerken Schwedens: ein Bau im englischen Tudor- und Arts-and-Crafts-Stil, weit entfernt vom sonst so schwedisch geprägten Baustil ringsum. Errichtet wurde es zwischen 1898 und 1904 für das wohlhabende, britisch-schwedische Ehepaar James Fredrik und Blanche Dickson, nach Plänen des Architekten Lars Israel Wahlman.

James Fredrik Dickson erlebte die Fertigstellung nicht. Kurz nach Baubeginn schnitt er sich bei einem Fest in den Finger und wickelte sich die Folie einer Weinflasche darum, um die Blutung zu stillen. Er starb wenig später an einer Blutvergiftung. Blanche Dickson führte den Bau allein zu Ende, überwachte jedes Detail und ließ die Innenräume unter anderem beim Londoner Kaufhaus Liberty einrichten. Nur zwei Jahre nach der Fertigstellung starb auch sie, auf der Rückreise von einem Besuch bei ihren Brüdern auf Ceylon.

Schon um 1900 verfügte das Schloss über Zentralheizung, Elektrizität und für die Zeit außergewöhnliche Bäder. Eine der ersten Staubsaugeranlagen Schwedens wurde mit Pferdewagen ums Haus gezogen, während lange Schläuche durch die Fenster in die Zimmer führten. Zum Anwesen gehört ein Arbeiterdorf im schwedischen Nationalstil mit dem Restaurant Storstugan, umgeben von einer Parklandschaft Wahlmans direkt am Meer. Bekannt wurde Tjolöholm auch als Drehort für Lars von Triers Film Melancholia von 2011.

Wir schlenderten durch den weitläufigen Park mit Blick auf den Fjord, vorbei an Sonnenuhr und Rasenflächen, auf denen ein Mähroboter seine Bahnen zog, ein kleiner Kontrast zur historischen Kulisse. Von der Vorderfront mit ihren Treppenstufen bis zur verwinkelten Rückseite mit den charakteristischen Schornsteinen lohnt ein Rundgang um das ganze Gebäude.

Radiostation Grimeton

Weiter ging es zur Radiostation Grimeton, Rufzeichen SAQ, rund 10 Kilometer östlich von Varberg in Halland. Sie gehört seit 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe und ist weltweit die einzige noch voll funktionsfähige Längstwellenstation, die mit rein elektromechanischer Technik arbeitet, ganz ohne moderne Elektronik. Erbaut wurde die Anlage zwischen 1922 und 1924, um nach dem Ersten Weltkrieg drahtlose Morsetelegramme über den Atlantik bis nach New York zu übertragen. Herzstück ist ein 200-Kilowatt-Wechselstromgenerator, der sogenannte Alexanderson-Alternator, der die Funkwellen rein mechanisch erzeugt. Im Zweiten Weltkrieg war Grimeton Schwedens wichtigste Verbindung zur freien Welt, nachdem die Seekabel gekappt worden waren.

Die weithin sichtbare Antennenanlage besteht aus sechs 127 Meter hohen Stahlmasten, die sich über eine Länge von rund zwei Kilometern durch die Landschaft ziehen. Obwohl die Technik über hundert Jahre alt ist, wird der historische Sender traditionell zweimal im Jahr für ein kurzes Testtelegramm hochgefahren: um die Mittsommerzeit, am sogenannten Alexanderson Day, und am Morgen des Heiligabends. Funkamateure weltweit versuchen dann, das Signal auf der extrem niedrigen Frequenz von 17,2 Kilohertz zu empfangen.

Wie langsam diese Technik im Vergleich zu heute war, verdeutlicht eine Tafel in der Ausstellung: Für die Übertragung eines Gigabits an Daten benötigte die Anlage rund drei Jahre. Ein modernes MacBook Pro schafft dieselbe Datenmenge über WLAN in etwa einer Sekunde. Bemerkenswert war auch, wie der Besuch organisiert ist: Man kann sich online ein Ticket besorgen und die Museumstüren per QR-Code selbst öffnen, um allein durch die Gebäude zu schlendern. Allein waren wir am Ende aber nicht, zwei Männer arbeiteten gerade an der Anlage. An ihnen sah man, wie alt diese Technik inzwischen ist, beide dürften um die 80 Jahre gewesen sein. Das Wissen, ein solches System am Laufen zu halten, dürften nur noch sehr wenige Menschen besitzen. Wenn es keine Jüngeren mehr gibt, die das lernen, wird es schwer werden, den Sender auf Dauer zu erhalten.

Die letzte Nacht in Malmö

Weiter ging es dann bis nach Malmö. Wir beschlossen, noch einmal am Hafen zu übernachten, an dem wir schon zwei Nächte verbracht hatten, bevor es am nächsten Tag über die Öresundbrücke zurück nach Dänemark Richtung Deutschland gehen sollte. Zumal dort auch die wunderbare Fischräucherei liegt, bei der wir noch einmal einen kleinen Vorrat einkaufen und anschließend essen gehen wollten.

Das mit dem Einkaufen klappte, nur von den zahlreichen Stellplätzen an der Marina waren jetzt nur noch neun übrig, die Boote, die für den Winter aus dem Wasser geholt werden, belegten den Rest. Und ausgerechnet diese neun Plätze waren schon alle vergeben. Also zurück zur Fischräucherei, ein gutes Stück Fisch gegönnt und ein Glas Wein dazu, dann weiter in den anderen Jachthafen Malmös. Dort gab es noch ein paar freie Plätze.

So verbrachten wir die letzte Nacht in Schweden bei einem schönen Sonnenuntergang mit Blick auf die Öresundbrücke.

Das Fazit

Sechs Wochen, von Stuttgart über Malmö und Stockholm bis wieder zurück über Dalsland und Bohuslän, das ist am Ende weit mehr geworden als eine Rundreise durch Südschweden, es war eine Reise durch drei Jahrtausende. Kaum ein anderes Land lässt einen so unmittelbar zwischen den Zeiten wandern: am Vormittag zwischen den Grabhügeln und Schiffssetzungen der Wikinger in Anundshög oder auf den Spuren der Christianisierung in Varnhem und Kata Gård, am Nachmittag schon im rekonstruierten Wikingerdorf Fotevikens oder zwischen den rätselhaften bronzezeitlichen Felsritzungen von Tanum, deren Bedeutung bis heute nicht restlos geklärt ist. Genauso dicht folgten die Schlösser aufeinander, von der Wasserburg Malmöhus über das Märchenschloss Läckö und das mächtige Renaissanceschloss Kalmar bis zu Gripsholm mit seiner einzigartigen Porträtsammlung, jedes mit einer eigenen Geschichte von Königen, Bränden und Wiederaufbauten, und dazwischen immer wieder die stillen, roten Fischerdörfer an der Küste, die Holzstädte Hjo und Nora, das gläserne Handwerk im Glasriket oder die Schleusentreppen am Göta- und am Dalsland-Kanal.

Wer selbst mit dem Wohnmobil aufbrechen möchte, sollte sich vor allem eines mitnehmen: Zeit statt eines vollen Plans. Gerade die Nachsaison, in der wir unterwegs waren, hat uns ruhige, fast menschenleere Orte beschert, an denen wir Wikingergräber, Burgruinen und Fischerhäfen praktisch für uns allein hatten, das hat einen ganz eigenen Reiz, auch wenn dafür an manchem Ort Café oder Museum schon geschlossen hatten. Empfehlenswert ist Südschweden für alle, die Geschichte nicht nur besichtigen, sondern zwischen echten Steinen und Ruinen erspüren wollen, verbunden mit den einfachen, guten Dingen unterwegs: frisch geräuchertem Lachs direkt am Hafen, einer Fika im historischen Café und einem Stellplatz mit Blick aufs Wasser.

Australien Motorradtour: Von Darwin nach Melbourne

Australien, Regenwälder im Norden, endlose Weiten im Outback, der Kontinent beindruckt mit seinen Landschaften, einer einzigartigen Tierwelt mit Kängurus, Koalas und Wombats und einer Jahrtausende alten Kultur. Besonders intensiv erlebt man das Land auf dem Motorrad, ist den Menschen und der Natur zugleich nah. 
 
Wir durchqueren den Kontinent von Nord nach Süd, von Darwin nach Melbourne. Stoppen am Kakadu-Nationalpark, in Alice Springs, am heiligen Berg Uluru, in der Opalstadt Coober Pedy und vielen weiteren sehenswerten oder auch trostlosen Orten. Am Ende der Tour stehen 6500 Kilometer mehr auf dem Tacho der BMW.
 
Die Mitreisenden kommen aus Australien, Neuseeland, den USA, England, Norwegen, der Schweiz und Deutschland. Gefahren wird gemeinsam, in kleineren Gruppen oder allein, Offroad oder auf der Straße. 
 

Tag 1 und 2, Darwin und Fahrt Kakadu Nationalpark

Wir starten im Norden Australiens, in Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Die 150.000 Einwohner kommen aus rund 75 Nationen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung sind Aborigines. Es ist Winter, die Sonne brennt vom Himmel, wir haben die ersten Tage mittags um die
38 Grad Celsius.
 
Die erste Tagesetappe führt zum 320 Kilometer entfernten Kakadu Nationalpark. Auf dem Weg dorthin nach siebzig Kilometern ein Stopp am Darwin Wildlife Sanctuary. Am Adelaide-River leben Salzwasserkrokodile, die mit bis zu sechs Meter Länge und 1000 Kilogramm Gewicht zu den Spitzenpredatoren gehören. Auf geführten Bootstouren kann man sie aus nächster Nähe beobachten.
 
Der Adelaide River ist bekannt für seine große Population an den großen Panzerechsen. Im Northern Territory soll es um die 100.000 der Reptilien geben. Sie sind in Australien geschützt und spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem, da sie die Populationen anderer Tiere regulieren und ein Indikator für die Gesundheit von Fluss- und Wasserökosystemen sind. Im Gegensatz zu den Süßwasserkrokodilen sind sie recht aggressiv und greifen Menschen an. Durch Sicherheitsmaßnahmen wie Warnschilder, geführte Touren und verbesserte Information der Bevölkerung sind tödliche Zwischenfälle in den letzten Jahren jedoch seltener geworden.
Die Ranger locken die Krokodile mit Fleischstücken ans Boot. Die Reptilien haben eine enorme Sprungkraft, um ihre Beute zu fangen, meist Vögel oder kleine Säugetiere. Dazu schnellen sie mehrere Meter hoch aus dem Wasser.
 
Nach einer weiteren Rast und Tankpause erreichen wir am frühen Nachmittag unser Hotel in Form eines Krokodils im Kakadu-Nationalpark in Jabiru, einer 1982 gegründeten Siedlung. Hier bleiben wir zwei Nächte. Alles in allem eine entspannte Tour am ersten Fahrtag.

Tag 3, Ausflug zu den Felszeichnungen von Ubirr und zum South Alligator River

Etwa dreißig Kilometer sind es bis zu den Felszeichnungen von Ubirr. Hier finden sich wichtige Aborigine-Felsmalereien. Auch deswegen ist der Kakadu-Nationalpark Weltkulturerbe der Unesco. Die Zeichnungen dokumentieren den Umgang der Ureinwohner mit der Umwelt. Die ältesten Malereien sind etwa 5000 Jahre alt, die jüngsten nur wenige Hundert Jahre. Man erkennt Fische, Wasservögel, Muscheln, Krokodile, Wallabies und weitere verschieden Säugetiere.
Zu erreichen sind die Zeichnungen über einen etwa einen Kilometer langen Rundweg. Einzig die Temperaturen von 37 Grad jetzt im Frühling machen einen etwas zu schaffen. Das Umland ist in der Regenzeit im Sommer häufiger unter Wasser, jetzt ist alles grün.
 
Weiter geht es zum South Alligator River. Der Name ist Programm. Zahlreich kann man die Alligatoren im Wasser schwimmen und lauern sehen oder am Ufer dösend. Allein hier sollen im Umkreis von rund fünf Kilometern 200 Krokodile leben. Hinzu kommen zahlreiche Wasservögel wie Elstergänse, Entenarten, Ibisse, Pelikane, Reiher, Weißbauchseeadler aber auch wilde Wasserbüffel. Jetzt ist Trockenzeit, in der Regenzeit im Sommer liegt der Wasserpegel um zwei bis drei Meter höher, dann ist hier alles unter Wasser.

Tag 4, Fahrt Katherine zum Nitmiluk Nationalpark

Es geht Richtung Süden, in vier Tagen wollen wir Alice Springs erreichen, etwa 1600 Kilometer entfernt. Übernachtet wird in Katherine mit der Nitmiluk-Gorge, in Mataranka und Tennant Creek. Jetzt heißt es, alle Tankgelegenheiten zu nutzen, da wir uns nun ins Outback begeben.
 
Heute stehen 300 Kilometer an. Nach einer kurzen Rast, einem Tankstopp und einer kurzen Abkühlung im Wasser ist wenige Stunden später der Nitmiluk Nationalpark erreicht. Man kommt recht flott voran, beträgt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit meist 110 oder 130 km/h auf den Landstraßen. Wenn man sich denn daranhält. Viel Verkehr, den gibt es nicht.
Einen Tankstopp machen wir in Pine Creek beim Lazy Lizard, einer historischen Outback-Taverne. Die Taverne wurde aus Termitenhügel-Lehmziegeln und lokalem Eisenholz gebaut. Pine Creek bietet sich für einen Zwischenstopp für Reisende an, die durch das Outback Australiens fahren. Man kann hier übernachten oder einfach nur rasten, wie wir es machen. 
Unterwegs bietet sich die Möglichkeit an, ins Wasser zu gehen, etwas abzukühlen.  Es hat um die 38 Grad Celsius. Man sollte nur etwas Vorsicht walten lassen, denn auch hier besteht eine geringe Gefahr, dass Krokodile in den Gewässern anzutreffen sind. Ranger überwachen die Bereiche, in denen man baden kann. 
40 Minuten später erreichen wir unser Hotel in Katherine. 

Tag 5, Unterwegs in der Katherine Gorge

Es sind nur wenige Kilometer vom Hotel bis zur Katherine Gorge. Das Schluchtensystem erstreckt sich über zwölf Kilometer und besteht aus 13 durch natürliche Steinbarrieren abgetrennte Abschnitte. Drei davon lassen sich mit dem Boot befahren, dazwischen gibt es kürzere Fußmärsche.  
In der Regenzeit ist der Wasserspiegel mehrere Meter höher, dann finden sich neben den ungefährlichen Süßwasserkrokodilen in der Schlucht auch die aggressiven und tödlichen Salzwasserkrokodile. Geht der Wasserspiegel zurück, leben hier normalerweise nur die etwas kleineren Süßwasserkrokodile, die Fische, kleine Säugetiere und Vögel fressen. Für den Menschen sollen sie ungefährlich sein. Dann kann man hier Wandern, Kajak fahren oder auch schwimmen. 
 
Sollte Salzwasserkrokodilen der Rückweg Richtung Meer beim Sinken des Wasserspiegels versperrt gewesen sein, hat man Lebendfallen aufgestellt und überwacht die Schlucht mithilfe von Beißködern. Die Süßwasserkrokodile leben das ganze Jahr hier, sind aber keine Gefahr für die Badenden. Letztes Jahr hat man keine Salzwasserkrokodile entdeckt, 2023 eines Im Februar und eines im April mit knapp vier Metern Länge. Die werden dann gefangen und weggebracht.

Tag 6, Fahrt Tennant Creek

Es heißt zuerst Auftanken, dann geht es nach Tennant Creek, etwa 580 Kilometer liegen heute vor uns. Der erste richtige Fahrtag. Unterwegs gibt es zwei Tankstopps und nur wenig Sehenswertes. 

Kilometerlange gerade Strecken und kaum Kurven liegen die nächsten Tage vor uns. Die längste kerzengerade Strecke in Australien beträgt etwa 147 Kilometer in der Nullarbor-Ebene, die ist aber ganz im Süden, da kommen wir nicht hin. 

Inzwischen haben sich beim Fahren mehrere kleine Gruppen und Einzelfahrer gebildet, ein jeder geht seinem Fahrstil, seinen Fotostopps und seiner Geschwindigkeit nach – oder macht auch mal einen Abstecher Offroad in das Outback.

Durch die erlaubte Geschwindigkeit von 130 Kilometer pro Stunde legt man auch lange Distanzen recht schnell zurück, zumal kein Verkehr herrscht. Die hohen Temperaturen gehen langsam zurück, je weiter wir in den Süden kommen.

Einen Halt machen wir am Larrimah-Hotel, bekannt für seine rosa Panther. In den 1960er Jahren bildete sich vor der Kneipe eine Pfütze. Diese Pfütze wuchs und wuchs und man gab ihr den Namen Larrimah Lake. Damals war die Kneipe ein sehr geschäftiger Ort, mit Menschen, die an der Eisenbahn arbeiteten und vielen Truckern. Irgendwann beschloss ein Zöllner, einen großen rosa Panther mit einer Angel am Rande des Sees zu setzen. Der wiederum verschwand immer wieder und wurde nur gegen Lösegeld zurückgebracht.
 
Das Outback erstreckt sich über weite Teile im Landesinneren Australiens. Die meist weiten und offenen Landschaften sind geprägt von extremen Wetterbedingungen und Temperaturen unter Null bis über 50 Grad Celsius. Es gibt heiße, trockene Sommer und kühle Winter. Regen ist selten und oft unregelmäßig. Die Wüste besteht überwiegend aus Buschland, Trockensteppe und Sanddünen.
Hundert Kilometer weiter der nächste Halt, der Daly Waters Pub. Auch er liegt nahe am Stuart Highway und die Decke und die Wände sind mit Souvenirs übersät, die von Besuchern zurückgelassen wurden. Dazu gehören auch zahlreiche BHs, gern signiert von wem und wann. Das soll in den 80er-Jahren begonnen haben, als eine Busladung Touristen eine Wette gegen den Busfahrer verlor und alle die Kneipe etwas leichter verließen als bei ihrer Ankunft. Weniger ungewöhnlich sind die Aufkleber, Ausweise und Visitenkarten, die die Bar schmücken.

Zurück geht der Daly Waters Pub auf das Jahr 1930. Publican Bill Pearce versorgte die Reisenden nicht nur mit Nahrung und Getränken, sondern betankte auch die Flugzeuge, von denen sich viele, respektive deren Überreste an der Straße finden.

Tag 7, Fahrt Alice Springs

Es sind noch 500 Kilometer bis nach Alice Springs. Der erste Halt findet an den geologischen Formationen von Karlu Karlu statt. Das ist der indigene Name für die Devils Marbles, die Teufelsmurmeln. Das Naturschutzgebiet im Nirgendwo ist durch riesige, runde Granitfelsen gekennzeichnet, die in Jahrmillionen durch Erosion entstanden.
 

Für die Aborigines dieser Region sind sie ein wichtiges kulturelles und spirituelles Erbe und ein heiliger Ort, spielen eine bedeutende Rolle in ihren Traumerzählungen. Das Gebiet gehört ihnen seit 2008 wieder, sie verwalten es gemeinsam mit den Parkrangern.

 

Einige Kilometer weiter ist eine kleine Tankstelle mit einer Zapfsäule. Auf ihr klebt ein Zettel mit dem Hinweis, man möge doch nach dem Tanken den Tankstand und die Summe fotografieren und damit zum Zahlen in den Laden kommen. Was mit der Kreditkarte erfolgt. Und in der Toilette bestehen die Pinkelbecken einfach aus aufgeschnittenen Bierfässern.

Nachmittags erreichen wir Alice Springs, mit rund 26.000 Bewohnern. Die Stadt ist ein beliebter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Wüstenregion. Historische Gebäude erinnern an die Geschichte der Stadt, die im Jahr 1872 als Posten auf der transaustralischen Telegrafenleitung zwischen Darwin und Adelaide gegründet wurde.

Tag 8, Fahrt Kings Canyon

Über 1500 Kilometer im Outback sind es über den Kings Canyon und Yulara bis nach Coober Pedy. Dafür haben wir drei Fahrtage eingeplant, in Yulara selbst bleiben wir zwei Tage.
 
Der Weg führt zuerst über den Stuart Highway, weiter den Lasseter Highway, gefolgt von der Luritja Road bis wir heute nach 470 Kilometern die Kings Canyon Lodge erreichen werden. Es geht durch eine immer wüstenartigere Landschaft.  Der Verkehr ist sehr überschaubar, selten mal ein Roadtrain und nur wenige Autos und Camper.Ab und an ein Tankstopp und eine Rast, viel mehr gibt er heute auf der Fahrt nicht. Etwas lästig sind die vielen Buschfliegen im Outback, die während der Hitze des Tages besonders aktiv sind. Einzig ein Kopfnetz hilft.
Der Kings Canyon liegt im Watarrka Nationalpark im Northern Territory. Er ist bekannt für seine Schluchten und beeindruckenden Landschaften. Hiervon bekommen wir aber nur wenig mit, dazu müsste man in der Gegend wandern. Für uns ist es aber nur ein Zwischenziel nach Yulara mit dem weltberühmten Uluru.
 

Abends gibt es einen schönen Platz, um die großen Sandsteinfelsen im Sonnenuntergang zu betrachten. Bei einem Glas Wein lässt es sich an der Sunset-Bar gut aushalten. Aber nicht allzu lange, da es, sobald die Sonne weg ist, empfindlich kalt wird. Nachts hatte es hier gerade noch drei Grad Celsius, nach den 38 Grad weiter im Norden. Im Sommer steigt die Temperatur auf deutlich über 40 Grad.

Tag 9, Fahrt Yulara (Uluru, Ayers Rock)

Es sind weniger als zehn Grad bei der Abfahrt. Heute stehen 300 Kilometer an, bis nach Yulara. Wir fahren über den Lasseter Highway nach einem kurzen Abstecher an den Kings Canyon zurück zum Stuart Highway und dann Richtung Süden.
 
Der Stuart Highway ist eine der wichtigsten Verkehrsadern im australischen Outback und verbindet den Norden mit den zentralen Regionen des Landes. Er erstreckt sich über mehr als 2.800 Kilometer und beginnt in Darwin, unserem Ausgangspunkt. Ein Großteil der Strecke verläuft durch abgelegene, wüstenähnliche Landschaften und bietet einen Einblick in das australische Outback. Es geht über endlose Routen im Outback, gestoppt wird etwa an schönen Felslandschaften und isolierten Wasserlöchern. Die Infrastruktur ist spärlich, gerade mit Motorrädern und ihrer begrenzten Reichweit heißt es, jede Tankgelegenheit zu nutzen. Der Stuart Highway ist mehr als nur eine lange Straße, er führt durch einige der wildesten und abgelegensten Landschaften Australiens. Yulara ist das touristische Zentrum und Ausgangspunkt zum Uluru-Kata Tjuta Nationalpark, um die spektakulären Felsformationen rund um den Uluru zu erkunden, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. In Yulara finden sich Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants, Geschäfte und Freizeiteinrichtungen. Von luxuriösen Resorts über gemütliche Hotels bis hin zu Campingplätzen – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Auch zahlreiche Restaurants und Souvenirläden sowie Kunsthandwerk finden sich. Die Preise sind generell etwas überteuert, vergleicht man sie mit den Geschäften abseits der Touristenströme.  Yulara hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Anlaufpunkt für Touristen entwickelt.
 
Am Abend erst mal ein Spaziergang durch das weiträumige Gelände, erste Eindrücke erfassen und einen Blick auf den heiligen Berg der Aborigines werfen.

Tag 10, Uluru-Kata Tjuta Nationalpark

Den besten Blick auf den Uluru hat man vom Hubschrauber aus. Auch bekannt als Ayers Rock ist der Berg ein imposantes Naturwunder im Herzen Australiens und ein Ort von tiefer kultureller Bedeutung. Der Hügel ist ein zentraler Bestandteil der Traumzeitgeschichten der Anangu, den traditionellen Eigentümern des Landes.
Etwa 50 Kilometer entfernt finden sich die Bergformationen des Kata Tjuṯa, eine Gruppe von 36 Felskuppen, und der Tafelberg Mount Conner. Kata Tjuṯa ist Teil des Uluru-Kata-Tjuṯa-Nationalparks. Natürlich bietet sich auch eine Tour zum Uluru mit dem Motorrad an.
 
Hat man genügend Zeit kann man auch geführte Exkursionen in den Naturpark buchen, bei dem die Ranger viel Wissenswertes über die Geschichte und Natur erzählen. Leider kann man dazu kaum Aufnahmen machen, weil alle heiligen Stätten, selbst die komplette Nordseite des Berges nicht fotografiert werden sollen. Selbst das neu erbaute touristische Besucher- und Kulturzentrum der Aborigines ist tabu. Außer man kauft etwas, dann sind die Regeln hinfällig.
Für die Aborigines ist der Felsen seit Jahrtausenden ein heiliger Ort, an dem Schöpfungsvorstellungen, Legenden und kulturelles Wissen miteinander verwoben sind. Diese Geschichten erzählen von Ahnen, die den Kontinent erschaffen haben und vermitteln moralische und spirituelle Lehren, die noch heute für die Ureinwohner einen hohen Stellenwert haben.

Tag 11 und 12, Fahrt Coober Pedy

Es steht die auf dieser Reise längste Tagesetappe an, 730 Kilometer nach Coober Pedy, stundenlang fast geradeaus. Einfach fahren, gedankenverloren, es ist eigentlich wie meditieren. Jedenfalls als die Temperatur etwas höher war, losgefahren sind wir bei vier Grad Celsius. Irgendwann hatte es aber um die 18 Grad, ideal zum Fahren. Gegen 15 Uhr sind wir angekommen, inklusive zwei Tankstopp und ein paar kurzen Fahrten abseits der Straße für etwas Abwechslung. Man kommt recht schnell voran, kein Verkehr, keine Ampeln und 700 km lang keine Städte.
 
Wir nähern uns Coober Pedy. Das ist deutlich am Abraum seitlich der Straße zu erkennen, taubes Gestein der kleinen Opalminen, die es hier in Unmengen gibt. In der Stadt der Opalschürfer mitten in der Wüste bleiben wir zwei Nächte.
 
Coober Pedy. Die Stadt im australischen Outback ist vor allem durch ihre Opalsucher bekannt. Viele der australischen Opale kommen aus dieser Region mitten in der Wüste, im Niemandsland. Ursprünglich lebten hier Aborigines, lange bevor europäische Siedler eintrafen. Die Ursprünge der Stadt lassen sich auf das frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen als man zufällig die Opalvorkommen entdeckte. Dies geschah bei der Suche nach Wasser durch Goldsucher. Der damit beginnende Opalboom zog Menschen aus allen Teilen Australiens und der Welt an, heute finden sich in Coober Pedy Menschen aus 30 Nationen.
Unterirdische Häuser und Kirchen, zahlreiche Opalminen und Museen ziehen die Besucher an. Die Stadt kann sicherlich keinen Schönheitspreis gewinnen. Manche sagen, hier wollen sie nicht einmal begraben sein. Staubige Baracken und Häuser, ringsum Halden, mehrere Tankstellen, einige Restaurants und zahllose Opalläden prägen das Gesamtbild. (20 s)
 
Der morbide Charme, die Wüste und die Endzeitstimmung sind der Grund, warum hier Filme wie 1985 Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel, Priscilla – Königin der Wüste, Pitch Black mit Vin Diesel, Red Planet und Mortal Combat gedreht wurden. Man sieht auch noch einige alte Kulissen herumstehen. Die einzigartige Mond-ähnliche, unterirdische Landschaftskulisse machen die Gegend zu einer beliebten Wahl für Science-Fiction- und Wüsten-Filme.
 
Das Klima hier ist extrem, im Sommer kann das Thermometer auf über 50 Grad im Schatten steigen und im Winter ist manchmal Frost angesagt. Deshalb bauten die Siedler ihre Häuser und Einrichtungen unterirdisch. Dies bietet Schutz vor der intensiven Hitze. Noch heute wohnen rund die Hälfte der 1500 Einwohner unter der Erde. Sie leben von der Opalsuche und dessen Verkauf. Coober Pedy zieht Abenteurer als auch Liebhaber von Opalen an.
 
Eine Minen- und Wüstentour gehört bei einem Besuch Coober Pedys dazu. Uns chauffierte ein Claimbesitzer, damit kommt man auch in Bereiche, die aus 
Sicherheits- und Besitzgründen Besuchern normalerweise verschlossen sind. Zuerst ging es zu einer noch aktiven Mine, in der man den Abbau der Opale anschaulich erklärt bekommt.
Beim Abbau handelt es sich oft um eine Kombination aus traditionellen Handwerkstechniken und modernen Maschinen. Die Suche nach den Edelsteinen erfolgt in Coober Pedy fast ausschließlich in kleineren, privaten Minen. Für größere Bergbaubetriebe ist das Risiko des Misserfolges zu groß.
 
Opale sind aufgrund des außergewöhnlichen Farbspiels weltweit begehrt und entsprechend teuer. Am begehrtesten und seltensten sind die schwarzen Opale in Kombination etwa mit Rot. Die findet man in Cooper Pedy nur selten.
 
Wir sind auf dem Claim unseres Guides, ein sonst abgesperrtes Gebiet. Claims sind Parzellen von Land, auf denen Einzelpersonen oder Unternehmen das Recht haben, nach Opalen zu graben. Dazu muss man einfach den Claim mit vier Holzpfosten abstecken und einen Antrag beim zuständigen Landesamt stellen. Nach dessen Überprüfung und Bezahlung einer geringen Gebühr wird eine Genehmigung erteilt. Der Claim-Besitzer kann dann mit dem Graben beginnen, sei es für den eigenen Bedarf oder für den Verkauf.
 
Nur wenige Kilometer entfernt ist man schon im Nichts. Die Landschaft ist mondartig, Sand und Steine, ab und zu weiße und rötliche kleinere Hügel. Auch diese Gegend hier diente als Drehort etwa für Mad Max-Filme. 
Und doch lebten hier seit Jahrtausenden Aborigines. Die wohl die älteste kontinuierliche Kultur der Welt ist, sie soll schon seit über 60.000 Jahren existieren. Das indigene Volk hat eine tiefe Verbindung zur Wüstenlandschaft und eine reiche Kultur, die sich in ihrer Kunst, ihren Erzählungen und ihrem Wissen über die Natur widerspiegelt. Die Aborigines betrachten die Wüste nicht nur als geografischen Raum, sondern als lebendigen Ort, der in vielen Geschichten und Zeremonien verankert ist. Die Landstriche um Coober Pedy sind oft mit Traumzeit-Geschichten verknüpft, in denen Schöpfungsmythen und spirituelle Bedeutungen erzählt werden.
Wir kommen am längsten Zaun der Welt vorbei, 5600 Kilometer lang. Er wurde gebaut, um die Dingos, die wilden Hunde Australiens, von den Schafherden des Südens fernzuhalten. Dingos sind geschickte Jäger und stellen eine erhebliche Bedrohung für die Schafzucht dar. Der Zaun beeinflusst jedoch nicht nur die tierischen, sondern auch die ökologischen Dynamiken der Region. Indem er die Dingos ausschließt, führt dies zu einer Überpopulation anderer Tierarten und stört das Gleichgewicht des Ökosystems.

Tag 13, Fahrt Port Augusta

Es geht weiter Richtung Süden, heute rund 540 Kilometer bis Port Augusta. Die nächste Etappe führt uns für zwei Tage zum Wilpena Pound, bevor wir nach insgesamt 1150 Kilometern Adelaide erreichen, die erste größere Stadt seit langem.
 
Heute sind zwei Tankpausen und ein paar kurze Stopps etwa an einem Salzsee und einer Militäranlage mit einem Museum zur australischen Luft- und Raumfahrt vorgesehen, mehr nicht.
 
Der Rocket Park zeigt einige historische Raketenmodelle und Flugzeuge, ist mehr eine Gedenkstätte für die Raumfahrtgeschichte Australiens. Aber allemal eine kurze Unterbrechung wert.
Port Augusta am Spencer Gulf gelegen. Die Stadt ist ein wichtiger Knotenpunkt für den Fernverkehr und die Eisenbahn und hat 13.000 Einwohner. Für uns ist sie ein Zwischenstopp für die weitere Fahrt gen Süden.

Tag 14, Fahrt Wilpena Pound und Offroad unterwegs

Entsprechend geht es am kommenden Tag direkt weiter, 170 Kilometer nach Wilpena Pound, wo wir zwei Tage bleiben. Diesmal geht es in die Berge auf kurvigen Straßen und grünen Wäldern. Die Landschaft hat sich deutlich verändert.Angekommen und im Hotel eingecheckt bleibt noch genügend Zeit, um Offroad zu einem Aussichtspunkt zu fahren. Der größere Teil der Truppe ist dabei, einige bleiben im Hotel zurück. Die Piste ist recht gut, und es macht Spaß, sie entlangzueilen. 
 
Das Wilpena ist ein riesiges, natürliches Amphitheater, ein etwa 500 Millionen Jahre altes, kreisrundes Gebirgsmassiv mit 17 Kilometern Durchmesser. Es entstand durch Erosion eines Urmeeres. Hier finden sich Wanderwege, Offroad-Strecken, Aussichtspunkte und es ist ein wichtiger Ort für die Kultur der Adnyamathanha, der Ureinwohner der Region. Zu dritt machen wir eine etwa zehn Kilometer lange Wanderung ins Zentrum der geologischen Formation. Die Tour geht durch einen ursprünglichen und geschützten Wald mit einer bemerkenswerten Fauna.

Tag 15, Ausflug Blinman

Vom Hotel aus sind es rund 130 Kilometer nach Blinman, einer alten Bergbaustadt. Kurvenreiche Strecken wechseln sich mit langen Geraden ab. Auf der Hochebene bläst der Wind kräftig, auch auf den Geraden wird in Schräglage gefahren und man muss den Böen kräftig entgegenhalten.

Einst wurde in Blinman Kupfer abgebaut, von 1859 an nach der Entdeckung des Erzes durch Robert Blinman. Gewonnen wurden bis 1907 insgesamt etwa 10.000 Tonnen davon. Einst lebten hier 1500 Menschen, heute sind es noch 50. Die alte Mine ist eine beliebte Touristenattraktion.
 
Nahe Blinman gibt es einen kleinen Handwerkershop, der Waffen und Geräte der Aborigines herstellt und verkauft. Anders als in der Touristenhochburg Yulara am Uluru sind hier die Preise für das Handwerk real und nicht überteuert. Also wird zugeschlagen.

Tag 16, Fahrt Adelaide

Es geht weiter Richtung Adelaide. Die Landschaft wird grüner, überall sind riesige Felder mit blühendem Raps zu sehen. Zurzeit blühen in Australien im Spätwinter die Apfel- und Kirschbäume und zahlreich finden sich an der Strecke Weinbaubetriebe. Nach etwa zwei Stunden kommen wir zurück in die Zivilisation. Der Verkehr nimmt zu, das macht das Fahren weniger meditativ. Wir fahren erstmals seit mehreren tausend Kilometern auf einer Autobahn. 
 
Nach 435 Kilometern mit zwei Tankstopps und einer kurzen Kaffeepause erreichen wir Adelaide, eine moderne Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern. Gegründet wurde sie 1836 als erste freie Siedlung Australiens. Kurz eingecheckt und geduscht geht es mit dem Taxi zum 13 Kilometer entfernten Meer in ein schönes Restaurant mit Blick aufs Meer. Aber auch die Millionenmetropole ist für uns nur Durchgangsort, um wirklich etwas zu sehen, müsste man mehrere Tage bleiben.

Tag 17 Fahrt Robe

Die nächste Etappe führt in vier Tagen über Robe, Halls Gap und Apollo Bay nach Melbourne, unseren Ziel der gesamten Reise. Bis dahin sind noch einmal rund 1300 Kilometer.
 
Nach etwa 30 Kilometern sind wir in Hahndorf, eine kleiner Ort mit rund 2300 Einwohnern. Es ist eine Touristenattraktion, mithin eine der ersten deutschen Siedlungen in Australien. Gegründet hat man sie im Mai 1839. Das deutsche Erbe ist deutlich sichtbar, es gibt Bäckereien mit typisch deutschen Backwaren oder Metzgereien mit einer Vielzahl an Wurstwaren, die man im restlichen Australien eher nicht findet. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle vieler Hahndorfer.
In Strathalbyn findet sich ein kleines Motor-Museum und eine Statue eines Motorrad-Rennfahrers, einst eine Ikone in Australien. Nur verunglückte er auf der Ilse of Man bei einem Rennen tödlich.
Beidseitig der Straße liegen große Weinanbaugebiete, Rinder- und Schaffarmen, Ackerflächen oder Plantagen. Die größte Farm Australiens, die Anna Creek Station im Süden des Landes, dient vorwiegend der Rinderzucht und umfasst rund 23.600 Quadratkilometer, etwa 70 Prozent der Größe des Staates Belgien. 
 
Die längere Etappe fahre ich heute allein, kann somit andere Strecken und auch mein Tempo fahren. In Kingston treffen sich die meisten wieder, an der Statue eines großen Hummers vor einem Fischlokal.
Zwischendurch gab es auch mal eine Kontrolle, die Neuseeländer wurden von einer Polizistin angehalten, die aber schlussendlich eine gute Weiterreise wünschte. Ich wurde rechtzeitig auf die Kontrolle durch einen Autofahrer hingewiesen.
 
Am Hotel angekommen, standen 340 Kilometer mehr auf dem Tacho.

Tag 18, Fahrt Halls Gap

Weiter geht es Richtung Melbourne, diesmal bis nach Halls Gap, erstmals bei etwas regnerischem Wetter. Halls Gap ist rund 370 Kilometer entfernt. Zunächst geht es entlan griesiger Weideflächen und Rapsfeldern, später folgt eine kurvenreiche Berglandschaft.

Unterwegs machen wir Halt bei den Höhlen von Naracoorte. Eine kleinere davon besuchen wir, die Stick Tomato-Cave. Die zahlreichen Höhlen der Region beherbergen eine der weltweit umfangreichsten und am besten erhaltenen Fossilienlagerstätten des Pleistozäns. In den Höhlen wurden Überreste von vielen prähistorischen Tieren gefunden, darunter große Beuteltiere wie Riesen-Kängurus, Beuteldachse und andere Säugetiere, die Einblicke in die Tierwelt und Umweltverhältnisse des Zeitraums vor rund 2,6 Millionen Jahren bis etwa 10.000 Jahre vor Christi ermöglichen. Der Bedeutung des Höhlensystems wegen und der dort vorhandenen Fossilien wurde Naracoorte 1994 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen.

Ab und zu kann mal einen Abstecher abseits der geteerten Wege machen, bevor es nach einigen Stunden in die Berge auf eine kurvenreiche Straßen geht. 
 
Angekommen in unserem Hotel begrüßt uns Buddy, das Hauskänguruh. Es lebt frei, hat sich aber an die Menschen gewöhnt. Es ist hier aufgewachsen, rennt auf dem Areal herum. Eine Banane verschmäht es auf keinen Fall.
Kängurus sind nur in Australien, Neuguinea und auf den umliegenden Inseln wie Tasmanien und Kangaroo Island heimisch. Sie sind für ihre langen Hinterbeine bekannt, mit denen sie durch die australischen Lebensräume wie Steppen, Wüsten und Regenwälder springen. Es gibt rund 65 Arten, von denen einige, wie das tote Riesenkänguru Buddy, bis zu 1,80 m groß werden können, Mithin ist das rote Riesenkänguruh größte lebende Beuteltier der Welt. (23 s)

Tag 19 Fahrt Apollo Bay

Weiter geht es am Folgetag am frühen Morgen nach Apollo Bay, etwa 315 km entfernt. Es ist regnerisch, das Wetter bessert sich aber über den Tag.
 
Nach drei Stunden erreichen wir an der Küste den Bay of Islands Coastal Park. Es ist ein 32 Kilometer langes Küstenreservat an der Great Ocean Road gelegen. Man hat ihn 1997 aus einigen kleineren Schutzgebieten errichtet. Immer wieder bietet sich ein Halt an und ein kurzer Spaziergang, um den Ausblick zu genießen.
Richtig was los ist bei den zwölf Apostel. Hier finden sich Hunderte Besucher ein, in der Sommersaison und an Wochenenden täglich weit über tausend, die die Steinformationen im Meer sehen wollen. Es sind vorwiegend junge Chinesen und viele Inder. In den letzten Jahren entstanden hier Parkplatz, Besucherzentrum, Stege und Aussichtsplattform sowie ein kleiner Flughafen mit Hubschraubern für Rundflüge. Und es wird weiter kräftig gebaut. Vermutlich wurde dieser Hot Spot auf Tiktok oder Instagramm gepostet, und jetzt muss jeder hin.
 
Weiter geht es auf der Great Ocean Road bis zur Apollo Bay. Insgesamt ist die Great Ocean Road 243 Kilometer lang. Apollo Bay erreichen wir nach rund 310 Kilometern. Das charmante Küstenstädtchen liegt eingebettet zwischen üppigen Wäldern und dem türkisblauen Meer mit schönen Sandstränden. Apollo Bay ist ein Ort für Reisende, die Entspannung, Natur und authentische Küstenkultur an einem malerischen Ort erleben möchten.

Tag 20 Fahrt Melbourne

Es geht auf die letzte Etappe dieser Tour quer durch Australien, 300 Kilometer nach Melbourne. Zuerst warten auf uns kurvenreiche Strecken die Ocean Road die Küste entlang bis etwa 100 Kilometer vor Melbourne der Großstadtverkehr beginnt. Dann ist das Ziel erreicht, nach rund 6500 Kilometer quer durch Australien. Durch tropischen Regionen mit 38 Grad Temperatur, durch das Outback und die Berge mit morgens um die drei Grad, entlang ellenlanger gerader Straßen oder am Ende über kurvige Strecken durch die Berge und an der Küste entlang. Die langen Strecken im Outback luden zum Meditieren ein, so dass die Zeit viel schneller verging als gedacht.

Tag 20 und 21 In Melbourne angekommen

Wir sind in Melbourne, in der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria. Es ist eine dynamische Metropole, die Kultur, Geschichte und moderne Lebensart miteinander vereint. Hier leben rund 5,3 Millionen Menschen. Die Stadt weist eine vielfältige Architektur auf, von historischen Gebäuden in der Innenstadt bis zu modernen Bauten und Kunstinstallationen. Neben einem regen kulturellen Leben mit zahlreichen Galerien, Museen und Theatern ist Melbourne auch als Sporthochburg bekannt, in der regelmäßig internationale Veranstaltungen stattfinden.
Einen guten Überblick über die Stadt bietet das Melbourne Skydeck. Es ist die höchste öffentliche Aussichtsplattform der südlichen Hemisphäre, die sich im 88. Stock des knapp 300 Meter hohen Eureka Towers befindet. 

Das Fazit

Es eine besondere Tour, einmal von Nord nach Süd durch den australischen Kontinent. Die nur sehr wenige Menschen mit dem Motorrad machen. So ist man besonders nah an der Natur, an den Menschen. Die Gruppe aus Australiern, Neuseeländern, Briten, Amerikanern, Schweizer, Deutschen und Norwegern hat wunderbar zusammengepasst. Auch die Guides Brian, John und Adam, waren sehr flexibel und brachten viel Erfahrung und Wissen in die Tour ein. Ein Zitat aus der Motorradszene bringt es auf den Punkt: Vier Räder bewegen deinen Körper, zwei Räder bewegen deine Seele.
Dank auch besonders an den Mitreisenden Alan aus Australien, der mir die Drohnenaufnahmen zur Verfügung stellte.
 

Auf den Spuren der Maya, Teil III in Guatemala

Wir haben die Grenze nach Guatemala überquert. Hier besuchen wir die Ruinenstätten von Yaxha, Tikal und die Maya-Dörfer rund um den Atitlan-See, bevor es von Gutemala-City aus wieder zurück geht.
 
Hier finden sich Teil I (Mexiko) und Teil II (Belize) von der Maya-Reise.

Yaxha, selten besucht

Nach einer elf Kilometer langen Piste durch den Regenwald sind wir nun auf dem Yaxha-See unterwegs mit dem Ziel der Ruinenstätte Yaxhá. Der Name bedeutet grünes Wasser und konnte auf einer Maya-Inschrift der Stätte zugeordnet werden. Also einer der wenigen überlieferten originalen Stadtnamen. Vieles ist noch wie zu Zeiten der Entdecker, tief im Dschungel versteckt finden sich teils riesige, bewachsene Steinhaufen, die nicht als alte Ruinen zu erkennen sind. Selbst große Pyramiden verbergen sich mitten im Regenwald, ohne dass man es erkennen könnte. Schautafeln geben Hinweise, wie es einst aussah. In der Ferne hört man Brüllaffen, die Vögel zwitschern.
 
Bei der größten Pyramide hat man eine Seite freigelegt, Holzleitern führen an der unrestaurierten Seite hoch. Von oben hat man einen wundervollen Blick über den Dschungel, im Hintergrund der See. 
 
Außer einigen Wachleuten sehen wir keine weiteren Besucher, scheinen auf dem riesigen Areal allein unterwegs. Erst später auf dem Rückweg kommen uns ein paar weitere Besucher entgegen.
 
 
Yaxhá erlebte seine Blütezeit zwischen 250 und 900 n. Chr. Die Stadt war ein zeremonielles und administratives Zentrum, das mit anderen wichtigen Maya-Stätten in der Region interagierte. Die Stätte umfasst über 500 größere Strukturen, darunter Pyramiden, Tempel, Paläste und Ballspielplätze.

Die Maya-Communities rund um den Atitlan-See

Der Atitlan See im auf einer Höhe von 1569 Metern ist Guatemalas zweitgrößter See mit einer Fläche von 130 Quadratkilometern. Er entstand vor 84.000 Jahren durch die Eruption eines Supervulkans. Inmitten des Kratersees lag einst eine Insel, auf der sich eine bedeutende Stadtanlage der Maya befand, die heute im See versunken ist. An seinen Ufern finden sich mehrere Dörfer mit einer Maya-Bevölkerung.
 
Unser Hotel liegt direkt am See in San Lucas Tolimán. Von hier aus besuchen wir drei Maya-Dörfer mit dem Boot. Das Hochland rund um den Atitlan-See bot ein ideales Umfeld für die alten Maya. Die Orte waren dank fruchtbarem, vulkanischem Land nicht nur autark, sondern entwickelten sich zu geschäftigen Zentren des Handels und zeremonieller Aktivitäten.
 
Der erste Stopp gilt dem Dorf Santiago Atitlan. Die heutigen Siedlungen sind für ihre lebendige Kultur und Traditionen bekannt und gern besuchte Ziele. Von den Touristen können viele Menschen gut leben. In den Ortschaften bewahrt und feiert man bis heute das kulturell Erbe, hält Traditionen am Leben, die historische Lebensweisen und Glaubenssysteme widerspiegeln – das reicht von der Sprache bis zu den Kleidern, die die Frauen tragen.
 
Für uns steht der Besuch einer Familie an, die diese Jahr den Maximón beherbergt, eine über 500 Jahre alte Holzfigur, die traditionelle Kleidung trägt und immer eine Zigarre oder Zigarette im Mund hat. Er ist ein im Hochland Guatemalas verehrter Volksheiliger, dem sowohl positive wie heilende und beschützende als auch unheilvolle und verfluchende Kräfte zugesprochen werden. 
 
Maximón oder auch San Simón vereint Elemente aus der katholischen Heiligenverehrung und der einheimischen Maya-Religion. Er verkörpert den Apostel Simon und den alten Erdgott der Mayas, Maam. Die Figur soll bereits über 500 Jahre alt sein. Die Spanier verboten dessen Anbetung, aber die Mayas ließen sich ihre Kultur nicht nehmen. Jährlich wechselt er die Gastfamilie, bei der er aufbewahrt wird. Das ist eine besondere Ehre. Immer wieder kommen Gläubige, die verkostet werden und sich an Maximón wenden, um Hilfe in verschiedenen Lebensbereichen zu bitten, sei es für Gesundheit, Wohlstand oder Schutz. Seine Verehrung ist von Ritualen und Opfergaben geprägt, die Kerzen, Alkohol, Tabak und Geld umfassen können.
 
Nach einer halben Stunde haben wir San Pedro La Laguna erreicht. Hier ist etwas weniger los. Bei den Maya werden sowohl Familienstrukturen und Dorfgemeinschaften von überlieferten Traditionen beeinflusst. Wichtige Rituale, die die kosmische Ordnung und die individuelle Harmonie mit dem Universum aufrechterhalten richten sich nach dem Maya-Kalender. Bestimmte Orte rund um den See gelten als von heiliger Energie durchdrungen und dienen als Epizentrum für Gemeinschaftsrituale und individuelle Opfergaben.
 

Ein Stück oberhalb am Berg gibt es in San Pedro La Laguna eine Aussichtsplattform, von der man einen guten Überblick über Stadt und See hat. Hoch kommt man am besten mit dem Tuc-Tuc.
 
Von Besuchern wimmelt es wieder in San Juan La Laguna. Die Orte sind allesamt Touristenmagnete und bieten zahlreiche Läden mit allem Erdenklichem. Darunter viel Nippes aber auch schöne Kunstgalerien und Handwerksbetriebe. Mehrere Kooperationen befassen sich etwa mit Textilien und stellen Kleider her, andere haben das Thema Kaffee für sich entdeckt, oder Keramiken, Holzarbeiten sowie die Malerei.
 
 
Die Webereien arbeiten teils mit Techniken, die seit Jahrhunderten weitergegeben werden, und kreieren komplizierte Muster, die Geschichten erzählen und die Kosmologie der Maya symbolisieren. Jede Farbe, jedes Motiv und jeder Faden, der in diesen Textilien verwendet wird, verkörpert kulturelle Erzählungen und den persönlichen Ausdruck des Webers.

Der Chichi-Markt in Chichicastenango

Bevor wir nach Tikal kommen, sind wir noch etwas auf den Straßen im Land unterwegs. Überall sieht man die bunt bemalten Chicken-Busse. Die alten, umgebauten Schulbusse spielen eine wichtige Rolle, genauso wie viele Pickups die zum Transport von Menschen, Vieh und Waren dienen. Nicht selten alles zusammen auf einmal und vollgepfercht. Fünfsitzige alte Kombis und Minivans mit 15 bis 20 Passagieren sind kleine Ausnahme.
 

Der Chichi-Markt in Chichicastenango. Er soll einer der bekanntesten und farbenprächtigsten Märkte in Guatemala sein und sowohl Einheimische als auch Touristen anziehen und gilt als einer der ältesten Märkte des Landes. Mithin soll er seit über 1000 Jahren existieren und findet zweimal die Woche statt. Angeboten wird alles, Lebensmittel, Gewürze, lokale Speisen, handgefertigte Textilien, traditionelle Kleidung, Masken, Keramik, Holzschnitzereien, Schmuck und vieles mehr. Das Feilschen gehört zum guten Ton, es wird erwartet, dass man die Preise verhandeln.
 
 
Der Markt ist nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch ein soziales und kulturelles Ereignis. Besucher können Maya-Rituale und Zeremonien beobachten, gern vermischt mit dem katholischen Glauben. Sie finden meist in der Nähe der Kirche Santo Tomás statt. 

Das Maya-Highlight – Tikal

Ein Besuch in Tikal, einer der bedeutendsten Maya-Stätten, ist ein unvergessliches Erlebnis. Die archäologische Kernzone umfasst etwa 16 Quadratkilometer, entsprechend wichtig ist gutes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung. Wir konzentrieren uns auf die Große Plaza, die Tempel zwei, vier und fünf, den Tempel des Großen Jaguars, den Platz der sieben Tempel und die Nordakropolis. Allein dafür sollte man einen Tag einplanen. Selbst hier liegt vieles noch unter der Erde oder riesigen Steinhaufen. Sogar ganze Pyramiden. 
 
Ist man in dem riesigen Areal unterwegs, sieht man nicht nur Ruinen, sondern auch viel von der Natur herum. Seien es die stachellosen Maya-Bienen, Tukane, Spechte oder Papageien, Brüll- und Spinnenaffen sowie Füchse oder auch Ameisenbären und einen Aguti, der sich von einem Rivalen bedroht fühlte. Nur Pumas oder Jaguare, von denen hier auch über 1000 leben sollten, ließen sich nicht blicken. Das wäre auch eine seltene Ausnahme.

Wir sind an Tempel Vier. Mit rund 70 Metern Höhe die größte Pyramide in Tikal. Er dürfte um 741 nach Christi erbaut worden sein, hat eine rechteckige Basis mit sieben Stufenebenen und ist mit etwa 190.000 Kubikmetern Baumaterial das zweitgrößte präkolumbische Gebäude Amerikas.
 
Einst war Tikal eine der mächtigsten Städte der Maya und erlebte seine Blütezeit zwischen 200 und 900 n. Chr. Die Stadt war bedeutendes politisches, wirtschaftliches und religiöses Zentrum, bekannt für ihre militärische Stärke und ihre Rivalität mit anderen Maya-Städten wie Calakmul. Trotz seiner Stärke wurde Tikal auch mal erobert, erlebte einen Staatsstreich und schlug zurück, eroberte andere Städte. Zu sehen gibt es hunderte von größeren Strukturen, darunter Tempel, Paläste, Wohngebäude und Ballspielplätze.
 
 
Die Architektur zeigt fortschrittliche Baukenntnisse und künstlerische Fähigkeiten. Man schätzt, dass bis zu 100.000 Menschen hier lebten, die Gesellschaft war stark hierarchisch strukturiert, mit einer herrschenden Elite, Priestern, Kriegern, Handwerkern und Bauern. Die Wirtschaft basierte auf Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Eine zentrale Rolle spielte – wie eigentlich überall, die Religion. Die Menschen verehrten viele Götter, und Rituale sowie Opferungen waren wichtige Aspekte des religiösen Lebens.
 
Die Maya von Tikal waren auch für ihre Errungenschaften in Kunst, Astronomie und Mathematik bekannt. Sie entwickelten ein komplexes Schriftsystem und den Kalender.
Tikal bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt der alten Maya und ist ein Muss für jeden, der sich für Geschichte und Archäologie interessiert.
 
Jährlich besuchen um die 250.000 bis 3000.000 Menschen Tikal. Jeder wird genau registriert, die An- und Abreise erfasst. Das hat seinen Grund. Jede Saison werden in dem riesigen, insgesamt 575 Quadratkilometer umfassenden Dschungelareal Menschen vermisst. Abends darf man nur mit einem lokalen Guide unterwegs sein. Dennoch verliefen sich 2024 fünfzehn Menschen, acht davon konnte man finden und retten, den Rest nicht. Manchmal stößt man nach Jahren auf Skelettreste. Und das sind dann keine alten Mayagebeine.
 
Am späten Nachmittag ging es mit einem lokalen Guide noch einmal zu einer der Pyramiden, um von oben den Sonnenuntergang zu erleben. Die Geräuschkulisse hat sich geändert, erwacht in der Dämmerung doch der Dschungel zum Leben. Besonders die Brüllaffen machen ihren Namen alle Ehre, auch wenn sie kaum zu sehen sind.
 
Zahlreich zu sehen sind wieder die Vögel wie Spechte, Falken, Tukane oder Papageien, ansonsten laufen uns Agutis, Eichhörnchen oder ein Fuchs über den Weg.
 

 
Oben auf den Pyramide ein wunderschöner Sonnenuntergang mit vielleicht 20 weiteren Leuten und den Klängen des Regenwaldes, bevor es in der Dunkelheit zurück geht. Damit endet die Reise zu den Mayas, den alten und den jungen.
 
 

Auf Youtube ist der Film über die Maya zu sehen oder als BluRay in meinem Shop erhältlich

Hier geht es zum ersten Teil in Mexiko, und hier findet sich der zweite Teil durch Belize.

Auf den Spuren der Maya, Teil II in Belize

Wir sind über den Grenzübergang bei Chetumal nach Belize eingereist (hier findet sich der erste Teil der Reise, durch Mexiko). Zuerst besuchen wir die Maya-Höhle am Barton Creek, anschließend die Maya-Community in San Antonio  und die Ruinenstätten Carakol sowie Xunantunixh. Unser Hotel für die nächsten Tage liegt in San Ignacio.

Die Maya-Höhle am Barton Creek

Die Maya Höhle am Barton Creek bietet dem Besucher einen guten Einblick in die unterirdische Welt der Maya. Rein in die etwas sechs Kilometer lange Höhle kommt man mit dem Kanu, einen Kilometer weit kann man bei dem momentanen Wasserstand hinein paddeln. 

Die Maya betrachteten Höhlen als Eingänge zur Unterwelt
und als Orte von großer spiritueller Bedeutung. Archäologische Funde, darunter Keramiken, Werkzeuge und menschliche Überreste, zeigen auf, dass die Höhle für rituelle Opferungen und Zeremonien von großer Bedeutung war. (17 s)

Eine kleinere Plattform im oberen Teil der Höhle wurde von den Maya als zeremonieller Ort genutzt. Für uns nicht erreichbar. Zu sehen gibt es vom Kanu aus ein paar Keramiktöpfe und auch einen Totenschädel. Aber schon die Fahrt durch die enge mit Stalaktiten und Stalagmiten geschmückte Höhle sind die Strapazen der Anreise wert.

Unser Domizil in San Ignacio

Unser Hotel in Belize liegt in San Ignazio, das Maria Guesthouse. In der Stadt wohnen etwa 20.000 Menschen, sie leben vor allem vom Tourismus, der Landwirtschaft und betreiben kleinere Unternehmen. Im Stadtzentrum finden sich mehrere Restaurants und Cafés mit lokaler Küche und einige Handwerkerläden. 

Belize unterscheidet sich spürbar von Mexiko. Hier wird Englisch gesprochen und vieles hat einen karibischen Flair. Auch wenn man wie wir im Landesinneren sind.

Kochen und Töpfern in San Antonio

Von San Ignazio aus geht es zu einer Frauenkooperative in den benachbarten Ort San Antonio. Hier machen wir einen kurzen Kochkurs für Tortillas. Sie sind das Brot der Mayas, das wichtigste Grundnahrungsmittel. Mais gilt als heilig und ist seit Jahrhunderten ein zentrales Element in der Ernährung und Spiritualität der Maya.

Die traditionelle Zubereitung beinhaltet das Mahlen von Mais zu Masa, dem Maisteig auf einer Metate, einer alten Steinmühle, sowie das Formen und Backen der Tortillas auf einem Comal, der flachen Kochplatte.

Die Menschen in San Antonio sind überwiegend Maya. Die genaue Zahl variiert, dürfte aber bei etwa 3500 Bewohnern liegen. Eine Familie hat hier durchschnittlich sieben Kinder. Besonders die Mädchen verlassen nach der Grundschulstufe die Schule, Bildung hat für sie keine hohe Priorität. Staatliche Unterstützung ist schwer zu bekommen, also suchen engagierte Mütter andere Einkommensformen, um ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen. Das führte zu der Gründung der Frauenkooperative in San Antonio, die Handwerks- und Kochkurse für Touristen anbietet und auch einen kleinen Laden besitzt. Ansonsten leben die Menschen von der Landwirtschaft, Handwerk und zunehmend vom Ökotourismus. 

Getöpfert wird auch, man kann selbst Hand anlegen. Zum Einsatz kommt Ton aus lokalen Vorkommen. Er wurde mit etwa 20 Prozent gemahlenen Muscheln vermischt, um die Textur zu verbessern. Gearbeitet wurde von den alten Maya anders als heute in Handaufbautechnik, sie kannten keinen Drehscheibe. Dabei hat man den Ton in Schichten oder Rollen geformt und zusammengedrückt, um die gewünschte Form zu erreichen. Zum Einsatz kamen auch Formen und Modelle, um gleichmäßige Töpfe und Schalen zu erzeugen. Die Oberfläche der Töpferware hat man gern mit Mustern verziert. Zum Einsatz kamen wie heute Farbpigmente aus Pflanzen, Erden und Mineralien. Die Dekorationen hatten oft symbolische Bedeutungen und spiegelten die Kultur und die Glaubensvorstellungen der Maya wider.

Caracol, einst eine Metropole der Maya

Es soll die eine der größten Städte der Maya gewesen sein, Caracol, neben Tikal und Carakmul. So im weiteren Umkreis könnten um die 130.000 Menschen gelebt haben. Dennoch ist es ein weniger besuchter Ort. Als wir in ankamen, dürften an dem Tag etwa dreißig Besucher die Ruinen besucht haben, hochgerechnet auf die Saison werden es vielleicht 5000 sein.

Wir beginnen unseren Rundgang vor dem mit 45 m höchsten Gebäude, der sogenannte Himmelspalast Caa-Na. Allein das Zentrum der Stadt umfasst um die 17 Quadratkilometer, das gesamte Areal über 200 Quadratkilometern. Um die 30.000 Gebäude sollen sich hier befinden, fast alle noch vom Dschungel begraben oder als gigantische Steinhaufen herausragend, obwohl schon seit Jahrzehnten geforscht und ausgegraben wird.

Oben auf der Caa-Na findet sich noch eine größere Plattform mit drei weiteren Pyramiden. Der Aufstieg lohnt allein der Übersicht wegen.

Caracol erlebte ihre Blütezeit während der klassischen Periode der Maya-Zivilisation, ungefähr zwischen 600 und 900 n. Chr. Die Stadt wurde 1937 von einem Holzfäller entdeckt, während er Mahagoni suchte.

In Caracol fand man mehrere Stelen und Altäre mit Inschriften und Reliefs, die historische Informationen über die Stadt und ihre Herrscher lieferten. Sie beschreiben, wie mächtig Caracol einst war, sogar rivalisierende Städte wie Tikal in Guatemala besiegte. Die Inschriften in Caracol berichten von militärischen Siegen und der politischen Dominanz der Stadt über die Region. Die Maya-Zivilisation war bekannt für häufige Konflikte zwischen den Stadtstaaten. Die Kriege spielten eine zentrale Rolle in deren Geschichte und Entwicklung, wurden geführt, um die politische Vorherrschaft in einer Region zu erlangen oder auszubauen. Die Kontrolle über Handelsrouten und Ressourcen wie Wasser, Land und Prestigeobjekte waren häufige Auslöser für Konflikte, zudem hatten sie oft auch eine rituelle Dimension, wobei Gefangene für Opferungen genutzt wurden, um die Götter zu besänftigen und die Macht der Sieger zu demonstrieren.

Tikal und Caracol waren in einen jahrhundertelangen Konflikt verwickelt, der als Schlangenkrieg bezeichnet wird. Sie bildeten große Allianzen mit anderen Städten und führten zahlreiche Schlachten gegeneinander. Langanhaltende Kriege konnten jedoch zum Niedergang von Städten führen, da Ressourcen erschöpft und die Bevölkerung dezimiert wurde. Waffen, die zum Einsatz kamen, waren Speere, Speerschleudern, Keulen und Bögen.

Immer wieder sieht man auch Militärpatrouillen. Sie schützen die Besucher vor guatemaltekischen Räubern, die über die nahe Grenze kommen und früher schon mal Fahrzeuge auf dem Weg nach Caracol überfallen haben. Zudem schauen sie nach illegalen Holzfällern oder Wilderern, die ebenfalls über die Grenze kommen.

In den Ruinen von Xunantunich

Bevor es über die Grenze nach Guatemala geht, schauen wir uns früh morgens noch die Ruinen von  an. Ihre Blütezeit hatte die Stadt um 600 bis 900 n. Chr., sie wurde im späten 19. Jahrhundert wiederentdeckt und ist seitdem Gegenstand zahlreicher archäologischer Untersuchungen. 

Das beeindruckendste Bauwerk ist El Castillo, eine rund 43 Meter hohe Pyramide. Von ihrer Spitze aus hat man einen wunderbaren Blick auf die umliegende Landschaft, einschließlich der Maya Mountains und des Mopan Rivers.

Die Stätte umfasst mehrere Plätze, Tempel und Paläste, die um sechs Hauptplätze angeordnet sind. Der Name Xunantunich bedeutet Steinerne Frau und bezieht sich auf eine lokale Legende über eine geisterhafte Frau, die angeblich in der Stätte gesehen wurde.

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Hier geht es weiter zum dritten Teil in Guatemala mit Tikal, und hier findet sich der erste Teil, durch Mexiko

Südkorea 2024 – das Land der Morgenstille

Eine Reise nach Japan und Südkorea, Teil 2 – Südkorea

Obwohl zwischen Fukuoka in Japan und Busan in Südkorea nur knapp über 200 km liegen, sind es dich zwei recht unterschiedliche Länder. Die Menschen unterscheiden sich spürbar. So jedenfalls unser erster Eindruck. Die Südkoreaner wirken westlicher geprägt, die Gelassenheit und Rücksichtnahme sind nicht so ausgeprägt wie in Japan, eher wie in Deutschland, man hört erstmals wieder hupende Autos, wenn auch recht selten. Während in Japan die Menschen stärker auf die Gesellschaft ausgerichtet sind und sich entsprechend verhalten, fokussieren sich die Südkoreaner eher auf die Familie und sich selbst. Auch das Essen ist unterschiedlich ebenso wie Sprache und Schrift.

Unsere Route in Südkorea: Busan, Ulsan, Gyeong-ju, Seoul

Hier geht es direkt zum Reisebericht Japan

Tag 12 und 13 – Busan, die Metropole im Süden

Wir starten unseren Kurztrip im Land der Morgenstille, wie Südkorea auch genannt wird, ganz im Süden in Busan und bleiben zwei Nächte. Einen guten Überblick über die Stadt hat man vom Busan Tower aus. Der Turm liegt im Yongdusan-Park auf dem Drachenkopfberg. Man benötigt aber viel Fantasie, um in der Form des kleinen, gerade mal 69 Meter hohen Berges einen Drachenkopf zu erkennen. Der Turm entstand 1973 als Radio- und Fernsehturm, wurde 2021 umfassend renoviert.

Am Folgetag beginnen wir einen Besuch bei der jüngeren Geschichte des Landes, am UN Memorial Park. Er ist den gefallenen UN-Soldaten des Koreakrieges von 1950 bis 1953 gewidmet. Es ist der weltweit einzige UN-Friedhof. Damals unterstützen 16 Nationen den Süden militärisch unter US-Führung im Kampf gegen das kommunistische Nordkorea. Die meisten der Gefallenen stammen aus den USA, die damals das größte UN-Truppenkontigent stellten. 2320 Gräber befinden sich heute auf dem 1951 errichteten Friedhof, der seit 1959 unter UN-Verwaltung steht. Die gefallenen US-Soldaten wurden in ihrer Heimat beerdigt. 2006 kam die Wall of Remembrance hinzu, auf der die Namen aller 40896 getöteten UN-Soldaten eingraviert wurden.

Jeden Tag um zehn Uhr wird die UN-Flagge von Soldaten feierlich gehisst und um 16 Uhr wieder eingeholt. Es finden sich auch jüngere Gräber auf dem weiträumigen Gelände, hier sind inzwischen verstorbene Veteranen beerdigt, die bei ihren gefallenen Kameraden ihre letzte Ruhestätte finden wollten. Auch einige Ehefrauen damals gefallener Soldaten wurden auf ihren Wunsch hin inzwischen hier bestattet. Einmal im Jahr wird in Korea auch der Memorial Day zelebriert, ein Nationalfeiertag. Insgesamt dürften im dreijährigen Koreakrieg um die 4,5 Millionen Menschen getötet worden sein, vor allem Zivilisten.
Die Spaltung des Landes hält bis heute an, an der 243 Kilometer langen und vier Kilometer breiten Demarkationslinie gibt immer wieder vereinzelte Schusswechsel und Zwischenfälle, mehrere Hunderttausend Soldaten – manch Quelle spricht von einer Million – stehen sich gegenüber. Während sich Südkorea zu einer der bedeutendsten Volkswirtschaften entwickelte und seit Ende der 80er-Jahre eine stabile Demokratie ist, ist Nordkorea trotz einer einst besseren Ausgangslage ein unterentwickeltes Land, in dem viele dauerhaft unterernährt sind. Die Wirtschaft ist deutlich am Militär ausgerichtet. Das diktatorisch regierte Land ist gemessen am Bruttosozialprodukt mit weitem Abstand das Land mit den höchsten Militärausgaben weltweit.

Der nächste Stopp war der nahe Busan gelegene buddhistische Haedong Yonggungsa-Tempel, der auf einer Klippe am Meer thront. Erbaut hat man ihn im Jahre 1376. Nach seiner Zerstörung während des siebenjährigen Imjin-Krieges zwischen Japan und Korea im Jahr 1592 wurde er 1930 rekonstruiert, das Hauptheiligtum 1970. Seinen aktuellen Namen erhielt er 1974, als der Mönch Jeongam von einem weiß gekleideten Buddha träumte, der auf einem Drachen in den Himmel flog.
Der Weg zum Tempel führt über eine von großen Steinlaternen gesäumte Treppe mit 108 Stufen. Jede der Stufen steht für eine weltliche Begierde im Sinne des Buddhismus. 

Gamcheon Cultural Village

Nach einem typisch koreanischen Mittagessen geht es zum Gamcheon Cultural Village, ein malerisches Viertel mit bunten Häusern und Kunstwerken. Gamcheon war einst ein Slum, gegründet von Flüchtlingen aus dem Koreakrieg. Nachdem 1950 Truppen aus Nordkorea fast das ganze Land erobert hatten, bis auf das kleine Gebiet im Südosten um Busan, kamen viele Flüchtlinge hier her. Sie erbauten ihre Häuser treppenförmig an den Ausläufern eines Küstenbergs. Im Laufe der Zeit verließen das Dorf, Häuser standen leer und verfielen. Das änderte sich ab 2009 dank einer Initiative von Bewohnern, Studenten, Künstlern und der Lokalregierung. Sie begannen das Dorf im Rahmen des Village Art Projects zu schmücken, luden Künstler ein und stellten ihnen leere Räumlichkeiten mietfrei zur Verfügung. Viele Gassen sind mit Wandmalereien und Skulpturen der Bewohner geschmückt.

In das Dorf mit seinen weniger als 9.000 Einwohnern kommen jährlich 160.000 Besucher. Es wird gern als Musterbeispiel für eine Stadterneuerung herangezogen. Eine Kooperative der Bewohner hat ein Sozialunternehmen gegründet, um die zahlreichen Souvenirläden, Cafés, Restaurants, das Hostel und den Parkplatz zu verwalten.
Die Entwicklung stößt aber nicht überall auf Gegenliebe. Zwar wissen alle, dass man ohne die vielen Besucher weiterhin arm wäre und immer mehr im Ort verfallen würde, aber negativ sei, dass die meisten älteren Bewohner das Dorf verlassen hätten und die Händler alle von außen kämen. Einheimische würden ihre Häuser vermieten oder verkaufen. Zudem würden viele von dem Touristenboom gar nicht profitieren. Das aber scheinen nur Einzelstimmen zu sein.

Weiter geht es zum Gukje Market, er befindet sich in überdachten Hallen und ist einer der ältesten Märkte in Busan. Er bietet eine enorme Vielfalt an Waren und kulinarische Köstlichkeiten. Auch ihn gründeten einst koreanischen Flüchtlinge, um mit dem Verkauf von geschmuggelten oder importierten Waren ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Daraus entwickelte sich der heutige Markt. Gukje bedeutet auf Koreanisch international.
Er ist in den über 60 Jahren seines Bestehens zu einem der größten Märkte Koreas angewachsen, die Gassen sind voll von Ständen, an denen alle mögliche gehandelt wird. Seien es Maschinen, Werkzeuge, Küchengeräte und Kleidung oder Lebensmittel.

Unser letzter Halte für den heutigen Tag ist der Jagalchi Fish Market, dem größten Fischmarkt in Korea. Es soll Busans farbenprächtigste Sehenswürdigkeit sein, und das nicht nur morgens, wenn die Fischer ihren Fang an Land bringen, sondern den ganzen Tag über. Er erstreckt sich über mehrere Hundert Meter entlang des Ufers und ist von kleinen Restaurants gesäumt. Wir haben schon einige Fischmärkte auf der Welt besucht, aber so einen noch nicht. Denn eigentlich alles Meeresgetier hier lebt noch und wird in Bassins und Becken aufbewahrt. Frischer geht es nicht. Zu finden ist alles, was hier im Meer lebt, von großen Kraken über Hummer bis hin zu Haien und Seegurken, Schnecken und Muscheln.

Tag 14 – Auf dem Weg nach Gyeongju

Es geht nordwärts mit dem Auto. Unterwegs machen wir einen Halt im Ulsan Daewangam Rock Park. Es regnet schon den ganzen Tag, recht kräftig. Dennoch unternehmen wir eine einstündige Wanderung. Der schön angelegte Weg führt durch eine von schwarzen Pinien, Kirschbäumen, Magnolien und Kamelien geprägten Landschaft am Meer entlang mit schönen Felsformationen, die durch Wind und Wasser geformt wurden. Am Ende des Wanderwegs findet sich eine Druckluftstation für die Wanderer. Damit lassen sich im Nu die Schuhe säubern und auch die gröbste Nässe aus den Hosen und Jacken blasen. Funktioniert wunderbar.

In Gyeongju kommen wir am frühen Nachmittag an. Deaneung-won, der Park der großen Tumuli ist das erste Ziel. Hier besichtigen wir ein älteres königliches Hügelgrab. Es folgt eine kurze Rast in einem traditionellen koreanischen Teehaus, bevor die Ruinen des Donggung-Palastes sowie den Wolji-Teich den Tag ausklingen lassen.

Im Park finden sich 23 Königsgräber aus der Ära der drei Königreiche von 57 v. Ch. bis 660 n. Chr. Unter grasbewachsenen Hügeln fanden sie ihre letzte Ruhestätte. Noch bis in die 70er-Jahre standen dazwischen Wohnhäuser, die man 1975 abriss, um die Gräber freizulegen. Im mit 23 Meter höchsten Grab, genannt Hwangnam Daechong, ein Doppelhügelgrab soll König Soji und seine Frau begraben liegen, das aber ist nicht ganz sicher. Es misst 120 m in seiner Länge und 80 m in seiner Breite. Bei Ausgrabungen wurden über 30.000 kostbare Grabbeigaben entdeckt. Die Grabkammer der weiblichen Person war reicher ausgestattet als die ihres Gemahls. Frauen scheinen während der Silla-Zeit einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert genossen zu haben als in späteren Zeiten. So sind aus dieser Epoche auch einige selbstständig regierende Königinnen überliefert.

Cheonmachong

Eines der bekanntesten Gräber ist Cheonmachong, der Hügel des himmlischen Pferdes und mit 13 Meter Höhe etwas kleiner. Es ist koreaweit das einzige von innen zu besichtigende Hügelgrab und stammt aus dem 5. oder 6. Jahrhundert. Wobei es innen eher wie in einem Museum ausgebaut ist. Musste es bei der Ausgrabung doch abgetragen werden und neu aufgebaut. Benannt hat man es nach den Pferdeartefakten, die sich hier fanden. Nicht bekannt ist, wer hier bestattet war. Rund 12.000 Grabbeigaben fand man auf dem Areal insgesamt, darunter eine Goldkrone und ein goldener Gürtel. Sie befinden sich fast alle in Gyeongju-Nationalmuseum, das wir anschließen besuchen und uns die Schätze aus diesen Gräbern anschauten.

Nach einer Pause in einem traditionellen koreanischen Teehaus geht es zu den Ruinen des Donggung-Palastes sowie dem Wolji-Teich. Beides war Teil des Palastkomplexes des alten Silla. Die Anlage soll im Auftrag von König Munmu im 674 n. Chr. Erbaut worden sein. 935 zerstörte ein Brand die fünf Pavillons, die Reste stürzten in den Teich. Im Zuge von archäologischen Untersuchungen legte man den See 1975 trocken, entdeckte dabei die Überreste der Gebäude. Daraufhin rekonstruierte man drei der Pavillions am Ufer des künstlichen Sees.

Tag 16, von Gyengju nach Seoul

Wir widmen uns den Vormittag weiteren Sehenswürdigkeiten in Gyeongju. Die Stadt war fast 300 Jahre die Hauptstadt der gesamten koreanischen Halbinsel. Vieles hier ist Weltkulturerbe der Unesco. Mehr Tempel, Königsgräber und Palastruinen sollen in keiner anderen koreanischen Stadt zu finden sein – obwohl das Silla-Reich schon vor mehr als tausend Jahren unterging. Wir entscheiden uns bei den zahlreichen Möglichkeiten und der beschränkten Zeit für den die Seokguram-Höhle, den Bulguksa-Tempel sowie dem Cheomseongdae-Observatorium. Alles Weltkulturerbestätten.

Bild Richardfabi – Creative Common Licence – Seokguram Buddha

Begonnen haben wir bei leichten Nieselregen und stürmischem Wetter mit der auf 750 m Höhe liegenden Seokguram-Grotte, eine menschengemachte Höhle aus Granit, quasi ein Grottenkloster. Sie stammt aus dem 8. Jahrhundert. Silla-Minister Kim Dae-Song hat das Grottenkloster zu Ehren seiner Eltern aus seinem vorherigen Leben errichten lassen. Sei er doch dank seiner Verdienste wiedergeboren worden. Die Grotte geriet während der Joseon-Dynastie ab 1392 in Vergessenheit, wurde 1909 wieder entdeckt. Nach einer Restauration von 1961 bis 1966 hat sie viel von ihrem ursprünglichen Charakter wiedergewonnen.
Seokguram besteht aus einer Vorkammer, dem Symbol des Irdischen, einem Korridor, dem Weg der Erleuchtung und der kuppelförmigen Haupthalle dem Himmel respektive Nirwana. Grimmig dreinblickende Wächtergottheiten stoppen jeden teuflischen Einfluss allein durch ihren Blick. Im Zentrum steht ein etwa 3,5 Meter großer Buddha. Betreten dürfen sie aber nur Betende, man kann den Buddha von außen durch eine Glasscheibe bestaunen, Bilder sind nicht gestattet.

Nicht weit entfernt liegt der Bulguksa-Tempel. Seine heutige Form erhielt er um 774. Das ganze Areal umfasst mehrere sehenswerte Gebäude. Der Besucherstrom von Gläubigen und Interessierten ist an einem Sonntag wie heute enorm. Über 800 Jahre blieb das Gebäude intakt, wurde dann 1593 in Kriegszeiten niedergebrannt. Es folgten Wiederaufbau und Plünderungen in regelmäßigen Abständen, bis 1970 ließ man das Areal verfallen. Erst dann besann man sich seines Erbes und begann mit der Restaurierung. Zwei der Steinpagoden, zwei steinerne Treppen und zwei vergoldete Buddha-Statuen stammen original aus der Anfangszeit und gehören heute zu den Nationalschätzen Südkoreas.


Bevor es zum Bahnhof für den Zug Richtung Seoul geht, schaffen wir noch eine kurze Visite beim Cheomseongdae-Observatorium, mithin soll es das älteste erhaltene Observatorium Ostasiens sein. Erbaut wurde es um 640 und die damaligen Menschen dürften es für die Beobachtung der Sterne genutzt haben, um Wettervorhersagen zu treffen. Sicher ist man sich aber nicht, es könnte astronomischen, astrologischen oder rituellen Zwecken gedient haben.
Jede Lage besteht aus 12 Steinen, die wahrscheinlich die Monate symbolisieren. Das ganze Observatorium ist aus 30 Steinlagen aufgebaut; eine für jeden Tag im Monat. Insgesamt besteht die Sternwarte aus 365 Steinen. Das entspricht genau einem Jahr.
Der Turm ist knapp über neun Meter hoch. Jede Seite der oberen quadratischen Steinschicht ist exakt nach den einzelnen Himmelsrichtungen ausgerichtet und die Steine formen zusammen das chinesische Zeichen Jing, eine der 28 chinesischen Sternkonstellationen, das Äquivalent zum westlichen Sternbild Zwilling.

Am frühen Nachmittag geht es mit dem KTX-Expresszug weiter nach Seoul, der Hauptstadt des Landes. Unser Hotel liegt im Herzen von Seouls Myeong-Dong, einem pulsierenden Einkaufs- und Unterhaltungsviertel mit zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Sehenswürdigkeiten.

Abend sind wir noch zum nahe gelegene Seoul Plaza marschiert, haben den Deoksugung-Palast im Zentrum besichtigt, einen von fünf und gut koreanisch gegessen. Anders als bei den anderen Königspalästen aus der Joseon-Zeit gibt es innerhalb der Deoksugung- Palastanlage neben den traditionellen Holzbauten auch Gebäude im westlichen Stil. Die Anlage erinnert viele Koreaner an die schwierige Lage, in der sich das Joseon-Reich zu Beginn des 19. Jahrhunderts befand. Damals musste sich das Reich gegen die feindlichen Überfälle der großen imperialen Mächte erwehren und ums Überleben kämpfen. König Gojong verkündigte 1897 daraufhin den Beginn des koreanischen Kaiserreichs und wählte den Palast als Sitz des Kaisers.

Der Seoul Plaza ist ein zentraler Platz vor dem Rathaus von Seoul und wird gern von jungen Pärchen und Familien in Beschlag genommen. Zahlreiche bequeme Sitzmöglichkeiten, eine Freilichtbibliothek und Spielgeräte für die kleinen sorgen für den Zulauf.

 

Tag 17, ein Bummel zu Seouls Sehenswürdigkeiten

Wir beginnen denheutigen Tag mit der Besichtigung des Gwanghawamun-Platz, dem pulsierende Herzen der Stadt. Es ist zum einen ein historischen Platz, der seit Jahrhunderten ein zentraler Punkt der koreanischen Geschichte ist. Zugleich handelt es sich um einen modernen städtischen Raum für Einheimische und Besucher gleichermaßen. Häufiger finden hier auch politische Demonstrationen statt.

Nahe gelegen liegt der Palast Gyeongbokgung, der von 1395 bis 1592 sowie von 1868 bis 1910 Sitz der koreanischen Herrscher war und an dessen Stelle in der Kolonialzeit die Residenz des japanischen Generalgouverneurs stand. Der Name bedeutet „Palast der strahlenden Glückseligkeit“. Mit seinen 330 Gebäuden soll es sich um den größten und wohl schönsten der fünf Paläste Seouls handeln. Viele alte Gebäude wurden während der japanischen Besatzung von 1910 bis 1945 abgerissen oder signifikant verändert. 1990 begann man, Teile der ehemaligen Anlage originalgetreu wieder herzustellen. Einst zählte der Palast über 7000 Räume. Nicht missen sollte man die Zeremonie des Wachswechsels der königlichen Garde. Gekleidet in den Uniformen des 15. Jahrhundert zeigt man den Besuchern viermal am Tag, wie ein Wachwechsel zu damaligen Zeiten wohl vonstatten gegangen sein dürfte.

Der malerische Stadtteil Bukchon, übersetzt Nordstadt ist unser nächstes Ziel. Hier finden sich noch rund 860 traditionelle koreanischen Häuser. Man wird in die Vergangenheit Koreas zurückversetzt. Die Häuser mit den geschwungenen Dächern und mit Ziegelornamenten verzierten Fassaden bilden einen surrealen Kontrast zum nur wenige Gehminuten entfernten modernen Seoul. Die meisten Gebäude stammen aus den 1930er-Jahren und sind bewohnt.

Kurze Zeit später finden wir uns in der lebhaften Insadong-Allee wieder, die für ihre Vielfalt an koreanischen Antiquitäten und traditionellen Gegenständen bekannt ist. Das aber ist weltweit bekannt, dementsprechend viel ist los und das Preisniveau ist auch nicht gerade niedrig. Dennoch, hier finden sich unzählige schöne Läden und auch Kleinstgalerien mit schöner koreanischer Kunst. In den Seitengassen siedelten sich viele kleine Restaurants und abends packen Straßenmusiker ihre Instrumente aus. So lange bleiben wir aber nicht.

Einen atemberaubenden Blick auf die Stadt hat man dann vom N Seoul Tower aus, eingeweiht 1975. Bei Tageslicht liegt er aber gern innerhalb der für solche Städte üblichen Dunstglocke. Nicht jedoch heute. Nachts erleuchtete der Tower von überall in der Stadt sichtbar in vier Farben. Rot bedeutete starke Smog und schlechte Luft, man solle daheimbleiben. Es folgen die Farben gelb und grün, blau heißt dann besonders saubere Luft. Vorab, abends leuchtete der Tower während unserer Anwesenheit blau. Der Tower steht auf dem Namsam-Berg, deswegen das N im Namen. Er ist rund 236 Meter hoch, die Plattform befindet sich auf etwas über 130 Meter Höhe. Von hier aus sieht man gut die Dimensionen der Stadt mit ihren rund zehn Millionen Einwohnern.

Zu guter Letzt hielten wir uns noch auf dem geschäftigem Namdaemun-Markt in der Nähe des Hotels auf. Es soll sich um den größten koreanischen Markt handeln der weit über die Stadtgrenzen Seouls bekannt ist. Was man hier nicht findet, findet man nirgendwo in Korea, so heißt es. Es sollen um die 10.000 Läden sein, andere Quellen sprechen von 6.000, das spielt aber keine Rolle. Alles ist in verschiedene Zonen entsprechend dem Warensortiment aufgeteilt, um sich zurecht zu finden. Falls nicht, helfen Englisch sprechende Mitarbeitern in rote Kleidung, die sich auf dem Markt finden. Die Ursprünge des Marktes sollen bis ins Jahr 1414 zurück reichen.


Historiker glauben, dass der Markt während der Regierungszeit von König Taejong, dem dritten König der Joseon-Dynastie, Anfang des 15. Jahrhunderts gegründet wurde. In den 1600er Jahren wurde der Namdaemun-Markt zu einer Drehscheibe für den Verkauf einer breiten Palette von Waren, darunter Stoffe, Töpferwaren und Möbel. In vielerlei Hinsicht bleibt der Markt der dynamische und vielfältige Ort, der er seit Jahrhunderten ist.

Tag 18, Ein letzter Tag in Seoul

Das Dongdaemun Design Plaza ist eine von Seouls Architekturikonen. Das Gebäude sieht mit seiner kühlen, silbernen Aluminiumhaut und der amorphen Struktur eher aus wie ein Raumschiff. Es gibt weder gerade Linien noch Winkel. In Inneren finden sich ein Museum, Ausstellungsflächen, Designlabor, Läden und Cafés. Auch die Umgebung des Gebäudes und des Platzes bietet einiges Sehenswertes. Man kann das Gebäude quasi erwandern. Erbaut hat man es von 2009 bis 2014, geplant wurde die Anlage von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid.

Weiter geht es mit einem kurzen, etwa einstündigen Spaziergang die Seoul Wall Fortress entlang. Der Weg entlang der Stadtmauer bietet gute Blicke auf das moderne Seoul und gleichzeitig den in die Vergangenheit. Die Stadtmauer von Seoul oder Hanyangdoseong ist eine Verteidigungsmauer, die zunächst von König Taejo der Joseon-Dynastie zur Verteidigung des Stadtzentrums der Joseon-Hauptstadt Hanseongbu errichtet wurde. Ihre Länge betrug einst etwa über 18 Kilometer, davon sind 12,7 noch erhalten. Seit 1963 ist sie eine Historischen Stätte Südkoreas und inzwischen eine Touristenattraktion in der Nähe des Stadtzentrums. Errichtet wurde sie ursprünglichen im späten 14. Jahrhundert und bestand einst aus großen runden Steinen, die durch Lehm zusammengehalten wurden. Im 15. Jahrhundert hat man sie renoviert und modernisiert und dann wieder im Jahr 1704.

Am Ende des Weges kommen wir zur Iwha Mural Village, auch als Monddorf oder „daldongne“ bekannt. Wie auch das Gamcheon Cultural Village in Busan war der Ort dem Untergang geweiht, da es als Slum und heruntergekommene Gegend galt. 2006 wurden im Rahmen eines Kunst in der Stadt-Projekts von 70 Künstlern sehr schöne Wandmalereien aufgebracht, um das Viertel wiederzubeleben. Das gelang. Seitdem kamen viele Besucher hierher, mit allen positiven, aber auch negativen Begleiterscheinungen. Nur hat anscheinend auch hier niemand die meist älteren Bürger gefragt, ob sie es auch wollen. 2016 hatten einige Anwohner genug, zumal ihre Beschwerden ignoriert wurden und übermalten zwei der beliebtesten Wandgemälde. Inzwischen scheint es sich aber beruhigt zu haben und es kamen sogar einige neue Gemälde hinzu. Das Problem ist halt, das sich eine Minderheit der Besucher nicht an gängige Regeln hält. So soll man sich leise unterhalten und Rücksicht auf die Anwohner nehmen. Und die Hauptsaison meiden.

Mit der Welt der traditionellen koreanischen Kräutermedizin befassen wir uns dann im Yangnyeongsi Herb Medicine Museum. Gegründet hat man das Museum, um die Geschichte und das Wissen der traditionellen koreanischen Medizin zu bewahren und weiterzugeben. Passenderweise befindet sich das Museum gegenüber dem Seouler Yangnyeong-Markt, einem bekannten Märkte für orientalische Medizin in Korea. Hier sollen um die 70 Prozent aller orientalischen Kräuter und Medizinarien des Landes vertrieben werden.

Es folgt ein Besuch des Jegidong Market, wo vor allem Lebensmittel aller Art gehandelt werden. Als sich die Nation von den Folgen des Koreakrieges zu erholen begann, versammelten sich Bauern aus der nördlichen Region um den alten Bahnhof Seongdong auf brachliegendem Ackerland, um ihre Produkte und Waren zu verkaufen. Das war der Beginn dieses Marktes. Man hat in jüngerer Zeit einige Renovierungsarbeiten durchgeführt, um die veraltete Marktumgebung in ein modernes Einkaufserlebnis umzuwandeln, dabei aber versucht, den Charme des Viertels zu bewahren. Auch Handwerksarbeiten werden hier gehandelt.

Die Zeit reichte anschließend noch für einen Besuch des Cheonggyecheon Stream. Der Cheonggyecheon ist ein etwa elf Kilometer langer, kleiner Fluss, der durch das Stadtzentrum von Seoul fließt. 1950 hatte man ihn überbaut und im Rahmen eines Stadterneuerungsprojekts baute man die darüber laufende Hochstraße wieder ab und legte ihn frei. Von den Menschen in den umliegenden Gebäuden wird er gern während der Mittagspause genutzt, zudem finden hier kulturelle Veranstaltungen statt.

Das Resumee

Damit endet die Reise durch Japan und Südkorea. Beide Länder sind doch recht unterschiedlich was die Menschen und Kultur angeht und in manchen dennoch recht ähnlich. 
In Japan sind die Menschen deutlich zurückhaltender und nehmen mehr Rücksicht auf den anderen, in Südkorea steht mehr das eigene ich im Vordergrund. Das merkt man auch in deutlichen Unterschieden im Straßenverkehr oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Südkorea ist da Deutschland sehr ähnlich. Beides sind sichere und angenehme Reiseländer und auch sehr sauber. Müll oder Graffiti sieht man nicht, die Infrastruktur ist sehr gut ausgebaut. Beide eint stark der respektvolle Umgang untereinander, wenn hier auch spürbare Unterschiede in der Art vorhanden sind. Auch die Küche ist unterschiedlich. In Japan lieben vor allem saisonale Produkte, Meerestiere, Sushi, Reis, Nudeln und Miso-Suppe, wobei meist nur gedämpft, geschmort oder gekocht wird. Dagegen bevorzugen die Südkoreaner Kimchi – fermentierter Chinakohl oder Rettich, frittiertes Hähnchen mit Bier, generell BBQ, wobei das Fleisch am Tisch gegrillt wird. Und die südkoreanische Küche ist schärfer als die von Japan. Aber beide eint eines, sie sind Länder, in die sich das Reisen lohnt.

Hier geht es zum Reisebericht Japan

Quellen: eigene Erfahrungen, Internetrecherche, Bilder Werner Götz

Japan 2024 – Tradition und Moderne in Harmonie

Eine Reise nach Japan und Südkorea, Teil 1 – Japan

Knapp drei Wochen geht unsere Reise durch Japan und Südkorea, auf dem Programm stehen moderne Großstädte, mit Tokyo mithin die größte Metropole der Welt, aber auch alte Traditionen mit Schreinen und Tempeln. Übernachtet wird in modernen Stadthotels oder auch in einem traditionellen Ryokan und einem Kloster. Man sieht und erfährt sehr viel über Menschen, Leben, Essen und Kultur, dennoch ist es nur ein Kratzen an der Oberfläche. Zumal man sich auf nur einige wenige Highlights fokussieren muss. Unterwegs waren wir ausschließlich mit Zügen und Bussen.

Unsere Route in Japan: Tokyo, Kamakura, Takayama, Shirakawa-go, Kyoto, Nara, Kõyasan, Fukuoka

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Tag 1,2 – Tokyo, der Welt größte Metropole

Unser Ausgangspunkt für die Reise durch Japan und Südkorea ist die Hauptstadt Japans, Wir sind für drei Tage in einem Hotel im Stadtteil Ginza, Tokyos schillerndstes Stadtviertel. Von hier aus lässt sich vieles zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmittel machen. Ein erster Eindruck, eine sehr saubere und moderne Stadt mit breiten Straßen, Alleen und zahllosen Hochhäusern. Auffallend ist, dass verhältnismäßig viele mit schweren Motorrädern unterwegs sind, gern mit Harleys oder italienischen Fabrikaten.

Wir bummeln erst einmal in der Nähe des Hotels zu Fuß durch die Stadt. Etwa zur Tokyo-Station, dem zentralen Bahnhof der Stadt. Das 1914 errichtete Bahnhofsgebäude fällt zwischen all den modernen Hochhäusern allein durch die rote Backsteinfassade auf. Dahinter liegt einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, der das Land durch Hochgeschwindigkeitszüge miteinander verbindet.

Die Tokyo Station ist nicht nur ein sehr geschäftiger Verkehrsknotenpunkt, zugleich bietet er eine Fülle von Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und touristische Attraktionen. Man könnte bis zum Umfallen einkaufen, ohne allzu weit laufen zu müssen. Rein theoretisch. Denn die Gänge und Passagen im und um den Bahnhof sollen eine Länge von 20 Kilometern haben und über 1000 Geschäft beherbergen.
Dabei ist es nur einer von sechs großen Bahnhöfen in Tokyo und bei weitem nicht der größte. Hier im Hauptbahnhof Tokyo Station werden Tag für Tag um die 4000 Züge abgefertigt und rund eine halbe Millionen Menschen. Der Bahnhof Shinjuku kommt auf täglich über vier Millionen Fahrgäste, und dass vorwiegend im Nahverkehr. Zu Stoßzeiten sind es rund 500 Menschen pro Sekunde, die in Züge ein- oder aussteigen, raus und rein kommen sie über einem der mehr als 200 Zugänge.

Weiter sind wir etwa einen Kilometer zum Kaiserpalast gelaufen. Inmitten eines grünen Areals lebt der Tennō, der japanische Kaiser mit seiner Familie. Der heutige Palast wurde 1888 auf dem Gelände der ehemaligen 1638 errichteten Burg Edo-jō des Tokugawa-Shogunats errichtet. Edo war der Name des alten Tokyo. Einst war die Burg eine der größten der Welt, es ist aber kaum mehr etwas erhalten. Im zweiten Weltkrieg wurde der Palast zerstört und bis 1968 in modernerem Stil wieder aufgebaut. Der größere Teil des 3,4 Quadratkilometer großen Areals ist wie der Wohnsitz des Kaiser nicht öffentlich zugänglich.

Am Folgetag nutzen wir vor allem die U-Bahn zu den für uns wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Dazu gehört der Schrein Meiji Jingu, Tokyos wichtigster Shinto-Schrein. Er ist dem Gedenken an Kaiser Meiji und der Kaiserin Shõken gewidmet, deren Regentschaft von 1868 bis 1912 dauerte und die den Wandel Japans vom einstigen isolationistischen Feudalstaat in eine moderne Nation einleiteten. Deswegen werden sie bis heute verehrt. Zu Neujahr kommen hier an drei Tagen mehr als dreieinhalb Millionen Menschen her.

Der 1920 errichtete Schrein befindet sich in einem Wäldchen, zu dem ein langer, gewundener Kiesweg führt. Ihn betritt man durch mehrere große Torii, den japanischen Toren, die vor Schreinen und Tempeln zu finden sind. Die Torbögen sind das Symbol für den Übergang aus der profanen in die spirituelle Welt. Durchschreitet man das Tor, befindet man sich auf heiligem Boden. Vor einen Torii sollte man sich immer kurz verbeugen, um seinen Respekt zu zollen und immer am Rand hindurchzugehen. Die Mitte ist den Gottheiten vorbehalten. Hinter dem Tor findet sich ein Reinigungsbrunnen für Hände und Mund. Zuerst wird die rechte Hand gesäubert, dann die linke, dann nimmt man etwas Wasser in den Mund, spült ihn aus und reinigt sich noch einmal die linke Hand.

Der Shintōismus ist neben dem Buddhismus die wichtigste Religion in Japan. Bei dem Volksglauben werden die Kräfte der Natur verehrt er setzt sich aus vielen regionalen Kulten und Glaubensvorstellungen zusammen. Die Kami, die Götter, können Menschen, Tiere, Gegenstände oder abstrakte Wesen sein. Übersetzt bedeutet Shintõ ´Weg der Götter´.

Unser nächster Besuch gilt dem Stadtteil Harajuku, ein lebendiges Viertel mit Boutiquen und Geschäften, beliebt vor allem bei jungen Japanern. Das Viertel gilt mit seinen vielen Läden und Boutiquen als ein wichtiges Modezentrum. Die hier vorwiegend angebotene, etwas punklastige Jugendmode gilt als eigener Stil, der Harajuku-Kei. Hier soll auch von Mode-Ikonen wie Lady Gaga eingekauft werden.

Weiter geht es zum Koishikawa Korakuen-Garten. Der Landschaftsgarten im chinesischen und japanischen Stil hat der Landesfürst Ikeda Tsunamasa gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichten lassen. Er zählt zu den Nihon-Sanmeien, den drei berühmten Gärten Japans. Ein Rundweg führt einen vorbei an Teichen, Bächen, Büschen und Bäumen mit immer wechselnden Ansichten. Er diente einst dem Fürsten und seiner Familie zur Entspannung.

Zu guter Letzt sind wir in Asakusa, in diesem Stadtteil findet sich Tokyos ältester buddhistischer Tempel, der Sensoji-Tempel. Er ist der meistbesuchte Tempel der Stadt, was man anhand der Menschenmassen auch schnell spürt. Hinein geht es durch das rote Kaminari-mon. Entlang des Weges finden unzählige Stände, verkauft wird alles Erdenkliche, von touristischem Kitsch bis hin zu Kunsthandwerk im Edo-Stil.

 

Betritt man einen Tempel, muss man über eine erhöhte Schwelle treten und darf niemals direkt auf diese treten. Hier gibt es neben dem Reinigungsbrunnen auch Räucherstäbchen, die man zur Heilung oder Reinigung verbrennt. Die gibt es nur in Tempeln, nicht in Shinto-Schreinen. Dabei darf man niemals ein anderes Räucherstäbchen verwenden, um seines anzuzünden. Ansonsten übernimmt man die Sünden des anderen.

Tag 3 – Kamakura, unterwegs im alten Japan

Etwa eine Stunde dauerte die Zugfahrt von Tokyo nach Kita-Kamakura. Von der Station aus machten wir eine 13 km lange Wanderung entlang einiger Sehenswürdigkeiten bis zum großen Buddha. Die Stadt war während des Kamakura-Shogunats von 1185 bis 1333 die Hauptstadt Japans. 

In und um Kamakura finden sich fünf Tempelanlagen, die dem Zen-Buddhismus angehören. Zwei davon besichtigen wir. Der älteste, 1252 gegründet und wichtigste von ihnen ist der Kenchō-ji mit dem Zen-Garten. Er liegt nahe der Bahnstation Kita-Kamakura. Der Tempel wird bis heute genutzt. In der zentralen Buddhahalle steht eine Jizō-Botsatsu-Statue, etwas ungewöhnlich für einen Zentempel. Sie spiegelt jedoch die alte Funktion des Tales wider, als Hinrichtungsstätte. Jizō spendet verlorenen Seelen Trost.

Kenchō-ji

Etwa 1,5 Kilometer entfernt liegt der Tempel Engaku-ji. Ihn hat man 1282 gegründet, vermutlich zur Ehrung der Krieger, die ihr Leben bei der Verteidigung des Landes 1274 und 1281 gegen Kublai Khan verloren hatten. Alle Tempelbauten hier wurden in Laufe der Zeit erneuert, das aktuell älteste der Bauwerke, die Shariden-Halle hat man zuletzt im 16. Jahrhundert überholt. Hier soll ein Zahn Buddhas aufbewahrt werden. Zu sehen bekommt man ihn aber nicht. 

Der Tsurugaoka-Hachiman-gu Schrein, das nächste Etappenziel ist Kamakuras wichtigster Shintō-Schrein und dem Gott des Krieges Hachiman geweiht. Er wurde ursprünglich im Jahr 1063 dem 15. Tennō Ojin und seiner Frau gewidmet und 1180 an den jetzigen Standort verlegt und vergrößert. Er gilt als die Seele der Stadt Kamakura. Die Schreingebäude stammen teilweise aus dem frühen 19. Jahrhundert und wurden historisierend im Stil der Momoyama-Zeit errichtet. 

Es folgt die Wakamiya-Õji, die etwa zwei Kilometer lange Hauptstraße durch Kamakura, gesäumt von vielen Souvenirgeschäften und Restaurants. Besonders hervorzuheben sind die Kamakura-bori, Schnitzereien im Kamakura-Stil.

Wakamiya-Õji

Etwas über zwei Kilometer die Straße entlang geht es zum Hase-dera Tempel, gelegen an einem Berghang nahe der Küste. Von hier aus hat man einen guten Ausblick über die Stadt Kamakura. Zentrum des Hase-dera ist die große Halle mit der elfköpfigen Statue der Kannon, der Göttin der Barmherzigkeit. Die neun Meter hohe, aus Holz geschnitzte Statue hat man vergoldet. Die elf Köpfe repräsentieren die Stufen der Erleuchtung. 

Die berühmteste Attraktion der Stadt ist sicherlich der 1252 errichtete große sitzende Buddha Kamakura Daibutsu. Der Daibutsu – übersetzt großer Buddha – von Kamakura ist das Symbol oder Wahrzeichen der Stadt und die am meisten besuchte Attraktion. Gefertigt ist er aus Bronze und ohne Sockel 11,4 m hoch. Die Statue wiegt 121 Tonnen und stand einst in einer riesigen Halle. Die jedoch hat ein Tsunami 1498 weggespült, seitdem steht der Buddha im Freien. Nach der Buddha-Statue des Todai-ji in Nara ist der Daibutsu von Kamakura die zweitgrößte Buddha-Statue in Japan.

Buddha Kamakura Daibutsu.

Tag 4 – Zugfahren in Japan

Wir verlassen Tokyo nach drei Tagen, es geht mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen nach Nagoya und weiter mit einem Schnellzug nach Takayama, einer kleinen Stadt in der Hida-Alpenregion. Zugfahren in Japan bedeutet schnelle, saubere und pünktliche Züge. Die Mitarbeiter sind alle freundlich. Ja, auch mehrere Schaffner pro Zug gibt es hier, nicht um Fahrkarten zu kontrollieren, sondern um den Fahrgästen zu helfen. Fahrkarten braucht man nicht kontrollieren, ohne kommt man gar nicht auf die Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen. Japans Schienennetz ist sehr gut ausgebaut. Egal ob Nahverkehr oder Hochgeschwindigkeit mit den Shinkansen. Sie eilen mit Geschwindigkeiten von durchschnittlich 260 bis 320 km/h durch das Land. Für die gesamte Strecke von etwa 480 km benötigen wir rund vier Stunden inklusive Umstieg in Nagoya und Wartezeit auf den dann von uns benutzen Eilzug.

Wir machen in Japan alle Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmittel, auf eigene Faust mit dem Zug durch das Land zu reisen, ist im Grunde keine komplizierte Angelegenheit. Man sollte auf den größeren Bahnhöfen nur genügend Zeit einplanen, um auch die richtigen Gleise zu finden. Besonders in Tokyo.

Beim Nahverkehr nutzen wir eine Suica-Wellcome Card, eine Prepaid-Smartcard, die man auflädt und bei der bei jeder Fahrt die Fahrtkosten automatisch an den Schranken abgezogen werden. Es wird dann auch immer angezeigt, wieviel Geld noch auf den Karten ist, um sie rechtzeitig an Automaten aufzuladen. Nutzbar ist sie in vielen Metropolen für den Nahverkehr, in Bussen und U-Bahnen. Die Karte fungiert zudem als elektronische Geldbörse, man kann kleine Einkäufe in Zügen, an Verkaufsautomaten, Läden und Restaurants mit dem entsprechenden Suica-Zeichen tätigen oder auch Taxen bezahlen.

Tag 4 – Angekommen in Takayama

In Takayama verbringen wir die kommenden zwei Nächte im Honjin Hiranyoka Kaochan, einem charmanten Ryokan, das traditionelle Atmosphäre mit modernem Komfort vereint. Das Ryokan bietet exzellente Gastfreundschaft, köstliche Mahlzeiten und entspannende heiße Quellen.
In einem Ryokan zu übernachten, bedeutet , sich mit der Etikette in einem traditionellen Haus zu befassen. Hier lernt man die japanische Kultur mit ihren Sitten und Gebräuchen von einer sehr persönlichen Seite her kennen. Ein paar Beispiele: Die Schuhe zieht man bereits beim Betreten des Foyer aus, Hausschuhe liegen bereit. Die Hausschuhe trägt man im Inneren des Ryokans. Vor Betreten des Zimmers zieht man diese wieder aus, den Raum mit den Tamati-Matten betritt man nur in Socken oder barfuß. Für Spaziergänge  stehen extra Holzsandalen bereit.
Nachdem man sich im Zimmer eingerichtet hat, bringt der Gastgeber Tee sowie kleine Süßigkeiten. Dann erfährt man auch die Zeiten für das Abendessen. Serviert wird in kleinen separaten Räumen typisch japanisches Essen. Relativ kleine Portionen aber viel Gänge. Die Mitarbeiter tragen traditionelle Kimonos.
Auch wir tragen im Haus traditionelle Kleidung. Bereit gestellt wird etwa ein Yukata, ein einfacher Kimono. Man trägt ihn im Zimmer oder in der Stadt. Den Samue wiederum trägt man ebenfalls im Haus, und auf dem Weg zum Onsen, dem Thermalbad oder als Schlafkleidung. Wichtig beim Kimono ist, die linke Seite über die rechte zu schlagen – andersherum legt man das Gewand traditionell Leichen an. Ein Band hält alles zusammen.

Nutzen sollte man auf jeden Fall den Onsen, das Thermalbad. Japanern finden sich bis zu dreimal am Tag darin: morgens, nach dem Sightseeing und abends. Dabei ist ein Onsen eine Art Gemeinschaftsbad. Man legt seine Kleidung im Vorraum ab und duscht gründlich, traditionell im Sitzen, ehe man in das Wasser steigt. Da man den Onsen ohne Badebekleidung betritt, sind die Bäder für gewöhnlich für Männer und Frauen getrennt.
Tattoos sind verpönt, manche Ryokans verweigern tätowierten Personen sogar den Zutritt, wie unseres. Assoziiert man sie doch mit der Zugehörigkeit zu den Yakuza, der japanischen Mafia.

Gegen später sind wir zu Fuß in der nahe gelegenen Shitamachi unterwegs, der Altstadt. Takayama bezaubert durch alte Holzhäuser, zahlreiche Sake-Brauereien, einem Tempelbezirk und Freilichtmuseum. Natürlich gibt es zahlreiche Handwerksläden, teilweise mit hochwertigen Souvenirs. Landesweit besonders bekannt sind die hiesigen Tischler und Holzschnitzer. Nur mit dem Bummeln sollte man sich beeilen. Machen die meisten Läden doch schon zwischen 16.30 und 17.30 Feierabend.

Tag 5 – Shirakawago, gebaut wie Hände im Gebet

Wir machen uns mit dem Bus zum Dorf Shirakawago auf, seit 1995 Weltkulturerbe seiner einzigartigen Hauskonstruktionen wegen, den Gassho-zukuri-Bauernhäuser. Das bedeutet so viel „wie gebaut wie Hände im Gebet“. Der Baustil mit den steilen Strohdächern entwickelte sich über Generationen hinweg. Die Dächer müssen großen Schneemengen standhalten, sind ohne Nägel gebaut. Anders als bei Freilichtmuseen sind hier die meisten Häuser bewohnt und privat. Einige sind jedoch für Besucher offen. Beispielsweise das Nagase- oder das Wada-Haus. In den größeren Gassho lebten bis zu dreißig Personen unter einem Dach. 

Tag 6 – Kyoto, die kulturelle Hauptstadt Japans

Mit dem Zug geht es von Takayama nach Kyoto, etwa 310 km entfernt. Kyoto ist die kulturelle Hauptstadt des Landes mit über 2000 Schreinen und Tempeln, davon allein 17 Unesco-Weltkulturerbestätten. Wir bleiben drei Nächte. 

Am Nachmittag machen wir eine kurze Stippvisite zum Bezirk Nene-no-Michi, einem historischen Stadtviertel und Touristenmagnet. Das Viertel grenzt an die Einkaufsstraße Sannenzaka. Hier treffen sich die Besucher aus aller Welt, entsprechend viel ist los. Nicht selten sieht man Männer und Frauen in den traditionellen Kimonos, meistens handelt es sich um Touristen. Japaner tragen auf der Straße kaum einen Kimono, ist viel zu unbequem und aufwändig. Sie tragen ihn nur zu besonderen Anlässen. So sieht man immer wieder Geschäfte, bei denen man sich einen Kimono leihen und sich ankleiden lassen kann.
Sannenzaka ist eine gepflasterte Fußgängerzone, gesäumt von traditionellen Gebäuden und Geschäften – es sollen um die 60 sein – und grenzt an die Straße Ninenzaka, ebenfalls ein Einkaufsparadies. Beide Straßen führen zu zwei berühmten Tempeln, die, als wir gegen 18 Uhr ankamen, schon geschlossen waren. So wie die meisten Geschäfte trotz der Touristenhorden ebenfalls gegen 18 Uhr schließen.

Tag 6 – die Teezeremonie, eine jahrhundertealte Tradition

Eine Teezeremonie folgt seit Jahrhunderten den immer gleichen Regeln. In einem traditionellen Teehaus weiht uns ein Zeremonie-Meister in die Kunst eben dieser ein. Sie hat ihre Wurzeln im Zen-Buddhismus. Die Tradition reicht in Japan bis ins 8. Jahrhundert zurück. Buddhistische Mönche brachten sie aus China nach Japan. Damals konsumierten Priester und Adelige das kostbare Getränk vor allem aus medizinischen Gründen.

Die ersten in Japan angelegten Teeplantagen gab es ab dem 12. Jahrhundert. Damals soll der Zen-Meister Eisai Samen die Teepflanze Camelia sinensis aus China mitgebracht und damit den Grundstein für den Teeanbau in Japan gelegt haben. Sehr wichtig bei einer Teezeremonie ist die Begegnung zwischen Gastgeber und Gästen, die von Harmonie, Ruhe und Respekt geprägt ist. Deswegen sollte jede Begegnung einmalig sein, sprich jede Teezusammenkunft darf mit ihren Teilnehmern nur ein einziges Mal zu dieser Zeit an diesem Ort stattfinden und nicht wiederholt werden. Dahinter steckt das Bewusstsein für die Vergänglichkeit.
Die Teezeremonie zählt zu den Wegkünsten des Zen, zu denen etwa auch Ikebana oder Kalligrafie gehören. Neben den strengen Regeln zeichnen sich die Wegkünste dadurch aus, dass es nicht auf das Ergebnis ankommt, sondern auf das Erreichen eines meditativen Zustandes. Ein Teemeister zu werden dauert viele Jahre, doch abgeschlossen sei das Lernen und Perfektionieren der einzelnen Schritte niemals. Den Meisterstatus erlangt man nach etwa 15 Jahren.

Nach der Teezeremonie sind wir auf dem Weg zum Hotel noch am Yasaka-Schrein vorbeigekommen. Besonders schön wirkt er nachts, wenn die roten Tore angeleuchtet werden. Er ist einer der größten Schreine ganz Japans, wurde im Jahre 656 erbaut und ist dem Wind- und Meeresgott Susanoo und dessen Ehefrau gewidmet. Das Aushängeschild des Schreins ist das rote Eingangstor Romon.

Anschließend fanden wir noch ein kleines typisch japanisches Restaurant, in dem Teppanyaki angeboten wird. Das ist das Zubereiten von Speisen auf einer heißen Platte, die direkt in den Gästetisch oder am Tresen integriert ist. Teppan heißt wörtlich eiserne Platte. Wir entschieden uns diesmal für ein Nudelgericht mit Rind, Fleisch, Scampi und Tintenfisch. Schmeckte vorzüglich.

Tag 7 – Unterwegs in Kyoto

Die einstige japanische Hauptstadt ist bekannt für die zahlreichen buddhistischen Tempel, die Gärten, Kaiserpaläste, Shintō-Schreine und traditionellen Holzhäuser. Wir beginnen unsere Tour am majestätischen Fushimi Inari Shinto-Schrein, der dem Shintōismus gewidmet ist. Hier ziehen sich tausende orangefarbene Torii-Tore den Berghang hinauf. Will man den ganzen Weg bis oben gehen und wieder runter, benötigt man über zwei Stunden. Wir begnügen uns in Anbetracht der Temperatur von rund 33 Grad schon am Morgen und der hohen Luftfeuchtigkeit mit einem etwa einstündigen Abschnitt. Man läuft stellenweise durch einen orangefarbenen Tunnel aus den Toren, unterbrochen von einigen Schreinen. Man sagt, es sollen bis zu 11.000 Torii sein. Der Fushimi Inari-Schrein ist ein absolutes Muss bei einem Besuch in Kyoto.

Der Schrein ist Inari gewidmet, der Kami des Reises, der Fruchtbarkeit, des Sake und Tees, des Wohlstands und des Glücks. Sie wird normalerweise als weiblich angesehen und ist eine wichtige Gottheit im Shinto-Glaubenssystem.  Orangerot sind die Tore des Schreins, weil man sie mit Füchsen in Verbindung bringt. So sieht man überall auf dem Gelände Bilder und Statuen von Füchsen. Sie gelten als Inaris Boten und manche Menschen glauben, dass sie selbst ein Fuchs ist. Dies hängt vermutlich mit einer Legende über Inari zusammen. Demnach kam die Göttin in einer Zeit der Hungersnot auf einem weißen Fuchs vom Himmel herab. Sie brachte Körner mit, die ausgesät wurden und wuchsen. Es war der Reis. Ine ist das japanische Wort für Reis, und ine-nari, von dem sich der Name der Kami ableitet, bedeutet „wachsender Reis“.

Die Verehrung von Inari geht vermutlich auf das 8. Jahrhundert zurück, als der Schrein in Fushimi errichtet wurde. Im Laufe der Jahrhunderte weitete sich die Rolle von Inari in der japanischen Gesellschaft aus, sie wurde im 16. Jahrhundert auch die Schutzpatronin der Schmiede und Krieger; später war Inari die Kami der Fischer, verhinderte Brände und beschützte Prostituierte. Man betete zu Inari, damit sie einem Glück bringe, Kinder beschere und Krankheiten wie Zahnschmerzen und Syphilis heile. Als der Reichtum nicht mehr in Reis, sondern in Geld gemessen wurde, wurde Inari für Finanzen und Geschäfte zuständig.

Bild: Creative Commons, Autor Bamse, 2008 und Postkarten

Es folgt die Besichtigung des Sanjusangendo, der buddhistische Tempel ist in Japan legendär, allein durch den zentralen Buddha und die 1001 lebensgroßen goldenen Statuen, die ihn flankieren. Zudem ist die Tempelhalle mit 120 Meter Länge das längste Holzgebäude Japans.  In der Mitte der Haupthalle befindet sich eine große hölzerne Statue einer 1000-armigen Kannon, die auf jeder Seite von 500 Statuen in Menschengröße flankiert wird, die in zehn Reihen stehen. Alle Statuen sind über 700 Jahre alt und werden heute als wichtige Kulturgüter eingestuft, wobei die riesige sitzende Statue als Nationalschatz Japans gilt. Der Buddha, die 1000-armigen Kannon ist mit elf Köpfen ausgestattet, um das Leiden der Menschen besser sehen zu können, und mit 1000 Armen, um ihnen im Kampf gegen das Leiden besser helfen zu können.
Fotografieren und Filmen dieser heiligen Statuen ist verboten, also muss man hier mit Postkarten oder den wenigen Bildern auf Wikipedia leben.

Bild: Creative Commons, Autor Bamse, 2008 und Postkarten

Der Nishiki-Markt, auch bekannt als Kyotos-Küche, war der nächste Stopp. Auf dem Markt werden frische und haltbar gemachte Lebensmittel angeboten. Man findet ferner ausgezeichnetes Kochgeschirr und elegante Keramiken sowie Gewürze und Papierwaren. Der Markt existiert seit 1310, heute finden sich hier rund 130 Läden, die sich in einer schmalen Passage tummeln, die etwa 400 Meter lang und vier Meter breit ist. 

Weiter ging es zu der prächtigen Nijo-Burg. Dieser repräsentative Bau wurde vom Gründer des Edo-Shogunats als Residenz in Kyoto erbaut. Das Hauptgebäude hat man 1603 fertiggestellt und es ist bekannt für die „zwitschernden“ Nachtigallenböden, die den Haushalt auf die Anwesenheit von Eindringlingen aufmerksam machen sollten. Der Shogun hatte sieben Vorkoster aus Angst vor einer Vergiftung. Bis das Essen bei ihm ankam, dürfte wohl alles kalt gewesen sein. Die Burg ist Weltkulturerbe und wohl eine der bekanntesten ganz Japans. Die Heimstätte des ersten Tokugawa-Shoguns Ieyasu überragt den nahe gelegenen Kaiserlichen Palast, um die Macht zu verdeutlichen, die der Shogun über den schwächer werdenden Kaiser hatte. Shogun lässt sich in etwa mit „Barbaren unterwerfender großer General“ übersetzen.

Zu guter Letzt sind wir noch in die östlichen Ausläufer Kyotos bis an den Fuß der Higashiyama-Berge, zum Nanzenji Zen-Tempel gefahren, eine Oase der Ruhe. Die weitläufige Anlage umfasst ein Aquädukt und mehrere Tempelgebäude. Im Nanzen-ji Tempel gilt es mehrere schöne Gärten zu erkunden. Steingärten des Zen. Sie dienen der Meditation und der inneren Ruhe. Den Tempel hat 1291 Kaiser Kameyama gebaut, er wuchs im Laufe der Zeit stetig, bis mehrere Feuer alle Gebäude zerstörten. Schließlich wurden der Tempel 1597 wieder aufgebaut.

Tag 8 – Nara, die Stadt der Rehe und Tempel

Rund 90 Minuten brauchen wir bis Nara, von 710 bis 784 das einstige Zentrum und die Hauptstadt Japans. Von der Pracht zeugen große Tempelanlagen, Schreine und Ruinen und machen den Ort mit rund 350.000 Einwohnern zu einem der wichtigsten touristischen Ziele Japans. Zumal Nara während des zweiten Weltkrieges nicht bombardiert wurde – wie Kyoto auch. Die meisten der alten Gemäuer sind Weltkulturerbestätten der Unesco.

Beim Spaziergang durch den Nara-Park warten zahlreiche frei herumlaufende Hirsche und Rehe nur darauf, dass sie gefüttert werden. Es sollen um die 1000 sein und sie laufen mitten unter den Menschen herum, als würden sie dazugehören. Verschiedene Stände bieten Kekse zum Füttern der Tiere an, dann ist man sofort von Rehen umlagert. Besonders witzig, verbeugt man sich vor Ihnen, machen sie das gleiche und senken den Kopf. Manche der Tiere stehen am Wegesrand und verbeugen sich von allein an vorbeilaufenden Leuten, um einen der Kekse zu ergattern. Dennoch, es sind frei wildlebende Tiere inmitten des Parkes und der Stadt, besonders in der Brunftzeit heißt es vor den Hirschen mit ihrem Geweih auch aufzupassen. Einer Überlieferung zufolge soll zum Schutz der neu gegründeten Stadt um 710 ein aus Westjapan herbeigerufener Kriegsgott auf einem Hirsch erschienen sein. Die Rehe gelten seitdem als heilig und leben hier mit den Menschen seit Jahrhunderten zusammen.

Wir starten unseren Besuch am Tõdai-ji-Tempel, den der dem Buddhismus tief ergebene Kaiser Shõmu zu Beginn des 8. Jahrhunderts errichten ließ. Die Einweihung um 752 herum soll mit Tausenden von Gästen aus China, Korea und Indien der alles überbietende Höhepunkt der gesamten buddhistischen Welt im 8. Jahrhundert gewesen sein. Der heutige Bau stammt aus der Edo Zeit um 1692. Inmitten der Haupthalle findet sich eine über 16 Meter große Buddha-Statue aus Bronze, mithin die größte des Landes. Die Halle des großen Buddha ist 57 Meter lang, 50 Meter breit und 49 Meter hoch. Damit hat sie nur noch zwei Drittel der einstigen Größe, gehört dennoch zu den größten reinen Holzbauwerken der Welt, wenn es nicht sogar das größte ist.

Tõdai-ji-Tempel

Etwas östlich des Todai-ji-Tempels findet sich mit Nigatsu-do ein kleinerer Tempel.  Der Name Nigatsu-dô oder Halle des Zweiten Monats leitet sich von einer jährlich im zweiten Monat des Mondkalenders abgehaltenen Zeremonie ab. Das Gebäude soll ursprünglich zwischen 760 und 820 errichtet worden sein und brannte 1667 dann ab. Die heutige Halle ist eine Rekonstruktion aus dem Jahr 1669.

Beim Bummel durch den Park folgt der Kasuga-Taisha-Schrein, errichtet um 768 mit zahlreichen steinernen und metallischen Laternen. Es soll sich um Naras bedeutendsten Schrein mit vier Hauptgöttern und vielen Glücksgöttern handeln und er gilt als eine der heiligsten Stätten von Japans. Als Schrein zahlreicher Götter lockt er Gläubige und Touristen gleichermaßen an. Der Kasuga Taisha ist für seine Farbenpracht und seine fotogene Kulisse berühmt.

Als letztes statteten wir noch dem Kõfuku-ji-Tempel einen Besuch ab, ursprünglich erbaut 669. Er besteht aus mehreren großartigen Gebäuden, etwa der fünfstöckigem Pagode – die bei unserem Besuch von einem riesigen Gerüst ummantelt war, mit 50,1 m Höhe die zweitgrößte Holzpagode in Japan und ein Symbol für die alte Hauptstadt Nara. Die zentrale Goldene Halle, ursprüngliche von 710 bis 724 erbaut, brannte sechsmal vollständig nieder und wurde zwischen 2010 und 2018 hinsichtlich der Dimensionen und des Architekturstils exakt dem Bau aus dem Jahr 710 angepasst. 

Tag 9 – Es geht nach Koyasan

Wir verlassen Kyoto mit dem Zug nach Gokurakubashi und mit einer Standseilbahn weiter nach Kõyasan. Das auf einer Höhe von 860 m auf einem Hochplateau liegende Kōyosan erreichen wir um die Mittagszeit. Von den rund 4000 Einwohnern dieses mystischen Ortes sind etwa 600 Mönche.

Unser erster Besuch gilt dem Okuno-in, den größten und bedeutendsten japanischen Friedhof. Hier ruhen hochrangige Persönlichkeiten der japanischen Geschichte: Kaiser, Shogune, Landesfürsten. Es findet sich auch das Mausoleum von Kobo Daishi. Laut einer Legende soll er immer noch in einem Zustand ewiger Meditation im Mausoleum verharren. Das weitläufige Tempelgelände beherbergt über 200.000 Grabstätten. All diese Seelen wollen sich Kobo Daishi nähern und hoffen, dass sie ihren Weg zur Erlösung finden.
Der zwei Kilometer lange Kopfsteinpflasterweg, der nach Okuno-in führt, ist von jahrhundertealten riesigen, moosbewachsenen Zedern gesäumt. Entlang des Weges finden sich aber nicht nur Gräber sondern auch neuere Denkmäler und Monumente von japanischen Unternehmen. Auch sie gedenken hier den Ahnen und Kobo Daishi.

Die Ichi-no-hashi-Brücke kennzeichnet den offiziellen Eingang zum Tempelgelände und ist das Tor zwischen zwei Welten: der weltlichen und der geistlichen. Es wird erwartet, dass Besucher Kobo Daishi mit einer Verbeugung ihren Respekt erweisen, bevor sie das heilige Gelände des Okunoin betreten. Etwas weiter überquert man die Gobyo-no-hashi-Brücke und betritt nach einigen Metern das Innere des Tempels. Fotografieren ist hier natürlich nicht erwünscht.

Die Torodo-Halle – die Halle der Laternen – liegt vor dem Mausoleum von Kobo Daishi und ist das Zentrum der Verehrung. Das schimmernde spirituelle Heiligtum ist nach den mehr als 20.000 Laternen benannt, die im gesamten Tempelareal ständig beleuchtet sind. Der Zutritt zum eigentlichen Mausoleum ist generell und immer untersagt, um Kobo Daishi nicht zu stören, in seinem Zustand ewiger Meditation. Mönche, Pilger und alle anderen beten vor dem Mausoleum.

Anschließend ging es zum Kongobu-ji, dem Herzen von Koyasa. In der Edo-Zeit um 1593 erbaut, ist er das Hauptheiligtum des Shingon Buddhismus und mehr als nur ein Ort der Anbetung. Er dient als Hauptverwaltung der Shingon-Schule, einst von Kōbõ Daishi gegründet. Der sich auf dem Gelände befindliche Banryū-tei, der Garten des Tempels soll mit einer Fläche von 2340 Quadratmetern der größte Steingarten Japans sein.

In Kōyasan bleiben wir eine Nacht, wohnen auf dem Areal des etwa 1000-Jahre alten Ekoin-Tempels. Unser Zimmer ist im japanischen Stil eingerichtet mit einem eigenen, kleinen Garten, recht modern und ziemlich neu. Es ist ein Nebengebäude, im eigentlichen Tempel gibt es natürlich keine Zimmer.

Teilnehmen darf man auch am buddhistischen Morgenritual, dem Goma-Feuerritual und an Meditationen. So findet jeden Morgen um 7 Uhr in der Haupthalle das Morgenritual statt. Dabei werden den  Geistern jeden Morgen Opfergaben dargebracht. In einem kleinen nahegelegenen Tempel folgt das Feuerritual, man verbrennt kleine Holzlatten mit Wünschen, sie steigen mit dem Rauch auf zum Himmel.

Tag 10,11 – Fukuoka, das Tor zum Festland

Der heutige Tag ist ein Fahrtag. Es geht 626 km von Kōyosan nach Fukuoka in den Süden mit Bus, Seilbahn, Expresszug, U-Bahn und Shinkansen. Alles war pünktlich und hat reibungslos funktioniert.
Fukuoka zählt etwa 1,5 Millionen Einwohner und hat eine 2000-jährige Geschichte. Hier findet sich der älteste Hafen Japans, mithin schon immer ein Tor zum asiatischen Festland. Schon die Mongolen versuchten im 13. Jahrhundert über Fukuoka Japan zu erobern. Und scheiterten. 

Am zweiten Tag in der Stadt machen wir uns zu Fuß zuerst mal auf zum Shofukuji Tempel, er gilt als der erste in Japan errichtete Zen-Tempel und wurde 1195 von dem Priester Eisai gegründet, der die Rinzai-Sekte des Zen-Buddhismus aus China nach Japan brachte. Die Tempelgebäude dürfen nicht betreten werden, aber man kann durch die Tempelanlage des Shofukuji schlendern und die Gebäude von außen betrachten.

Shofukuji Tempel

Die nächste Etappe führt uns zum etwas über einen Kilometer Fußmarsch entfernten Sumiyoshi Schrein. Der Schrein ist der älteste aller 2.000 Sumiyoshi Schreine in Japan, gilt als deren Geburtsstätte. Hier verehrt man Uwatsutsuo-no-kami, die Reisende, Fischer und Seeleute beschützen sollen. Deswegen ist er in der Nähe des Meeres gelegen. Der Ursprung des Schreins soll auf das Jahr 221 zurückgehen. Den heutigen Schrein baute Feudalherren Kuroda Nagamasa am Anfang der Edo Zeit um 1603 wieder auf, nachdem er mehrfach zerstört wurde.

Zurück an der Hakata Station, dem zentralen Bahnhof der Stadt, treffen wir uns mit einem Guide für eine Food-Tour. Ist die Stadt doch für ihre Restaurants und Speisen bekannt, hat sogar eine eigene Touristeninfo für alles rund ums Essen. Mit dem Bus geht es zu unserem ersten kulinarischen Stopp, dem Yanagibashi Rengo Ichiba fish market mit rund 40 Läden. Dieser vor allem morgens belebte Markt ist bietet nahezu alles aus dem Meer und wird von den Einwohnern als „Speisekammer von Hakata“ geschätzt. Im Jahr 1916 wurde ein einzelner Stand, der frischen Fisch vom Ohama-Markt verkaufte, so populär, dass sich andere Stände um ihn scharten. Jetzt am Nachmittag ist schon einiges zu, die Läden bereiten sich auf den Feierabend vor.

 

Weiter geht es in das Untergeschoss eines Kaufhauses von denen es hier Unmengen gibt. Viele in Dimensionen, die für uns unvorstellbar sind. In vielen dieser Einkaufszentren finden sich im ersten Untergeschoss Delikatessengeschäfte, Konditoreien und andere Essensstände. in Japan depachika genannt. Man muss erstmal auf die Idee kommen wie unser Guide Norry, bei einer Foodtour einen Supermarkt einzubeziehen. Doch das ist genial, denn hier findet sich wirklich alles, was die japanische Esskultur erklärt. In dem Supermarkt klapperten wir die Themen Tee, Fleisch, Fisch und Obst ab. Allein die Fischauswahl und -Fischtheken werfen einen fast um. Es gibt eigentlich alles, was man sich vorstellen kann oder auch nicht. Egal ob vom Wal oder getrocknete Seegurke, die erst mal mehrere Tage gewässert werden muss, bis sie genießbar ist. Nicht selten auch exklusive Waren, deren Preise einen blass werden lassen. Beispiele gefällig:Japanische Bananen, einzeln verpackt in Karton mit Sichtfenster, das Stück rund zehn Euro. Oder Zuckermelonen, in einem abgeschlossenen Schrank aufbewahrt, etwa 10 Zentimeter im Durchmesser, das Stück 205 Euro. Das Stück und nein, ich habe mich nicht verschrieben oder falsch umgerechnet. Oder eine Rispe mit Weintrauben, kosten gerade mal 170 Euro. Derartiges Luxusobst dient gern als Geschenk, wandert eher nicht in Salate.

Es folgt der Besuch einer traditionellen Sushi Bar, das Besondere an dieser Art Restaurant. Man isst im Stehen, beliebt besonders bei vielbeschäftigten Angestellten, die keine Zeit haben, sich für eine Mahlzeit hinzusetzen. Man kann sich aber auch Zeit lassen, zumal die Sushi köstlich sind. Zu lange sollte man sich in dieser Art Restaurants aber keine Zeit lassen, warten draußen doch schon die nächsten Gäste auf freie Stehplätze an der Theke. An der auch das Essen frisch zubereitet wird.

Den letzten Halt machten wir ein Stück weiter an einem Yatai-Straßenstand, die Teil der Kultur von Fukuoka sind. An den Ständen soll es das beste Streetfood geben, dass die Stadt zu bieten hat. Wir entscheiden uns für gegrilltes Schwein und dazu einen Pflaumen-Reiswein, der vorzüglich schmeckt. Es ist schon ein Genuss, dem Koch bei seiner Arbeit mit dem offenen Feuer zuzuschauen. Nicht ohne Grund gibt es einen halbhohen Plexiglasschutz, hinter dem es dennoch schön heiß wird, da der Koch schon mal die eine oder andere hohe Stichflamme mit verdampfendem Öl produziert.
In Fukuoka solle es fast 100 Yatai geben, die am frühen Abend öffnen und sowohl traditionelle japanische Gerichte wie Tempura und Oden als auch die lokale Küche von Fukuoka anbieten.

Alles in allem war die gelungene Foodtour ein guter Abschluss unserer Japanreise, bevor es morgen früh nach Südkorea weitergeht. Auffallend ist, das Japan ein sehr sauberes und modernes Land mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen ist. Die sich selbst gerne zurücknehmen und immer hilfsbereit sind. Hier finden Moderne und Tradition problemlos zusammen, so wie etwa 80 Prozent der Einwohner dem Buddhismus zugewandt sind und weitere 80 Prozent dem Shintoismus. Es kann ja nicht schaden, sich mit beiden gut zu stellen. Aber alles in allem sind viele auch sehr realistisch und nicht unbedingt streng gläubig. So jedenfalls wurde es uns geschildert. Für uns Besucher heißt es, sich mit den Traditionen vertraut zu machen und sich als Gast eines fremden Landes zu fühlen und entsprechend zu verhalten.

Hier geht es zum Teil II der Reisereportage, nach Südkorea

Quellen: eigene Erfahrungen, Internetrecherche, Bilder Werner Götz

Vietnam 2024 – Land des Lächelns

Unterwegs in Vietnam – von Hanoi nach Saigon

Tag 1 – Hanoi, der erste Eindruck

Wir sind pünktlich in Hanoi – der Stadt zwischen den Flüssen – gelandet, brauchten für Ausstieg, Grenzkontrolle und Koffer holen gerade mal fünfzehn Minuten . Schon gegen acht Uhr standen wir in der Hotellobby mitten in der Altstadt Hanois, einchecken ging natürlich erst gegen Mittag.
Also Koffer ins Eck gestellt und ab in die Altstadt. Man kann von hier aus alles wichtige zu Fuß machen oder mit der Rischka, einem Moped oder auch mit dem Taxi. Der erste Eindruck, eine junge Stadt von den Menschen her. Die Hauptstadt Vietnams hat derzeit zehn Millionen Einwohner, viele davon sind recht jung. Vor sechs Jahren waren es noch unter vier Millionen in der zweitgrößten Stadt des Landes und die meisten fuhren Fahrrad. Heute hat fast jeder ein Moped und auch Autos sind nicht mehr selten. Entsprechend ist die Luftqualität. Elektromobilität ist hier auch noch lange ein Fremdwort, aber es gäbe eine ökologische Lösung: eFuels, also synthetischen Treibstoffe. Aber die will im reichen Europa ja niemand. Wirtschaftlich geht es in Vietnam deutlich aufwärts. Zumal sich das kommunistische Regime wirtschaftlich liberaler gibt und den Menschen hier etwas Freiheit. Nur der Regierung unangenehme (politische) Gedanken sind nicht gestattet.
Da viele Menschen inzwischen motorisiert sind, ist der Verkehr recht chaotisch, Regeln gibt es anscheinend kaum. Dafür läuft es aber erstaunlich flüssig. Regeln gibt es, um als Fußgänger die Straßen zu überqueren, egal ob kleine Seitengasse oder mehrspurige Straße: immer ruhig und bestimmt bleiben; immer rechts und links schauen – auch bei Einbahnstraßen, die spielt für die Rollerfahrer häufig keine Rolle, genauso wenig wie die Richtung einer Spur; immer langsam und kontinuierlich laufen; niemals zurücktreten, damit rechnet hier niemand. Zudem läuft man meisten sowieso auf der Straße, die Gehsteige stehen voll mit Rollern, Garküchen oder sonst irdend etwas.
Viele Gebäude in der Altstadt stammen aus der französischen Kolonialzeit – jedenfalls was der Vietnamkrieg verschont ließ. Die Franzosen rissen Ende des 19. Jahrhunderts die alten Gebäude ab, schütteten Seen und Kanäle zu und legten breite, baumgesäumte Alleen mit Oper, Kirchen, öffentlichen Bauten und Luxusvillen an, zerstörten damit große Teile der Stadt, machten sie zum Verwaltungszentrum von Französisch-Indochina. Selbst die etwa tausend Jahre alte kaiserliche Zitadelle und den Kaiserpalast schliffen sie zum großen Teil, so dass kaum mehr etwas übrigblieb. Der Rest schaffte es aber immer noch zu einem Weltkulturerbe der Unesco.
Zwischendurch checkten wir in unsere Zimmer ein, weiter in der Altstadt umrundeten wir den Hoan Kiem-See mit dem Turtle-Tower und besichtigten den Ngoc Son-Temple aus dem 19. Jahrhundert, einem wichtigen Heiligtum. Das taten auch viele Vietnamesen. Er ist dem größten Militärstrategen Trang Hung Dao aus dem 13. Jahrhundert gewidmet, einem Nationalhelden.
Abends suchten wir dann noch ein landestypisches Restaurant nahe dem Hotel auf. Zwei Hauptmahlzeiten (einmal Nudelgericht und eine Terrine Nudelsuppe mit Rind und Geflügel) sowie die Getränke kosteten umgerechnet 7,84 Euro. Recht teuer, eine Flaschen Hanoi-Bier für 94 Cent…

Hier geht es zu dem Reisebericht auf meinem Blog auf FindPenguin mit den täglichen Berichten – auf meiner Website hier findet sich eine etwas kürzere Zusammenfassung.

Tag 2 – Die Altstadt, Konfuzius und der Markt

Hanoi ist die älteste der noch existierenden Hauptstädte Südostasiens. Belegt ist sie in ihrem Gründungsjahr 1010 als Zitadelle Thăng Long. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Hanoi wiederholt erobert, verlor dabei seinen Status als Hauptstadt und man hat die Stadt mehrfach umbenannt. Zwischen 1946 und 1954 war die Stadt im Indochinakrieg Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Franzosen und den Việt-Minh. Im Vietnamkrieges bombardierten die Amerikaner Hanoi zwischen 1966 bis 1972 mehrmals. Ein Angriff zum Weihnachtsfest 1972 zerstörte bald ein Viertel der Stadt. Je nach Quelle zwischen 20.000 und 36.000 Tonnen Bomben wurfen die Amerikaner damals über der Stadt ab, in Dresden waren es 2.660 Tonnen.
Dennoch kommt man bei einem Spaziergang durch die Altstadt an vielen Pagoden und Tempeln vorbei. Hier im alten Quartier lässt sich das vietnamesische Stadtleben wunderbar beobachten. Man teil die engen Gassen mit vielen Menschen, Motorrollern, Autos, Verkaufsständen und Straßenküchen, gesessen wird auf kleinen Plastikstühlen.


Unser erster Gang führte uns zum Tempel des Konfuzius, auch Literaturtempel genannt. Erbaut um 1070 handelt es sich um die erste Akademie des Landes. Hier unterrichtete man die Eliten des Landes von 1076 an bis 1915. In jüngerer Zeit adelte man das bedeutende Heiligtum als Weltkulturerbe der Unesco.
Ein konfuzianischer Tempel ist ein Ort der Weisheit, eine Idee, die auf die Traditionen von Konfuzius mit seinen Schüler zurückgeht. Die Lehren des Konfuzius basieren auf vier Säulen: Menschlichkeit, Sittlichkeit, Rechtschaffenheit / Gerechtigkeit sowie Riten. 
Dann ging es mit einer Rischka ans andere Ende der Altstadt, hier bummelten wir durch enge Gassen mit zahllosen Geschäften und Straßenläden sowie und über einen lebhaften Markt. Eingekauft wird nicht selten gleich vom Moped aus, auf dem auch ein/zwei Kinder sitzen. Ohne abzusteigen. So teilen sich die engen Markgassen Menschen und Menschen auf Mopeds, in etwa gleich in der Zahl. Erhältlich ist vom Gemüse über Kräuter, Obst, frischem Meeresgetier und Fisch – der teilweise noch zappelt – bis zum Fleisch eigentlich alles.

Tag 3 – Vespatour und Puppenspieler

Morgens ging es erst mal mit zwei Vespas und Fahrern als Sozien in das Umland Hanois. Unsere Fahrer schlängeln sich gekonnt und flott durch den morgendlichen Verkehr – Einbahnstraßen, rote Ampeln und was auch immer werden komplett ignoriert. Wir überqueren die spektakuläre Long Bien Brücke, die die Franzosen zwischen 1899 und 1902 von rund 3000 Vietnamesen erbauen ließen. Zu nutzen nur für Fußgänger, Fahrradfahrer, Mopeds und dem Zug. Mit Zufahrten 2,3 Kilometer lang überquert sie den an dieser Stelle 900 m breiten Roten Fluss. Im Vietnamkrieg 14 Mal bombardiert, reparierte man sie nach dem Krieg.
Weiter ging es entlang großer Reisfelder. Vietnam ist einer der größten Reisproduzenten und auch Exporteure mit 8,13 Millionen Tonnen in 2023. Aber die Arbeit ist schon recht schwer, das Sähen und Ernten erledigen eigentlich nur die Frauen. Gelegenheit sich dies näher anzuschauen. Die Landwirtschaft begleitete uns auch weiterhin auf der Tour durch die ländlichen Dörfer, obwohl kaum mehr als zehn Kilometer von Hanoi entfernt.


Auch zwei Tempel wurden besichtigt, etwa der vom König An Duong aus dem Jahr 257 v. Chr. Unterwegs gab es natürlich auch eine Teepause sowie ein frühes Mittagessen in einer kleinen dörflichen Garküche. Zurück in Hanoi ging es nach rund fünf Stunden wieder durch den wuseligen Verkehr. Für Stopps an den Zuggleisen quer durch die Altstadt, in einem Cafe – Spezialität hier in Hanoi ist Eierkaffee mit einer dicken Schicht aus frisch geschlagenem Eigelb – und bei einer Seidenstickerei reichte es ebenfalls. 
Nachmittags trafen wir uns dann mit einem örtlichen Guide, der uns noch einmal durch die Altstadt und besonders den Markt führte und vieles erklärte, bevor wir uns ins Wasserpuppentheater aufmachten. Derartiges gibt es nur in Vietnam und es soll schon im 11. Jahrhundert fester Bestandteil des kulturellen Lebens gewesen sein. Ein kleines Orchester begrüßt das Publikum und begleitete die ganze Aufführung. Die Bühne ist ein Wasserbecken, darin stehen hinter einem geflochtenem Bambusvorhang die Puppenspieler. Mit drei bis vier Meter langen Stangen bedienen sie die 30 Zentimeter bis einem Meter großen und ein bis fünf Kilogramm schweren Wasserpuppen – nicht zu sehen, befinden sich die Stangen doch unterhalb des Wasserspiegels, die Puppen oberhalb. Bewegliche Gliedmaßen und den Kopf steuert man mittels Seilzügen.

Tag 3, Abends – Mit dem Chapa-Express nach Lao Cai im Norden

254 Kilometer lang ist die Strecke mit dem Nachtzug nach Lao Cai, direkt an der chinesischen Grenze gelegen. Den nehmen wir. Besonders spektakulär ist die Fahrt ganz am Anfang, direkt durch schmale Gassen in der Altstadt nur ein/zwei Meter von den Häusern, Cafe´s und Läden entfernt. Mehrmals am Tag und in der Nacht rattert ein Zug durch die enge Train Street. Ertönt der Pfiff der Lokomotive, räumen die Straßenhändler in Windeseile ihre Waren von den Schienen, springen Touristen zur Seite und fotografieren, was das Zeug hält. Auch wenn das Betreten der engen Gasse unter Strafe steht. Solange keine Polizei in der Nähe ist, interessiert das niemanden. Die ist nur selten da. Offiziell sind die Cafe´s und Läden seit Ende 2019 aus Sicherheitsgründen geschlossen, wir saßen aber selbst in einem und genossen den Trubel. Und es gibt Dutzende, voll mit Menschen.


Es folgt die Long Bien-Brücke, die wir tags zuvor mit den Vespas befuhren. Dann schläft man, ist es doch dunkle Nacht, nichts mehr groß zu sehen. Außerdem startet der Zug um 22 Uhr, Ankunft morgens um 6.45 Uhr. Der Chapa Express Train – so der Name – wurde im Juni 2014 in Betrieb genommen und ist damit einer der neuesten Züge in Vietnam. Der Zug ist pünktlich, unser Fahrzeug mit Fahrer und Guide – einer Angehörigen eines regionalen Bergstammes für die Weiterfahrt nach Bac Ha und Sapa sind auch schon da. Ein kurzes Stopp am chinesischen Grenzübergang, weiter geht es zum etwa 90 Fahrminuten entfernten Markt von Bac Ha.

Tag 4 – Der Markt von Bac Ha

Immer sonntags findet der Markt von Bac Ha statt, herrscht lebhafter Trubel, treffen sich hier viele Einheimische, häufig aus den umliegenden Bergen. Besonders am ersten Markt nach Neujahr, wo er während des Tete-Festes ausfiel, ist besonders viel los. An jedem Sonntagmorgen geöffnet, ist dieser bunte Markt ein Ort, an dem sich die Ethnien dieser Region treffen, um Waren zu kaufen und zu verkaufen. Hier spiegelt sich die Fülle der an Kulturen der Bergstämme wider. Im Kreis Bac Ha leben Mitglieder von 14 verschiedenen ethnischen Minderheiten, darunter die Hmong, die Dao, die Tay und die Nung. Die farbenfrohen gekleideten Frauen vermitteln ein wunderschönes Bild in all dem geschäftigen Trubel. Gehandelt wird alles: Lebensmittel, Tiere, Werkzeug, Spielwaren, Chinaware, Handarbeit, Kleidung und auch Souvenirs, entdecken doch immer mehr ausländische Besucher diesen Ort. Der Markt in Bac Ha ist deshalb nicht nur ein Ort, an dem Waren gehandelt werden, sondern er ist auch Treffpunkt der verschiedenen Kulturen.
Weiter ging es am Nachmittag dann rund 2 ½ Stunden in die Bergregion nach Sapa im Norden Vietnams, hier bleiben wir zwei Tage.

 

Tag 5 – Fansipan, der Gipfel Indochinas

Die Bergregion Sapa rund um die gleichnamige Stadt ist bekannt für die grünen Reisterrassen und hohen Berge. Wir entschieden uns zuerst auf den Fansipan zu gehen, dem höchsten Berg Indochinas mit 3143 Meter Gipfelhöhe. 2016/17 baute man eine gigantische, moderne Infrastruktur auf, um bequem hoch zu gelangen. Zuerst nimmt man einen Zug zu einer Zwischenstation. Es ist eher ein ganzer Freizeitpark, wunderbar angelegt und gepflegt, zu sehen gibt es auch traditionelles Handwerk und natürlich gibt es an verschiedenen Stellen zu Essen und Trinken. Von hier aus führt eine 6292 Meter lange Seilbahn zu der Bergstation und überwindet dabei einen Höhenunterschied von 1410 m. Die Seilbahnfahrt dauert 15 Minuten und endet auf einem Hochplateau in der Nähe des Gipfels. Pro Stunde und Richtung lassen sich 2000 Menschen hoch und runter transportieren. Es ist derzeit weltweit die Dreiseilbahn mit dem größten Höhenunterschied. Zu Fuß benötigt man als geübter Wanderer etwa zwei Tage hoch auf den Berg.


Oben an der Bergstation auf 2900 Meter Höhe mit großem Cafe, Restaurant und Shoppingmöglichkeiten befindet sich ein kompletter kultureller Komplex, der von der Bergstation bis zum Dach von Indochina erstreckt. Die Gebäude weisen die typischen Architektur vietnamesischer Pagoden des 15. bis 16. Jahrhunderts auf und simuliert die Aussicht der einstigen Tempel, die vor hunderten von Jahren am heiligen Rand des Berges standen. 
Und nun stelle man sich das in Deutschland vor: Bestehend aus über 100.000 Tonnen grünem Granit, mehr als 2000 Kubikmeter Eisenholz und Tausenden restaurierter Ziegel – alles war von Hand auf den Gipfel zu transportieren, bei in diesen Höhen extremen Wetterbedingungen und den schwierigen topografischen Gelegenheiten benötigten die Vietnamesen gerade mal 800 Tage für den Bau.

Wieder zurück vom FanSiPan in Sapa reichte es noch gut für einen Stadtbummel und auch die sechs Kilometer zu unserer etwas außerhalb gelegenen Laxsik Ecolodge machten wir auch noch zu Fuß. So ließ sich die Lebensweise der Vietnamesen außerhalb der größeren Städte etwas beobachten.
Die Stadt selbst gilt als wichtige Marktstadt für die vielen Bergvölker und ist mit den rund 42.000 Einwohnern die Hauptstadt der Region Lao Cai. Das Klima hier ist gemäßigt, eher europäisch aufgrund der Höhe von etwa 1600 Metern. Im Winter kann es auf den Bergen schneien und sie sind häufig in den Wolken versteckt. Pullover und Jacke schaden nicht, sonst eher unnötig in Vietnam im Februar und März.

Sapa ist heute ein wahrer Touristenmagnet wegen den Bergvölkern und Reisterrassen sowie fester Bestandteile ein jeder Reiseroute. Das zeigen auch die unzähligen Hotels und Restaurants. Im Frühjahr kommen die ausländischen Besucher, im Sommer die aus Hanoi um der Hitze zu entfliehen.

Am frühen Nachmittag holte uns dann unser Fahrer am Hotel ab, es geht mit dem Auto zurück Richtung Hanoi zu unserem ersten Hotel und dann weiter Richtung Halong-Bucht. Etwas nach 20 Uhr haben wir dann Hanoi erreicht, so reichte es noch für einen Stadtbummel zur Train-Street, um etwas zu Essen und die Durchfahrt des Chepe-Express aus nächster Nähe zu beobachten. (siehe Post vom gestrigen Tag)

Tag 6 – Fahrtag

Am frühen Nachmittag holte uns ein Fahrer vom Hotel ab, es geht mit einem Van zurück Richtung Hanoi zu unserem ersten Hotel und dann weiter Richtung Halong-Bucht. Etwas nach 20 Uhr haben wir Hanoi erreicht, so reichte es noch für einen Stadtbummel zur Train-Street, um etwas zu Essen und die Durchfahrt des Chepe-Express aus nächster Nähe zu beobachten. (siehe Tag 3)

Tag 07 – Mai Chau

Am frühen Morgen ging es gleich weiter, nordöstlich wieder in die Berge nach Mai Chau. Die Provinz ist Heimat mehrere ethnischer Minderheiten und Bergstämme wie die Dzao, Muong und Thai. So richtig in Fahrt kam der Tourismus in Vietnam erst seit etwa 2005, in dieser Region noch etwas später. Vorher noch hatten die meisten Menschen hier vielerorts kein fließend Wasser, manchmal sogar keinen Strom. Und die Infrastruktur war sehr schlecht. Das ändert sich durch die Besucher, mit ihnen kommt mehr Wohlstand. Heute leben in Mai Chau noch rund 90 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft, vorwiegend dem Reisanbau und etwa zehn Prozent vom Tourismus. Aber auch die Bauern verdienen sich etwas dazu, etwa Tanzgruppen, die abends entsprechende Vorführungen machen.

Tagsüber in den Felder, abends die Vorführungen und die Familie will auch noch versorgt werden. Dennoch sind die Menschen hier glücklicher und zufriedener als viele bei uns. Die Anspruchshaltung ist bei weitem auch nicht so hoch.

 

Tag 08 – Mit dem Fahrrad unterwegs um Mai Chau

Wir radeln gemütlich durch die Gegend, entlang zahlreicher Reisfelder, umgeben von hohen Bergen. Die Atmosphäre ist friedlich, immer wieder erreichen wir kleine Dörfer. Einige Wasserbüffel und Kühe laufen gemächlich umher oder liegen faul rum – die Büffel dienen heute meist der Fleischgewinnung, ihre Arbeit in den Reisfeldern erledigen motorisierte, handgeführte Pflüge, Hunde bellen, Kinder spielen im Schatten der großen Bäume – wir haben jetzt in der kühleren Trockenzeit rund 34 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit selbst hier auf 800 bis 900 m Höhe, die Menschen arbeiten auf den Feldern, dazwischen wie immer die Mopeds, und alle sind wirklich freundlich zu den Besuchern, lächeln einen an. Sie freuen sich über das Interesse der Ausländer. Kurz darauf probt eine Tanzgruppe der Bauern hier für die abendlichen Auftritte, lädt uns gleich zum Mittmachen ein. Die Kinder um uns herum drücken einen die Hände, freuen sich wirklich über uns Fremde. Eine alte Frau zeigt uns eine alte Tradition des Kauens von Bebel. Das verursacht tiefschwarze Zähne, früher mal ein Schönheitsideal bei den hiesigen Thai. Ohne schwarze Zähne bekamen die Frauen kaum einen Mann. Das ist Geschichte, heute gelten weiße Zähne als schön. Kurz darauf stoppen wir bei einem Schneider, der zeigt uns sein Tun. Und so geht es weiter. Alle freundlich und ohne dass man die Leute vorher kennt oder jemals wieder sehen sollte. Geld fließt hier nicht, wäre eher eine Beleidigung. Die ländliche Gegend versprüht eine ganz andere Atmosphäre als das hektische Hanoi oder das touristische Sapa.


Beim Handwerk spielen Textilien eine wichtige Rolle. Die hier lebenden Ban Lac sind eine traditionelle Volksgruppe der „Weißen Thai“. Neben ihnen finden sich auch Stämme aus Laos und China. Die Frauen sind talentierte Weberinnen, die traditionelle Kleidung und Souvenirs in Handarbeit herstellen. Die alltägliche Kleidung stellt man aber nicht mehr in den Familien selbst her, es ist billiger sie fertig zu kaufen. Gewebt werden vor allem Schals und Tücher für die Besucher auf alten traditionellen Webstühlen. Die Muster sind schon eine Kunst für sich. Für so einen handgewebten Schal benötigt eine Weberin, mit der wir uns unterhalten rund drei Tage. So ein handgewebter Schal kostet dann 150.000 Vietnam Dong, rund 5,65 €. Da müssen zwei Schals mit und die Weberin freut sich sichtlich. Wäre ein guter Umsatz und viel Geld, zumal der Wettbewerb hier groß ist. 

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Die kleine Stadt Mai Chau selbst ist nicht besonders schön, vielmehr besticht die Gegend durch die Natur, den Menschen und die ländlichen Geräusche von gurgelnden Bächen und Vogelgezwitscher und nachts dem Zirpen der Grillen. Abseits ausgetretener Pfade lässt man sich hier auf das Land und Leben der Bergvölker ein. Die Dörfer der Volksgruppen und Minderheiten sind eine der Sehenswürdigkeiten der Gegend – und immer noch relativ unbekannt.

Tag 09 – Hoa Lu, des Kaisers erstes Reich

Es geht rund 150 km südöstlich nach Ninh Binh, auch als trockene Halong-Bucht bezeichnet. Obwohl es eine wasserreiche sumpfige Gegend ist mit vielen in die Höhe strebenden Kalksteinstotzen. Auf dem Weg besuchen wir die antike Hauptstadt Vietnams aus dem 10. Jahrhundert: Hoa Lû. Erbaut von der ersten und zweiten Kaiserdynastie Vietnams der Dinh- und der Lê-Dynastie. Kurz zusammengefasst schaffte es ein charismatischer und bei den Menschen beliebter Bauernsohn die Menschen zu einigen, scharte zwölf verschiedene Armeen um sich, besiegte die chinesischen Besatzer und wurde der erste Kaiser. Doch er entwickelte sich zu einem grausamen Despoten, der Andersdenkende und Gegner seinen in den künstlichen Kanälen zahlreich vorhandenen Krokodilen zum Fraß vorwarf. Und wurde dann selbst ermordet. Seine Witwe heiratete nach den vorgeschriebenen drei Trauerjahren wieder, damit begann die zweite Dynastie.

 

Hua Lû war aber nur 41 Jahre, nämlich von 968 bis 1009, die Hauptstadt. Im Jahr 1010 verlegte der Kaiser die Hauptstadt ins heutige Hanoi. Die aus dem elften Jahrhundert stammenden Tempel und Anlagen sind Weltkulturerbe. Hoa Lû ist ringsum von Bergen umgeben, dadurch sehr gut geschützt und eine der wichtigsten und wertvollsten kulturellen und historischen Stätten in Vietnam.

Weiter ging es nach Ninh Binh, ein einstmals armes Bauerndorf, bevor Obama die Sanktionen gegen Vietnam aufhob und der Tourismus Einzug in die Region hielt. Er sorgte für bessere Lebensbedingungen der Menschen, erst dann kamen Strom und fließendes Wasser, eine bessere Infrastruktur. Inzwischen ist Ninh Binh eine Stadt mit 15.000 Bewohnern und recht moderner Industrie. 
Die Besucher kommen nach Ninh Binh aber der fantastischen Landschaft wegen. Im Zentrum der Stadt liegen um die 2.000 Ruderboote, die Besucher entlang der Karstfelsen auf einem ruhigen Fluss entlang schippern. Entsprechend viel ist los, obwohl es leicht regnet. Gerudert wird mit den Füßen von den Bäuerinnen und Bauern, für sie ein kleiner Nebenerwerb. Von den in vielen Reiseführen und Prospekten versprochenen Bootsfahrt in die ruhige Natur abseits des Massentourismus ist hier nichts mehr übrig. Dennoch lohnt die Fahrt entlang den Felsen und den Reisfeldern.

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Schließlich besuchen wir die auf einem nahe gelegenen Hügel gelegenen Tam Côć Bich Dong- Pagode. Hoch geht es rund 300 Stufen, teilweise durch eine Höhle. Wörtlich übersetzt heißt Tam Côć drei Höhlen. Erbaut wurde die Anlage um 1428 von zwei Mönchen, die „durch die Ansicht des Flusses und der Berge bezaubert wurden“.

Tag 10/11 – die Halong Bucht

Tags darauf ging es östlich zur Halong-Bucht, etwa 200 km von Ninh Binh entfernt. Auf dem Weg dorthin besuchten wir noch eine Perlenzucht. Hier konnte man alles über die Entstehung von Zuchtperlen erfahren und sich auch anschauen. Und natürlich auch in zahlreichen Variationen erwerben. Ich bin mir sicher, angesichts des Touristenansturms machen sie hier auch gute Geschäfte.

Die nahe gelegene Halong Bucht ist eines der beliebtesten Reiseziele Vietnams. Die einzigartigen Naturlandschaften verhalfen ihr zu großer Bekanntheit. Riesige Kalksteinfelsen reihen sich inmitten des tiefgrünen Ozeans aneinander. Spektakuläre, dicht bewachsene Inseln mit Höhlen, geheimnisvollen Grotten, Wasserfällen und Sandstränden, runden das paradiesische Bild ab. Umrahmt ist alles von dichter, tropischer Dschungelvegetation. Seit 1994 ist die Halong Bucht Weltnaturerbe der Unesco. Vin Ha Long bedeutet Bucht des untertauchenden Drachens. 
Wir gingen an Bord eines Schiffes, haben auf ihm auch übernachtet und diverse Ausflüge gemacht. Auch hier lebt eine ganze Region vom Tourismus, das sieht man an den unzähligen Schiffen. Bei der Ausfahrt reihen sie sich wie eine Perlenkette aneinander. An den verschiedenen Hotspots liegen Dutzende der Schiffe vor Anker, bringen die Menschenmassen an die Ausflugsziele. Die immer noch versprochenen hölzernen Dschunken mit Segeln gibt es schon länger nicht mehr, aus Sicherheitsgründen kommen modernere Schiffe zum Einsatz.


Unser erster Stopp ist Titov-Island, benannt nach dem russischen Kosmonauten Gherman Stepanovich Titov. Etwas über 400 steile Stufen führen hinauf zu einer kleinen Pagode. Kurz darauf bringen uns Tenderboote zur Luon-Höhle oder Luon-Grotte. Sie lässt sich nur mit kleineren Booten befahren und führt in eine paradiesische von Felsen umschlossene Bucht. Auch hier ist ordentlich was los, man hat für die zahlreichen Besucher eine umfangreiche Infrastruktur geschaffen.  Am kommenden Morgen besuchen wir noch die Sun Sot Cave. Es soll die schönste und längste Höhle in der Halong-Bucht sein. Sie ist schon gewaltig, das stimmt. Aber auch hier schiebt sich eine Menschenmasse die Wege entlang. Man muss etwas zurückbleiben, dann wird es besser. Die Tenderboote zum Schiff, die erreicht man schon noch. Zurück im Hafen geht es dann gleich nach Hanoi zurück, für den Flug nach Vietnams Kaiserstadt Hue.

Tag 12 – Hue, die Metropole der Kaiser

Hue liegt zentral in der Mitte Vietnams, war während der Nguyen-Dynastie zwischen dem 17. und 19 Jahrhundert die Hauptstadt des Kaiserreiches. Sie liegt im ehemaligen Südvietnam. Hue bedeutet übersetzt Harmonie. So soll das Leben hier anders als in anderen vietnamesischen Städten eher gelassen und entspannt vonstatten gehen. Nur für den verkehr gilt das eher nicht.
In der heute rund 600.000 Einwohner zählenden Stadt finden sich zahlreiche Sehenswürdigkeiten aus der Kaiserzeit, teils auch Weltkulturerbe der Unesco. Vieles wurde während des Krieges mit Frankreich etwa 1946 und dann im Vietnamkrieg zerstört, seit der Öffnung Vietnams 1991 für Besucher und internationaler Unterstützung durch die Unesco und weiterer Länder wie Deutschland wird werden Teile wieder aufgebaut, renoviert und archäologisch untersucht.

Ein Muss ist der Besuch der kaiserlichen Zitadelle mit der Verbotene Stadt. Nicht umsonst Weltkulturerbe der Unesco seit 1993. Die Zitadelle ist die frühere Residenz der Kaiser der vietnamesischen Nguyen-Dynastie. Etwa 80 der einst 300 Gebäude sind heute noch erhalten. Besonders während der sogenannten Tet-Offensive im Jahr 1968 wurde vieles zerstört. Dennoch reicht es aus, um die Pracht von früher zu erahnen. Innerhalb der Festungsmauern lebte der gesamte Hofstaat. Darin eingebettet liegt die Verbotene Stadt nach dem Vorbild der kaiserlichen Anlagen in Peking. Sie war einst nur für die Kaiserfamilie zugänglich – Normalsterblichen war der Zutritt strengstens verboten. Rein durften auch die Konkubinen des Kaiser, einer schaffte es auf 500 und rund 140 Kinder in 20 Jahren. Wobei das Leben der Konkubinen eher schlicht war, verglichen mit der kaiserlichen Familie. Zudem durften sie das Areal lebenslang nicht verlassen. Eine Wahl hatten die jungen Mädchen (ab 13) auch nicht. Wer zur Konkubine auserwählt wurde hatte zu gehorchen. Sonst war sie einen Kopf kürzer. Einen Besuch lohnt zudem die Thien-Mu-Pagode. Diese siebenstöckige Pagode gehört zu einer Jahrhunderte alten buddhistische Klosteranlage. Errichtet wurde sie um 1601, um 1665 wurde die Anlage erweitert. Der 21 m hohe Phước Duyên-Turm, den hat man 1844 nachträglich errichtet. Der Legende nach fand man nachts auf dem Hügel am Parfümfluss eine alte Frau, die ein langes, rotes Kleid und grüne Hosen trug und behauptete, dass dieser Ort einer Gottheit gehört. Sie verlangte, dass im Namen dieser Gottheit eine Pagode gebaut werden müsse, woraufhin sie in einer Wolke verschwand. Deswegen wird die Pagode als „Die Pagode der alten Himmelsgöttin“ oder „Pagode der himmlischen Frau“ bezeichnet. Derzeit leben noch um die 80 Mönche hier.

Auch etwas Ungewöhnliches findet sich hier: ein alter blauer Austin. Am Auto findet sich ein Foto, das um die Welt ging: Es zeigt die Selbstverbrennung des Mönches Thích Quảng Đức am 11. Juni 1963 aus Protest gegen die Buddhistenverfolgung und Unterdrückung durch den katholischen Diktator Ngô Đình Diệm. In dem besagten Auto ließ sich der Mönch zu einer Straßenkreuzung in Saigon fahren, mit Benzin übergießen und anzünden. Das sorgte auch in den USA für große Diskussionen. Fünf Monate später ließ Amerika den Diktator Diem fallen.

Zurück in die Stadt ging es über den Parfümfluss auf einem Boot. Seinen Beinamen bekam er, da er oftmals angenehm riechen soll. Dafür sorgen viele Blüten und Pollen, die im Wasser treiben. Auch treiben Stämme vom Sandelholz des Zimtbaumes auf dem Fluss, diese sollen ebenso einen wohligen Geruch abgeben. Wir besuchten unter anderem dann noch den Dong Ba-Markt, hier lässt sich das Leben und Treiben wunderbar beobachten. Oder auch das eine oder andere einkaufen und probieren. Und das Gewusel auf den Straßen zieht einen immer wieder in den Bann, besonders die Mopeds, mit denen wirklich alles transportiert wird.

Besuchen sollte man natürlich auch die monumentalen Kaisergräber. 13 Kaiser brachte die Dynastie hervor, für sieben von Ihnen gibt es monumentale Grabanlagen. Drei davon sind recht gut erhalten, zwei besuchten wir. Sie liegen etwas außerhalb der Stadt und sind schon beeindruckend. Das Kaisergrab des Kaisers Tu Duc, dem vierten der Dynastie, wartet mit über 50 Denkmälern auf, wurde zwischen 1864 bis 1867 noch zu seinen Lebzeiten – er starb 1883 – von dreitausend Soldaten und Arbeitern auf einer Fläche von zwölf Hektar erbaut. 

Die zweite Grabanlage, die wir besuchten, stammt von Khai Dinh, dem vorletzten Kaiser. Die Anlage ist in einen Hang eingebettet, man muss um die 127 Stufen hinauf schreiten. Die Anlage ist verglichen mit den anderen recht klein, aber die Grabkammer ist besonders prunkvoll. Der Kaiser regierte nur von 1916 bis 1925 und suchte sich wie alle anderen auch, schon zu Lebzeiten seine Grabstätte aus. So begann man 1920 mit dessen Bau, der dauerte aber elf Jahre.

Tag 13 – Fahrt nach Hoi An via Da Nang

Es geht über eine – so heißt es der schönsten Routen Vietnams nach Hoi An. Nur das Wetter macht nicht mit, und deswegen sehen wir von der Gegend und den Pässen, die wir queren nicht viel. Wobei der Name Hai Van-Pass, der Pass der Meereswolken schon stimmt. Wir sind mittendrin. Zwischendurch noch ein Stopp bei einer Perlenzucht, sehr viel kleiner als die in der Halong-Bucht. Die Salzwasserperlen sind aber nicht minder schön und kosten nur etwa ein Viertel. Hier haben wir dann auch zugeschlagen. Einen Halt machen wir auch bei einem größeren Betrieb für Steinmetzarbeiten, vorwiegend für Marmor aber auch Jade und andere schöne Gesteine. Werden bearbeitet Man merkt schnell, dass die Lohnkosten in Vietnam sehr niedrig sind. So kostet eine schöne, filigrane Steinfigur aus Marmor, etwa 30 Zentimeter groß, gerade mal umgerechnet 40 Euro. Handgearbeitet, poliert sowie bemalt. Zwischendurch machten wir auch eine Stopp in Da Nang und schauten uns die Drachenbrücke an. Unser Ziel erreichten wir dann am frühen Nachmittag, die Altstadt in Hoi An. Hier bleiben wir drei Tage.

Tag 13 – Hoi An, die Altstadt

Hoi An war einer der größten Handelshäfen Südostasiens, was vor allem der Lage an der Seidenstraße geschuldet ist. Mit den 75.000 Einwohnern gehört sie zu den kleineren Städten Vietnams. In diesem charmanten Städtchen bewahren sich die Einflüsse von verschiedenen Kulturen aus der Vergangenheit noch bis heute. Die historische Altstadt Hoi Ans ist die Einzige, die im Vietnamkrieg nicht zerstört wurde. Sie ist Weltkulturerbe der Unesco.


Wir machten am Nachmittag noch eine Tour durch die Altstadt, besuchten das alte Haus Tan Ky, hier sieht man wie die Menschen früher hier lebten und besichtigten die chinesische Versammlungshalle Phuc Kein. Zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten zählt die japanische Brücke, Wahrzeichen Hoi Ans. Nur ist sie letztes Jahr eingestürzt, wird gerade neu aufgebaut was etwa vier bis fünf Jahre dauern dürfte. Sie wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts erbaut und verband das japanische mit dem chinesischen Viertel.
Viel mehr noch als die Sehenswürdigkeiten machen in Hoi An die vielen Gassen, zahllosen kleinen Läden und netten Restaurants aus, und die Unmenge an Touristen, die die Stadt entdeckt haben. Man lebt heute nahezu ausschließlich von ihnen. Hier gibt es alles, von exzellenten Kleidern – gerne auch maßgeschneidert über Nacht, man redet auch von der Stadt der Schneider, über Lederwaren, Gemälde, handgearbeitete und hochwertige Kunstgegenstände, Traditionelles bis hin zu Nippes und Chinakram aller Art.

Mit am auffälligsten an Hoi An sind die Unmengen an Laternen, die überall herumhängen oder schwimmen. Deswegen ist ein Bummel am Abend viel schöner als Tagsüber, zumal alle Geschäfte bis weit in die Nacht geöffnet haben, die Cafe´s, Restaurants und Bars sowieso. Früher noch feierte man jeden Monat immer zu Vollmond das Laternen Festival. Die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet, des Nachts erleuchten dafür tausende Laternen den Fluss und die Altstadtgassen. Dann ist die Stadt besonders beeindruckend und auch die Menschenmengen, die sich hier tummeln. Hier tobt das Leben in einer bald unwirklichen Umgebung. Hoi An bedeutet übersetzt ruhige Gemeinschaft oder friedlicher Versammlungsort. Welche Paradoxon. Trotz der Menschenmengen kann man aber problemlos durch die Gassen schlendern, das Tempo gibt man sich selbst vor. So lässt sich auch eine Bootsfahrt auf dem Fluss mit den Laternenbooten unternehmen, zusammen mit wahrscheinlich hunderten anderen. Wartet man bis etwas später in den Abend hinein, sind es deutlich weniger. Und man steht nicht in der Schlange zu den Booten an. Inzwischen ist die Stadt nicht mehr nur zu Vollmonde mit den Laternen beleuchtet, sondern eigentlich jeden Tag. Dennoch, es lohnt sich und die Stimmung ist schon einmalig.

Tag 14 – Mit dem Boot flussabwärts und dem Fahrrad zurück

Früh geht es los zu einem in der Nähe liegenden Boot. Die Flussfahrt dauert etwa eine Stunde bis wir das Dorf Cam Thanh erreichen, hier bekannt für seine Wasser-Kokosnusspalmen und die einzigartigen runden Korbboote. Sie sollen sich besser für die Brandung eignen und werden hier schon lange so gebaut. Heute dienen sie aber vorwiegend touristischen Zwecken, so gibt es in Vam Thanh inzwischen 2000 davon, die den Tag über im touristischen Einsatz sind. Das gibt über deutlich über 2000 Menschen etwas Arbeit. Die Boote gehören einem Privatunternehmer aus Vietnam, rudern tun die Bauern aus der Umgebung, verdienen sich etwas hinzu. Man sollte recht früh hier sein, bevor die größeren Gruppen eintreffen. Vor allem bei Chinesen und Koreanern ist dann Party angesagt, selbst Karaoke-Boote sind unterwegs. Den größeren Massen kann man etwas ausweichen, sie bleiben in einem größeren Flussarm. 

Anschließend ging es mit dem Fahrrad zurück, unterwegs machen wir Rast bei einem Biobetrieb und kosten diverse vietnamesische Gerichte. Abends ist dann wieder Altstadt angesagt, unser Hotel liegt nur wenige Gehminuten entfernt. Übrigens waren bisher alle unsere  Hotels wirklich gut und schön, sauber, modern eingerichtet und vom Service und der Freundlichkeit hier können wir in Europa nur träumen. Hätten bei uns daheim alle problemlos vier Sterne. Morgen haben wir noch einen ganzen Tag im Hoi An, ohne irgendein Programm, bevor es Übermorgen in aller Frühe mit dem Flieger nach Saigon geht.

Tag 16 – die Grauen des Krieges und die Weltpolitik

Wir sind nun etwa 900 km südlicher in Saigon. Zuerst beschäftigten wir uns mit der traurigen Vergangenheit Vietnams und besuchten das War Memorial Museum. Es beinhaltet vor allem Dokumentationen und zahlreiche Fotos vom Indochinakrieg und besonders vom Vietnamkrieg. Ein dunkles Kapitel des Landes, das noch bis heute in Form von Behinderungen bei Neugeborenen (Agent Orange, Napalm), von zahllosen Blindgängern und mit Dioxin verseuchter Erde nachwirkt. Dabei ist das Museum eher Mahnmal als Anklage, es werden Schicksale anhand zahlreicher Fotos dokumentiert, dem Grauen der Bombardierungen und der chemischen Kriegsführung, aber auch die Kriegsverbrechen und Folterrungen der Amerikaner.

Die meisten dieser Bilder stammen von internationalen, vorwiegend amerikanischen Fotojournalisten, von denen sehr viele im Krieg fielen. Die Bilder sorgten für ein Umdenken bei den Menschen, zeigten weltweit und auch in den USA die Grausamkeit der Kriegsführung. So trugen die Fotografen letztendlich auch zum Ende des Krieges im April 1975 bei, Zensuren wie heute und manipulierte Bilder gab es damals nicht. Die Kriegsverbrechen der Nordvietnamesen sind kein Thema, dennoch klagt man hier kaum an – eher indirekt, sondern zeigt die Folgen auf, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

Inzwischen ist Vietnam der zehntwichtigste Handelspartner der USA und die USA wiederum der größte Exportmarkt für die Vietnamesen. Alle Embargos sind aufgehoben (die letzten unter Obama), es gibt sogar eine engere militärische Zusammenarbeit. Vietnam vermeidet es jedoch, sich zu eng an irgendeine Macht zu binden, um China nicht zu verärgern. Das hat ein Militärbündnis mit den USA bisher verhindert. 

Tag 17 – das Cu Chi Tunnelsystem

Morgens sind wir die 60 Kilometer zum Cu Chi-Tunnelsystem mit dem Bus gefahren. Dauert etwas über zwei Stunden bei diesem Verkehr hier. Und mit so einem Bus durch die Massen an Mopeds und Autos zu kurven, wäre nicht mein Job. Unterwegs machten wir einen Stopp bei einem sozialen Projekt, hier werden von den Kriegsfolgen geschädigte Menschen beschäftigt. Behinderungen durch das Dioxin in Agent Orange treten noch in der vierten Generation auf.

Weiter ging es dann zu den Tunneln. Das Cu Chi System wurde von 1948 an ausgebaut und diente als Versteck für die Vietcong-Kämpfer während des Vietnamkrieges. Der Aufbau dauerte 25 Jahre, am Schluss existierte eine unterirdische Stadt mit Wohnbereichen, Küchen, Feldkrankenhäuser, Waffenfabriken und Kommandozentralen. Das System beherbergte bis zu 10.000 Menschen, die jahrelang unter der Erde lebten, heirateten, und Kinder erzogen. Zugleich bombardierte man das Gebiet schwer.
Die Tunnel existieren auf drei Ebenen, sind bis zu zehn Meter tief und erstrecken sich auf rund 250 Kilometer. Wir besuchen einen kürzeren Gang auf der ersten Etage. Ab 1988 hat man zwei Abschnitte der Tunnel für Besucher geöffnet. Schon auf der ersten Ebene müssen wir kriechen, weiter unten muss man durch die Verbindungsgänge robben. 

Ich persönlich bin, was den Besuch hier betrifft, zwiegespalten. Man sollte auf jeden Fall zuerst das War Memorial Museum besuchen, um alles besser einordnen zu können. Sonst driftet ein Besuch zu schnell zu einem Event ab. So klettern die Menschen auf alten gesprengten US-Panzern herum, machen eine Fotoschau an den versteckten Eingängen und das meiste Geld verdienen die Vietnamesen hier wohl nicht mit dem Eintritt und Souvenirs (auch aus Patronen gebaute Panzer gehören dazu oder Stahlhelme) sondern mit ihrem Schießplatz. Für umgerechnet zwei Euro kann man mit schweren Kriegswaffen unterschiedlichster Gattungen aus dem Vietnamkrieg herumballern, mit scharfer Munition. Dazu gehören auch schwere Maschinengewehre auf einer Lafette. Diese Geräuschkulisse begleitet einen auf dem nicht gerade kleinen Gelände und in der Nähe des Platzes wird es martialisch laut. Besonders wenn die Maschinengewehre ihren Salven verballern. Scheint den Menschen Spaß zu machen, denn es wird rege genutzt. Das System gehört zu dem meistbesuchten Touristenattraktionen ganz Vietnams, täglich kommen jetzt in der Saison mehrere tausend Menschen. Dass allein hier je nach Quelle bei den Kämpfen in und um dem Tunnelsystem 45.000 Menschen starben, scheint weit weg.

Abends sind wir dann noch zu Fuß vom Hotel aus durch die Innenstadt von Saigon geschlendert-  Die Stadt ist und bleibt für die Menschen Saigon. Auch wenn offiziell Ho Chi Minh-City verwendet werden muss. Wir selbst nächtigen im Savona Saigon, selbst auf den Flugtickets wird das Kürzel SGN verwendet. Saigon ist eine elf-Millionen Einwohner-Metropole mit ebenfalls deutlich mehr Rollern als Autos. Der Verkehr ist noch chaotischer als in Hanoi. An einer größeren Straßenkreuzung hielten wir uns mindestens eine Viertelstunde auf, um den Verkehr zu beobachten. Ist schon faszinierend. Und eines merkt man recht schnell, wie es schon ein Guide im Norden uns erzählte. Auch 50 Jahre nach dem Krieg gibt es noch spürbare Unterschiede zwischen den Menschen in Nord und Süd. Auch, wie er es ausdrückte, eine gedankliche Grenze. Hier ist alles geschäftsmäßiger und oberflächlicher. Viele Menschen scheinen weniger freundlich, eher wie in Deutschland. Jedenfalls in der Großstadt. Saigon ist eine Stadt der Kontraste: Reichtum und Armut, Kommunismus und Kommerz pur, prächtige Gebäude und dritte Welt, Hektik und Orte, an denen, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Überfüllte Straßen führen an gigantischen Shopping-Malls, Wolkenkratzern und luxuriösen Hotels vorbei. Dazwischen die Straßenküchen und davor unzählige Roller.  Die einstige Hauptstadt von Südvietnam ist heute die größte Stadt Vietnams, gilt als Kultur- und Wirtschaftsmetropole. Ho Chi Minh ist riesig, bunt, schrill, chaotisch. Hier tobt das vietnamesische Großstadtleben.

 

Tag 18 – Im Mekong-Delta, dem Fluss der neun Drachen

Wir sind jetzt in Cãn Thó, im Mekong-Delta, etwa 130 km von Saigon entfernt. Hier in Vietnam nennt man den Fluss Cu Long, die neun Drachen. Der Name basiert auf den neun Nebenflüssen des Mekong. Der Fluss hat seine Quellen im Himalaya in Tibet, durchfließt sechs Länder und gehört mit rund 4900 km Länge zu den längsten Flüssen weltweit. Das Mekong-Delta ist die Reisschüssel Vietnams und eine vielfältige Landschaft aus üppigen Grünflächen, Mangrovenwäldern und Wasserstraßen. Es ist eine Welt aus Booten, Häusern, Restaurants und Märkten, die auf den Flüssen, Kanälen und Bächen schwimmen. Zugleich ist das Delta eine der am dichtesten besiedelten Regionen Vietnams, in der fast jeder Hektar festes Land agrarwirtschaftlich genutzt wird.
Wir sind mit einem motorisierten Boot unterwegs, welches uns zu verschiedenen Orten bringt. erstes Ziel ist die Insel Tan Phong, wo wir mit dem Fahrrad auf Dorfpfaden das tägliche Leben der Einheimischen beobachten können. Zuerst aber gibt es Tee mit frischen Früchten. Mango isst man hier gewürzt mit einer Salz-Cilly-Mischung, schmeckt vorzüglich.  Wir legen wir einige Stopps ein, schauen den Menschen bei ihrem Handwerk zu und lassen es uns erklären. Auch wenn Sonntag ist, das macht keinen Unterschied. So zeigt man uns zum Beispiel wie Reispapier hergestellt wird, oder wie man getrocknete Wasserhyazinthe verarbeitet, etwa zu Körben, Taschen, Hüten, Brieftaschen oder Schuhen. Auch eine Whiskey-Brennerei wird besucht – natürlich alles mit Verkostung. Eine Besonderheit ist ein Whiskey, der mit Schlangen versetzt ist. Glaubt man doch, dass das Gift in kleinen Dosen heilend wirkt. Ich habe jetzt mal keinen Unterschied ob mit oder ohne Schlange bemerkt. Weitere Themen, die uns nahegebracht werden, sind die Verarbeitung von Kokosnussblättern für Hüttendächer oder weitaus interessanter, die Herstellung von Puffreis (ja, Reis nicht Mais) oder von Süßwaren auf Basis von Kokosnüssen wie Kokosnussbonbons. 

 

Zurück mit dem Fahrrad geht es mit einem kleinen Ruderboot weiter die Kanäle entlang, bis uns unser Boot wieder aufnimmt und uns zur Insel An Bình bringt. Es folgt ein üppiges Mittagessen mit lokalen Produkten, darunter auch ein ganzer Elefantenfisch. Irgendwie meinen sie hier, dass die größer gewachsenen Europäer auch große Portionen benötigen. Und das bei 36 Grad, die derzeit hier herrschen. Es ist Frühling.
Wieder auf einer anderen Insel schauen wir uns noch eine Töpferei an, in der große Terrakotta-Vasen und Statuen für den Export hergestellt werden, ganz traditionell und das ist sicherlich kein touristischer Ort. Der Lehm kommt von Reisfeldern, die für die Fischzucht vertieft werden. Nachbarn verdienen sich hier etwas dazu, für acht Stunden schwere Arbeit unter einfachsten Bedingungen ohne irgendeine Versicherung erhalten Männer 400.000 Dong, Frauen 350.000. Das entspricht etwa 15 respektive 13 Euro Tageslohn.

Tag 19 – Der schwimmende Markt und die Mangroven

Am frühen Morgen sind wir schon unterwegs auf dem größten schwimmenden Markt im Mekong Delta, dem Cai Rang Markt. Hier verkaufen die Bauern und Händler aus dem Delta ihre saisonalen Waren. Dutzende motorisierte Sampans, die mit Reis, verschiedenen Früchten, Kartoffeln und vielen mehr beladen sind, tummeln sich auf dem Fluss. Eingekauft wird von kleineren Booten aus. Der Markt auf dem Wasser ist günstiger als die auf dem Land. Mittendurch fahren dann größere Schiffe mit Kies, Baumaterial und vielen mehr, in etwa so groß wie die Binnenschiffe auf dem Rhein. Und das mit wenigen Metern Abstand. Von hier aus machen wir noch einen Abstecher mit unserem Boot zu einem tropischen Garten und schauen uns die Produktion von Reisnudeln an.

Wir sind wieder im Auto unterwegs, Richtung Chau Doc. Unterwegs legen wir eine Rast bei einer Krokodilfarm ein, von der es im Delta mehrere gibt. Früher tummelten sich die Panzerechsen im Mekong-Delta, das aber ist Vergangenheit. Heute gibt es sie nur noch in Farmen, hier sind es mehrere tausend, dienen der Fleischproduktion und das Krokodilleder geht nach China.
Nahe Chau Doc machen wir zwei Bootsfahrten durch den Mangrovenwald von Tra Su. Die 1982 bis 1984 aufgeforstete Landschaft umfasst etwa 850 Hektar, von denen 150 von Touristen erforscht werden können. Hier lassen sich Vogelarten beobachten oder blühender Lotus. Man paddelt teilweise durch eine Wasserlandschaft, wo vor lauter Pflanzen die Wasseroberfläche gar nicht mehr zu sehen ist. 70 Vogel- und Störcharten sollen hier zu finden sein, weiter 22 Reptilienarten, 11 Säugetierarten und 23 Wassertierarten. Der Wald Tra Su Melaleuca ist zudem ein Paradies für Pflanzen. Allein 80 Heilpflanzen sollen hier wachsen.

 

Tag 20, Vietnam – das Land des Lächelns

Wir verlassen Vietnam, sind per Boot auf dem Mekong unterwegs, Richtung Kambodscha. Die Fahrdauer bis zur Hauptstadt Phnom Penh wird so um die fünf Stunden dauern. Der Rückblick auf Vietnam zeigt uns ein spannendes Land mit vielen kulturellen Sehenswürdigkeiten, vielen positiven Überraschungen, schönen Landschaften, den Reisterrassen und Menschen, die auf ihnen arbeiten, wuseligen Großstädten und gastfreundlichen, lächelnden Menschen. Vietnam, das Land des Lächeln. Es zeigt den Optimismus der Menschen hier, ihre Zufriedenheit. Die Schrecken der Kriege sind Vergangenheit, jedenfalls für die jungen und gesunden Menschen. Man zählt die Vietnamesen mit zu den zufriedensten und glücklichsten Menschen der Welt.
Wir sind von Nord bis Süd gereist, vom Bergland an der Grenze zu China bis zum Delta des Mekong. Und eines war trotz der Unterschiede in dem 100 Millionen-Land spürbar: Respekt, Freundlichkeit und Offenheit sind mehr als nur Schlagworte. Man sollte mit offenen Augen und Armen durch das Land reisen und wird dann auch entsprechend belohnt.

Hier geht es zum Teil II der Reisereportage, nach Kambodscha

Quellen: eigene Erfahrungen, Internetrecherche, Bilder Werner Götz